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Turamichele

ein Augsburger Brauch und Kinderfest um den "Turm-Michael"; ältestes und größtes Kinderfest im Raum Augsburg und eines der ältesten in Deutschland

Allgemeines

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Der Turm-Michael

Hochdeutsch bedeutet Turamichele „Turm-Michael“. Das Turamichele meint ein mechanisches Figurenspiel im Perlachturm in der Altstadt von Augsburg. Es zeigt den Erzengel Michael im Kampf mit dem Teufel. Das Turamichele wird nur an den Tagen um den 29. September, dem Michaelitag, in Gang gesetzt. An diesen Tagen erscheint der hölzerne St. Michael zwischen 10 und 18 Uhr zu jeder vollen Stunde am untersten Fenster des Perlachturms. Zu diesem Anlass ist das Fenster mit Blumen geschmückt. Das Turamichele sticht im Takt der Stundenschläge mit einer Lanze auf den Teufel ein, der ihm zu Füßen liegt.

Im Unterteil des Perlachturms brachte man 1615 in einem Fensterbogen eine Spielwerkfigur des Erzengels Sankt Michael an. Das Turamichele ist eine bewegliche und lebensgroße Holzskulptur des heiligen Michael, die zum Fest von versteckten Mitarbeitern der Stadtwerke Augsburg bewegt wird. Die Stadtwerke Augsburg lassen die historische Figur immer wieder restaurieren und organisieren mit dem Theater Augsburg das „Turamichele-Spiel“, das etwa eine Viertelstunde vor dem Erscheinen des Turamichele von Kindern in launigen Versen vorgetragen wird.

Der Brauch

Der Brauch ist folgender: Am Michaelitag, das ist der 29. September, oder um den Michaelitag herum erscheint die Figur des Schutzengels Michael im erwähnten Fenster des Perlachturms und nimmt zu jeder Stunde den Kampf mit dem Teufel auf. Es ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, der hier versinnbildlicht wird. Für jede Stunde macht der hl. Michael einen Stich. Zwölf Stunden bedeuten also zwölf Stiche. Nach alten Überlieferungen verbinden gläubige Menschen mit jedem Stich des Erzengels einen persönlichen Wunsch, der in Erfüllung gehen soll. Außerdem war der Erzengel Michael der Schutzengel der Augsburger Weber?. Mittags um 12 versammeln sich die meisten Menschen auf dem Rathausplatz, um das Spektakel zu sehen. Besonders natürlich Eltern mit ihren kleinen Kindern. Üblicherweise werden sogar die Straßenbahnen angehalten, wenn das Turamichele erscheint.

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Im Bauernjahr war der Michaelitag früher ein wichtiger Zins- und Lostag. Ab diesem Zeitpunkt begann wieder die Arbeit bei künstlichem Licht ("Da Michl zündt`s Liacht an"), da die Tage kürzer und die Nächte länger werden. Michaelimärkte waren in Bayern auch Umschlagplatz für das zu Tal gebrachte Almvieh. Selbst heute finden an manchen Orten noch solche Michaelimärkte statt. Früher war auch in Augsburg der Michaelimarkt mit dem Turamichele verknüpft.

Die Sage

Der Sage nach ist der Heilige Michael der Beschützer der Stadt Augsburg. So kam auch die Frage auf, ob das Turamichele auf einen Drachen oder Teufel einsticht. Nach einer Augsburger Stadtsage beschützt der Erzengel Michael die Augsburger nämlich vor einem Drachen. Auch die von Stadtbaumeister Elias Holl Anfang des 17. Jahrhunderts auf den von ihm neugestalteten Perlachturm aufgesetzte Figur der Stadtgöttin Cisa? wurde in Sagen um das Turamichele eingebaut. Sie soll in vorchristlicher Zeit den Platz des Turamicheles innegehabt haben. Im Jahre 1526 sei die heidnische Figur durch eine des katholischen Erzengel Michael ersetzt worden. Möglicherweise ist die "Stadtgöttin" Cisa? in der Renaissance wiederentdeckt worden, als sich Künstler für Allegorien und Anleihen aus der Antike begeisterten.

Geschichte

Anfänge des Turamichele

Schriftlich ist das Turamichele zuerst in einer Familienchronik von 1616 erwähnt. Allerdings soll das Figurenspiel noch älter sein. Bereits 1526 soll es von dem Bildhauer Christof Murmann dem Jüngeren? und dem Uhrmacher Georg Marquart? geschaffen worden sein. Das waren besonders in Augsburg aufgeladene Zeiten. Es bestand die Gegnerschaft von Protestanten und Katholiken. Damals war es jedes Jahr die Aufgabe der Schwestern des Klosters Maria Stern, das nackte Turamichele zum Festtag einzukleiden. Es ist naheliegend, dass der Engel Symbol der Gegenreformation? war und den lutherischen Teufel abstach. Allerdings konnten sich auch und gerade Protestanten dem so genannten "Michaelsgeist" voller Überschwang hingeben und bereiteten so gedanklich den deutschen National-Messianismus vor.

Das Werk Murmanns zeigte den Erzengel Michael, aus Holz gefertigt, der mit Stoffbekleidung gekleidet war. Die Figurengruppe war etwa 1,60 Meter hoch. Das Turamichele war - im Gegensatz zum Teufel, der nur aus Holz bestand - mit Stoffen bekleidet. Es trug weißgrüne Kleidung und einen Messingkranz auf dem Kopf. Das Uhrwerk hatte man unter der Figur angebracht, und so wurde das Turamichele mechanisch betrieben. Allerdings nicht vollmechanisch, das Michele konnte zwar ohne den Eingriff menschlicher Hilfe den Satan erstechen, jedoch erschien es nicht von selbst an seinem Fenster. Hierzu wurden immer Menschen benötigt, die den Erzengel aus dem Fenster schoben.

Das Turamichele im 19./20. Jahrhundert

Als Augsburg 1806 an Bayern fiel, wurde der Turamichele-Brauch aus unbekannten oder unerfindlichen Gründen verboten. Angeblich hielt man das Schauspiel für albern und im Sinn der Aufklärung für unmodern. Andere meinen, es sei verboten worden, weil die Augsburger die Teufelsfigur mit der neuen und ungeliebten Obrigkeit in München gleichsetzten. Dass sie ihren Status als Reichsstadt? verloren, wurmte die Augsburger so, dass mancher wohl gern den neuen Obrigkeiten die entsprechenden Lanzenstiche versetzt hätte. Erst 1822 hob man das Turamichele-Verbot wieder auf.

Während des Zweiten Weltkriegs missbrauchten die Nationalsozialisten? das Turamichele für ihre Durchhalteparolen in den 1940er Jahren. So sandten sie in einer Sondersendung des Deutschen Kurzwellensenders zur Ermunterung der Frontsoldaten im Winter 1942 Aufnahmen vom Turamichele-Fest, die ein Journalist der Neuen Augsburger Zeitung? an die Adresse der Kinder wie folgt kommentierte: "Da kann ich mir ja nun so ungefähr vorstellen, wie da unsere Soldaten in den Bunkern und Gräben und auf Vorposten spitzen werden, wenn plötzlich Euer Eins-zwei-drei markerschütternd durch den Lautsprecher an ihr Ohr dringt." Selbst der Speer des Turamichele erhielt damals ein Hakenkreuz aufgesteckt.

Im Luftkrieg über Augsburg erhielt das Turamichele 1944 leichte Verbrennungsschäden, wurde aber von Personen, die Brennholz suchten, mitgenommen und dann vermutlich verbrannt. So jedenfalls berichteten Augenzeugen. Weil die Luftangriffe das alte Turamichele verschwinden ließen, stellte der Kemptener Bildhauer Karl Hoefelmayr? im Jahr 1949 ein neues hölzernes Turamichele her. Gestiftet hatte sie der Augsburger Malzfabrikant Ernst Gebler. Die zerstörte mechanische Figurengruppe ging, wie schon erwähnt, auf das Jahr 1526 zurück und war von Christof Murmann dem Jüngeren? und dem Uhrmacher Georg Marquartgeschaffen? worden. Schon 1946 hatte die amerikanische Besatzungsmacht erlaubt, den Turamichele-Brauch mit zwei Schauspielern auf einem Holzpodest am Perlachturm fortzuführen. Bis 1949 wurde das Stechen von Schauspielern des Augsburger Stadttheaters auf einer kleinen Bühne vor dem Perlachturm dargeboten, da bis dahin ja keine Turamichele-Figur mehr existierte.

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Das 1949 geschaffene neue Turamichele war weder mechanisch noch mit dem Uhrwerk des Perlachturms verbunden. Es wurde von Schienen geleitet und mit Stöcken per Hand geführt. Das Stechen des Michaels geschah von Hand und war eine zaghafte Bewegung. 1952 bewegte sich die Figurengruppe wegen eines Missgeschicks gar nicht mehr. Abhilfe schuf Walter Oehmichen, der Gründer der Augsburger Puppenkiste. Die Mechanik, die er einbaute, musste aber von zwei Helfern in Gang gesetzt werden. Diese Halbmechanik bewegt das Turamichele bis heute, eine Vollautomatisierung des Augsburger Brauches wäre zu kostenspielig.

In den 1950er Jahren übernahmen die Stadtwerke Augsburg die Sorge um die Figur des Turamichele und das Kinderfest, um die Tradition aufrechtzuerhalten.

1971 belebte man das Turamichele-Fest nach Jahren des immer stärkeren Rückgangs neu. Einige Geschäfte schlossen sich zur "Aktionsgemeinschaft Augsburg" zusammen, um das Fest zu erneuern. In den Jahren zuvor war der Michaelimarkt verschwunden, doch installierte man nun Stände zum Basteln und Malen, Karussells und erfand Turamichele-Lebkuchen oder Turamichele-Einkaufstüten. Als Hauptattraktion fuhr die "Turamichele-Straßenbahn" in der Aufmachung eines Drachens durch die Stadt, designed von dem niederländischen Grafiker Lambert van Bommel.

Das Turamichele heute

2001 führte man ein offizielles Turamichele-Lied ein, das schon mehrfach auf CD aufgenommen wurde. Die Meldoie ist die des bekannten Volksliedes "Auf der Mauer, auf der Lauer ..."

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2013 ließen die Stadtwerke Augsburg zum Turmamichele Fest eine alte Tradition wieder aufleben. So fuhr am Namenstag des Heiligen Michael, am Sonntag, 29. September wieder die Turamichele Straßenbahn. In den 1970er Jahren drehte die aufwändig gestaltete Straßenbahn ihre Runden durch Augsburg und zog sogar einen Wagen mit einem Drachen nach. 2013 war der Triebwagen 506 als Turamichele Straßenbahn in der Stadt unterwegs, wenn auch nicht so reich geschmückt und ohne Anhänger.

Details

Ein Kinderfest

Dass der Michaelitag ein beliebter Termin für laufende Miet-, Pacht- oder Zinszahlungen, Wohnungsumzüge und Arbeitsplatzwechsel war, zeigt der folgende Text im Augsburger Dialekt auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1899:

All' Johr, wenn's Thuramichele kommt,
Do freuen sich die Kinder.
Doch bei so manche ältre Leut,
Do isch dia Freud' fei' minder:
Do zieht ma' aus; do zieht ma' ei'.
Die Hausherrn sieht ma' grinsa.
Dös ka' oim doch koi Freud' net sei'
Dös Zieha und dös Zinsa.

Heute ist das Turamichele-Fest auf dem Augsburger Rathausplatz hauptsächlich eine Veranstaltung für Kinder und die verschiedensten Mitorganisatoren, von Werbezeitungen bis zur CIA?, beteiligen sich an einem Rahmenprogramm. Die CIA? organisiert diesen Turamichele-Marktsonntag. Traditionell lassen die Kinder dazu in einem Ballonflugwettbewerb Luftballons mit angehängten "Augsburger Friedensgrüßen" in den Himmel steigen. Inzwischen gibt es sogar ein eigenes "Turamichele-Lied", das aus Anlass des Festes von den Augsburger Schulkindern gesungen wird:

Das Turamichl, das Turamichl, das gibt dem Teufel viele Stichl
Das Turamichl, das Turamichl, das gibt dem Teufel viele Stichl
Schaut euch mal das Michl an, wie das Michl stichl kann
Das Turamichl, das Turamichl, das gibt dem Teufel viele Stichl

... und vier weitere, immer kürzer werdende Strophen.

Kritik am Turamichele

Viele Augsburger kritisieren, dass das Turamichele-Fest in den letzten Jahren zunehmend kommerzialisiert wurde, obwohl es ursprünglich ein kirchlicher Brauch war. Andere glauben, das Fest bzw. der Brauch vertrage sich nicht mit den Grundsätzen einer offenen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Das Turamichele sei eine Symbolfigur für den teilweise mit kriegerischen Mitteln geführten Kampf gegen Heiden und andere Konfessionen und Nationalisten sähen darin die angebliche Überlegenheit des deutschen Volkes und seiner Kultur versinnbildlicht. Auch sei die blutige Darstellung der physischen Vernichtung des Gegners inhuman und nicht kindgerecht.

Neben dieser Kritik und der Forderung nach Abschaffung des Festes und Überführung ins Museum, wo der Unterschied zwischen einer blutrünstigen christlichen Tradition und einer heutigen humanen Einstellung herausgearbeitet werden könnte, steht die psychologische Umdeutung des Turamichele-Festes. Psychologisch argumentierende Zeitgenossen halten den Teufel für ein Sinnbild des Bösen der Ängste. In jedem Stich des Turamicheles sehen sie das Wegstechen eines persönlich Bösen. Jedem Stich könne etwas zugeordnet werden, was das Turamichele verhindern soll. Etwa die Krankheit bei der Oma, den Unfall beim Bruder usw. Das Turamichele stünde in dieser Deutung für einen Umgang mit Bösem oder Leid, der von Angst befreit.

Die Technik

Das Turamichele erscheint scheinbar im Perlachturm. Doch das stimmt nicht, denn das Fenster, aus dem das Turamichele den Drachen ersticht, gehört zur Michaelskapelle von Sankt Peter am Perlach. Zwei Stadtwerke-Mitarbeiter öffnen den Vorhang, bringen die Figuren in Position und erwecken mit dem Drehen an einer Kurbel die Figuren zum Leben: Mit einem Lanzenstich des heiligen Michael pro Glockenschlag. Nach drei Tagen hat der Erzengel dann 162 Mal auf den Teufelsdrachen eingestochen.

Veröffentlichungen

Es existieren oder existierten folgende Publikationen zum Augsburger Turamichele:

  • Elisabeth Emmerich, Annegert Fuchshuber: Hallöle sucht das Turamichele. Ein Bilderbuch für Augsburger Kinder. Augsburg 2008
    * Sybille Schiller: Hallöle sucht 2008 wieder das Turamichele. Gedächtnisprojekt zu Ehren der Illustratorin Annegret Fuchshuber. In: Augsburger Allgemeine vom 29. März 2008, S. 42.
  • Centa K. Saur: Turamichele's unheilige Abenteuer. Eine heitere Geschichte nach der Idee von F. Mützel, 12 Federzeichnungen von A. W. Lütschg, Wuppertal 1948.
  • Franz Häußler: Einst Dultbeginn am Michaelitag - Termin für Zahlungen und Wohnungswechsel. In: Augsburger Allgemeine vom 30. September 2006, S.45.
  • Gerd Winkler: Turamichele – Geschichte und Geschichten einer liebenswerten Augsburger Besonderheit. über 400 aktuelle & historische Bilder, Augsburg 2006.
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Engel Katharina Lebmeier und Teufel Lena Tischmeyer spielten 2013 den Kampf Gut gegen Böse auf dem Rathausplatz. Für das Turamichele-Fest brauchen die Stadtwerke Augsburg jedes Jahr sechs Darsteller zwischen acht und elf Jahren. Foto: swa / Thomas Hosemann

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