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Stolpersteine

eine Erinnerung an Menschen, die wegen ihrer politischen Anschauung oder ihrer Abstammung von den Nazis in Augsburg verfolgt und später ermordet wurden

Allgemeines

Stolpersteine werden in vielen deutschen Städten seit längerer Zeit verlegt. Es gibt dafür breite gesellschaftliche Unterstützung und auch viele Opfergruppen befürworten diese Art, an politisch und religiös verfolgte Menschen der Nazizeit zu erinnern. Manche Städte entschieden sich jedoch auch dagegen und wieder andere Städte führten lange Diskussionen, ohne einen Kompromiss in der Frage finden zu können. In Augsburg war man gewillt, auf der Basis einer wissenschaftlich begleiteten Diskussion mit allen Initiativen eine Kompromisslösung zu finden, die sowohl von den Verfechtern der Stolpersteine als auch von deren Gegnern mit getragen werden konnten.

Es gibt in Augsburg unterschiedliche Formen des Erinnerns, die gleichwertig nebeneinander möglich sind. Der Bürgerschaft ist die Möglichkeit gegeben, selbst Anträge auf Erinnerungszeichen zu stellen und damit die Erinnerungskultur in Augsburg aktiv zu gestalten und weiter zu entwickeln.

Seit vielen Jahren findet in der Friedensstadt Augsburg der „Aktionstag Vielfalt“ statt. Einst als Bündnis gegen Naziaktivitäten gegründet, zeigen die Bürgerinnen und Bürger nun jährlich Flagge gegen rassistisches und faschistisches Gedankengut in jeder Form.

Mit den Stolpersteinen geht Augsburg einen weiteren Schritt: nämlich Opfern der Naziherrschaft ein weiteres, einheitliches Denkmal zu schaffen. Eine geeignete Form dazu ist das europäische Projekt „Stolpersteine“. Der Kölner Künstler Gunter Demnig ist wohl der prominenteste Pflasterer Deutschlands. Er verlegte seit 1996 bereits zehntausende Steine in hunderten Städten und Gemeinden, darunter viele bayerische Städte wie Nürnberg, Bamberg?, Kempten, Ingolstadt und Würzburg.

Demnig nennt seine Objekte „Stolpersteine“; denn sie werden vor den Wohnhäusern, in denen Opfer des Naziterrors lebten, in den Bürgersteig eingelassen und zeigen, eingraviert in eine spezielle Messingoberfläche, deren Namen und Lebensdaten. Passanten „stolpern“ sozusagen optisch darüber. „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist!“ sagt der Künstler. Das Gedenken an einem authentischen, historischen Ort an ein einziges Schicksal ist oft beeindruckender als lange anonyme Opferlisten oder große zentrale Denkmale.

Geschichte

Am 22. Juli 2013 gründete sich im Hans-Beimler-Zentrum?, Augsburg (m Haus nebenan wohnte Hans Beimler, Augsburger Stadtrat und Widerstandskämpfer), der Initiativkreis Stolpersteine für Augsburg und Umgebung, nachdem sich seit Jahren Augsburger Gruppen und Einzelpersonen mit dem Thema "Stolpersteine" befassten. Nun fanden sich auf Initiative der VVN-BdA VerteterInnen verschiedenste Parteien und Organisationen sowie engagierte Einzelpersonen zusammen, um sich über das Projekt zu informieren und Ziele und erste Schritte zu diskutieren.

Am 28. Januar 2014 reichten die im Augsburger Stadtrat vertretenen Fraktionen? einen Antrag zu Verlegung von Stolpersteinen ein. Wörtlich lautete der Antrag: "Der Stadtrat von Augsburg begrüßt die Bemühungen des Initiativkreises Stolpersteine für Augsburg und beauftragt die Verwaltung, die Grundlage für eine Genehmigung für den Kölner Bildhauer Gunter Demnig zur Verlegung von Stolpersteinen zu erarbeiten. Die Verwaltung lässt sich hierbei wissenschaftlich beraten. Die Stolpersteine sollen an den in beiliegender Tabelle genannten Stellen verlegt werden, wo Augsburger Bürgerinnen und Bürger aus allen gesellschaftlichen Schichten, mit unterschiedlichen politischen oder religiösen Anschauungen lebten, bevor sie von den Nationalsozialisten verhaftet und deportiert wurden."

2014 gab es in Augsburg eine hitzige und emotional geführte Debatte über Stolpersteine als Erinnerungszeichen an die Opfer des Nationalsozialismus? in Augsburg. Auf Antrag der GRÜNEN im Stadtrat wurde damals die Kommission Erinnerungskultur ins Leben gerufen, die alle Beteiligten zusammen mit Fachleuten an einen Tisch brachte.

Im März 2016 wurde nach umfangreichen und intensiven Fachdiskussionen in diesem Gremium ein Vorschlag für Erinnerungszeichen in Augsburg formuliert. Damit kam mit allen Beteiligten ein Kompromiss zu Stande.

Im April 2016 fand im Augustanasaal? im Annahof ein Musikkabarett zugunsten der Stolpersteininitiative Augsburg mit den Wellpabbn (mit Hans Well, ehem. Biermöslblosn) statt. Veranstalter war der Verein Gegen Vergessen Für Demokratie e. V.?

Mitte Dezember 2016 entschieden der Kulturausschuss? und der Stadtrat einen besonderen Augsburger Weg der Erinnerungskultur und beschossen das Konzept der dezentralen, alternativen Erinnerungszeichen in Form von Stolpersteinen und Erinnerungstafeln. Das Konzept war von der Kommission Erinnerungskultur erarbeitet worden. Sein Sind sollte darin bestehen, das Gedenken an Opfer des NS-Regimes im öffentlichen Raum zu fördern. Mit dem beschlossenen Konzept, das zwei verschiedene Erinnerungszeichen vorsieht, gelang es, die Bedenken hinsichtlich der Anbringung von Stolpersteinen zu berücksichtigen und entsprechende zusätzliche alternative Erinnerungszeichen wie Erinnerungstafeln zu ermöglichen. Eine Projekt- und Koordinationsstelle "Erinnerungskultur in Augsburg" sollte gewährleisten, dass das beschlossene Konzept umgesetzt wird und die Arbeit der Kommission und des neuzugründenden Fachbeirats koordiniert und bei städtischen Entscheidungen berücksichtigt wird.

Mit der Verlegung der ersten zwölf Stolpersteine und Anbringung von zwei Erinnerungsbändern startete im Mai 2017 der „Augsburger Weg“ der Erinnerungskultur für die Augsburger Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Neben den Stolpersteinen mit gravierten Messingplatten, die im öffentlichen Raum vor dem letzten freiwillig bezogenen Wohnort der Opfer verlegt werden, gibt es auch Erinnerungsbänder, welche beispielsweise an Laternensäulen und Straßennamenträgern angebracht werden. Ihre Formgebung wurde im Rahmen eines Gestaltungswettbewerbes gefunden. Alle Erinnerungszeichen des „Augsburger Weges“ werden durch Bürgerstiftungen finanziert.

An folgenden Orten sind die ersten Erinnerungszeichen zu finden:

Stolpersteine

  • Emma Oberdorfer (Maximilianstr. 17)
  • Eugen Oberdorfer (Maximilianstr. 17)
  • Fritz Pröll (Reischlestr. 33)
  • Alois Pröll (Reischlestr. 33)
  • Ernst Lossa (Wertachstr. 1)
  • Christian Lossa sen. (Wertachstr. 1)
  • Anna Weichenberger (Mittelstr. 2)
  • Josef Weichenberger (Mittelstr. 2)
  • Karl Nolan (Ganghoferstr. 2)
  • Selma Friedmann (Martin-Luther-Platz 5)
  • Ludwig Friedmann (Martin-Luther-Platz 5)
  • Jenny Schnell, geb. Friedmann (Martin-Luther-Platz 5)

Erinnerungsbänder

  • Sinti Familie Reinhardt, Donauwörtherstraße 90
  • Josef Prantl, Stadtbachstaße 9

Nach der Verlegung der ersten Stolpersteine und der Installation der ersten zwei Erinnerungsbänder wurden am 28. und 29. Juni 2017 fünf weitere Erinnerungsbänder gesetzt. Sie erinnerten an Mitglieder der jüdischen Familien Englaender, Steinfeld und Einstein, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden oder in der Ausweglosigkeit ihrer Situation den Weg in den Freitod wählten. Die Installation der Erinnerungsbänder fand während des Treffens von Nachfahren von aus Augsburg vertriebenen Juden statt, zu dem das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben aus Anlass des hundertjährigen Synagogenjubiläums vom 25.–29. Juni 2017 eingeladen hatte.

Details

Die Pflastersteine werden vom Künstler persönlich, fachmännisch und ebenerdig in den Gehweg oder das Straßenpflaster verlegt. Die Messingoberfläche bleibt auch langfristig ansehnlich hell und die Inschrift lesbar. Die Steine werden unverrückbar eingefügt und bilden eine bleibende Erinnerung und Mahnung an die nachkommenden Generationen.

Die Verlegung der Stolpersteine ermöglicht zugleich vielen Bürgern, sich in die Erinnerungsarbeit einzubringen, zum Beispiel durch die Übernahme von Patenschaften (besonders durch Schulen) und weiterführender Forschungen über die Opfer. Damit wird die Erinnerungsarbeit als fortschreitender aktiver Prozess begriffen, der in die Gegenwart und Zukunft hineinwirken soll. Die dezentralen Orte der Erinnerung bilden die Topographie des Terrors auch in Augsburg ab.

Zu den prominentesten Unterstützern von Stolpersteinen gehören der Vorstand des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. Graumann, Dr. Korn, Dr. Schuster und Herr Kramer, außerdem der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin. Auch im Ausland genießen die Stolpersteine hohes Ansehen. Der israelische Erinnerungsort Yad Vashem nennt das Kunst- und Gedenkprojekt als Vorbild. Wichtige jüdische Einrichtungen wie z. B. die Temple Emanu-El in New York und die rabbinische Universität Hebrew Theological College haben das Projekt mit ihren höchsten Auszeichnungen prämiert.

Argumente gegen Stolpersteine

Stolpersteine führten dazu, dass das Andenken der Opfer mit Füßen getreten werde. Doch muss man sich im Gegenteil verbeugen, um die Inschrift auf einem Stolperstein lesen zu können.

Andere warnten vor einer "Banalisierung" des Gedenkens oder befürchteten eine Zweiklassengesellschaft von Opfern, da die Stolpersteine von Privatleuten finanziert werden.

Manche Bürger fürchteten, dass Rassisten die Stolpersteine schänden könnten. Dagegen hilft Wachsamkeit der demokratischen Öffentlichkeit.

In Augsburg seien Stolpersteine überflüssig da es im Rathaus schon eine zentrale und würdige Gedenkstätte für die jüdischen Opfer Hitlers gebe. Sollte es gewünscht sein, könne man die Gedenkstätte durch einen weiteren Raum ergänzen, der sich politisch und anderweitig Verfolgten der NS-Herrschaft widmet.

Argumente für Stolpersteine

Stolpersteine sind dort angebracht, wo das Grauen seinen Ausgang nahm, an den Wohnhäusern der Deportierten. Die Verfolgung begann mitten im Alltag, oft unbemerkt. Wenn heute Menschen achtlos über die Stolpersteine gehen, so erinnert das an die Achtlosigkeit, mit der Deutsche in der Zeit des Nationalsozialismus? dem Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger? begegneten.

Weblinks


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