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Reichsstädtische Kunstakademie

eine zunächst private Kunstakademie (Sandrartsche Kunstakademie9, die 1710 oder 1712 in die Hoheit der Stadt Augsburg überging

Allgemeines

Die ersten Kunsthochschulen oder Kunstakademien wurden meist im 18. Jahrhundert von fürstlichen Landesherren gegründet. Das Ziel dabei war: Die Künstler der Akademien, die als Professoren Studenten ausbildeten, sollten zum Ruhme ihres jeweiligen Landes beizutragen. Die Augsburger Akademie, die zu den frühesten Akademien Deutschlands gehörte, wurde, das unterscheidet sie, nicht von einem Landesherrn, sondern einem Privatmann gegründet: Joachim von Sandrart?). Wie andere Akademien war sie eine Schnittstelle zwischen Kultur und Subkultur, ein Ort, an dem Kunst lebendig stattfand, und eine Nische jenseits den Gesetzen des (Kunst-)Marktes, wenn auch der Gründer die Schüler gerade für den Kunstmarkt der damaligen Zeit ausbilden wollte. So lange die Reichsstädtische Kunstakademie bestand, war sie eine Art Labor für neue Strömungen und verband Technik, Politik, Kunst, Ästhetik und Kultur. Anders ist ihre große Ausstrahlung nicht zu erklären.

Nachdem die Sandrartsche Kunstakademie zur gesamtreichsstädtischen Kunstakademie geworden war, besetzte man sie paritätisch sowohl mit einem katholischen wie mit einem evangelischen Direktor.

Geschichte

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Schon vor dem Jahr 1674 hat der Maler, Zeichner, Radierer und Kunsttheoretiker Joachim von Sandrart? in Augsburg eine private Kunstakademie gegründet, als er von 1670 bis Ende 1673 in Augsburg weilte. Die Hochschule Augsburg? meint sogar, dass das Jahr 1660 ihr Gründungsjahr gewesen sei und schreibt noch 2008 auf ihrer Webseite: "Die Fachhochschule Augsburg darf sich mit Fug und Recht als eine der ältesten deutschen Fachhochschulen nennen, denn kaum eine der ihr vergleichbaren Hochschulen kann in ihren Vorläufereinrichtungen auch nur annähernd auf einen so frühen Gründungszeitpunkt verweisen, wie es ihr dank den umfangreichen Forschungsarbeiten von Nerdinger nunmehr möglich ist, nämlich auf das Jahr 1660. In diesem Jahre verlegte der "Wol edle und Gestrenge Herr" Joachim von Sandrart, Maler, Kupferstecher, Kunstschriftsteller, Kavalier und Hochfürstl. Pfalz-Neuburgischer Rath seinen Wohnsitz für 14 Jahre nach Augsburg und begann sogleich mit seinem ehemaligen Schüler Johann Siegmund Müller mit der Einrichtung von Zeichenunterricht für eine ganze Schar Augsburger Künstler, die er zu einer privaten "Akademie" zusammenschloss. Sandrart hatte diesen Akademiegedanken auf seinen Reisen in Italien kennengelernt und sah in ihm das gegebene Instrument, nach den Verwüstungen des 30-jährigen Krieges mit dieser "Pflanzstätte" die deutsche Kunst wieder zu beleben; Zeichner und Maler sollten lernen und sich fortbilden können und sie sollten - beginnender Utilitarismus - hierdurch neue Erwerbsmöglichkeiten erhalten und sich auch neue Erwerbszweige erarbeiten. Eine Verwirklichung dieses Akademiegedankens sah Sandrart aber nur in den freien Reichsstädten mit ihren entsprechend freieren Verfassungen und so nimmt es nicht wunder, dass er zwei Jahre später, von Augsburg aus, auch eine gleichartige Akademie in [Nuernberg|Nürnberg]] gründete."

Nach allen sonstigen Quellen ist diese Behauptung falsch. In Wirklichkeit war die Nürnberger Akademie die erste deutsche Kunstakademie und die Augsburger wurde nach der Nürnberger gegründet. Immerhin kann sich Augsburg damit immer noch rühmen, eine der ersten deutschen Kunstakademien beherbergt zu haben.

Diese Akademie bestand auch nach Joachim von Sandrarts? Umzug nach Nürnberg weiter, ja wurde ab dem Jahr 1684 von dem Teil des Stadtrats gefördert, der evangelischen Bekenntnisses war. Dazu schreibt die Hochschule Augsburg?: "Die Öffentliche Anerkennung der Augsburger Akademie ließ natürlich, in schwäbischer Vorsicht, längere Zeit auf sich warten und erst 1684 war der protestantische Teil des paritätisch besetzten Rates von ihrem Nutzen überzeugt und sagte ihr seine Unterstützung zu, so dass von diesem Zeitpunkt an von der "Protestantischen Akademie" gesprochen wurde. Es dauerte ein weiteres Vierteljahrhundert, bis der gesamte Rat der Stadt Augsburg sich dieser Akademie an- und sie unter seine Fittiche nahm; im Jahre 1710 wurde sie als "Reichsstädtische Kunstakademie" allen Bürgern zugänglich gemacht und erhielt - in Augsburg selbstverständlich - zwei paritätische Direktoren und (zwei Jahre später) eine feste Bleibe im Oberstock der Stadtmetzg." Es scheint also damals eine evangelische und eine katholische Kunst in Augsburg gegeben zu haben und die Katholiken erkannten den Wert der Kunstakademie erst ein paar Jahre nach den Protestanten. Übrigens waren zwischen 1684 und 1710 Johann Ulrich Mayr? und der Sandrart-Schüler S. Müller die Direktoren des Instituts.

1712 zog die Reichsstädtische Kunstakademie in die oberen Räume der Stadtmetzg um, wo die Stadt ihr zwei Zimmer zugestand. Die Räume waren laut Stetten ein elender Platz, vielleicht weil sie neben den Räumen des Collegium medicum mit seiner Anatomie lagen.

Während des gesamten 18. Jahrhunderts kann die Bedeutung der Reichsstädtischen Kunstakademie für die Augsburger Kunst und die Stadtkultur nicht hoch genug angesetzt werden. Die bedeutendsten Künstler der Stadt waren zugleich Direktoren des Instituts, wobei man peinlich darauf achtete, dass die Direktorenposten paritätisch besetzt waren. Katholische Direktoren waren

Protestantische Direktoren waren:

Die paritätische Besetzung der Direktorenstellen war zum Wohl der Institution, denn so wurde die ganze Breite der künstlerischen Ausbildung abgedeckt. Während die katholischen Direktoren vor allem Kirchenmaler und Freskanten waren, förderten die protestantischen mehr die Profankunst mit ihren Kupferstichen, Jagd- und Pferdezeichungen, Porträts und Ornamenten.

Auch bedeutende Künstler und Gelehrte anderer Städte waren im 18. Jahrhundert Mitglieder der Reichsstädtischen Kunstakademie Augsburg. Das zeigt die Wertschätzung, die diese Lehranstalt über Augsburg hinaus genoss.

1741 beschwerten sich die Direktoren Georg Philipp Rugendas? und Johann Georg Bergmüller? über die schlecht zu heizenden Räume in der Stadtmetzg und üble Gerüche.

Ab 1765 betrieb Paul von Stetten? eine Reform der Reichsstädtischen Kunstakademie.

1773 hieß es von den Direktoren Matthäus Günther? und Johann Elias Nilson?: Der Platz sei "klein, der Eingang traurig, machenteils eckelhaft und wahl gar gefährlichen Fallen ausgesetzt, sodass wir Bedenken tragen müssen einen Fremden hineinzuführen, ohne zu besorgen, dass er sich beschädige und die ganze Anstalt in der Ferne lächerlich machen möchte".

1779 begann man mit der Reformierung des Lehrangebotes und gründete eine „Privatgesellschaft zur Ermunterung der Künste“, eine Art Förderverein für die Kunstakademie. Am 30. Januar 1779 beschloss der Geheime Rat? die Räume des Collegium medicum Augustana? der Reichsstädtischen Kunstakademie zuzuschlagen.

Die Reorganisation der Lehranstalt wurde durch Paul von Stetten den Jüngeren? durchgeführt. Außerdem sollte der Akademie eine Zeichnungsschule für Handwerker angeschlossen werden. Jedenfalls sind für die Jahre 1780 bis 1812 Ausstellungen verzeichnet, auf denen Handwerkerarbeiten ausgestellt waren, die einen Preis für beste Studienleistungen gewonnen hatten. Mit dieser Ausstellung war auch immer die Jahresversammlung der Privatgesellschaft verbunden.

Am 1. Juni 1782 genehmigte die Stadt Augsburg der Kunstakademie 300 Gulden, damit "der auf dem Metzgerhaus befindliche Saal ... wieder hergestellt" und für große Statuen erweitert werden konnte. Mit dem Geld konnte auch ein benachbartes Zimmer für Künstlertreffen hergerichtet werden. Der neue Saal stand am 22. April 1873 zum ersten Mal zur Verfügung. Er wurde vom letzten katholischen Direktor Joseph Anton Huber? sogar noch freskiert, allerdings wurde dieses Fresko 1938/39 bei einem Umbau der Stadtmetzg zerstört.

1786 verkleidete man den "Platz, wo die Gipsbilder aufgestellt werden" mit Holz.

Von 1799 liegt uns ein Dokument vor, das viele Schüler der Akademie nicht zeichnen konnten, weil es in den Rämlichkeiten so kalt war.

Nachdem Augsburg die Reichsfreiheit? verloren hatte, und die Münchener Kunstakademie gegründet worden war, sank die Augsburger Reichsstädtische Kunstakademie zu einem Institut herab, das nicht mehr eigenständig war, sondern als Provinzial-Kunstschule bezeichnet wurde. 1808 übertrug man ihren Titel nach München und zog das Vermögen des "Kunst- und Stadtakademiefonds" ein.

Ebenfalls 1808 schlug der Augsburger Stadtbaumeister Balthasar von Hösslin? vor, die Kunstakademie für etwa 5.000 Gulden in das aufgehobene Kloster Sankt Ursula? zu verlegen, doch stattdessen ordnete König Maximilian I. Joseph an, die Kunstakademie nach Sankt Anna oder ein anderes passendes Gebäude zu transferieren, was aber nicht geschah.

Im Jahr 1813 hat man offiziell die Bezeichnung Reichsstädtische Kunstakademie liquidiert. Damit endet die Geschichte dieser noblen Augsburger Akademie zwar formell, doch die Nachfolgeinstitutionen sind schließlich die Basis der Hochschule Augsburg?. Die weitere Geschichte kann dort nachgelesen werden.

1814 eröffnete Johann Lorenz Rugendas? in der Stadtmetzg erneut eine Zeichenschule, der am 9. Januar 1820 die Gründung einer königlichen Kunstschule zu Augsburg folgte, die der in der Zwischenzeit in München gegründeten Akademie nachgeordnet war. 1835 integrierte man die königliche Kunstschule Augsburg in die Polytechnische Schule?.

1877 erfolgte die Gründung der Städtischen Höheren Kunstschule, die ebenfalls in der Stadtmetzg verortet war, aber 1906 die Hall- bzw. Ulrichsschule in der Maximilianstraße bezog, ein Bau, der ein Jahr zuvor nach Plänen von Josef Schempp und Carl Hocheder errichtet worden war. Auffällig an dem dreigeschossigen neubarocken Bau sind die dekorativen Atelierfenster.

Details

Untergebracht war die Reichsstädtische Kunstakademie zunächst im Obergeschoß der Stadtmetzg. 1806 gingen die Räumlichkeiten an das Königreich Bayern? über. Deshalb führte der Augsburger Stadtbaumeister Balthasar von Hösslin? am 29. Juli 1808 die Räumlichkeiten der Reichsstädtischen Kunstakademie in der Stadtmetzg auf und schrieb: "Das Lokal besteht:

  • a) in einem Saal, in welche die Kunststücke zu Ehre aufgestellt, und alljährlich die Prämien ausgeteilet werden.
  • b) das Zimmer, in welchem sich das Amphitheater um nach dem Leben zu zeichnen befindet.
  • c) ein gleiches in welchem nach dem Runden gezeichnet wird.
  • d) ein Zimmer, zum Aufenthalt für die Lehrer und die Schüler, in welchem die Kupferstiche und Zeichnungen aufbewahrt sind, die man den Schülern zum Nachzeichnen vorlegt.
  • e) ein Zimmer für die erwachsenen Schüler.
  • f) ein Zimmer zum Zeichnen für die Anfänger.

Die letzten 2 Zimmer sind für die beträchtliche Anzahl der lernenden bisher zu kleine gewesen. Sie haben nur Raum für höchstens 50 Schüler."

Weblinks


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