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Weberhaus

ehemals das Zunfthaus der Augsburger Weber?

Allgemeines

Das Weberhaus hat die Augsburger Innenstadt viele Jahrhunderte geprägt und eine wechselvolle Geschichte. Es handelte sich ursprünglich um einen großen spätgotischen Bau, der mehrmals neu erbaut und bunt bemalt wurde. Die Fassadengestaltung des Weberhauses ist ein wichtiges Beispiel für die Bemalung von Gebäuden mit ikonographischen und allegorischen Themen aus der Geschichte einer Stadt und damit von großer städtebaulicher Bedeutung. Deshalb ist es in die bayerische Denkmalsliste aufgenommen. Die Größe des Hauses sollte die Bedeutung der Weberzunft für Augsburg spiegeln. Hier trafen sich die Webermeister. Um 1600 war fast jeder fünfte Augsburger ein Weber?.

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Postkartenbilder des Weberhauses vor seiner Zerstörung. V.l.n.r: Die Römerin Lucretia mit ihrem Hausgesinde - Lucretia empfängt ihren Gemahl Collatinus - Die Augsburger Handelsherren in einem Hafen des Morgenlandes - Die Augsburger Handelsherren im Fondaco dei Tedeschi - Die fleißigen spanischen Jungfrauen werden wegen ihrer Webekunst von der Behörde belohnt. - Sammlung Stöbener

Geschichte

Zeit der Zünfte

Der Name des Hauses erschließt sich leicht, wenn man weiß, dass es das Zunft- und Amtshaus der Weber? in Augsburg war. Der Bau war unter anderem zur Repräsentation der Zunft gedacht. Gekauft wurde er 1389 von der Familie Ilsung? "auf dem Stein". Wir wissen sogar noch den Kaufpreis: 700 fl. Nach dem Kauf baute man das Haus um und richtete die Zunftstube ein. Geschmückt war sie mit einer gewölbten Holzdecke und einer Wandbekleidung, die im Jahr 1437 von Peter Kaltenhofer? bemalt wurde. Jörg Breu der Jüngere? erneuerte die Bemalung 1538. Seine Arbeit kann im Bayerischen Nationalmuseum München? besichtigt werden.

Zeit der Renaissance

Das Weberhaus befindet sich am heutigen Moritzplatz und zwar in herausragender städtebaulicher Position. Nur nördlich des Hauses gibt es Bebauung, drei Fassaden können von dem Platz und angrenzenden Straßen betrachtet werden. Es war Treffpunkt der Zunftmitglieder, bis im Jahre 1548 die Zünfte in Augsburg aufgehoben wurden. Nun geriet das Gebäude in den Besitz der Stadt, die dem Stadtmaler Matthias Kager den Auftrag zur Freskierung der Außenwände gab, was dieser in den Jahren 1605 bis 1607 erledigte.

Schon seit 1548 saßen die "Herren ob dem Weber" im Weberhaus. Es waren Verordnete des Weber? -Handwerks, die vom Stadtrat eingesetzt wurden. Sie hatten die Oberaufsicht über das reichsstädtische Weber? -Handwerk und die Gewerbe, die der Weberei? zugeordnet waren. Darüber hinaus wurden die Stoffe hier einer Qualitätsprüfung, der so genannten "Geschau" unterworfen und dann auch verkauft. 1569 richtete man das Pfandgewölbe ein.

Vor dem Dreißigjährigen Krieg war Augsburg eine der bedeutendsten Textilproduktionsstätten in Europa und besaß mehr als 2.000 Weberwerkstätten.

20. Jahrhundert

Obwohl die Augsburger Bevölkerung massiv dagegen protestierte, wurde das alte Weberhaus im Jahr 1913 abgerissen. Der Grund: Es stand den Straßenplanungen im Weg, die eine neue Straßenführung in der Bürgermeister-Fischer-Straße vorsahen. Man ersetzte es durch einen Neubau fast an der gleichen Stelle, der sich an das historische Vorbild hielt. Die Fresken von Matthias Kager hatte August Brandes?, obwohl sie schon lange nicht mehr leuchteten, vor dem Abriss kopiert. Im Auftrag von Friedrich von Thiersch? hatte sich August Brandes? schon lange mit der Augsburger Fassadenmalerei? beschäftigt. Auf der Grundlage der gefertigten Kopien bemalte er anschließend die Fassaden des Hauses. Er wollte dem historischen Vorbild möglichst gerecht werden.

In den Jahren 1935 und 1936 bemalten Otto Michael Schmitt? und Josef Hengge? das Gebäude mit Szenen der Ungarnschlacht? 955 neu.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Weberhaus völlig zerstört (1944) und erst 1958 wieder hergestellt. In den Jahren 1959 bis 1961 bemalte es Otto Michael Schmitt? erneut.

21. Jahrhundert

Gleich zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurde das Augsburger Rathaus am 30. Juni 2004 von einem Brand angegriffen. Wertvolle Fresken der Fassade wurden zum Teil zerstört oder beschädigt. Auch der Dachstuhl des Weberhauses brannte aus. Zwar wurde die Renovierung des Dachstuhls und der beschädigten Fresken mit Geldern der Brandversicherung wieder möglich, doch mussten auch die anderen Bemalungen des Hauses, die schon verblasst waren, im Zuge dieser Renovierung erneuert werden, was zusätzliche Kosten von etwa 150.000 Euro verursachte.

Ursprüngliche Ikonographie

Matthias Kager entwarf für die Freskierung des Gebäudes eine genaue Vorstellung: Er wollte die wichtigen Daten der Augsburger Stadtgeschichte darstellen und dabei die einflussreichen Weber? gebührend zum Zug kommen lassen. Und diese lokale Historienmalerei wollte er mit den Ereignissen der Weltgeschichte in Beziehung setzen. Hier und da schienen ihm mythologische Erzählungen und Allegorien hilfreich, die drei Ebenen der Geschichte (Zunft-, Stadt- und Weltgeschichte) zu verknüpfen.

Alte Bilder zeigen: Vom Betrachter fordert Matthias Kager einiges. Da rahmen Säulen, Gesimse oder Steinquadern Szenen, die reich an Figuren sind. Die Architekturgliederung durch Säulen, Gesimse und Steinquader ist wie die Szenen "nur" gemalt, reine Illusion. Der Betrachter erkennt aber nicht sogleich, dass alles nur Illusion ist. Die Szenen und die architektonische Gliederung überschneiden sich an vielen Stellen. Man weiß nicht genau: Gehört ein Gliederungselement zur Aufteilung der Fassade oder ist es Staffage einer Bilderzählung? Auf die Spitze treibt Matthias Kager diesen Illusionismus im großen Eckbild im östlichen Teil der Südfassade, wo sich die Wand mit einer Loggia auf einen Straßenzug "öffnet" und eine wirkliche Fensteröffnung in dieses Bild einbezogen ist.

Oder nehmen wir die Ostfassade: Hier hat Matthias Kager die Bilder mit ihren Szenen wie Bildteppiche unter die Fenster im zweiten Stockwerk gehängt, die vom Wind leicht bewegt werden.

Ostfassade

Beginnen wir mit der Ostfassade des Hauses. Über dem Eingangsportal zeigt sich Iustitia (Gerechtigkeit) mit der Waage und dem Richterschwert. Sie ist von vier Putten umgeben. Darüber im 1. Obergeschoss sind Bischof Ulrich? und die heilige Afra dargestellt. Das zweite Obergeschoss zeigt, wie das siegreiche Heer aus der Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld zurückkehrt und die Verleihung des Wappens an die Weber?. Das 3. Obergeschoss zeigt ein Gemälde der Schlacht auf dem Lechfeld und im Giebel ist Minerva mit einem Schild und einer Eule zu sehen; außerdem sind zwei Siegesdarstellungen mit Stadtwappen?, Grotesken und Reichsadler sowie zwei Personifizierungen der Fruchtbarkeit zu sehen.

Südfassade

Auf den Bildern des Erdgeschosses sieht man, wie Venezianer Waren in der Türkei kaufen und dann an Augsburger Kaufleute weiterverkaufen. Im 1. Obergeschoss sind die sieben Lebensbereiche, die vier Zeitalter, die Arbeit römischer Frauen, eine Tuchbeschau sowie eine Personifizierung Roms mit dem Flussgott Tiber und der Wölfin dargestellt. Im 2. Obergeschoss erwartet die Geschichte der Lukretia den Betrachter.

Westfassade

Im 1. Obergeschoss findet sich die Allegorie der Häuslichkeit. Eine Schildkröte ist ihr Attribut. Daneben sind Fackelträger dargestellt, die für den Fleiß der Weber? bei Tag und bei Nacht stehen. Auch die Erfindung des Webens (angeblich in Athen), die fünf Erdteile und die fünf Tätigkeiten der Weber? sind hier dargestellt. Im 2. Obergeschoss präsentieren fünf Statuen die Weberwerkzeuge.

Nazi-Interpretation

Weil die Fassadenmalerei, die August Brandes? als treue Kopie des Renaissance-Werkes erstellt hatte, schnell verblasste, musste man schon 1935 mit einer Neubemalung beginnen. Die Entwürfe dieser Neubemalung waren der nationalsozialistischen Zensur unterworfen, wie sich an einer vereinfachenden Ausprägung der Figuren und einer Tendenz zur Monumentalisierung zeigt.

Die Gesamtgestaltung des Bildprogramms war die Arbeit von Josef Hengge?. Die Ostfassade war das Aufgabengebiet von Otto Michael Schmitt?. An der Bemalung beteiligt waren außerdem noch Hanns Weidner? und Franz Hummel?. Zwar griffen die Künstler immer wieder auf die ursprüngliche Ikonographie zurück, doch gab es auch große Abweichungen. Zum Beispiel wurde auf der Ostfassade das Bild des 2. Stockes von der Rückkehr des siegreichen Heeres bestimmt. Die üppigen Formen der Renaissance traten hinter einer strengen linearen Gliederung des Bildes zurück, das wie eine Abstraktion des Renaissance-Werkes wirkte. Im Hintergrund sah man das Kampfgetümmel der Lechfeldschlacht, im Vordergrund typisierte Soldaten.

Das Weberhaus heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete man das Weberhaus wieder in den alten Proportionen, was das Wiederaufbaukonzept der Stadt aber eigentlich nicht vorsah. Wieder bekam Otto Michael Schmitt? den Auftrag zur Freskierung. Otto Michael Schmitt? gliederte die Flächen des Weberhauses völlig neu. Er schuf farbige Rechtecke, die entfernt an eine Architekturgliederung erinnern. Betont sind die Flächen unter den Fenstern, Rechteckstreifen, die wie Pilaster wirken, fassen Fenster zusammen. Die Konturen der Figuren sind in den Putz geritzt, wodurch eine leichte Beschattung entsteht. Die Körper der Figuren sind geometrischen Formen angeglichen. Markante Zonen wie Schenkel, Hüften oder Hälse werden betont. Alles wirkt sehr plakativ. Warme Braun-, Rot- und Ockertöne dominieren. Belebend wirken Blau, Grün und Türkis, wodurch eine besondere Leuchtkraft entsteht. Zwar weist das Bildprogramm von Otto Michael Schmitt? historische Bezüge auf, doch werden jetzt auch die leiderfüllten Epochen der Weberei und Augsburgs gezeigt und nicht nur - wie in der Renaissance - die glanzvollen Zeiten.

Heute stellt sich das Weberhaus im Einzelnen so dar:

Die Ostfassade ist zur Maximilianstraße gerichtet und besteht aus dem Giebelhaus und einem kleinen Anbau, der die Verbindung zu den nächsten Gebäuden schafft. Im Erdgeschoss sind fünf Rundbogen und eine Tür. Jedes Stockwerk besitzt fünf Fenster. Das Giebelfeld geht über drei Stockwerke und enthält unten drei Fenster, in der Mitte zwei und ganz oben eines. Die Ostfassade hält sich an die Tradition: Hier sind Ulrich? und Afra zu sehen, die durch ihre Nimben als Heilige erkenntlich sind. Beide Figuren sind frontal dargestellt und stark schematisiert. Ulrich? ist ein Fisch beigegeben, Afra ist an den Armen gefesselt. Flammen deuten auf ihren Märtyrertod. Über den beiden Heiligen sind Bildfelder, die eine Zirbelnuss einfassen. Das südliche Blickfeld zeigt die Rückkehr des Lechfeld-Heeres. Man sieht 12 Personen, auch Kinder, in unterschiedlichsten Positionen. Sie sind parallel komponiert und wirken streng, nur eine gebückte Figur links durchbricht das Schema. Im Gemälde des nördlichen Blickfeldes verleiht Kaiser Otto I. den Augsburger Webern? ihr Wappen. Auf dem Bild sind elf Personen dicht gedrängt, ein Kniender nimmt das Wappen in Empfang. Auch hier wirken die Figuren streng und schematisch. Im Giebelbereich wird die Lechfeldschlacht gezeigt. Über der Schlachtszene sind Farbflächen angebracht, die prismatisch wirken. Im Bereich der Fenster verstärken Fahnen, Lanzen, fallende Figuren das Chaos der Schlacht. Ganz oben im Giebelfeld ein Reichsadler und der Spruch: "Per multa saecula usque ad dies nostros textunt textores magnificum urbis augustae vestimentum - Viele Jahrhunderte bis zum heutigen Tag webten die Weber? das herrliche Kleid Augsburgs."

Die dreigeschossige Südfassade steht mit ihrer Traufseite Richtung Moritzplatz. Im Erdgeschoss sind sechs Bögen und eine Eingangstür. Die Fenster in den darüberliegenden Geschossen sind unregelmäßig angeordnet. Die Architektur ist in drei vertikale Bereiche gegliedert, die durch rechteckige Streifen eingefasst sind. In der unteren Hälfte der mittleren Südfassade sind drei Figuren zu erkennen. Eine mit einer Waage, eine, die eine Waagschale beschwert und eine, die etwas auf einem Zettel notiert. Über diesen drei Figuren befindet sich ein Raum, an dem eine Person an einem Webstuhl arbeitet. Dazu passt der Spruch im zweiten Stockwerk: "Der Mensch webt seine Gewebe und die Zeit webt die ihren." Im westlichen Bereich geben die Fenster, die in vier regelmäßigen Bahnen bzw. zwei regelmäßigen Reihen verlaufen, das Grundmuster vor. Der Künstler fasste sie durch Farbflächen zu klaren Reihen zusammen. Für die Malerei blieben die Wandflächen über und unter den Fensterreihen übrig. Die Flächen sind in Rot- oder Blautönen gehalten. Die Darstellungen zeigen die Vertreibung aus dem Paradies und den Beginn der menschlichen Mühe. Beim Spinnen sind auch die Figuren des folgenden Bereichs gezeigt. Neun Figuren sind zu sehen, dazu zwei Spinnräder und ein Gefäß mit Stoffen sowie ein Webstuhl. Auch darüber werden spinnende Frauen dargestellt. Drei Nornen spinnen den Lebensfaden, ganz rechts hält eine Figur eine Sanduhr, Symbol für die Vergänglichkeit des Menschen. Auch die Trauben und der Blumenstrauß, die zwei Personen halten, deuten auf die Vergänglichkeit der Zeit: zum einen ist der Herbst, zum anderen der Frühling des Lebens angedeutet. Richtung Osten liegt das größte Bildfeld dieser Fassade. Es beinhaltet eine Fensteröffnung und ist sicher das komplizierteste aller Weberhaus-Bildfelder. Frontal ist eine thronende Figur im mittleren Bildbereich zu sehen. Sie ist die Stadtgöttin mit Szepter und Mauerkrone, um die fünf weitere Figuren gruppiert sind. Links neben der Stadtgöttin stehen vier Personen, die musizieren - mit Drehleier, Lyra, Flöte und Laute. Man deutet sie als Personifikationen der kulturellen Bedeutung des Weberhandwerks. Links neben den Musizierenden bieten Personen Tuche an. Man darf behaupten, dass die Stadtgöttin Augusta und das Weberhandwerk in diesem Bildfeld als Quellen von Kultur und Wohlstand gezeigt werden sollen.

Die Westfassadengliederung entspricht in etwa der Gliederung der Ostfassade. Figuren finden sich hier erst im zweiten Obergeschoss. Der Giebel weist nur abstrakte Rechtecksflächen in Farbe auf, von kleinen Rundfenstern aus breiten sich Flächen strahlengleich über den Giebel aus. Rechts sind zehn Figuren zu sehen, links eine Frau, die ein Kleinkind in den Armen hält und von weiteren Figuren, z. T. Trauernden umgeben ist. Im südlichen Blickfeld stehen sich zwei Gruppen gegenüber: Soldaten mit Gewehren und Menschen, auf die gezielt wird. Dabei noch weitere Figuren, die diese Szene mitverfolgen. Dargestellt sind die Weberaufstände des 19. Jahrhunderts, wie auch die Inschrift zwischen den Rechteckfeldern im ersten Geschoss klarmacht: "Zwischen Handwerk und Maschinenzeit liegt der Weber Kampf und Leid."

Adresse

Weberhaus
Moritzplatz 2
86150 Augsburg


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