Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de


Hauptseite | Tradition und Geschichte | S | Schülerbischof


Schülerbischof

auch Kinder- oder Knabenbischof; eine Tradition aus der reichen Festkultur des Mittelalters, die vor allem an Stifts- und Klosterschulen verbreitet war

Allgemeines

Der Brauch des Schülerbischofs ist nicht auf Augsburg beschränkt, sondern wurde an vielen geistlichen Schulen Deutschlands gefeiert. Da es in Augsburg wie andernorts viele geistliche Schulen gab, verbreitete sich der Brauch, an bestimmten Festtagen einen Schülerbischof zu wählen, auch in Augsburg. Man bekleidete ihn nach seiner Wahl mit bischöflichen Insignien und Gewändern und übertrug ihm für einen Tag bischöfliche Amtspflichten.

Vorläufer dieses Brauchtums erkennen Historiker in den Narrenfesten mittelalterlicher Schüler und der niedrigen Geistlichkeit (festum stultorum), die wiederum möglicherweise auf die römischen Saturnalien zurückgingen.

Beim Fest des Schülerbischofs handelt es sie jedoch nicht um eine Parodie, sondern um ein Spiel mit der verkehrten Welt. Das bedeutet, dass die Herrschaftsverhältnisse in einer unverbindlichen Rahmensituation auf den Kopf gestellt wurden. Schüler konnten kurz aus ihrem Alltag entfliehen und durften den Erwachsenen Anweisungen geben.

Geschichte

Das Schülerbischoffest wurde wohl zum ersten Mal an der Kathedrale von Rouen im frühen Mittelalter gefeiert. Damals noch am Fest der Unschuldigen Kinder, doch verlegte man das Fest im 12. Jahrhundert auf den Nikolaustag, weil Nikolaus als Schutzpatron der Schüler und Studenten galt.

In Schwaben erhielten sich nur wenige Quellen für geistliche Schauspiele im Mittelalter, auch Schulfeste sind hier nur selten belegt.

Im 12. Jahrhundert schreibt der Probst Gerhoh von Reichersberg? (1093 – 1169), dass an der Domschule? Augsburgs Schulfeste gefeiert wurden, etwa an Weihnachten, am Tag der Unschuldigen Kinder und in der Passions- und Osterwoche. Es gab zu diesen Anlässen vor allem Theateraufführungen mit Szenen aus dem Leben Jesu, an die sich oft Possen- oder Spektakelstücke mit weltlichem Inhalt anschlossen.

Im 14., 15. und beginnenden 16. Jahrhundert belegen die Beschlussbücher (Rezessionalien) des Augsburger Domkapitels? weitere Schülerfeste an der Domschule?. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit wählten die Domschüler danach einen „episcopus puerorum“, einen Schülerbischof, während die Lektoren sogar einen Papst aus ihrer Mitte wählten. Mit der „Papstwahl“ wurde bald das „Eselsfest“ verbunden, bei dem man die Flucht nach Ägypten spielte. Waren der Schülerbischof und der Lektorenpapst gewählt, durften sie eine Art Gottesdienst feiern und predigen, anschießend veranstaltete man einen Umzug durch Augsburg und bettelte um Gaben.

Der Magistrat ? Augsburgs sah diese Feste nicht gern, denn oft arteten sie aus. Es gab deshalb Beschränkungen und Verbote. Im 16. Jahrhundert verloren die geistlichen Schulen auch in Augsburg ihre Bedeutung oder schlossen, weshalb die entsprechenden Schulbräuche ebenfalls untergingen. 1544 wurde in Augsburg der letzte Schülerbischof gewählt. Die Reformation hatte das Fest suspekt gemacht.

Allerdings führte Kardinal Kardinal Otto Truchseß von Waldburg an der 1549 gegründeten Universität Dillingen? den Brauch des Schülerbischofs ein. 1565 wurde er dort unter den Jesuiten zum letzten Mal begangen.

Spätestens in der Aufklärungszeit verschwand der Brauch des Schülerbischofs in den letzten katholischen Gebieten, wo er gefeiert wurde.

Details

In Augsburg hielt der "Papst" mit seinem Gefolge am Tag oder mehrere Tage nach dem Fest ein Gastmahl, das z. T. sogar vom Domkapitel? mitfinanziert wurde. Nachdem der Brauch des Schülerbischofs in der Nachreformation in Augsburg verloren ging, hielt man jedoch noch einige Zeit an diesem so genannten "Papstmahl" fest.

Erst als die geistlichen Schulen an Bedeutung verloren oder geschlossen wurden, ging das Brauchtum des Schülerbischofs auf Stadt- und Bürgerschulen über und breitete sich über das ganze Abendland aus.

Weblinks


Hauptseite | Tradition und Geschichte | S | Schülerbischof


Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de




FacebookTwitThis