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Ruethenfest

ein alle vier Jahre in Landsberg am Lech stattfindendes historisches (Kinder)-Fest

Allgemeines

Das Ruethenfest Landsberg wird von der Landsberger Jugend auf dem Hauptplatz der Stadt aufgeführt. Eröffnet und beendet wird es von dem Landsberger Bürgermeister. Es soll dabei die Geschichte zu neuem Leben erwachen. Das Ruethenfest versteht sich also als „historisches“ Fest. Fragen zu Ursprung und Entwicklung des Festes sind im Stadtarchiv Landsberg aufbewahrt (Akten zum Ritten- bzw. Ruethenfest). Das traditionelle Kinderfest in Landsberg am Lech ist eines der ältesten und größten in Süddeutschland?. Kinder und Jugendliche spielen auf dem Ruethenfest Persönlichkeiten und Ereignisse der Landsberger Stadtgeschichte nach (ähnlich wie auf dem Tänzelfest? in Kaufbeuren. So soll das Ruethenfest junge Menschen mit der Stadt und ihrer Geschichte verbinden, damit gleichzeitig in einer turbulenten Zeit Halt und Orientierung verleihen.

Am häufigsten kommt das 1905 uraufgeführte Stück „Der Jungfernsprung zu Landsberg“ von Cornel Schmitt zur Aufführung. Das Rahmenthema des vieraktigen Dramas bildet die Erstürmung Landsbergs durch den schwedischen General Torstenson im Dreißigjährigen Krieg. Die einzelnen Handelsstränge bzw. Personen des Intrigenspiels rund um den Stadtschreiber Lohnecker und den Bürgermeister Unfried sind frei erfunden. Die Erstürmung Landsbergs durch die Schweden und der legendenhafte Sprung Landsberger Jungfrauen in den Tod (1633) verbinden zeitlose Bürgertugenden mit der Stadtgeschichte Landsbergs. [

Ausgerichtet wird das Fest vom Ruethenfestverein, der etwa 1.400 Mitglieder hat, von denen etwa 800 Mitglieder aktiv sind und sich etwa 250 am Ruethenfest direkt beteiligen. Die Kulisse ist die Altstadt Landsbergs: Der Umzug bewegt sich, beginnend in der Spöttinger Straße bzw. Katharinenstraße, über die Karolinenbrücke in die Altstadt. Dort säumen die am Ende des 14. bzw. am Anfang des 15. Jahrhunderts entstanden Handwerks-, Bürger- und Lagerhäuser sowie die Kirchen – heute allesamt unter Denkmalschutz – den Umzug.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts blieben Festablauf und Anordnung der Festwagen nahezu unverändert. Jungen und Mädchen mit Ruten in der Hand eröffnen den Zug von Fußgruppen, Fanfaren- und Spielmannszügen, danach folgen Motivwagen wie der Blumenwagen, der die Frühlingsblumenpracht symbolisiert, der Rosenwagen als Symbol für den Frühsommer, der Spitalstiftungswagen, der für die Stiftung des Heilig-Geist-Spitals durch Herzog Ludwig den Brandenburger 1349 steht, der Bayerntorwagen mit dem Modell des 1425 erbauten gotischen Bayerntors, der Herzog-Ernst-Wagen, der Landsberger-Bund-Wagen, der an 1556 erinnert, der Kampfwagen als Verteidigung gegen die Schweden 1633, der Jungfernsprungwagen, von dem Jungfrauen vor ihrer Entehrung fliehen, der Dominikus-Zimmermann-Wagen, der den Stadtbaumeister ehrt, der Stadtwagen mit dem Wappen der Stadt und der Bayernwagen mit der Schutzpatronin Bayerns.

Geschichte

Das Ruethenfest taucht in einem Ratsprotokoll aus dem Jahre 1751 zum ersten Mal schriftlich belegt auf (Rittenfest). Ritten, Rüetten oder Riad bedeutet im schwäbischen bzw. altbayerischen Dialekt den Plural des Wortes Rute, lateinisch virga.

Nach den napoleonischen Kriegen um das Jahr 1800 wurde das Ruethenfest ab dem Jahr 1827 in unterschiedlichen Abständen und unterschiedlichen Formen gefeiert.

Erst seit dem Jahre 1835 ist die Festtradition nahezu lückenlos dokumentiert. Es spielen zwar noch immer die Kinder die Hauptrolle, aber davon abgesehen erinnert kaum noch etwas an ein Schulfest. Fortan bildet ein alle ein bis fünf Jahre stattfindender Umzug den Mittelpunkt des Festes, wobei es zu Beginn noch kein festes Rahmenthema gegeben zu haben scheint.

Mit der Thematisierung des bayerischen Herrschergeschlechts im Jahre 1880 zum 700jährigen Regierungsjubiläum der Wittelsbacher erlebte das Landsberger Fest den Auftakt zur Historisierung.

Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts scheint eine Rückbesinnung auf den Ursprung des Festes stattgefunden zu haben. Dies zeigt die Vertretung der Ruethenkinder im Festzug. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich parallel zum Umzug die Aufführung eines historischen Schauspiels.

Abgesehen von einigen Ergänzungen, wie etwa dem Bayertorwagen (seit 1925) oder die Zusammenlegung der Prunk- und Tanzwagen zu einem Herzog-Ernst-Wagen (seit 1930), besteht diese Festzugsordnung noch heute.

1926 gegründete sich der „Ruethenfestvereins e. V. Landsberg a. L.

Beim Ruethenfest 2003 zählten die Veranstalter ca. 30 000 Besucher. Und beim Ruethenfest 2007 reichten die 1100 vorhandenen Kostüme nicht aus, um allen angemeldeten Kindern die Teilnahme zu ermöglichen.

2015 wurde das Ruethenfestspiel "Licca Line" aufgeführt. Im Mittelpunkt der Aufführung standen 40 Landsberger Jugendliche im Alter von zehn bis 18 Jahren, die auf 60 bis 160 Zentimeter hohen Stelzen den Platz bespielten. Das in Landsberg ansässige Theater „Die Stelzer“ entwickelte im Auftrag des Ruethenfestvereins e.V. 2011 dieses Freilichtfestspiel als einen weiteren Höhepunkt des Ruethenfestes. Damit wurde an die Tradition früherer Festspiele angeknüpft und im Speziellen der Charakter des Ruethenfestes als ein Fest für Kinder betont. Ebenfalls 2015 fand im städtischen Museum Landsberg eine Ausstellung "Das Landsberger Ruethenfest. Geschichte eines Kinderfestes" statt.

Details

Das Ruethenfest zieht sich über zwei Wochenenden. Vor allem die Festumzüge am zweiten Ruethenfestwochenende sind mit den prachtvollen Pferdegespannen sowie den liebevoll geschmückten Wägen Höhepunkte der gesamten Festwoche und ein unvergessliches Erlebnis für alle teilnehmenden Kinder und Besucher.

In der gesamten Altstadt Landsbergs findet Bewirtung durch die örtliche Gastronomie statt. Es gibt ein Landsknechtslager vor dem Sandauer Tor, ein Schwedenlager am Bayertor, ein Pandurenlager an der Lechstraße, ein kaiserliches Lager auf dem Schloßberg, Straßentheater, Standkonzerte, Serenaden, Fahnenschwinger, Feuerkünstler und sonstige Darbietungen in mittelalterlichen Höfen und auf historischen Plätzen.

Eine Entstehungstheorie des Ruethenfestes geht davon aus, dass das Landsberger Fest seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges besteht (Artikel am 20. Juli 1839 im „Landsberger Tagblatt“): „Die Stadt Landsberg gibt schon seit dem Jahre 1647 zum Gedächtnis des Abzugs der feindlichen Schweden ihrer Schuljugend alle 3 Jahre ein Fest, welches man ‚Ritten’ zu nennen pflegt.“

Auf die etymologische Deutung des Festes stützt sich die zweite Theorie über die Entstehung des Festes. Der zufolge ist das in Landsberg nicht urkundlich belegbare Virgatumgehen der Festursprung. Bei diesem Brauch, der sich in Bayern bis in das Jahr 1426 zurückverfolgen lässt, sollen die Schüler im Frühjahr gemeinsam mit ihren Lehrern ins Grüne gezogen sein, um „den für sie = die Schüler nötigen Bedarf an Ruten selbst herzuschaffen“. Wenn bei diesem Fest die Rute überhaupt einen Rolle spielte, dann wohl am ehesten als eine Art Festzeichen, das die an diesem Tag außer Kraft gesetzte Schuldisziplin symbolisieren sollte.

Vor 1900 sprach man von "Ritten-", "Rietten-" oder "Riedenfest", danach wurde Ruethenfest die offizielle Bezeichnung des Landsberger Kinderfestes. Nun nutzte man Motive der Stadtgeschichte als Vorlage für das Schmücken von Festwägen und die Kostümierung der am Festzug beteiligten Kinder. Damals begannen die Veranstalter des Umzuges erstmals die vier Fresken des Landsberger Rathauses in die Gestaltung der Motivwagen mit einzubinden.

Zurück zur etymologischen Erklärung des Ruethenfestes. "virgatum ire" ist ein lateinischer Begriff und wurde mit "Ruten holen" übersetzt. Die in früheren Jahrhunderten gebräuchliche Übersetzung ist aber "Müßiggang". Das lässt sich mit einem Blick nach Augsburg und Aichach bestätigen. Aus Berichten der Stadt Augsburg geht hervor, dass die "Rüetten" Schulausflüge ins Grüne waren, bei denen die Beteiligten verköstigt wurden und miteinander spielten. Die Schüler wurden dabei von ihren Eltern und zum Teil auch von Spielleuten begleitet. Wenn zum Tanz aufgespielt wurde, sprach man von einer "rechten Rüetten". Auch in Aichach war die "Rüden" ein volksfestähnliches Vergnügen und nicht ein Ruten-Sammeln im Wald. "Rüetteln" war also in der Zeit vor dem 19. Jahrhundert eine Bezeichnung für einen Auflug ins Grüne war.

Auch das Rutenfest Ravensburg? scheint seinen Ursprung in einem ähnlichen Ritual zu haben.

Weblinks


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