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Weißbach, Hugo

Technischer Direktor und Vorstandsmitglied der Augsburger Kammgarn-Spinnerei von 1937 bis 1958.

Leben und Wirken

Die erste Lebenshälfte

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Hugo Weißbach, geb. 9.2.1889 in Mutzig/Elsaß, hat nach dem Besuch der weiterführenden Schulen in Molsheim und Straßburg bis zum Einjährigen in der Textilmaschinenfabrik Schlumberger in Gebweiler/Elsaß Schlosser gelernt und danach das Textiltechnikum in Reutlingen absolviert. 1912 ist er als Textilingenieur in die Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS) eingetreten.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 wurde er als Vizefeldwebel zum 3. bayerischen Infanterieregiment eingezogen. Kurz darauf wurde er zur 2. Kompanie des Reserve-Infnterieregiments Nr. 17 versetzt und am 5. November 1914 bei Wytschaete in Flandern schwer verwundet. Zunächst kam er in ein Feldlazarett, wurde dann aber in das städtische Krankenhaus Solingen-Ohligs verlegt, wo das linke Bein am Oberschenkel amputiert wurde, wie es in den Kriegsranglisten und Stammrollen des Königreichs Bayern? nachzulesen ist. Nach überstandenem Wundstarrkrampf trat er 1915 seine Stellung bei der AKS wieder an. 1926 wurde er zum Oberingenieur ernannt, 1928 heiratete er Hertha Roesch, die Tochter eines städtischen Beamten, des späteren Verwaltungsdirektors des Gaswerks, Paul Roesch. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Oskar, geboren 1929, und Dieter, geboren 1932. Die Eheleute wohnten bis 1937 in einem Einfamilienhaus der AKS im Lotzbeckquartier?, Lotzbeckstraße? 2 c.

Vorstandsmitglied der AKS

1937 wurde Hugo Weißbach zum Vorstandsmitglied der AKS berufen, zuständig für die Technik. Die Familie bezog das Haus Provinostraße 47 direkt gegenüber dem damaligen Verwaltungsgebäude, eine der drei von dem Architekten Karl Albert Gollwitzer? Ende des 19. Jahrhunderts erbauten nebeneinander liegenden Direktorenvillen.

Beruflich hatte sich Hugo Weißbach besonders mit der Theorie der Garngleichmäßigkeit beschäftigt, die entscheidend für die Qualität der daraus gewebten Stoffe ist. In Zusammenarbeit mit Professor Johannsen vom Textiltechnikum Reutlingen entwickelte er Untersuchungsmethoden für die Länge und Feinheit der Wollhaare und die daraus resultierende Zusammenstellung der Kammzüge. Der 2. Weltkrieg unterbrach eine darüber vorgesehene Artikelserie in der Textilzeitschrift "Melliand". Die AKS erwarb durch diese Forschungsarbeiten eine herausragende Stellung in der Kammgarnherstellung in ganz Europa.

Der von der AKS verarbeitete Rohstoff Wolle, vornehmlich von Merinoschafen aus Australien, Neuseeland und Südafrika war im 2. Weltkrieg praktisch nicht mehr erhältlich. Deswegen wurden einheimische Rohstoffe, neben Wolle hauptsächlich Zellwolle aus Kehlheim?, Schwarza und Dormagen, aber auch Perlon (Polyurethan) als erster vollsynthetischer Rohstoff verarbeitet. Große Teile der Produktion waren stillgelegt. Hugo Weißbach richtete für schwangere Fremd- bzw. Zwangsarbeiterinnen aus der Augsburger Industrie in dem stillgelegten Spinnereihochbau rechts des Schäfflerbachs? ein Entbindungslager (ELA) ein, das von einer jüdischen Ärztin aus Polen betreut wurde, deren "rassische" Belastung nur ihm bekannt war und der er nach dem Bombenangriff auf Augsburg im Februar 1944, bei dem auch dieses Gebäude zerstört wurde, zur Flucht verhalf. Sie hat ihn nach dem Krieg besucht.

Nach der fast vollständigen Zerstörung der Werksanlagen durch den Luftangriff am 25./26.2.1944 (nur das Kesselhaus blieb unbeschädigt) hat Hugo Weißbach mit den wenigen verbliebenen, noch arbeitsfähigen Werksangehörigen versucht, den sog. Westshed, in dem die Ring- und Selfaktorspinnerei untergebracht war, wieder zu errichten, und zwar mit aus dem Schutt geborgenen, ausgeglühten Stahlträgern, die mit Schweißbrennern wieder gerade gerichtet wurden. Durch einen 2. Angriff im Herbst 1944 wurde das fast vollendete Werk noch einmal zerstört.

Wiederaufbau der AKS

Gleich nach dem Krieg bezog Hugo Weißbach ein Zimmer bei dem Hauptportier Wieser in der Provinostraße 50 - die Direkorenvillen waren bei dem Angriff im Februar 1944 alle abgebrannt und Hugo Weißbach hatte für seine Familie ein Notquartier in Wollmetshofen? bezogen, wohin er an vielen Wochenenden trotz seines Holzbeines mit dem Fahrrad fuhr. Sogleich machte er sich an den Wiederaufbau der Firma. Seine Ingenieure waren alle noch in Gefangenschaft, ausgebombt oder sahen die Aufbaubemühungen als aussichtslos an. Aussage eines solchen Ingenieurs: "Hier gibt es für einen Doktor-Ingenieur kein Arbeitsfeld mehr." Erst nach und nach kamen u.a. ein alter Bekannter aus dem Elsaß, der Jahrzehnte als Textilingenieur in Turin gearbeitet hatte, Herr Diehl, verheiratet mit einer Augsburgerin, Herr Dipl. Ing. Mänhardt, ein hochdekorierter Fliegeroffizier, der später auf tragische Weise ums Leben kam und vor allem ein Bauingenieur, Herr Radmüller, zu Hilfe.

Die Familie ist im Dezember 1946 wieder nach Augsburg in das um ein Stockwerk niedriger wieder aufgebaute Haus in der Provinostraße 47 gezogen, in dem auch das Baubüro mit den Herren Radmüller und Lang (Bauzeichner) und die Familie Mänhardt untergebracht waren. Erst 1955 war das Haus wieder alleinige Wohnung der Familie.

Die Jahre vor der Währungsreform verlangten Meisterleistungen im "Kompensieren", darunter verstand man den Tausch von Mangelware - das war praktisch alles, Ziegel, Bauholz, Zement, Eisenträger, Werkzeug, gegen Kohle (die AKS hatte eine unter Gras versteckte Kohlenhalde), ausgelagerte Stoffe oder Garn aus einem verschonten Keller. Hugo Weißbach gelang es, mit seinem Privatwagen, der erstaunlicherweise den Krieg überstanden hatte und von der Besatzungsmacht gleich wieder zugelassen wurde, weil Hugo Weißbach nie in der NSDAP? gewesen war und als Wirtschaftsführer gebraucht wurde, von Ziegelei zu Zementfabrik, Sägewerk oder Schreinerei fahrend, das nötige Material zusammenzubringen, um den Westshed, die Werkstätten, ein behelfsmäßiges Büro, die Kantine und nach und nach alle produktionsnotwendigen Betriebsteile wieder aufzubauen. Dabei haben auch Arbeiter und Arbeiterinnen aus den Betrieben geholfen, die den Schutt aufräumten, Ziegel aus den Trümmern bargen, sie abklopften und wiederverwendungsfähig machten. Da es keine Maschinen zu kaufen gab, wurden die verbogenen, zersprungenen, ausgeglühten, verrosteten Maschinenteile aus den Trümmern ausgegraben und entrostet, gerade gerichtet, zusammengeschweißt, geschmirgelt und zusammengebaut. Sie sahen nicht schön aus, aber sie funktionierten. Die MAN hatte damals mehr Schlosser und Mechaniker, als sie beschäftigen konnte. Von ihr, bzw. seinem Kollegen dort, lieh sich Hugo Weißbach Fachleute aus, um das Wunder des Wiederaufbaus zu vollbringen. Kurz nach der Währungsreform kam eine englische Delegation von Textilleuten, um die AKS zu besichtigen und konnte nicht glauben, dass dort schon wieder produziert wurde. Die BBC hatte nach dem verheerenden Bombenangriff im Februar 1944 an erster Stelle gemeldet, dass die AKS zerstört worden sei.

Wirtschaftswunderjahre

Bis zur Pensionierung von Hugo Weißbach im Jahr 1958 ging es mit der AKS stets bergauf, es wurden mit dem Geld, das die wieder instandgesetzten Gebäude und Maschinen verdient hatten, neue Maschinen angeschafft und an alter Stelle neue Gebäudekonstruktionen errichtet, wie die Dyckerhoffsheds. Außerdem wurde der Produktionsablauf neu geordnet, so dass der Warenfluss optimal wurde. Die Transmissionen wurden abgeschafft, statt dessen hatten die Maschinen Einzelantriebe, ein neuer Dampfkessel und eine neue Anzapfturbine wurden in Betrieb genommen, die Wasserturbinen auf dem Werksgelände und im Lotzbeckquartier? wieder errichtet und vieles andere mehr - das Werk eines zähen, vorausdenkenden, kritischen Ingenieurs, der sich nicht unterkriegen ließ, weder durch seine eigene, das ganze Leben unerträgliche Schmerzen verursachenden Behinderung, noch durch die Wirrnisse der Zeit.

Nach der Pensionierung zog Hugo Weißbach mit seiner Familie nach Göggingen, wo er bis zu seinem Umzug im Jahr 1962 nach Hofheim im Taunus mit seiner Frau wohnte. In der Nähe von Hofheim wohnten zwei Söhne. Damals war Hugo Weißbach schon sehr krank und erschöpft. In Hofheim ist er am 12. November 1966 gestorben, wurde aber auf dem Protestantischen Friedhof in Augsburg begraben.

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