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Scherkamp, Jörg

ein Maler, Grafiker und Dichter, der in Augsburg lebte und arbeitete

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Jörg Scherkamp mit Kindern Anfang der 1980er Jahre - (c) by Alfred Schnura

Leben und Wirken

Jörg Scherkamp wurde am 31. März 1935 in Ravensburg geboren. Dort ging er zur Schule, bis er am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 mit seiner Mutter nach Mittelberg im Kleinen Walsertal umzog. In Mittelberg beendete er seine Schulausbildung.

1952 siedelte die Familie nach Augsburg-Pfersee um. Jörg Scherkamp absolvierte eine Lehre als Buchdrucker, schloss diese ab und war in diesem Beruf tätig. 1962 machte er sich als autodidaktischer Maler und Grafiker in Augsburg selbständig.

1965 erhielt er den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg und 1966 den Kunstpreis des Bezirkstags von Schwaben.

Größte Hilfe bei der Herausbildung einer eigenen künstlerischen Konzeption war für Jörg Scherkamp der Augsburger Maler und Grafiker Carlo Schellemann?.

Scherkamp war Mitglied der Künstlergruppe "tendenzen" und im Redaktionskollektiv der gleichnamigen Kunstzeitschrift in München. In Augsburg engagierte er sich im Berufsverband bildender Künstler. Darüber hinaus war Jörg Scherkamp Mitglied und zeitweise Vorsitzender des 1970 in Wuppertal gegründeten Grafik-Werkkreises, in dem sich politisch linke Künstler zusammenschlossen.

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Jörg Scherkamp 1982 im Wald bei Aresing - (c) by Alfred Schnura

Jörg Scherkamp war ein Freund des DDR-Künstlers Willi Sitte. Freunde beschrieben Scherkamp als bayerisches Urviech, laut, beredsam und überredend, undiszipliniert und unerschrocken. Im Herzen soll er jedoch feinfühlig, verletzlich und sogar einsam gewesen sein.

Jörg Scherkamp war zweimal verheiratet; aus den Ehen gingen vier Söhne hervor. Am 27. Februar 1983 verstarb er mit nur 47 Jahren an einem Herzinfarkt in Augsburg.

Eine Gedächtnisausstellung fand 1984 statt. Und 2004 zeigte die Schwäbische Galerie im Volkskundemuseum Oberschönenfeld? die Ausstellung "Nichts nehme ich mit" – Gemälde und Graphiken von Jörg Scherkamp (1935-1983). 2013 veranstaltete der DGB Augsburg? eine Vernissage aus Anlass des 30. Todestags von Jörg Scherkamp.

Werk

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Jörg Scherkamp Der Schneider von Ulm - (c) by Scherkamp-Nachfahren

Jörg Scherkamp hat zahlreiche Mappen und Buchillustrationen geschaffen. Von Scherkamp gibt es Illustrationen zu dem Augsburger Schriftsteller? Bertolt Brecht, z. B. "Der Schneider von Ulm", ein Linolschnitt zu Brechts Gedicht, den Scherkamp um 1968 schuf. Auch Augsburger Altstadtmotive tauchen immer wieder in Scherkamps Werk auf. Dabei hat er zur Fuggerstadt Augsburg mit ihren Widersprüchen, dem idyllisch-betulichen Rückwärtsgewandten und dem technisch-industriellen Weltstadtanspruch ein gespaltenes Verhältnis. Mit großer Hassliebe bleibt er ihr jedoch verbunden. Scherkamp und andere politisch links Engagierte begehrten gegen die noch bis in die 1970er-Jahre hinein stadtoffiziellen Boykotte der Würdigung von Werk und Leben des aus Augsburg stammenden Bertolt Brecht auf. Diese konkreten Auseinandersetzungen prägten Scherkamps politischen Lebensweg und ließen ihn immer wieder mit seinem Werk unmittelbar eingreifen.

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Jörg Scherkamp Novemberrevolution Mittelteil - (c) by Scherkamp-Nachfahren

Jörg Scherkamp war fest in der Augsburger Kunstszene verankert. Immer wieder war er imstand, Lechidylle und schwäbische Landschaft mit dem politischen Blick auf Chile und Vietnam zu verbinden. Ob Druckgrafiken, Zeichnungen oder Temperabilder - Scherkamps Ausdrucksmöglichkeiten waren breit angelegt.

Anfang der 1980er Jahre schuf Jörg Scherkamp acht Bildtafeln zu Peter Weiss’ Romantrilogie "Die Ästhetik des Widerstands": Bedrohung, Angst, Verzweiflung, Resignation, Vernunft, Hoffnung, Überlegtes Handeln, Widerstand hießen die Titel dieser Tafeln. Bildthemen, Motive, malerische und grafische Umsetzung, auch die vom Künstler selbst verfassten poetischen Texte, die er diesen Bildern beigegeben hat, bleiben aufgrund der Katastrophen, Kriege und sozialen Auseinandersetzungen aktuell.

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Jörg Scherkamp Ästhetik des Widerstands Tafel 1 - (c) by Scherkamp-Nachfahren

Der antifaschistische Künstler orientierte sich in seinem bildnerischen Schaffen früh an den Großen der klassischen Moderne. Er übernahm kubistische Elemente in seine Bildsprache, experimentiert mit Formen und Farben ... Auseinandersetzungen mit Form und Farbe allein aber waren ihm zu wenig, früh nahm Scherkamp Historisches und Politisches in seine Bilder auf, illustrierte Prosa und Poesie engagierter Autorinnen und Autoren, arbeitete sich mit Feder, Schneidemesser und Pinsel ab an Geschichte und Gegenwart. Dazu kamen Flugblätter, bemalte Stelltafeln, Linolschnitte gegen Berufsverbote und gegen Raketen nebenbei aus seinem Atelier.

Scherkamp war auf vielen Ausstellungen in Deutschland, der DDR, den Niederlanden, Österreich und Italien vertreten. Er war ein zeitkritischer Künstler, der sich politisch engagierte. Aber war er ein "Politkünstler"? So einfach lässt sich Jörg Scherkamp nun doch nicht einordnen. Scherkamps Realismus bezog sich zwar meist auf konkrete gesellschaftliche Umstände, doch waren seine Bilder und Texte alles andere als platt naturalistische Widerspiegelungen widriger Wirklichkeiten, garniert mit Appellen.

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Jörg Scherkamp Landschaft in Spanien 1978 - (c) by Scherkamp-Nachfahren

Veröffentlichungen u. a.:

  • Nichts nehme ich mit. Gedichte aus d. Nachlass ausgew. u. hrsg. von Pit Kinzer, Augsburg 1984

Stellungnahme Gammel

Jörg Scherkamp hat zusammen mit Carlo Schellemann? und Frieder Pfister? "die Moderne" nach Augsburg gebracht und eine ganze Generation von Künstlern, wie z. B. Pit Kinzer beeinflusst. Er war menschlich, aber nicht leicht zugänglich, sondern ein Kämpfer. Er hat den BBK? zu einer Interessenvertretung der Künstler gemacht, ohne ihn wäre das nie gelungen. Die bürokratischen Verwalter heute wären ihm zutiefst verpflichtet, wenn sie sich nicht selbst für so wichtig hielten.

Scherkamp hat sich für Brecht in Augsburg eingesetzt, als das noch fast als Verbrechen galt. Besonders weil er sich als Kommunist in der DKP engagierte. Als er kein Geld mehr hatte, ging er betteln bei Rechtsanwälten und anderen Wohlhabenden, um Bilder zu verkaufen. Er war cholerisch und aufbrausend, aber er war menschlich. Als ich mit 16 Jahren mal von zu Hause floh und nachts nicht wusste, wo ich hingehen konnte, da habe ich bei ihm geklingelt. Er ließ mich damals nicht rein. Aber ich wusste nicht, wohin ich sonst hätte gehen können, er war mein einziger Freund. Dafür hatten wir mal etwas später eine Auseinanderstzung im Gewerkschaftshaus. DDR gegen MAO-Linke. Ich wurde ausgebuht. Da sagte Jörg: Ruhe, lasst den Gammel reden, dem sein Bruder haben sie umgebracht! Er war ein Fighter, aber menschlich.

Ich habe also nur liebe Erinnerungen an ihn. Und ich hatte Bilder von ihm gekauft und viele Jahre bei mir hängen. Zu einem Gedicht von Sarah Kirsch. Ich hatte dann auch Texte dazu geschrieben, aber nie hat mir jemand dafür etwas bezahlt. Das soll jetzt nicht nostalgisch kitschig klingen. Aber es ist authentisch. Es ist genauso authentisch wie die Karriere von Frieder Pfister?. Der vom Künstler zum Stadtplaner wurde und von der Stadtsparkasse durch Kreditsperre in den Ruin getrieben wurde und an den untersten Rand der Existenz. Kritik an der Augsburger Stadtplanung war halt nie beliebt.

Es ist bitter, dass Scherkamp nicht mehr lebt, um dazu etwas zu sagen. Und es ist auch bitter, dass Frieder Pfister? ein Notquartier in der Kaserne in Kriegshaber bekommen hat, damit er nicht unter einer Brücke schlafen muss. Er malt jetzt schwarz-weiße Kalligraphien.

Jörg Scherkamp hat zusammen mit Carlo Schellemann? und Frieder Pfister? "die Moderne" nach Augsburg gebracht. Eine Ironie der besonderen Art ist es, wenn dazu in der Toskanischen Säulenhalle eine Ausstellung stattfindet zu Friedensplakaten und Positionen der 1950er und 1960er Jahre, und die noch lebenden relevanten Künstler in Wirklichkeit dahinvegetieren müssen.

Von Reinhard Gammel, Augsburg 21. März 2017

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