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Seligenstädter Kaufmannszug

auch Seligenstädter Geleit; ein historischer Kaufmannszug von Augsburg und Nürnberg nach Seligenstadt bei Frankfurt, der 2003 wieder auflebte

Allgemeines

Der Seligstädter Kaufmannszug war im Mittelalter und bis ins 18. Jahrhundert ein Geleitzug von Kaufleuten aus Augsburg und Nürnberg nach Seligenstadt bei Frankfurt, um in Frankfurt an der Messe teilzunehmen. Der Geleitzug dauerte etwa zwei Wochen. Das Seligenstädter Geleit ist ein in Deutschland einmaliger Brauch. Im Mittelalter zogen Verbände von Kaufleuten mit ihren Pferdefuhrwagen aus allen Himmelsrichtungen zur Frankfurter Messe.

Unter Geleitzug muss man sich einen bewaffneten Konvoi vorstellen, der sicherstellte, dass die Kaufleute aus Augsburg und Nürnberg ohne überfallen zu werden die Messe in Frankfurt erreichten. Dort auf dem Warengroßmarkt verkauften die Augsburger und Nürnberger ihre Waren. Kaufleute aus Augsburg und Nürnberg mussten über den Spessart oder am Main entlang bis zum Rastplatz Seligenstadt ziehen. Der Weg war gefährlich, da die reichen Kaufleute für Wegelagerer und Raubritter ein lohnendes Ziel darstellten.

Die Sicherungstruppen für die Kaufmannszüge stellte der Kaiser als Schutzherr von Märkten und Straßen gegen eine Gebühr. Der erste Geleitzug, der durch einen so genannten "Geleitbrief" bezeugt ist, fand am 11. Juli 1240 statt. Beurkundet durch Kaiser Friedrich II. Ein solcher Geleitbrief garantierte körperlichen Schutz aller zu und von der Messe Reisenden durch die kaiserlichen Truppen. Jeder betroffene Landesherr war seitdem verpflichtet, den Durchreisenden gegen Entgelt bewaffneten Geleitschutz zu gewähren.

Noch im 17. und 18. Jahrhundert wurden die Augsburger und Nürnberger Kaufmannszüge durch Geleitsreiter begleitet (in Akten der Kurmainzer Regierung "Einspännige" genannt).

Die Wege der Augsburger und Nürnberger Kaufmannszüge wandelten sich im Lauf der Zeit deutlich. Durch das Erstarken der Territorialherren vertraten diese immer mehr eigensüchtige Interessen und legten die Wege nach ihrem Gusto fest. In Seligenstadt wurde meistens die letzte Rast vor der Ankunft in Frankfurt gemacht und man hatte das Schlimmste hinter sich. Bis Frankfurt waren es nur noch 20 Kilometer - im allgemeinen kein großes Problem mehr. In der Nähe von Seligenstadt wurde die Geleitstruppe gewechselt. Kurmainzer Geleitsoldaten übergaben den Geleitszug an Frankfurter Schutztruppen.

Mit der Zeit entwickelte sich in Seligenstadt der Brauch, einen großen, einen Liter Wein fassenden Löffel in einem Zuge zu leeren. Das Trinken fand im Rahmen einer Zeremonie statt, und die Akteure mussten vor dem Trunk durch Beantwortung schwieriger und humorvoller Fragen ihr Wissen und ihre Schlagfertigkeit unter Beweis stellen. Dieser sogenannte Löffeltrunk war nicht nur eine Trinkgewohnheit, sondern auch ein Rechtsbrauch, denn mit ihm wurden neue Mitglieder in die Gilde der Kaufmannschaft aufgenommen. Meist waren es Kaufleute, die zum ersten Mal die Strapazen einer solchen Geleitsreise auf sich genommen hatten.

Seligenstadt Geleitsfest 2011 Kaufmannszug Fanfare
Geleitsfest in Seligenstadt (Hessen): Ankunft der Kaufmannszüge aus Augsburg und Nürnberg auf dem Marktplatz. 2011 von E-W (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Belegt ist dieser Rechtsbrauch durch einen Spruch auf einer Silberplatte des Augsburger Löffels. Er lautet: "Willkommen zu Seligenstadt, hier pflegt man einzuschenken und dabey zu gedencken, was recht der Löffel hat." Man sprach auch vom "Hänselbrauch" unter den Kaufleuten. Neulinge mussten den einen Liter Wein fassenden Geleitslöffel mit einem Zug restlos austrinken, wer die so genannte „Nagelprobe“ nicht bestand, musste die Gilde "freihalten", d. h. die Verpflegung bezahlen. In Hänsel- oder Löffelbüchern wurden die Namen und Ereignisse rund um den Löffeltrunk festgehalten.

Geschichte

Bereits im 11. Jahrhundert waren Kaufleute auf dem Handelsweg Augsburg Richtung Frankfurt zur Messe, die zu dieser Zeit noch eher einem Großmarkt glich, unterwegs.

Seit 1180 wurde in Frankfurt jährlich eine Warenmesse abgehalten, die europäische Bedeutung gewann. Die Nürnberger und Augsburger Kaufleute beschickten schon bald diesen Markt mit Waren.

1360 schlossen die schwäbischen Städte mit Würzburg und Kurmainz einen Vertrag, ihren Geleitszug durch deren Gebiet führen zu dürfen wegen ihres Streites mit den Grafen von Württenberg.

Im 15. Jahrhundert führte man den Straßenzwang ein. Das war die Voraussetzung für eine reibungslos funktionierende Straßensicherung.

1554 verlief die Geleitsstraße der Nürnberger und Augsburger von Tauberbischofsheim über Külsheim, Miltenberg, Klingenberg, Aschaffenburg, Stockstadt, Seligenstadt, Steinheim, Mühlheim und Offenbach nach Frankfurt-Oberrad. Seligenstadt wurde im Wechsel mit Aschaffenburg Übernachtungsort der Geleitszüge.

1584 wurde die Übergabestelle des Würzburger Geleits an die Kurmainzer Geleitstruppen durch zwei Säulen im "kalten Loch" im Guttenberger Wald zwischen Würzburg und Tauberbischofsheim genau festgelegt. Die Übergabestelle des Mainzer Geleits der Nürnberger Kaufleute an Frankfurt wurde der "Fallriegel" (Schlag) bei Oberrad, die der Augsburger die Sachsenhäuser Warte.

Ende des 18. Jahrhundert fanden die letzten Züge mit Kaufleuten statt. 1803 wird der Kurstaat Mainz aufgehoben, womit das Geleit endgültig eingestellt wird.

Augsburger Löffelbücher
Augsburger Löffelbücher. 2005 fotografiert von Thomas Laube (Self-photographed) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Idee zur Neuauflage des Seligenstädter Kaufmannszugs kam im März 2002 in Seligenstadt auf. Im Frühjahr 2003 legte man den Streckenverlauf fest, der möglichst genau den Wegen der Nürnberger Kaufleute folgte.

2003 startete erstmals wieder ein Zug mit ca. 100 Kaufleuten in historischen Gewandungen, mit 40 Pferden und 12 Fuhrwerken in das Abenteuer einer "Geleitreise" des 18. Jahrhunderts. Ausgangspunkt des Kaufmannszuges war damals Nürnberg.

2007 begann der Seligenstädter Kaufmannszug mit zahlreichen Kaufleuten, Pferden und Fuhrwerken seine Reise in Augsburg. Diesmal war die Strecke mehr als doppelt so lang, es nahmen deutlich mehr Personen, Pferde und Wagen teil.

Auch 2011 ging der Seligstädter Kaufmannszug von Augsburg aus. Und 2015 veranstaltete man den vierten Kaufmannszug, diesmal schon mit 240 Personen, wiederum von Augsburg aus.

Details

Heute sammelt sich die Handelskarawane auf dem Augsburger Rathausplatz. Der Kaufmannszug zieht in zeitgenössischer Garderobe aus dem 18. Jahrhundert von Augsburg aus Richtung Frankfurt. Gastgeber für den Start der historischen Handelskarawane ist die Regio Augsburg Tourismus GmbH in Kooperation mit der Interessensgemeinschaft Historisches Augsburg e. V. und der Stadt Augsburg.

Nach dem historischen Spektakel auf dem Rathausplatz setzt sich die Karawane mit Bürgern?, Knechten, Mägden, Gauklern, Marketenderinnen, Handwerkern, Kaufleuten und Bauern auf den Weg Richtung Frankfurt. Die Stationen sind Gut Schwaighof?, Harburg, Nördlingen?, Dinkelsbühl?, Dombühl, Rothenburg, Aub, Unter-Wittinghausen, Tauberbischofsheim, Külsheim, Eichenbühl, Obernburg. Endstation des Kaufmannzugs ist Seligenstadt bei Frankfurt. Das Ziel Seligenstadt erreicht der Zug nach ca. 340 Kilometern.

Ein weiterer Kaufmannszug in zeitgenössischer Garderobe geht von Nürnberg aus auf dem authentischen Handelsweg Richtung Frankfurt. Die beiden Handelskarawanen aus Augsburg und aus Nürnberg treffen auf halber Strecke in Aub? zusammen und machen sich von dort aus gemeinsam auf den Weg nach Seligenstadt.

Um die Organisation des Seligenstädter Kaufmannszugs kümmert sich ein etwa zehnköpfiges Organisationsteam. Zu managen sind die Logistik (Fuhrwerke, Pferde, Wegstrecke), Übernachtungen, der tägliche Support, Ausstattung und Kostüme, Sponsorenbetreuung, Presse und Tagesberichte.

Der Seligenstädter Kaufmannszug wird heute im vierjährigen Turnus veranstaltet. Er soll an das Mittelalter erinnern und Anlass sein, wertvolles Brauchtum zu pflegen und die wechselvolle, reiche Geschichte lebendig werden zu lassen.

Weblinks


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