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Der Augsburger Schulkampf - Von der Bekenntnisschule zur Simultanschule

Bis 1935 war das Volksschulwesen in Augsburg noch mehrheitlich von christlichen Bekenntnisschulen geprägt, die nach den katholischen und evangelisch-lutherischen Pfarrsprengeln organisiert waren. Ende des 19. Jahrhunderts waren die ersten Simultanschulen, initiiert von sozialdemokratischen, sozialistischen und liberal-freidenkerischen Gruppierungen entstanden. Dieser Schultyp wurde vor allem in den neu entstandenen Wohngebieten jenseits der Altstadtbegrenzung eingerichtet. Die erste Schule diesen Typs, später Schule an der Schönspergerstraße?, entstand um 1870 mit getrenntem Religionsunterricht in der damals als Neubaugebiet erschlossenen Wertachvorstadt? links der Wertach. Ihr folgte rechts der Wertach die Wittelsbacherschule? und die spätere Ludwig-Bauer-Schule?.

Versuchen, das Volksschulwesen der Wertachvorstadt um 1890 wieder zu konfessionalisieren, trat der dortige Liberale Bürgerverein? sowie die Stadtschulräte Ludwig Bauer? und Max Löweneck? entgegen. Dennoch kam es um die Jahrhundertwende nach katholischen und protestantischen Aktionen zur verstärkten Bildung konfessioneller Klassen in den Simultanschule.

Die nach Augsburg eingemeindeten Vororte hatten meist ein konfessionell getrenntes Volksschulwesen, so in Lechhausen, Pfersee und Oberhausen, wo es hauptsächlich evangelische Schulen neben klösterlich geleiteten Mädchenschulen und einigen simultanen Modellen gab. Auch die Friedbergerau? (Hochzoll) war bis 1870 rein evangelisch und erst nach der Niederlassung katholischer Handwerksfamilien richtete man 1876 eine gemischte Volksschule ein.355

1918 wurde die geistliche Schulaufsicht zugunsten von Schulpflegschaften beseitigt; die gemeindlichen, von den Eltern gewählten Schulpfleger, die mit der Lehrerschaft und städtischen Gremien zusammenarbeiteten, wurden 1933 gleichgeschaltet. Ein Schulbeirat, dem keine Geistlichen mehr angehörten, ersetzte ab 1938 die Stadtschulpflegschaft.

Als Vereinigung für Lehrerinnen und Lehrer trat auch in Schwaben ab 1929 der Nationalsozialistische Lehrerbund? (NSLB) unter Regierungsschulrat Friedrich Reiger? auf den Plan, zunächst als lockerer Kreis. Reichsleiter der Bewegung war Hans Schemm, der spätere bayerische Kultusminister. Im Sommer 1932 gründete sich mit 18 Lehrerinnen und Lehrern aus Augsburg und dem näheren Umland eine NSLB-Ortsgruppe. Die ersten Aktionen des Kreises richteten sich gegen die örtliche Vorstandschaft des Bayerischen Lehrervereins? (BLV) unter dem Leiter der Domschule, Oberlehrer Daniel Winkle?, der Kontakte zur Bayerischen Volkspartei? (BVP) unterhielt. Der Ausbau des NSLB zur monopolistischen Vereinigung der Lehrkräfte ging in Augsburg jedoch nur schleppend voran, da sowohl der BLV, als auch der Philologenverband wenig Neigung verspürten, sich der neuen Organisation unterzuordnen. Erst im Schuljahr 1935/36 gelang es, nach einer Durchorganisation der NS-Standesorganisation nach dem Vorbild der NSDAP, nahezu alle Lehrkräfte in Schwaben und Augsburg zu erfassen. Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933 war der Weg frei, gegen missliebige Lehrerinnen und Lehrer vorzugehen. Die Aktionen richteten sich in Schwaben vor allem gegen Lehrkräfte, die im BLV oder in katholischen Vereinigungen organisiert waren.356

Wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ aufgrund von Betätigung in der SPD fanden in Augsburg einige Entlassungen statt. Den ehemaligen sozialdemokratischen Augsburger Stadtrat und Lehrer Andreas Schropp? ereilte dieses Schicksal, während Fanny Wittmann?, ehemals BVP-Stadträtin, die an der städtischen Mädchen-Fortbildungsschule die kaufmännische und gewerbliche Abteilung leitete „nur“ frühpensioniert wurde.357

1935 wurde in Augsburg als erste Simultanschule nach 1886 im Stadtteil Hammerschmiede die Horst-Wessel-Schule? eingerichtet, wobei die Stadt eine Abstimmung unter den Erziehungsberechtigten angeordnet hatte, von denen 70 % für ein simultanes Modell votierten. Nach den Osterferien 1935 begann der Schulbetrieb.358

Nachdem in Oberbayern? längst flächendeckend Gemeinschaftsschulen eingerichtet waren, begann auch in Schwaben 1937 der massive Kampf gegen die Bekenntnisschulen. Gründe für die schleppende Umwandlung lagen in der planlosen Durchführung der Elternabstimmungen. Mit zunehmend Druck und Einschüchterungen gegen widerspenstige Eltern und den besonders heftigen kirchlichen Widerstand, den Pfarrer beiderlei Glaubens zeigten, wurden bis 1938 mehr und mehr Konfessionsschulen in Schwaben beseitigt. In besonders hartnäckigen Gemeinden stellten Bürgermeister, auch ohne Unterschriftenlisten ausgegeben zu haben, Anträge zur Umwandlung der Bekenntnisschulen, die von der Regierung von Schwaben als gültiger Ausdruck der Meinung der Erziehungsberechtigten betrachtet wurden. Bürgermeister, die sich weigerten, solcherart vorzugehen, zwang man zum Rücktritt. Ergänzt wurden diese Methoden durch Fälschung der Abstimmungsergebnisse.359

Eine Verordnung der Regierung von Oberbayern? vom Juni 1937 verfügte schließlich, sämtliche noch verbliebene konfessionelle Volksschulen im Gau Schwaben in Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. Nach den Osterferien 1938 war dieses Unterfangen abgeschlossen, wobei man beiden Konfessionen zugesichert hatte, die Fortführung des Religionsunterrichtes sei gewährleistet. Im Zuge dieses Umwandlungsprozesses wurden manche Schulen zusammengelegt, so etwa die evangelischen Schulen Evangelisch Sankt Ulrich und Oberhausen mit den entsprechenden katholischen Einrichtungen, jedoch unter Beibehaltung konfessionell nicht gemischter Klassen. Im Schuljahr 1939/40 bestanden in Augsburg noch 21 rein evangelische Klassen, wie zum Beispiel in der Barfüßerschule?, in der Schule an der Schleiermacherstraße in Lechhausen und im Klauckehaus?.360

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355 Hetzer: Kulturkampf; S. 140ff.
356 ebd.; S. 142-145.
357 ebd.; S. 145f.
358 Neue Nationalzeitung; Nr. 88 vom 15. April 1935; Staatsbibliothek.
359 Broszat: NS-Zeit III; S. 319-322.
360 Hetzer: Kulturkampf; S. 152f.


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