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Wertheimer, Ferdinand

genau Ferdinand „Joschua ben Jitzchak“ Wertheimer; Jude?, Chemiker, Abgeordneter des Oberösterreichischen Landtags; auf dem Israelitischen Friedhof Kriegshaber begraben

Leben und Wirken

Kindheit und Jugend

Ferdinand Wertheimer entstammte jüdischen Familien aus dem ehemaligen österreichischen Schwaben. Sein Vater Isaak Seckel Wertheimer (1777-1836), der sich später Siegfried nannte, stammte aus Bayreuth?. Seine Mutter war Chava Lea Ulmo (1784-1820), die Tochter des Vorsitzenden der Pferseer jüdischen Gemeinde Ber Ulmo? (1751-1837). Ferdinands Eltern wohnten in Regensburg? und waren Miteigentümer der Großhandlung Wertheimer und Seckstein. Am 25. September 1817 wurde Ferdinand in Regensburg geboren. Schon am 30. März 1820 starb seine Mutter im Alter von nur 36 Jahren bei einer "zu früh erfolgten Niederkunft". Ferdinand Wertheimers Vater gab nun sein Regensburger Geschäft auf und zog als kaiserlich-königlicher Großhändler nach Wien, wo er Barbara „Babette“ Obermayer aus Kriegshaber kennenlernte. Siegfried Wertheimer und Babette Obermayer heirateten, wodurch diese Ferdinands Stiefmutter wurde.

Als 1836 sein Vater Siegfried starb, zog Babette von Wien nach Augsburg und der fast erwachsene Ferdinand zog ihr nach. In Wien hatte er eine erstklassige Bildung genossen und sich für Naturwissenschaften interessiert. So studierte er bald Agrarchemie in München und Göttingen. In den 1840er Jahren wurde Ferdinand Wertheimer Münchner Hofrat und Agrarchemiker. 1848 wurde er im Verzeichnis der Mitglieder des „Münchner Kunstvereins“ als "Privatier in Augsburg" aufgelistet. In Augsburg gehörte Friedrich Wertheimer als einer von fünf Rottenführern des dritten Zugs, zuständig für die Stadtbezirke C und D, was etwa der Altstadt zwischen Dom und Rathaus entsprach, dem 1848 gegründeten Rettungs- und Löschverein an. In der Zwischenzeit war seine Stiefmutter wieder nach Wien zurückgekehrt, wo sie als königlich-kaiserliche Großhändlerswitwe am Haarmarkt wohnte und am 21. April 1850 im Alter von 56 Jahren an Lungenlähmung starb.

Etablierung und Erfolge

Nur wenige Wochen später heiratete Ferdinand Wertheimer am 17. Juni 1850 in Wien die sechzehn Jahre jüngere Franziska „Fanny“, Tochter des einflussreichen Wiener Bankiers Efraim Porges (1803-1866). Das hinderte ihn aber nicht, sich immer wieder in Augsburg aufzuhalten und der Stadt in wohltätiger Weise verbunden zu sein. So ist unter anderem bezeugt, dass er Für Kleinkinder-Bewahranstalten stiftete. Seine Frau gehörte dem "Augsburger Frauenverein“ an. Wertheimers Einsatz für eltern- und mittellose Kinder ging wohl auf seinen Cousin, den Pädagoge Josef Wertheimer (1800-1887) zurück.

1851 kaufte Ferdinand Wertheimer für 95.000 Gulden das ehemalige Chorherrenstift Ranshofen bei Braunau am Inn in Österreich samt dem dazugehörigen Mayerhof. Die dazugehörige dem heiligen Michael gewidmete Kapelle erwarb er ein paar Jahre später. 1889 wurde dort Adolf Hitler katholisch getauft.

Ranshofen-6
Gesamtanlage des ehem. Augustiner-Chorherrenklosters Ranshofen: Pfarrkirche (Stiftskirche), "Schlössl" (Klostertrakte), Meierhof, Friedhof mit Karner, Einfriedungsmauern mit Portalanlagen, Gartenbaudenkmale im ehem. Konventgarten; Reste von Vorgängerbauten am 10. November 2013 von Luckyprof (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 at], via Wikimedia Commons

1852 führte Ferdinand Wertheimer auf seinem Gut als erster Originaltiere der Allgäuer Rasse in Oberösterreich ein. 1853 importierte er englische landwirtschaftliche Maschinen. Das „Wiener Jahrbuch für Israeliten“ des Jahres 1854 schrieb über ihn: "Selbst in einem Kronlande, das den Israeliten bisher nur sehr wenig zugänglich gewesen (ist) in Oberösterreich, haben wir das rühmliche Beispiel eines musterhaften israelitischen Gutsbesitzers anzuführen. Herr Ferdinand Wertheimer aus Augsburg erstand das Gut Ranshofen im Innviertel, und hat daselbst auch während der Winterzeit seinen bleibenden Wohnsitz aufgeschlagen. Er betreibt die Landwirtschaft nach rationellen Grundsätzen und seine Gattin, eine geborene Wienerin, steht ihm dabei würdig zur Seite. Die Landwirte der Umgebung, weit entfernt an der Ansiedlung eines Israeliten Anstoß zu nehmen, fanden vielmehr Anlass, sich an den trefflichen Einrichtungen des Herrn Wertheimer Vorbilder zu holen, und der Besitzer bot hierzu auf das Zuvorkommendste die Hand."

Fannys und Ferdinands Söhne Philip David (1851), Julius (1853) und Jacob (1855) wurden in Augsburg geboren. Erst nach dem Tod seiner Frau Ende 1855 blieb Ferdinand mit den Kindern wohl dauerhaft in Ranshofen. Zu dem Tod seiner Frau Fanny ist im Register der jüdischen Gemeinde von Pfersee eine Sterbenotiz für den 22. November 1855 in Augsburg erhalten. Im gleichen Jahr 1855 unternahm Ferdinand Wertheimer Versuche mit künstlicher Fischzucht. Außerdem erbaute er er eine Knochenstampfe und Anlagen zur Wiesenbe- und entwässerung.

In den folgenden Jahren führte er die Achtfelder-Fruchtfolge und die doppelte Buchführung ein, verwendete Kunstdünger und baute Handelspflanzen an. Mit seinen Maßnahmen wirkte Ferdinand Wertheimer vorbildhaft. Für seine landwirtschaftlichen Verbesserungen erhielt er darüber hinaus zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Die landwirtschaftlichen Interessen versuchte Ferdinand Wertheimer darüber hinaus in viele politischen Ämtern und durch Artikel in landwirtschaftlichen Blättern öffentlich zu vertreten und wirkte so auf einige Reformen landwirtschaftlicher Gesetzgebung hin.

Im August 1865 bekam Ferdinand Wertheimer seitens der österreichischen Regierung Lizenzen zum Bau von Eisenbahnlinien verliehen. Danach sorgte er für den Anschluss von Ried, Ranshofen und Braunau am Inn an das Eisenbahnnetz. Dafür bekam er in diesen drei Orten jeweils die Ehrenbürgerschaft verliehen. Nachdem Ferdinand Wertheimer Abgeordneter des oberösterreichischen Landtags geworden war, schrieb 1866 das jüdische Magazin „Der Israelit – Centralorgan für das orthodoxe Judentum“ über ihn: „... ein Mann, der wegen seiner hervorragender Bildung, seiner strengen Moralität und namentlich wegen seines steten Strebens nach "Kiddusch Haschem" in allgemeiner, hoher Achtung steht und diese Auszeichnung durch seine agrarischen und volkswirtschaftlichen Kenntnisse und durch seine Tätigkeit verdient."

Nach einem großen Brand in Braunau 1874, bei dem über hundert Häuser abbrannten, half Wertheimer der Braunauer Bevölkerung sehr großzügig. Und in Linz förderte er das städtische Theater und war dort 1882 als Intendant notiert.

Portrait Ferdinand Wertheimer in einem ausführlichen Artikel der "Wiener Landwirtschaftlichen Zeitung“ vom 29. November 1882

Franz Wertheimer starb am 21. September 1883 in Ranshofen, wurde aber zur Beisetzung in der Familiengruft auf dem Israelitischen Friedhof Kriegshaber am 24. September 1883 mit der Bahn von Linz aus nach Augsburg überführt. Er war 66 Jahre alt geworden, bevor er an einem Schlaganfall starb.

Sonstiges

Als liberaler Mensch und Politiker soll Ferdinand Wertheimer seine Landarbeiter gut behandelt haben und die traditionelle Unterdrückung seiner Dienstboten abgeschafft haben, indem er Prämien bezahlte und Sozialleistungen einführte. In Ranshofen stiftete er einen Fond für verarmte Mitbürger, weshalb der sehr beliebt war.

Der Gutshof Ranshofen, das ehemalige Kloster, das Ferdinand Wertheimer 1851 gekauft und zu einem Musterbetrieb ausgebaut hatte, gehörte der Familie Wertheimer bis 1938. Unnötig zu sagen, dass es die Nazis nach ihrem Einmarsch in Österreich enteigneten.

1942 schändeten deutsche Soldaten das Grab von Ferdinand Wertheimer auf dem Jüdischen Friedhof Kriegshaber. Zu vermuten ist, dass ihnen der Umstand bekannt war, dass Ferdinand Wertheimer Ehrenbürger in Hitlers Geburtsstadt war und Adolf Hitler in der Kapelle getauft worden war, die zum Besitz Ferdinand Wertheimers gehörte.

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