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Popkulturbeauftragter

ein Beauftragter für Populärkultur in Augsburg

Allgemeines

Wer von Popkultur spricht, meint Populärkultur, also kulturelle Erzeugnisse und Alltagspraktiken, die als Massenkultur verbreitet sind – im Gegensatz zur so genannten Hochkultur. Unter Populärkultur in diesem Sinn fallen Sport, die Massenmedien, Popmusik und Trivialliteratur. Popkultur ist also nicht nur auf Musik beschränkt. Oft entsteht sie aus der Subkultur. Dazu muss sie zur Mode und zum Mainstream werden. Manche verstehen Popkultur als Feld, auf dem sich gesellschaftliche Konflikte und Veränderungen kulturell manifestieren. Besonders die Independent-Popkultur, aber auch der Mainstream-Pop werden mit Subversion und Widerständigkeit verbunden und positiv gesehen, weil in ihr Ideen wie Internationalität, Offenheit und Toleranz, Grenzenlosigkeit, sexuelle Befreiung, Selbstbestimmung von Frauen, Spaß und Verteidigung demokratischer Werte zum Ausdruck kämen. Popkultur habe gerade in Deutschland die Befreiung von traditionellen bürgerlichen Strukturen gebracht. Aber auch nationalistische gesinnte und antitolerante Strömungen haben sich heute der Popkultur bemächtigt, so dass eine solch einseitige positive Sicht nicht mehr gerechtfertigt erscheint.

Kennzeichen von Popkultur sind

  • die Aufhebung von scheinbaren Gegensätzen wie Massen- und Elitekultur, Kunst und Kapitalismus, Virtualität und Realität, Technologie und Emotion ...
  • das Streben nach dem Up-todate-sein und das Befolgen von Modeprinzipien
  • die Benutzung der Massenmedien zum Herstellen, Darstellen und Verbreiten
  • die ständige und schnelle Veränderung, die früher revolutionär und politisch war, heute von großen Marken für Imagebildung benutzt wird
  • die Sucht nach Spaß und intensivem Erleben

Diese Kultur zu fördern, wurde die Stelle eines Augsburger Popkulturbeauftragten geschaffen. Die Stelle sollte Impulse für einen modernen Umgang mit den Themen Jugendkultur und Popkultur setzen - im Sinne der kreativen Szene Augsburgs. Während der Augsburger Diskussion um die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit der Stelle wurde die Aufgabenbeschreibung des Popkulturbeauftragten nach und nach immer breiter angelegt und umfasste schließlich auch die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Damit wurden Stimmen laut, die den Popkulturbeauftragten dem Wirtschaftsreferat zuordnen wollten.

Geschichte

Im November 2008 wurde Richard Goerlich? Popkulturbeauftragter der Stadt Augsburg. Schon im Wahlkampf zuvor hatte Oberbürgermeister? Kurt Gribl (CSU) betont, einen Popkulturbeauftragten zu suchen und als städtische Stelle zu installieren, was er nach seinem Wahlerfolg umsetzte.

Ein Höhepunkt der Arbeit Richard Goerlichs? als Popkulturbeauftragter war die Planung und Organisation des Rahmenprogramms City of Peace? zur Frauenfußball-WM? im Sommer 2011. Zu dem mehrwöchigen Festival kamen über 145.000 Besucher.

Nachdem Richard Goerlich? überraschend als Popkulturbeauftragter der Stadt Augsburg zu Beginn des Jahres 2012 gekündigt hatte, forderten die GRÜNEN kurz danach ebenfalls noch im Januar 2012 die Streichung dieser Stelle, da weder die Stadtregierung noch der damals zuständige Kulturreferent? Peter Grab eine überzeugende Stellenbeschreibung vorgelegt hätten. Eine kulturpolitische Vorstellung über die Rolle und Bedeutung der Stelle sei auch im Gefüge des Kulturamts? nie vorhanden gewesen. Auch war laut DAZ - Die Augsburger Zeitung festzuhalten, "dass es in der Augsburger Musik- und Kulturszene keinen großen Aufschrei des Bedauerns gab, als Goerlich zu Beginn dieses Jahres kündigte, kein ratloses Entsetzen und keine Sorge um die Zukunft der Popkultur in Augsburg zum Ausdruck kam".

Die Grüne Stadtratsfraktion wandte sich deshalb mit einer Pressemitteilung am 21. Juni 2012 erneut gegen die Wiederbesetzung der Stelle des Popkulturbeauftragten. Auch den damaligen Kulturreferenten? Peter Grab kritisierten die GRÜNEN. Er habe immer noch kein überzeugendes Konzept vorlegen können und es verpasst, mit allen Akteuren gemeinsam zu überlegen, wie die Förderung der Popkultur am besten zu erreichen sei. Nach Ansicht der Grünen Stadträte sollten die Gelder für die Stelle als Fördermittel über das Kulturamt? und in Absprache mit den Trägern aus der Freien Szene direkt in die Kulturförderung investiert werden und nicht weiter das städtische Personal aufblähen. Zwar sei eine Anlaufstelle für die Kreativwirtschaft sinnvoll, doch sollte sie im Wirtschaftsreferat angesiedelt sein. Das Wirtschaftsreferat sei in den letzten Jahren massiv ausgebaut worden und könne dieses Thema mitbetreuen.

Der Kulturausschuss? beschrieb am 25. Juni 2012 die Stelle des Popkulturbeauftragten laut DAZ so:

1. Pop- und Jugendkulturförderung (Anteil an der Gesamtarbeitszeit 60 Prozent)

  • Zentrale städtische Anlaufstelle im Kulturamt? (Büro für Pop- und Jugendkultur?)
  • Vernetzung von Künstlern, Institutionen, Kreativunternehmen
  • Fachliche Begleitung und Beratung von Musikern, Künstlern, Kreativunternehmern
  • Zielgruppenorientierte Förderung: Bands, Einzelkünstler, Existenzgründer
  • Weiterentwicklung vorhandener Förderprojekte
  • Location-Akquise für Arbeits- und Probemöglichkeiten
  • Unterstützung von lokalen Akteuren bei der Organisation und Durchführung von Events (Behördenvorgänge, Gema, etc.)
  • Veranstaltung eigener Events im Informationsbereich (Symposien, Informationsveranstaltungen, Netzwerkveranstaltungen)
  • Serviceangebote (Sprechstunden, Öffentlichkeitsarbeit)
  • Erarbeitung eines Konzepts zur Einbeziehung relevanter Akteure im Bereich der Pop- und Jugendkultur im Sinne eines Beratergremiums (z. B. Stadtjugendring, Kulturpark West)

2. Kreativwirtschaftsförderung (Anteil an der Gesamtarbeitszeit 40 Prozent)

  • Serviceangebote (Sprechstunden, Öffentlichkeitsarbeit)
  • Veranstaltung eigener Events im Informationsbereich (Symposien, Informationsveranstaltungen, Netzwerkveranstaltungen)
  • Projektentwicklung
  • Vernetzung

In seiner Sitzung vom 23. Juli 2012 beschloss der Kulturausschuss? auf Antrag der Neuen CSM die Arbeit im Bereich der Kreativwirtschafts – bzw. Popkulturförderung zu evaluieren. Anschließend wurde eine ehrenamtliche Evaluierungskommission aus Personen der Kulturpolitik und Kulturszene berufen. Allerdings tagte die Kommission bis November 2012 kein einziges Mal. Stattdessen gab es eine Stellenausschreibung für den Posten und etwa 40 Bewerber. Und Kulturreferent Peter Grab verkündete, dass ein neuer Popkulturbeauftragter zum 1. Januar 2013 seine Arbeit aufnehmen solle. Verena von Mutius formulierte ihre Enttäuschung über die nicht durchgeführte Evaluierung der Stelle so: "Deutlicher kann man nicht ausdrücken, dass man von der Evaluation nichts hält und Gremienbeschlüsse nicht ernst nimmt.". Nach ihrer Ansicht hätte man die Ergebnisse der Untersuchung und die Empfehlungen der Kommission in die zukünftige Aufgabenbeschreibung der Stelle einfließen lassen sollen. Deshalb forderten DIE GRÜNEN? die Besetzung der Stelle zurückzustellen und appellierten an die Neue CSM, ihre Zustimmung zur Wiederbesetzung zu verweigern.

Der Augsburger Stadtrat entschied mit seiner Mehrheit am 29. November 2012, die schon früher geforderte Evaluierung der Stelle durchzuführen, also auch zu untersuchen, welche Aufgaben ein Augsburger Popkulturbeauftragter wahrnehmen soll und ob es die Stelle überhaupt braucht. Damit verhinderten die SPD, DIE GRÜNEN, DIE LINKE? und die Stadträte Karl Heinz Englet und Tobias Schley die rasche erneute Besetzung der Stelle. Zielsetzung der Evaluierung war Empfehlungen für die zukünftige Struktur und Aufgabenbeschreibung zur Stellenbesetzung „Popkulturbeauftrage/r“ zu geben und zu beschreiben, wie das Aufgabengebiet der/des Popkulturbeauftragten mit neuen Aufgabenfeldern weiterentwickelt werden kann und welche Personalstrukturen in Zukunft nötig sind.

Im Februar 2012 gab das Gremium zur Evaluierung, das von verschiedenen Stadtratsfraktionen? bestückt worden war, folgende Ergebnisse bekannt:

  • Pop- und Jugendkultur sowie Kultur- und Kreativwirtschaft rechtfertigen aufgrund ihrer zahlreichen Aufgabengebiete eine Zuständigkeit der Stadt Augsburg in den jeweils entsprechenden Referaten.
  • Es sollen zwei separate Planstellen für die Bereiche Pop- und Jugendkultur im Kulturamt? sowie Kultur- und Kreativwirtschaft im Bereich der Wirtschaftsförderung? eingerichtet werden.
  • Aufgrund der Vielschichtigkeit der beiden Tätigkeitsbereiche erarbeitete das Gremium entsprechende Profile.

Mit der Mehrheit von CSU und Pro Augsburg? wurde in einer gemeinsamen Sitzung von Wirtschaftsausschuss? und Kulturausschuss? im April 2013 beschlossen, die Stelle einer/eines Popkulturbeauftragten neu auszuschreiben und zwar eine Stelle im Wirtschaftsreferat einzuplanen, aber frühestens 2014 zu besetzen. Eine zuvor eingesetzte Expertenkommission hatte vorgeschlagen, beide Bereiche Kultur und Wirtschaft gleichberechtigt zu bearbeiten, was ein gemeinsamer Antrag von SPD und GRÜNEN vorsah, indem er eine halbe Stelle im Kulturamt? und eine halbe Stelle im Wirtschaftsreferat für den Bereich Kreativwirtschaft einrichten wollte.

Details

Was der Popkulturbeauftragte in Augsburg leisten soll, ist unklar und umstritten. Und das, obwohl die Stelle 2012 mit 65.000 € im Haushalt der Stadt Augsburg vorgesehen war (Budget der Stelle und Gehalt). Die Stellenbeschreibung sah offiziell einen Beauftragten für Popkultur- und Kreativwirtschaft vor. Zeitlich sollte sich der Beauftragte zu 60 Prozent seiner Tätigkeit um die Pop- und Jugendkulturförderung kümmern.

Die Befürworter der Stelle sehen neben dem Kulturamt?, dem Wirtschaftsreferat noch die Notwendigkeit, ein Büro für Popkultur? mit einem Popkulturbeauftragten zu finanzieren, um Popkultur und Kreativwirtschaft in Augsburg zu fördern. Die Gegner argumentieren, die Stadt müsse sparen und die Jugendkultur, um die es gehe, sei besser direkt und gezielt zu fördern. Das Jahresgehalt des überflüssigen Kommissärs solle sofort dafür verwendet werden. Sogar Mitglieder der CSU sehen die Stelle kritisch. So zitiert die DAZ Gerhard Schmid, stellvertretender Vorsitzender des CSU-Kreisverbandes West: "Die Stelle des Pop-Beauftragten und ihre erste Besetzung auf Kosten des Steuerzahlers wurden nur realisiert als Dank des Oberbürgermeisters? Gribl an einen Unterstützer im Wahlkampf. Diese Entscheidung lag nicht im Interesse von Augsburg und seinen Bürgern."

Projekte, an denen der Popkulturbeauftragte zwischen 2008 und 2012 beteiligt war, sind:

  • das Schulprojekt Unsere Show
  • das Popcollege
  • das Popforum?
  • die Kreativmesse von Modular
  • regelmäßige Beratungen bei Kreativneugründungen
  • Einzel-Aktionen wie Grafittiwände oder Bauzaunkunst

Gegner der Stelle des Popkuturbeauftragten argumentieren weiter, dass diese Projekte nicht genügten, um eine Stelle für einen Beauftragten für Kultur und Kreativwirtschaft oder einen Popkulturbeauftragten für Jugendkultur zu rechtfertigen. Der Popkulturbeauftragte sei so überflüssig wie ein Genderbeauftragter für transsexuelle Liegefahrradfahrer oder ein städtischer Spritzbrunnenaufdreher. Es handele sich um einen verkappten Beratervertrag und eine Subventionierung der Unterhaltungsindustrie. Die mit der Stelle verbundenen Aufgaben seien Aufgaben des Stadtjugendrings. Und die SPD verwies darauf, dass es schon einen Popkulturarbeiter im Kulturpark West gebe und unklar sei, warum man darüber hinaus noch einen weiteren brauche.

Unabhängig von Pro und Contra zu der Stelle ist festzustellen, dass sich die Kulturszene zumeist selbst organisiert, also ohne Anleitung und finanzielle Unterstützung von oben. Popkultur kann nur aus Subkultur wachsen. Die Frage, wie ein Popkulturbeauftragter unabhängig von Vorgaben der Regierenden die Kulturszene bei ihrer Eigenentwicklung unterstützen soll, ohne als Kristallisationspunkt konservativer städtischer Macht wahrgenommen zu werden, hat bislang in Augsburg noch keine Antwort gefunden. Insofern können die Auseinandersetzungen um die Stelle des Popkulturbeauftragten in Augsburg auch als Auseinandersetzung von unterschiedlichen kulturpolitischen Modellen gesehen werden. Oder anders ausgedrückt: Da wo ein Popkulturbeauftragter ist, ist Unterhaltungsindustrie, nicht Popkultur, die aus der Subkultur wächst. Deshalb kann man kann der Popkulturbeauftragte nur ein Beauftragter für Kreativwirtschaft sein. Damit Popkultur gedeiht, braucht es "nur" die Rahmenbedingungen dafür, eine administrative Stelle widerspricht dem Wesen der Popkultur.

Auszeichnungen

Weblinks


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