Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de


Hauptseite | Bevölkerung und Politik | W | Wengenmayr, Klaus


Wengenmayr, Klaus

Papierschöpfer und Erlebnisgastronom.

Leben auf Messers Schneide

„Da wäre ich beinahe verhungert“, berichtet Klaus Wengenmayr aus der bisher gefährlichsten Zeit seines Lebens, einem dreimonatigen Überlebenstraining auf einer einsamen Insel bei Alaska. Ganz allein war er zu der Insel geflogen worden. Dort lebte er in einer verlassenen Blockhütte. Aber die Fische und das Wild ließen sich nicht so fangen, wie es sich der Mann aus Augsburg ausgemalt hatte. Und die Beeren und Pilze versteckten sich ebenfalls. Erst ein Einheimischer, der auftauchte, bewahrte den Augsburger, der kurz vor dem Heiligen Abend, am 22. Dezember 1958 in der Klinik von St. Afra geboren worden war, vor dem Hungertod. Die Küstenwache kam immer nur alle vier Wochen mit dem Helikopter vorbei. „Hey, there is a kraut!“, rief der Indianer erstaunt aus, als er den stark geschwächten Mann aus dem bayerischen Schwaben bei der Goldgräberhütte entdeckte und ihn sprechen hörte. Klaus Wengenmayr nahm an, die Geräusche, die der Indianer machte, stammten womöglich von einem gefährlichen Bären und hatte schon zähneklappernd die Flinte angelegt. Dann kam noch die Frau des Indianers aus den Büschen und meinte: „Dat is ja ne Überraschung, woher kommste denn?“ Der Indianer war mit einer Berlinerin namens Hildegard verheiratet. Der einheimische Jäger zeigte dem Mann aus Augsburg, wie man mit den richtigen Ködern Lachse fangen und braten konnte. „Er nahm mich dann sogar zum Hochseefischen mit“, beschreibt Klaus Wengenmayr sein Glück der Rettung.

Papiermacher

Sein Alaska-Abenteuer erlebte Klaus Wengenmayr, bevor er ein Jahr in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte. Dort fand er eine Arbeit als Papiermacher am Hudson River. Gelernt hatte er seinen Beruf als Papiermacher in der einstigen Augsburger Papierfabrik Haindl, die heute unter dem finnischen Namen UPM-Kymmene firmiert. „Bei Haindl habe ich dreiunddreißig Jahre gearbeitet“, erzählt er. „Als die Fabrik an die Finnen verkauft wurde, erhielt die Belegschaft immerhin ein Prozent vom Erlös, das ist wohl einmalig“, erzählt Klaus Wengenmayr von der positiven Geste des Verkäufers Clemens Haindl?, von dem damals behauptet wurde, dass er von den Leuten aus Helsinki 3,5 Milliarden Euro für das Werk am Lech bekommen hätte. UPM-Kymmene hat Papierfabriken in vielen Ländern und stellt mit rund 30.000 Mitarbeitern hauptsächlich Papier für Zeitungs- und Magazindruck her.

Weil sein Vater Günther und seine Mutter Inge auch bei Haindl gearbeitet hatten, war der Berufsweg für Klaus Wengenmayr, der in der Schwimmschulstraße? mit Blick auf das Augsburger Familienbad und den Plärrer aufgewachsen war, im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern Ralf und Peter, klar vorgezeichnet. Er begann nach dem Besuch der Pestalozzi-? und Georgsschule? sofort eine Lehre als Papiermacher bei Haindl. Zum ersten historischen Bürgerfest beim 2000-Jahres-Jubiläum der Stadt Augsburg im Jahre 1985 stellten Augsburger Betriebe ihr handwerkliches Können als mittelalterliche Betriebe vor. Die erste deutsche Papiermühle stand 1380 in Nürnberg. In Augsburg wurde ab 1407 die chinesische Papierkunst umgesetzt. Klaus Wengenmayr schöpfte 1985 dann als historischer Papyrer aus Hadern, das sind zerkleinerte alte Textilien, das Papier mit der Hand vor den staunenden Augsbürgern und Touristen. Das wichtigste Werkzeug des Papiermachers ist das Schöpfsieb. Ein feinmaschiges, flaches, rechteckiges Sieb aus Kupfer in einem Holzrahmen. Dadurch entsteht das heutzutage viel geschätzte Büttenpapier, dessen Namen von dem Papierbrei stammt, das aus einem Bottich geschöpft wird.

„Dann kam der Fürst Luitpold aus Kaltenberg? und wollte bei den historischen Ritterspielen auch uns Papierschöpfer haben“, erinnert sich Klaus Wengenmayr. Damit begann sein Einstieg als gesuchter Papyrer in die immer stärker aufblühenden Branche der historischen Feste und Märkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Augsburger Papiermacher erkannte, dass dieser mittelalterliche Boom, eine Verbindung aus Infotainment und Gastronomie, ausbaufähig war. „Mit meinen unzähligen Papiermacher-Auftritten ging mein ganzer Urlaub drauf“, meint Wengenmayr, der dann einen Schlussstrich unter seine Karriere bei UPM zog und sich ganz auf die Event-Gastronomie verlegte.

Event-Gastronom

https://www.augsburgwiki.de/uploads/AugsburgWiki/th127---ffffff--klaus-wengenmayr_1.jpg.jpg https://www.augsburgwiki.de/uploads/AugsburgWiki/th128---ffffff--klaus-wengenmayr_2.jpg.jpg https://www.augsburgwiki.de/uploads/AugsburgWiki/th120---ffffff--klaus-wengenmayr_3.jpg.jpg https://www.augsburgwiki.de/uploads/AugsburgWiki/th123---ffffff--klaus-wengenmayr_4.jpg.jpg https://www.augsburgwiki.de/uploads/AugsburgWiki/th115---ffffff--klaus-wengenmayr_5.jpg.jpg

Als das Buch über die Geschichte der Papierfabrik Haindl in Augsburg präsentiert wurde, stellte der einstige Betriebsrat Klaus Wengenmayr, der das Kapitel Haindl und Brecht als Autor beisteuerte, das Werk im Geburtshaus von Bert Brecht vor, der dort am 10. Februar 1898 an einem rauschenden Lechkanal auf die Welt kam und später zum berühmten Autor von Lyrik, Romanen und Theaterstücken wurde. Als Klaus Wengenmayr auf der anderen Seite der Gasse Auf dem Rain eine leere Werkstatt sah, griff er sofort zu. Sein früherer Firmenchef Clemens Haindl? half als Business-Angel dabei, die Idee auszuführen. Klaus Wengenmayr gründete also im Oktober 2007 die erste Augsburger Papierschöpferei mit einer Kulturkneipe. Brechts Bistro nannte er seine Erlebnisgastronomie im Augsburger Lechviertel. Damit schloss sich der Kreis. Hier führte mal der Augsburger Handwerkerweg vorbei, der zur 2000-Jahrfeier feierlich eröffnet wurde und vor einigen Jahren nach und nach sein Leben aushauchte, weil das Interesse daran erstarb und leider keine lenkende, schützende und pflegende Hand mehr für diese gute Idee vorhanden ist, auf die man zuerst sehr stolz war. Handwerkerker wie Buchbinder, Goldschmiede, Schäffler, Bäcker präsentierten einige Zeit im Augsburger Lechviertel ihr Handwerk als lebendige Werkstätte bis hin zu dem Handwerker-Museum? am Roten Tor. Klaus Wengenmayr knüpfte mit viel Bravour, Können und Leidenschaft an diese hervorragende Idee an.

Kein Wunder, dass Brechts Bistro mit der Papierschöpferei sofort zu einem optimalen Aushängeschild für Augsburg wurde. Unzählige Zeitungen und Fernsehstationen berichteten über das Erlebnis-Lokal von Klaus Wengenmayr, das er Auf dem Rain 6, gegenüber dem Brechthaus eingerichtet hatte. Der lebensgroße Bert Brecht sitzt nun etwas traurig bei Klaus Wengenmayr in der Werkstatt. Warum? Tja, es war ausgerechnet ein Münchner Hausbesitzer, dem das Bistro nicht gefiel und dagegen klagte. Bert Brecht würde sich im Grabe umdrehen, wenn er mitbekäme, wie man einen Mann behandelt, der für Brechts Geburtsstadt Augsburg so viel tut. Das internationale Brecht-Magazin Dreigroschenheft, das von Professoren, Wissenschaftlern, Kulturpolitikern und vielen Brecht-Fans gelesen wird, schrie auf: „Eine kleine, feine, wichtige Brecht-Institution ist in Gefahr!“ Hatte sich Augsburg endlich mit dem roten Schaf Bert Brecht durch eine nach ihm benannte Straße, einen Preis und ein Festival zu dem weltweit berühmtesten Kreativen bekannt, der zwischen Lech und Wertach geboren wurde, will man Klaus Wengenmayr, der viel Geld, Kraft und Liebe in sein Erlebnis-Lokal Brechts gesteckt hat, mit irgendwelchen Paragraphen davonscheuchen. Plötzlich scheinen die Kulturpolitiker, die sich nur zu gerne im Licht von Brecht sonnten, machtlos und desinteressiert zu sein. Inzwischen haben sich einige kulturell engagierte Augsbürger mit dem Brechts -Inhaber solidarisiert und unterstützen ihn. Vielleicht schaffen es die Augsburger Kommunal-Politiker noch, durch einen relativ einfachen verwaltungstechnischen Kniff das Brechts vor dem schmählichen Untergang zu retten, der sonst für negative Schlagzeilen über Augsburg und seine Bemühungen im Falle Brecht sorgen würde. Klaus Wengenmayr ist jedenfalls fest entschlossen, zusammen mit den einflussreichen Brecht-Freunden, tapfer für seine Brechts -Idee zu kämpfen: „Ich gebe nicht auf und hoffe auf jegliche Hilfe durch Augsburg und seine Bürger!“

Wir denken bei den Sorgen um Wengenmayrs Brechts an den lebensgefährlichen Aufenthalt auf der einsamen Insel bei Alaska. Wird auch in Augsburg ein rettender Indianer mit einer Berlinerin kommen? Immerhin hat ihm Barbara Brecht-Schall, die Tochter des berühmten Bert Brecht, die Namensrechte für seine Werkstatt-Gastronomie gegeben. Er hatte sie dafür mit einem Brief auf einem selbst hergestellten handgeschöpften Papier gebeten.

Sonstiges

Während ein Bruder von Klaus Wengenmayr ein bekannter Filmmusiker wurde, auch durch den Streifen „Der Schuh des Manitu“, konnte der Bruder von Bert Brecht als Papierwissenschaftler Furore machen.

Die beiden Töchter Ronja und Anika von Klaus Wengenmayr haben ihre Namen von bekannten literarischen Figuren aus Büchern bekommen.

Weblinks


Hauptseite | Bevölkerung und Politik | W | Wengenmayr, Klaus


Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de




FacebookTwitThis