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Spinnerei und Weberei Pfersee

auch SWP oder SPA; im Volksmund die "Große Fabrik"

Allgemeines

Bis 1885 fertigte die Spinnerei und Weberei Pfersee bunte Baumwollgewebe. Danach spezialisierte man die Produktion auf rohe Gewebe, die man bleichen oder bunt bedrucken konnte. Auch Kattune, Kretonnes, Flanelle und Damaste stellte man her. Sehr erfolgreich war die Firma bei der Herstellung von Geweben für technische Zwecke. 1894 schloss man den Produktionszweig der Buntweberei komplett, weil er unrentabel geworden war.

Die Spinnerei und Weberei Pfersee war immer die größte Fabrik in Pfersee und hatte zu manchen Zeiten etwa 1.000 Beschäftigte.

Geschichte

Das 19. Jahrhundert

Die Geschichte der Spinnerei und Weberei Pfersee begann 1856 als Baumwollspinnerei und Weberei J.G. Krauß & Sohn. Johann Georg Kraus und sein Sohn hatten beim Königlichen Bezirksamt in Augsburg um Erlaubnis zur Erstellung eines Fabrikgebäudes und zur Ausführung einer Turbinenanlage gebeten, die am 30. April 1866 erteilt wurde. Zuvor war auf dem erworbenen Grundstück ab 1856 eine Wollwäscherei in Betrieb. Damals errichteten der Ulmer Unternehmer Johann Krauß und sein Sohn Robert eine Spinnerei und Weberei an der Augsburger Straße in Pfersee. Man begann mit 100 Arbeitern und100 Webstühlen. Das Unternehmen war so erfolgreich, dass es schon nach drei Jahren 500 Arbeiter beschäftigte. Als die Firma 500 Menschen beschäftigte, hatte das Dorf Pfersee gerade einmal 1.000 Einwohner, was zeigt, welche Veränderungen die Firma nach Pfersee brachte.

1866 kauften die Firmengründer weiteres Gelände am Mühlbach und erweiterten die kombinierte Fabrik. Danach gliederten die Unternehmer die 1858 gegründete Baumwollweberei Zöschlingsweiler? bei Dillingen? ihrem Unternehmen ein.

1869 kam es in der Pferseer Fabrik zu den ersten Augsburger Textilarbeiterstreiks, die auch auf die umliegenden Landgemeinden ausstrahlte. Ausgelöst wurde der Streik durch die Weigerung der Unternehmer, Arbeitern, die kündigten, ihre Einlagen in der fabrikeigenen Krankenkasse auszuzahlen. Dazu kam die Tatsache, dass Krauß noch weniger als die in Augsburg üblichen Hungerlöhne zahlte. Der Streik dauerte zwei Wochen. Für die Streikenden war es ein Pyrrhussieg. Zwar musste die Unternehmerseite nun die ortsüblichen Löhne zahlen, die Kündigungsfrist wurde auf vier Wochen festgesetzt und die strengen Fabrikordnungen in den Sälen mussten abgehängt werden, doch entließ der gnadenlose Unternehmer die meisten der Streikenden, hatte er sie doch durch in Böhmen angeheuerte Streikbrecher ersetzt.

1879 kam es zur Umfirmierung des von J. G. Krauss gegründeten Werks nach einem Besitzerwechsel in "Spinnerei und Weberei Pfersee, Solvio, Leiner & Co."

Aus der Baumwollspinnerei und Weberei am Mühlbach entstand 1881 die Aktiengesellschaft "Spinnerei und Buntweberei Pfersee" (SWP), die man jetzt die "Große Fabrik" in Pfersee nannte. Aufsichtsratsvorsitzender wurde 1881 der Stuttgarter Unternehmer Solivo, der die Firma ein Jahr zuvor von Krauß gekauft hatte. Vorausgegangen war, dass Gottlob Emmanuel Stänglen, ebenfalls ein Stuttgarter Kaufmann, Krauß versprochen hatte, dessen Tochter zu heiraten, den verschuldeten Betrieb billig zu ersteigern und ihn zusammen mit Krauß weiterzubetreiben. Doch Stänglen betrog Krauß: Nachdem er die Fabrik im Eigentum hatte, suchte er sofort einen neuen Käufer und fand ihn in Heinrich Solivo. Das Kapital zur Gründung der Aktiengesellschaft stellte diesem überwiegend die Württembergische Hofbank zur Verfügung, denn der württembergische König Karl wies seine Bankiers an, sich an aufblühenden Industrien zu beteiligen und besichtigte die Pferseer Fabrik 1881 persönlich. Weil ihm alles einen guten Eindruck machte und Stänglen und Solivo große Aussichten versprachen, floss das Kapital. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft geschah unter Übernahme der früheren Firma "Solivo, Leiner & Co." als "Spinnerei und Buntweberei Pfersee Aktiengesellschaft" mit einem Grundkapital von drei Mio. Mark.

1894 fand das Pferseer Werk Anschluss an das Streckennetz der Augsburger Localbahn. Später firmierte man bis 1909 wieder als "Spinnerei und Weberei Pfersee, Solvio, Leiner & Co."

Das 20. Jahrhundert

1909 verleibte sich die Spinnerei und Weberei Pfersee die Spinnerei und Weberei Ulm mit den Produktionsstandorten Ay und Gerlenhofen ein und ein Jahr später vereinigte man die früher unter der Firma Spinnerei und Weberei Ulm in Ay bei Neu-Ulm? betriebene Spinnerei und Weberei mit dem Pferseer Geschäft.

In den Jahren 1910 bis 1916 baute man die Werke auf 91.264 Spindeln und 2100 Webstühle aus.

1921 kaufte die Kolbermoor Union AG die Spinnerei und Weberei komplett auf, nachdem sie ein Jahr zuvor schon die Mehrheit an der Firma übernommen hatte. Auch die Pferseer Firma wurde nun zur Aktiengesellschaft (ab 1922). Am 15. März 1922 änderte man den Firmennamen von "Spinnerei und Buntweberei Pfersee Aktiengesellschaft" in "Spinnerei und Weberei Pfersee".

1927 schloss die Aktiengesellschaft mit der Baumwollweberei Zöschlingsweiler A.-G. (Webereien in Zöschlingsweiler und Echenbrunn) einen Fusionsvertrag. Damit ging das Vermögen dieser Gesellschaft unter Ausschluss der Liquidation mit Wirkung ab 1. Januar 1926 im Verhältnis von 4 : l auf die Spinnerei und Weberei Pfersee über.

1930 besaß die SPA ein Aktienkapital von 3,2 Mio. Reichsmark. Damals gehörten 266 Werkswohnungen, eine Unterstützungs- und Pensionskasse sowie eine Arbeitersparkasse zu dem Unternehmen.

1934 kaufte die SPA die bis dahin im Besitz der Kolbermoor-Union A.-G., Kolbermoor und der Baumwollspinnerei Kolbermoor in Kolbermoor befindlichen Aktienpakete der Mechanischen Baumwoll-Spinn- & Weberei Kempten in Kempten von zusammen nominal l 423.000,00 Reichsmark und wurde damit Mehrheitsbeteiligte. Nominale 150.000,00 Reichsmark wurden der letzteren Gesellschaft unentgeltlich zum Zwecke der Einziehung und zur Beseitigung der Unterbilanz überlassen. Im gleichen Jahr baute die SWP ein Beamtenwohnhaus in Zöschlingsweiler.

1935 beteiligte sich die Spinnerei und Weberei Pfersee an der Süddeutschen Zellwolle A.-G. in Kelheim und errichtete ein Arbeiterwohnhaus in Pfersee. Ein Jahr später beteiligte sie sich an den Kapitalserhöhungen der Süddeutschen Zellwolle A.-G, Kelheim, und der Kolbermoor-Union A.-G. in Kolbermoor?.

1937 erneuerte und änderte man die eigenen Spinnereimaschinen, baute eine Klima-Anlage zur Verbesserung der Arbeitsverhältnisse der "Gefolgschaft", wie es damals hieß, stellte ein weiteres Arbeiterwohnhaus fertig, kaufte ein größeres Grundstück mit Wasserkraft in Zöschlingsweiler und beteiligte sich an der Bastfaser G. m. b. H., Fehrbellin, und der Schwäbischen Zellstoff-A.-G., Ehingen a. d. Donau. Ein Jahr später folgte die Beteiligung an der Zellwolle Lenzing A.-G., Lenzing, und 1939 die Beteiligung an der Zellwolle und Zellulose A.-G. Küstrin und die Erhöhung der Beteiligung an der Schwäbischen Zellstoff A.-G. Ehingen. 1940 tauschte die SWP einen Teil des Besitzes der Aktien der Schwäbischen Zellstoff A.-G., Ehingen (Donau), in Aktien der Thüringischen Zellwolle A.-G., Schwarza (Saale), um.

Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete die Firma 1949 eine Färberei, Bleicherei und Appretur in Pfersee. Die Errichtung einer Färberei, Bleicherei und Appretur ermöglichte es, Teile der produzierten Rohgewebe selbst auszurüsten. 1957 die Spinnerei und Weberei Pfersee eine Francis-Schachtturbine von J. M. Voith, Heidenheim.

1961 gründete man die Tochtergesellschaft "Kunststoffwerk Pfersee GmbH", die Verpackungsformteile auf Styroporbasis erzeugte, und bekam 1968 eine weitere Francis-Schachtturbine von J. M. Voith, Heidenheim. 1972 lieferte die gleiche Firma zwei Francis-Schachtturbinen und 1975 übernahm die Spinnerei und Weberei Pfersee die Aktienmehrheit der Th. Momm & Co., Baumwollspinnerei und Weberei AG, in Kaufbeuren. 1980 kam es erneut zur Lieferung einer Francis-Schachtturbine durch J. M. Voith, Heidenheim. 1986 produzierte das Werk in Pfersee etwa 5.500 Tonnen Garne und etwa 50 Mio. Quadratmeter Gewebe und 1987 verschmolz die Spinnerei und Weberei Pfersee ganz mit der Spinnerei Kolbermoor zur Pfersee-Kolbermoor AG. Die gemeinsame Großaktionärin Bayerische Vereinsbank verband damit die Ertragsperle Pfersee mit der todkranken Muttergesellschaft Spinnerei Kolbermoor AG.

Aufgrund weiterer Umstrukturierungen wurde 1991 das operative Geschäft aus der Pfersee Kolbermoor AG, die nur mehr als Management-Holding fungierte, ausgegliedert und der neu gegründeten Spinnerei und Weberei Pfersee GmbH mit ihren vier Produktionsstätten Kolbermoor, Ay, Zöschlingsweiler und Echenbrunn übertragen. Nach Verkauf der Aktienmehrheit an den Frankfurter Wisser-Dienstleistungskonzern wurde 1993 die eigene Textilproduktion ganz eingestellt und die Pfersee-Kolbermoor AG zu einer Holding für Textil-, Dienstleistungs- und Immobilien-Aktivitäten. Die Firma überlebte also viele Herausforderungen des 20. Jahrhunderts, musste dann aber 1993 ihre Produktion einstellen. Angeblich auf Grund von Spekulationen, doch war das die Zeit, in der die Augsburger Textilindustrie? der internationalen Konkurrenz nicht mehr gewachsen war.

Das Gelände der SWP, das inzwischen wertvoller Baugrund geworden war, konvertierte man ab 1997 in ein Wohngebiet, das Mühlbachviertel?.

Details

1903 trat Walter Rathenau, der später Außenminister der Weimarer Republik wurde, in den Vorstand der Spinnerei und Weberei Pfersee ein.

Ehemalige Lage


Weblinks


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