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Schlacht- und Viehhof Augsburg

Ein ehemaliger städtischer Schlachtbetrieb in der Proviantbachstraße (Textilviertel), in dem heute u. a. die Gastronomiebetriebe Schlachthof Restaurant und Bar und die Kälberhalle Gäste anlocken.

Allgemeines

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Tiere werden in Gefängnissen gehalten, vielleicht sollte man auch Stehsärge zu den Abteilen sagen, die ihnen vom Menschen zugestanden werden. Neonröhren sind oft das einzige Licht, das ihnen aufgeht, mit der chemischen Keule prügelt der Mensch ihre Grundbedürfnisse nieder, ihre Triebe werden vom Menschen ökonomisiert, ihr Leben mechanisiert. Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist groß geworden. Während der Mensch noch vor wenigen Jahrhunderten mit den Tieren zusammenlebte, hat er Tiere nach und nach entrechtet. Heute kann jeder so viel Fleisch essen, wie er will, die Versorgung ist flächendeckend geworden, sie ist zu einer Industrie geworden. Möglich gemacht wurde das unter anderem durch industrialisierte Tiertötungsanstalten wie den Augsburger Schlacht- und Viehhof mit seinen Schlachthallen für Groß-, Kleinvieh und Schweine, seinen Kühlhallen, seiner industrialisierten Tötung.

Vorbild der Tiertodesfabriken, wie sie in Augsburg gebaut wurden, war das Pariser Zentralschlachthaus La Villette, das zwischen 1863 und 1867 vor dem Festungsgürtel der Stadt errichtet wurde. Fast zur gleichen Zeit hat man in der Neuen Welt das Töten von Tieren durchrationalisiert. Davon zeugen vor allem die Schlachthäuser von Chicago, die etwa zur gleichen Zeit errichtet wurden. Es war ein gigantisches Schlachtreich, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Per Bahn gelangten Millionen von Tieren in die Schlachthallen, um hier getötet, zerlegt und gehäutet zu werden, bevor sie in Stücken per Kühlwagen oder in Dosen die Stadt wieder verließen. Um nur eine Zahl zu nennen: Ende des 19. Jahrhunderts wurden in der Chicagoer Anlage am Tag 200.000 Schweine geschlachtet. Die Durchrationalisierung dieser Fleischverarbeitungsanlagen war so klug, dass sie später von Henry Ford für die Fließbandarbeit in der Automobilindustrie aufgegriffen wurde.

Mit der Mechanisierung des Tieretötens wurde durch solche Anlagen der Fleischkonsum deutlich in die Höhe getrieben. Mehrere Hundert Tiere verspeist der Durchschnittsdeutsche heute im Lauf seines Lebens. Haustierrassen, die nicht so produktiv sind wie andere, werden von der Industrie ausgemerzt, weil sie nicht profitabel genug sind. Die Fleischindustrie züchtet wachstumsbeschleunigte und ertragsmaximierte Rassen. Das Elend der Tiere wird dabei ausgeblendet. Nur manchmal scheint es im Zusammenhang mit Maul- und Klauenseuche, Rinderwahn oder Schweinepest kurz auf. Um die tierische Not verdrängen zu können, wurden die Vieh- und Schlachthäuser schon in der Frühzeit der Industrialisierung außerhalb der menschlichen Siedlungen angelegt, Unbefugten der Zutritt verwehrt. Damit hat man die Illusion vom "sauberen" Tiertod gezüchtet. Auch der ehemalige Augsburger Schlacht- und Viehhof gehört zur Geschichte der anthropozentrischen Moral, die aus dem Christentum erwuchs und kaum auf das Leid der Tiere Rücksicht nimmt.

Heute sind von der weiträumigen Anlage noch einige Verwaltungsgebäude und im Bereich des ehemaligen Viehmarktes einige Bauten erhalten. An der Proviantbachstraße liegt der Eingangsbereich, wo noch drei kubische Baukörper erhalten sind: das Verwaltungsgebäude, die Restauration mit erdgeschossigem Saalanbau und die Direktion mit Wohnung.

Geschichte

Um den Preis und die Qualität der Fleischversorgung kontrollieren zu können, gab es in Augsburg schon im Mittelalter ein Schlachthaus, in dem laut Stadtrecht von 1276 alle Rinder, Schafe und Kälber geschlachtet werden mussten. Im Jahr 1355 bezeugt ein Dokument neben dem Kloster Maria Stern ein Schlachthaus. Dieses wurde 1431 erweitert. In den Jahren 1606 bis 1609 hat Elias Holl auf Veranlassung des Stadtrats die Stadtmetzg gebaut. Ganz in der Nähe baute man auch ein Schlachthaus (Schlachthausgässchen? 4; Baurat: Kollmann). Schon 1718 musste es erweitert und 1850 durch einen Neubau ersetzt werden. 1878 befasste man sich mit Plänen zu einem neuen Schlachthaus, weil in der Altstadt von Augsburg keine weiteren Anbauten mehr möglich waren und es hygienische Bedenken gegen eine weitere Schlachtabfallbeseitigung in dem vorbeifließenden Lechkanal gab. Beschlossen hat die Stadtverwaltung den Bau des Schlacht- und Viehhofs Augsburg im Jahr 1889. Als dann der Schlacht- und Viehhof Augsburg gebaut wurde, hatte die Stadt 89.000 Einwohner, eine Versorgung durch die innerstädtischen Schlachtereien konnte nicht mehr gewährleistet werden.

Der neue Schlacht- und Viehhof Augsburg wurde in den Jahren 1898 bis 1900 von Fritz Steinhäußer? (Stadtbaurat?) und dem Architekten Gotthelf Stein? errichtet. Eröffnet wurde der Hof am 8. Oktober 1900 als damals wohl modernste Tiertötungsanlage im Deutschen Reich. Gekostet hat sie etwa 3 Mio. Reichsmark. Das alte Schlachthaus in der Altstadt wurde zur Fischhalle umgewidmet.

Die Stelle, an der man den Augsburger Schlacht- und Viehhof errichtete, hatte für die Versorgung von Augsburg seit dem Mittelalter große Bedeutung, denn hier lagerte die Stadt seit damals Vorräte für die Versorgung ihrer Bewohner in Notzeiten oder Hunngerjahren. Die Vorräte konnten auf dem Proviantbach mit Flößen leicht herbeigeschafft werden.

Im Lauf der folgenden Jahrzehnte wurden Gebäudeteile immer wieder umgebaut oder erweitert. In den Jahren 1975 bis 1981 hat man die Anlage einer Generalsanierung für etwa 16 Mio. DM unterzogen und zum zweitgrößten Schlachtzentrum Bayerns ausgebaut. Für das Jahr 1996 nennt das Augsburger Stadtlexikon folgende Zahlen: Schlachtviehauftrieb von 229.422 Tieren, 218.163 Schlachtungen, Herstellung von 2,8 Mio. Rind-, 0,4 Mio. Kalb-, 15,8 Mio. Schweine- und 0,1 Mio. Kilogramm Schaffleisch. Der Einzugsbereich dieser Tiertötungsanlage umfasste fast ganz Bayern. Dennoch sank der städtische Schlachthof in den 1990er Jahren immer mehr in die roten Zahlen und man diskutierte lange darüber, ob er geschlossen oder privatisiert werden sollte.

Am 25. Juli 1997 hob die Stadt die Gebührensatzung für den Schlacht- und Viehhof Augsburg auf. Am 28. März 2004 folgte die Schließung der bisher vierten städtischen Schlachtanlage. Damit hat aber die industrielle und mechanisierte Tötung von Tieren in Augsburg kein Ende gefunden. Das Leid der Tiere hält an. Auf dem südlichen Teil des Geländes nahm im April 2004 ein neuer Kompaktschlachthof der Augsburger Schlachthof GmbH? seinen Betrieb auf und auch anderswo in der Stadt wird weiterhin industriell Fleisch erzeugt.

Nachdem sich die öffentliche Hand aus dem Schlachtbetrieb zurückgezogen hatte, fielen die meisten Flächen erst einmal brach. Um eine städtebauliche Ordnung und nachhaltige Gesamtentwicklung des ehemaligen Schlachthofareals voranzutreiben, erarbeitete die Stadt Augsburg zunächst ein Entwicklungskonzept für das gesamte Areal. Das sah z. B. vor, dass auf einem Teilbereich des Areals ein Teppichmarkt mit ca. 3.200 Quadratmeter Verkaufsfläche, ein Lebensmittel-Discounter mit ca. 700 Quadratmetern sowie ein Tiernahrungsmarkt mit ca. 450 Quadratmetern angesiedelt werden sollten. In Gesprächen mit verschiedenen Investoren wurden die vorgesehenen Verkaufsflächen nochmals konkretisiert und die zulässigen Verkaufsflächen auf maximal 1.200 Quadratmeter mit zentrenrelevanten Sortimenten und maximal 4.100 Quadratmeter mit nicht zentrenrelevanten Sortimenten festgelegt. In dieser Zeit wurde viel Inventar der Anlage billigst verkauft, etwa die "Rinderlaufbahn" an den Sudan für 25.000 Euro (der Neuwert einer solchen Anlage liegt bei rund einer Million Euro), die "Schweinestraßen" für wenige Rubel nach Russland usw.

2006 kaufte die Dierig Holding AG? große Areale auf dem Gelände des früheren Schlacht- und Viehofs, z. B. die Kälberhalle oder die frühere Gastronomie, in der im Frühjahr 2010 der Schlachthof Restaurant und Bar eröffnete. Insgesamt hat die Dierig Holding AG? etwa 15.000 Quadratmeter Gewerbefläche aufgekauft. Geplant ist neben der Erlebnisgastronomie auch eine Nutzung der Kälberhalle als "Kunst- und Kulturtreffpunkt im KU-Werk".

2008 erhielt die Dierig Holding AG? den Augsburger Fassadenpreis für die vorbildlichen Maßnahmen an den ehemaligen Schweineverkaufshallen. Man hat bauliche Störungen, die im Laufe der etwa 100-jährigen Nutzung entstanden waren, beseitigt, das zweifarbige Sichtziegelmauerwerk erhalten und ergänzt, die Westfassade, in die man große Sektionaltore eingebaut hatte, wieder hergestellt und Holzfenster mit Sprossen und Sichtbetonfensterbänke eingebaut, das Gebäude also nahezu in seinen Originalzustand zurückversetzt.

Im März 2010 einigte sich die Dierig Holding AG? mit Hasenbräu auf die Verlegung des gesamten Brauereibetriebs von der Weiten Gasse? auf das Gelände der Dierig Holding AG? auf dem alten Schlacht- und Viehhof Augsburg. Es wurde vereinbart, dass die Brauerei in die früheren Nachtstallungen zieht, die von der Dierig Holding AG? für etwa 1,2 Mio. € bis 2011 renoviert wurden.

In der Pressemitteilung von Hasenbräu hieß es: "Am neuen Standort werden der Traditionsbrauerei rund 1.100 Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen ... Mit der Millioneninvestition wird nicht nur die historische Bausubstanz aus Backsteinmauerwerk behutsam saniert. Auch der Innenausbau wird einige Besonderheiten bieten. Dazu gehört vor allem, dass die Gäste im Braustüberl den Brauprozess live verfolgen können. Gebraut werden an der Berliner Allee? die Hasen-Bräu-Biere für den Heimatmarkt Augsburg. Fassfrisch abgefüllt kommen die Bierspezialitäten dann direkt vor Ort oder bei einem der Hasen-Bräu-Gastronomiepartner ins Glas. Stets im Frühjahr kommt als saisonale Spezialität noch das Hasen-Bräu Oster-Festbier hinzu."

Details

Der ehemaligen Schlacht und Viehhof von Augsburg wurde an der Ecke Johannes-Haag-Straße / Proviantbachstraße errichtet. Heute wird das rechteckige Gelände noch von der Berliner Allee? und der Amagasaki-Allee umschlossen.

Die Gebäude waren in zweifarbigem Ziegelmauerwerk erstellt (rote und gelbe Maschinensteine). Auf einer Gesamtfläche von 6,05 Hektar lagen insgesamt 22 Bauten: Verwaltungs-, Dienst-, Restaurationsgebäude, vier Markthallen für Vieh, Verkaufsstallungen, zwei Schlachthallen, eine Kuttelei, ein Kühl- und ein Maschinenhaus. Auch hatte der Schlacht- und Viehhof Anschluss an die Augsburger Localbahn, doch wurden die Gleisanlagen abgebaut, nachdem der Transport von Schlachtvieh per Bahn eingestellt wurde.

Der Neubau lag auf dem Gelände des ehemaligen Städtischen Baumagazins östlich der Jakobervorstadt in der Nähe des Lechs. Den Eingangsbereich baute man in einer Architektur, die sich ein wenig von den anderen Gebäuden absetzte. Statt rote verwendete man violette und gelbe Vollverblender in der Klinkerbauweise und bei den Schieferdächern. Dahinter öffneten sich der Bereich Viehhof und der Bereich Schlachthof. Der Bereich des Viehhofs lag im nordwestlichen Areal der Anlage und machte etwa ein Drittel der Größe aus. Gegen das Schlachthofareal war der Viehhof mit einer Mauer im Moniersystem abgeteilt.

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Von den früher vier Viehmarkthallen ist nur noch die Kälbermarkthalle erhalten. Dabei handelt es sich um eine dreischiffige Großviehverkaufshalle mit etwa 1.700 Quadratmetern. Sie hat zweifarbige Blankziegelwände und Obergaden. Die Fenster des Obergadens waren zunächst gerundet und hatten einen Galerie, später hat man rechteckige Fenster eingesetzt und die Galerie entfernt. Die Dächer der Halle hängen über, über den Seitenschiffen erheben sich Pultdächer über kunstvoll gearbeiteten Eisenkonsolen, die Eisenfenster sind mit Rohglas bestückt, das Dach hat eine offene korbbogige Eisenkonstrukion, die auf Trägern ruht, die durch Säulen gestützt werden. Das Joch ist schmal und markiert den Einlaufbereich der Tiere. Zum Teil haben sich noch Wartebuchten für die Tiere erhalten, die aus schiedeeisernen Holmen und Pfosten gearbeitet sind. Auch Reste des Großhesseloher Klinkerbodens sind noch zu erkennen. Vor der Kälberhalle dehnt sich eine Wiese mit altem Kastanienbestand.

Auf dem südöstlichen Areal stand die Schweineschlachthalle, deren höchster Teil, der Brühraum, mit einem Eberkopf geschmückt war, den man aus Blech getrieben hatte. Etwas weiter östlich erstreckte sich über oktogonalem Grundriss ein langgestrecktes ebenerdiges Gelasse mit einer Holzkonstruktion. Dort lagerte man Talg, Blut und Häute.

Übrigens lag gleich um die Ecke in der Berliner Allee? bis 2012 ein Augsburger Straßenstrich.

Lage


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