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Religionsunterricht

Die Einführung der Simultanschule in Augsburg hatte direkten Einfluss auf den Religionsunterricht - ein weiteres Konfliktfeld im Schulkampf. Die Lehrordnung für bayerische Volksschulen aus dem Jahre 1926 sah drei Religionsstunden für Abschlußklassen vor. Dies war jedoch nicht aufrechtzuerhalten, da der immer umfangreicher werdende HJ-Dienst mehrere Samstage im Monat beanspruchte und die an diesen Tagen ausfallenden Religionsstunden auf die übrige Woche verteilt werden mussten. So verkürzte man den wöchentlichen Religionsunterricht in der Regel auf zwei Stunden. Aber auch diese verbliebene religiöse Unterweisung wurde durch die Bestimmung erschwert, dass Religionsunterricht nur noch in sogenannten Eckstunden erteilt werden dürfe. Eine entsprechende Verordnung des Augsburger Stadtschulrates Heinz Zwisler? schützte jedoch immerhin die verbliebenen Religionsstunden vor dem Ansinnen einiger Schulleiter, den gesamten Religionsunterricht aus ihren Schulen zu verdrängen. Zwisler, ursprünglich Anhänger der Bekenntnisschulen, versuchte in Augsburg einen Restbestand kirchlichen Einflusses im Schulwesen zu erhalten und ermöglichte den Schülerinnen und Schülern auch den Besuch religiöser Veranstaltungen wie Anfangs- und Schlussgottesdienste.361

Im Februar 1938 äußerte der Landeskirchenrat in einem Schreiben an die Regierung von Schwaben und Neuburg? seine Bedenken über die Einführung des simultanen Schulmodells. Statt auf 80 Klassen wie bisher seien die evangelischen Schülerinnen und Schüler, insgesamt 2.943, künftig auf 417 Klassen verteilt, was für die Pfarrer bei der Erteilung des Religionsunterrichtes einen erheblichen Mehraufwand bedeute.362

Die Situation verschärfte sich, als die weltliche Lehrerschaft 1938 den Religionsunterricht restlos niederlegte. Den Mordanschlag auf den Pariser Gesandtschaftssekretär Ernst vom Rath gab der NSLB-Reichsleitung Anlass, sämtliche Lehrkräfte aufzufordern, den Religionsunterricht, der eine Verherrlichung des Judentums darstelle, niederzulegen.

„Damit ist ein Band zerrissen worden, das vierhundert Jahre lang den evangelischen Lehrerstand mit unserer Kirche verknüpft und beiden Teilen großen Segen gebracht hat“, urteilte Meiser in einer Kundgebung vom Dezember 1938. Dies sei um so schlimmer, als man der Öffentlichkeit zur Beruhigung mitgeteilt hatte, der Religionsunterricht werde in seinem vollen Umfang weiter erteilt. Die Geistlichen allein könnten diese Aufgabe neben ihren sonstigen Verpflichtungen nicht bewältigen. Da zu erwarten sei, dass in vielen Klassen nur noch ein Teil des bisherigen Unterrichts erfolgen könne, riet Meiser den Eltern, ihren Kindern selbst biblische Geschichten zu erzählen und sie religiös zu unterweisen.363

Zunächst starteten im November 1938, auch in Augsburg, Unterschriftensammlungen, um dem Unterfangen eine gewisse freiwillige Note zu verleihen. Unbedingt wollte die NSLB-Reichsleitung nämlich verhindern, dass Schulleiter ihre Lehrerinnen und Lehrer zur Niederlegung des Religionsunterrichtes zwingen, was mit Sicherheit erhebliche Proteste hervorgerufen hätte. Im Dekanat Augsburg hatten bis zum 25. November 1938 etwa 30 % der evangelischen weltlichen Lehrkräfte den Religionsunterricht niedergelegt. Am 16. Mai 1939 verordnete das bayerische Kultusministerium endgültig das Ausscheiden des weltlichen Lehrpersonals beider Konfessionen aus dem Religionsunterricht. In Augsburg wurde der Beschluß am 3. Juli 1939 in die Tat umgesetzt, als nämlich das Stadtschulamt verfügte, alle weltlichen Lehrerinnen und Lehrer hätten nach den Sommerferien den Religionsunterricht niederzulegen, wovon 21 evangelische Lehrkräfte betroffen waren. Ein besonders standhafter Rest folgte dieser Aufforderung erst im Herbst aufgrund nachdrücklicher Aufforderung seitens Kultusminister Adolf Wagner.

Der evangelische Religionsunterricht stand im Schuljahr 1939/40 in Augsburg nach diesen Ereignissen vor dem totalen Aus, bedingt vor allem durch die großen Lücken, die durch zur Wehrmacht eingerückte Pfarrer entstanden.364 Bereits im September 1939 waren 200 bayerische Geistliche eingezogen.365

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361 ebd.; S. 153f.
362 Schreiben des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrates München an die Regierung von Schwaben und Neuburg vom 3. Februar 1938; Archiv Schlier.
363 Kundgebung des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrates München vom 14. Dezember 1938; Archiv Schlier.
364 Hetzer: Kulurkampf; S. 152-157.
365 Baier/Henn: Chronologie; S. 238.


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