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Zusammenfassende Betrachtung

Mit dem „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ bedauerte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland am 19. Oktober 1945: „Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“390

Hans Prolingheuer jedoch hält in seiner Einschätzung des evangelischen Kirchenkampfes dagegen, das politische Weltbild der Kirchen, auch das der BK, habe keinen Gegensatz zu den politischen Grundlagen des Hitler-Faschismus gebildet, Antikommunismus und Antijudaismus seien hier wie dort verankert gewesen.391 Im Gegenteil: „Die Todfeinde der Weimarer Republik hatten 1933 gesiegt. Der vierzehn Jahre währende Kampf der Kirchen gegen Demokratie, Sozialdemokratie, Bolschewismus, Versailles und Intellektuelle hatte endlich sein Ziel erreicht.“392 Der Widerstand gegen die ungeliebte Republik mit ihrer Koalition aus Sozialdemokratie und Zentrum hatte mit der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler ein Ende gefunden.

Ein „antifaschistischer Kampf“ war das Aufbegehren des Protestantismus nicht. Auch Martin Niemöllers Pfarrernotbund hatte den NS-Staat nicht grundsätzlich in Frage gestellt und so heftig er die Einführung des „Arierparagraphen“ in die Kirche ablehnte, für den staatlich-öffentlichen Bereich ließ er ihn gelten. Walter Künneth, Leiter der Apologetischen Zentrale in Berlin, versuchte das Problem theologisch zu lösen, indem er die „Entjudung des Volkes durch die Taufe“ propagierte. Staatlicher Zugriff machte jedoch auch vor getauften Jüdinnen und Juden nicht halt, was die BK jedoch nicht zum öffentlichen Widerspruch bewog.

Radikale Stimmen, wie etwa die Karl Barths, der sich als Schweizer Sozialist und Gewerkschaftsgründer sowie Mitglied der Bonner SPD weit über den rechtskonservativen Rand der evangelischen Kirche hinausgelehnt hatte, fanden in der BK keinen Wiederhall. In diesem Zusammenhang sind auch Helmut Hesse, Karl Steinbauer, Dietrich Bonhoeffer und Friedrich Weißler zu nennen, die prinzipiell bereit waren, gegen den NS-Staat als solchen zu kämpfen.393

Wie also ist das Aufbegehren der BK, insbesondere der bayerischen Landeskirche und der Augsburger Gesamtgemeinde zu bewerten? Nach der eingangs erwähnten Definition von Peter Steinbach und Johannes Tuchel bezeichnet Widerstand jedes Verhalten, aktiv und passiv, das sich gegen den NS-Staat oder einen Teilbereich der NS-Ideologie richtete.394 Ich habe, in Anlehnung an diesen Widerstandsbegriff, die Aktivitäten bekenntnistreuer Christinnen und Christen gegen staatliche Gleichschaltungsbestrebungen geschildert.

Dieses Engagement spielte sich auf mehreren Ebenen ab. So wehrte sich die bayerische Landeskirche erfolgreich gegen die gewaltsame Eingliederung in die Reichskirche unter Ludwig Müller. Innerhalb der Landeskirche wurde der Versuch der Deutschen Christen abgewehrt, Strukturen und Bekenntnis unter die Kontrolle des nationalsozialistischen Staates zu bringen. Im Gegensatz zu anderen Landeskirchen war die bayerische nicht von der DC-Bewegung „zerstört“ worden, somit „intakt“ geblieben. Eine führende Rolle in der Bekennenden Kirche spielte der bayerische Landesbischof Hans Meiser, dessen Auseinandersetzung mit dem Machtanspruch des NS-Staates schließlich in dem Versuch einer gewaltsamen Einverleibung der Landeskirche gipfelte. Seine Absetzung sowie die Spaltung des Kirchengebiets in zwei Regionen unter der Verwaltung geistlicher Kommissare rief beim Kirchenvolk so heftigen Protest hervor, dass die Zwangseingliederung rückgängig gemacht werden musste, der Bischof sein Amt wieder einnehmen konnte.

Der Augsburger Pfarrkonvent stand geschlossen hinter dem Landesbischof, was nicht zuletzt an der dominanten Art des Augsburger Dekans Wilhelm Bogner? (ab 1937 im Amt) lag. Als Vorsitzender des Landessynodalausschusses „war er zu einem Zentrum des kirchlichen Widerstandes gegen die Deutschen Christen und die Überrumpelung durch die Nazis geworden.“395

Sehr deutlich zeigte sich der Kirchenkampf beim Ringen um die evangelischen Jugendverbände. Nach dem Eingliederungsvertrag von 1933 zwischen Müller und von Schirach, spätestens aber nachdem die Hitler-Jugend 1936 zur Staatsjugend erklärt und alle Verbände nach und nach verboten wurden, organisierte man die Jugendarbeit auf Gemeindeebene. Dieser Versuch, die Jugend dem totalen Zugriff des Staates zu entziehen, wurde von diesem mit Repressalien beantwortet, die in Augsburg, gemessen am Reichsmaßstab, besonders hart waren. Diese Maßnahmen reichten von bürokratischen Schikanen bei Genehmigungsverfahren bis zu Verhören bei der Gestapo und Auflösungen von Bibelstunden und Freizeiten. Einige Jugendgruppen existierten trotz ihres Verbotes in der Illegalität weiter. Gerade innerhalb der Pfadfinderbewegung gab es die Tendenz, im Untergrund weiterzuarbeiten. Diese illegale Existenz war mit der Hoffnung verbunden, dass die nationalsozialistische Herrschaft schon bald zerfallen und man dann an die alten Strukturen und Traditionen werde anknüpfen können.

Hart waren auch die Auseinandersetzungen um die Einführung des Simultanschulmodells bei Volksschulen in Bayern, wobei die Kirchen hierbei unterlagen. Einblick in eine höhere Schule evangelischer Prägung lieferte das Anna Barbara von Stettensche Institut. Dessen Schulleiter Albrecht Schmid? genügte einerseits nationalsozialistischen Ansprüchen durch völkisch-patriotische Ansprachen und Feierstunden, andererseits aber bemühte er sich, jüdische Schülerinnen so lange als irgend möglich an der Schule zu halten. Auch hier wird der Zwiespalt von grundsätzlich nationaler Einstellung und dem Festhalten an christlichen Überzeugungen deutlich. Zwar wurde der Kirchenkampf vor allem zur Bewahrung der eigenen Organisation sowie des christlichen Bekenntnisses geführt und der NS-Staat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht in Frage gestellt, doch bedeutete diese Haltung für alle Beteiligten, Kirchenleitung und Kirchenvolk, ein hohes Risiko. Der Widerstand der Kirche war ein Aufbegehren gegen staatliche Bevormundung und Zwangsmaßnahmen, gegen Eingliederung in eine uniforme Reichskirche und Beschneidung des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses. Dieser Kampf beinhaltete trotziges Dagegenhalten ebenso wie konsequente Verweigerung.

Zum Literaturverzeichnis!


390 Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 19. Oktober 1945; in: Denzler, Georg; Fabricius, Volker (Hg): Die Kirchen im Dritten Reich. Christen und Nazis Hand in Hand?; Bd. 2: Dokumente; Frankfurt/Main; 1986; S. 254.
391 Prolingheuer: Ungekämpfter Kirchenkampf; S. 3f.
392 ebd.; S. 12.
393 ebd.; S. 17ff.
394 Steinbach/Tuchel: Lexikon; S. 229.
395 Bogner: Kreuz, Hakenkreuz; S. 11.


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