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Riedinger, Ludwig August

technischer Direktor der SWA; gehörte zur ersten Generation Augsburger Fabrikdirektoren, die sich als Unternehmer-Patriarchen gerierten; Gründer weiterer Augsburger Firmen

Leben und Wirken

Vor Augsburg

Ludwig August Riedinger wurde am 19. November 1809 in Schwaigern (heute Baden-Württemberg) als Sohn eines Schneiders geboren. Seine Eltern waren sehr arm. Ludwig August war der jüngste von vier Söhnen des Schneiders, der noch eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieb. Er lernte das Schreinerhandwerk zwischen 1824 und 1827 in Güglingen. Noch während seiner Lehrjahre starben beide Eltern Riedingers.

Als Schreinergeselle arbeitete Ludwig August Riedinger anschließend in Ludwigsburg. Danach wurde er als Modellschreiner in der Baumwollspinnerei der Gebrüder Hartmann in Heidenheim an der Brenz angestellt. Hier zeigte sich seine Begabung und sein Ehrgeiz, denn über seine Schreinereiarbeiten hinaus interessierte er sich für den damals neuen Industriezweig der Spinnerei. Er eignete sich im Selbststudium so tiefgehende Kenntnisse der neuen Produktionsmethoden an, dass er schon bald im Betrieb verbesserte Instrumente und Maschinen herzustellen in der Lage war.

1833 heiratete Ludwig August Riedinger Wilhelmine Spellenberg. Sie gebar ihm sechs Kinder, unter anderem August Riedinger, der in die Fußstapfen seines Vaters trat.

Als es Ludwig August Riedinger gelang eine neue brauchbare Maschine für die Textilindustrie? zu erfinden, wurde er in dieser Branche bekannt und fand als Werkmeister in der neugegründeten Spinnerei Herbrechtingen eine Anstellung. Dort war er mehrere Jahre tätig, bevor er 1839 als Spinnmeister (Karderiemeister), 30 Jahre alt, für die neuerrichtete Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg gewonnen wurde.

In der SWA

In Augsburg arbeitete sich Ludwig August Riedinger innerhalb kurzer Zeit zum Fabrikdirektor hoch. Manche Quellen lassen ihn 1842, andere 1843 technischer Direktor der SWA werden. Nach den einen Quellen ist er das bis 1852, nach den anderen bis 1854. Wie dem auch sei: Er war für den anschließenden Aufstieg der Firma die treibende Kraft. Gleich nach der Übernahme seiner Stelle als technischer Direktor begann Riedinger einen Stamm einheimischer Facharbeiter heranzubilden, um der Firma über das Technische hinaus eine gute Basis zu schaffen. Und er sorgte wie ein Familienvater für die ihm unterstellten Arbeiter, kam er doch selbst aus einfachsten Verhältnissen. So initiierte er eine betriebliche Krankenkasse (1849), eine Spar- und Pensionskasse (1851) und begann mit dem Bau von Arbeiterwohnungen. Als "Mann des Volkes" hatte er bis zu seinem Tod ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Arbeiter.

1849 begann Ludwig August Riedinger auf Vermittlung von Emil Dingler?, dem Herausgeber des Polytechnischen Journals?, eine Holzgasanlage, die der Münchener Max Pettenkofer entwickelt hatte, in der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg einzubauen. Der Erfolg brachte eine bleibende Verbindung mit Max Pettenkofer, der sich mit Riedinger in Verbindung setzte und ihn für die Beleuchtung mit Holzgas begeisterte. Unter den damaligen Verhältnissen war Holzgas das billigste Gas für die Beleuchtung.

1851 wagte der zusammen mit Pettenkofer, dem Fabrikanten Riemerschmid und zwei weiteren Teilhabern den Bau einer Holzgasanstalt für die Beleuchtung des Münchener Bahnhofs. Auch dieses Unternehmen wurde ein Erfolg, so dass er im Jahr darauf zusammen mit den Augsburger Kaufleuten Johann und Julius Schürer die Gasanstalt in Bayreuth? erbaute.

Selbständigkeit

Die Gasbeleuchtung ließ Ludwig August Riedinger keine Ruhe mehr und so verließ er die Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg (SWA) entweder 1852 oder 1854 und widmete in der Folge dem Bau von Gasanstalten und der Gasbleuchtung in ganz Deutschland. Auf dem Eisenhammer? gründete Riedinger eine Fabrik, um Gasapparate zu produzieren. In 25 bayerischen und weiteren 42 europäischen Städten richtete Riedinger die Gasbeleuchtung ein. Die L.A. Riedingersche Maschinen- und Bronzewarenfabrik geht entweder auf das Jahr 1854 oder 1857 zurück, je nachdem an welche Quellen man sich hält. Möglich ist auch, dass Riedinger die Fabrik 1854 zunächst als Gasapparatefabrik gründete und 1857 zu einer Maschinenfabrik ausbaute.

Die Riedingersche Fabrik belieferte Gasanstalten mit allem, was sie brauchten, vom Sammelgasbehälter bis zum Brenner sowie alle Arten von Leuchtern (Gaslampen und Gaskandelaber). In der Altstadt von Augsburg soll die ein oder andere „Riedinger-Leuchte“ noch zu sehen sein. Später erweiterte er seine Fabrik durch eine eigene Eisengießerei, in der er selbst Brauereieinrichtungen herstellen ließ. Im Zusammenhang mit der Gaserzeugung half Ludwig August Riedinger bei der Gründung weiterer mechanischer Spinnereien und Webereien in Bamberg?, Bayreuth?, Erlangen?, Esslingen am Neckar, Köln, Kolbermoor?, Kulmbach? und Worms.

1862 baute Ludwig August Riedinger am Obstmarkt 2 an der Stelle des früheren Imhofhauses? das so genannte Riedingerhaus ein palastartiges Anwesen, das 1928 in städtischen Besitz überging und ab 1938 als Verwaltungsgebäude der Stadtwerke Augsburg diente. Weil es 1944 zerstört wurde, ersetzten es die Stadtwerke Augsburg 1955 durch einen Neubau, der noch heute Sitz der Stadtwerke Augsburg ist.

1863 gründete Ludwig August Riedinger die Gesellschaft für Gasindustrie in Augsburg AG? und konnte das von ihm gebaute Gaswerk II in der Badstraße in Betrieb nehmen.

Die Augsburger Buntweberei gründete Riedinger im Jahr 1865 und erweiterte sie 1869 um eine Baumwoll- und 1873 um eine Buntspinnerei.

In den 1870er Jahren beschäftigte Ludwig August Riedinger etwa 400 – 500 Menschen in seinen Fabriken.

Für das Theater Augsburg ließ L. A. Riedinger 1877 einen Lüster mit 480 Gasflammen fertigen.

1878 kaufte er das Hotel Drei Mohren, wo noch heute ein Portrait an ihn erinnert. Auf sein Drängen hin hatte man das traditionsreiche Haus in ein Hotel ersten Ranges verwandelt, bevor er es kaufte.

Am 20. April 1879 starb L. A. Riedinger an einem Schlaganfall. Er war einer der reichsten Unternehmer von Bayern. Seinem Leichenzug sollen etwa 10.000 Menschen zum Protestantischen Friedhof gefolgt sein, wo seine Grabstätte noch heute besucht werden kann.

Ludwig August Riedinger hinterließ ein kleines Firmenimperium mit Gießereien, Spinnereinen, einer Hammerschmiede, der Maschinen- und Bronzewarenfabrik … Seine Fabriken übernahmen zwei Söhne, wovon vor allem der Sohn August Riedinger die Technikbegeisterung und Innovationsfähigkeit seines Vaters erwies.

Würdigung

Für die Industriegeschichte Augsburgs hat Ludwig August Riedinger eine Bedeutung wie wenig andere erlangt. Was er schuf, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Alles erreichte er durch Fleiß und Talent, weshalb ihm selbst die Arbeiter im Revolutionsjahr 1848 ihre Anerkennung nicht versagten. Trotz Anerkennung und Reichtum soll er ein schlichter und einfacher Mann geblieben sein.

Vielfältig waren Riedingers Talente und Interessen, weshalb er sich in der Textilindustrie?, im Maschinenbau und sogar in der Hotellerie betätigte. Zu seinem Todeszeitpunkt schätzte man sein Vermögen auf über vier Millionen Goldmark, was er seinem technischen Wissen, seinem Organisationstalent und seiner Fähigkeit, das Machbare zu erkennen verdankte.

Auszeichnungen

  • 1837 Preis für Verbesserungen an einer Vorspinnmaschine
  • 1850 Augsburger Ehrenbürgerrecht; Goldene Verdienstmedallie der bayerischen Krone
  • 1854 Ehrenbürger von Coburg? und Goldene Medaille des Großherzoglich Sächsisch-ernestinischen Hausordens
  • 1856 Ritterkreuz des Bayerischen Verdienstordens vom heiligen Michael II. Klasse
  • 1858 Herzoglich Coburg-gotha. Finanzrat
  • 1860 Belgischer Leopoldsorden
  • 1861 Ehrenbürger von Ancona
  • 1877 Ritterkreuz des Bayerischen Verdienstordens vom heiligen Michael I. Klasse und Großherzoglich Sächsisch-ernestinischer Hausorden I. Klasse

Sonstiges

In Augsburg hat man 1874 die Riedingerstraße? nach Ludwig August Riedinger benannt.

Weblinks


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