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Öglin, Erhard

auch Oeglin, Egle, Eglin, Egling, Ouglin, Ocellus; ein Augsburger Drucker

Leben und Wirken

Vor der Übersiedlung nach Augsburg

Erhard Öglin wurde wohl um 1470 in Reutlingen geboren. Dass er in Reutlingen geboren wurde, schrieb er in einem seiner Drucke. Wie seine Kindheit und Jugend verlief, ist unbekannt. Spekuliert wird, dass er bei Johann(es) Otmar?, der 1516 in Reutlingen starb, das Druckerhandwerk erlernte. Möglicherweise zog Öglin 1490 nach Basel, sicher nachweisbar ist sein Baseler Aufenthalt aber erst ab dem 26. Juni 1491. An diesem Tag trat er in die dortige Safranzunft ein. Diese „Zunft zu Safran“ wurde schon 1372 urkundlich erwähnt und verdankt dem Gewürz Safran ihren Namen. Die Zunft war eine Sammelkorporation für unterschiedliche Berufsstände und ist noch heute existent, allerdings jetzt für jeden offen. Nach seinem Eintritt in diese Baseler Zunft erwarb Erhard Öglin das Bürgerrecht der Stadt Basel (dort verzeichnet unter „Erhard Eglin von Rüttlingen“) und arbeitete bis 1495 in der Schweizer Stadt als Drucker. Aus dieser Zeit ist uns kein Druck von ihm überliefert. Da kein Basler Druck seinen Namen trägt, geht man davon aus, dass er in Basel noch kein selbständiger Drucker war. Wir wissen auch nicht, was er nach 1495 tat. Erst am 2. Dezember 1498 stoßen wir wieder auf ihn. An diesem Tag immatrikulierte er sich mit seinem Bruder Simon (Symon), der später übrigens in Augsburg als Buchhändler auftaucht, an der Tübinger Universität. Möglicherweise lebten er und sein Bruder Simon schon länger in Tübingen, da sie in der Matrikel als „de Thuwingen“ genauer bestimmt sind. Ob er dort einen Magistergrad erwarb, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich. Warum Erhard Öglin nach Tübingen kam, könnte darin begründet sein, dass dort der Reutlinger Johann(es) Otmar? 1498 die erste Druckerei der Stadt einrichtete.

Umzug nach Augsburg

Aus welchen Gründen Erhard Öglin 1502 nach Augsburg übersiedelte, ist nicht bekannt. Angenommen wird, dass er seinem angenommenen Reutlinger Lehrherrn Otmar?, der schon 1501 nach Augsburg wechselte, hinterherzog. Erhard Öglin arbeitete zunächst in der Offizin, die Johann(es) Otmar? in Augsburg eingerichtet hatte. 1505 firmierte er sogar zusammen mit seinem eventuellen Lehrherrn in einem Druck. 1506 machte sich Erhard Öglin selbständig. In den ersten Jahren seiner Selbständigkeit erfüllte er vor allem Aufträge von Augsburger Buchführern. Das waren Kaufleute, die sich allein dem Verkauf, nicht der Produktion von Büchern widmeten. Dieser Berufsstand bildete sich ab 1480 heraus, aus ihm ging der heutige Buchhändlerberuf hervor.

Wie lange Erhard Öglin Augsburger Bürger war, ist ungewiss. Zeitweilig war er es nachweislich – etwa 1507. Im Jahr 1508 arbeitete er nicht nur mit Jörg Nadler? zusammen, der sich kurz darauf selbständig machte, sondern wurde von Kaiser Maximilian I.? zusammen mit Johannes Schönsperger dem Älteren? zum kaiserlichen Buchdrucker ernannt. Bis 1512 bekam er nachweislich kaiserliche Aufträge. 1513 verwies ihn der Rat der Stadt Augsburg aus unbekannten Gründen aus der Stadt, doch konnte er schon 1514 wieder zurückkehren und seine Druckerei weiterführen. Möglicherweise hing diese Vertreibung aus der Stadt damit zusammen, dass sich der Katholik Öglin mit Beginn der Reformation auf den Druck von Einblattdrucken und Flugschriften verlegte, denn am 28. August 1520 verwarnte ihn und andere Drucker der Rat der Stadt Augsburg. Der Druck von „Schmähschriften“ hatte für Aufruhr in Augsburg gesorgt und so den Unmut der Stadtregierung erregt.

Konrad Peutinger, ein Freund und Förderer Öglins, nannte ihn einmal einen „armen Gesellen“, der immer verschuldet war. Dass aus dem Jahr 1517 kein und aus 1518 nur ein Öglin-Druck bekannt ist, kann darauf hindeuten, dass er am Ende seines Berufslebens große finanzielle Probleme hatte, wenn ihn nicht Krankheit vom Buchdruck fernhielt. Ende des Jahres 1520 verstarb Erhard Öglin in Augsburg. Bis 1522 führte seine Witwe die Offizin weiter. 1523 kaufte sie Philipp Ulhart der Ältere?. Die Drucke Erhard Öglins trugen als Signet auf schwarzem Grund eine Lilie sowie links davon den Buchstaben E und rechts davon den Buchstaben Ö. Sie bestachen durch ihre hervorragende Qualität und sollen die technisch vollendetsten Erzeugnisse unter den zeitgenössischen Augsburger Buchdruckererzeugnissen gewesen sein. Erhard Öglin betätigte sich nicht nur als Drucker, sondern auch als Schriftgießer. Alle seine Typen goss er selbst und es soll keine Augsburger Typen im 16. Jahrhundert gegeben haben, die seinen gleichkamen.

1965 benannte die Stadt Augsburg die Öglinstraße nach dem bedeutenden Augsburger Drucker.

Öglins Bedeutung für den Buchdruck

Der Buchdruck verdankt Öglin einiges. So besaß er als erster Augsburger Drucker und einer der ersten Drucker überhaupt hebräische Typen. Erhard Öglin hatte auch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Entwicklung des Liederbuches. Im Spätmittelalter begann man volkssprachliche Lieder aufzuzeichnen. So sind seit dem späten 13. Jahrhundert Liederhandschriften überliefert. Es waren handschriftliche Liedersammlungen als Vorläufer gedruckter Liederbücher. Neben dem Lochamer-Liederbuch (um 1460), dem Glogauer Liederbuch oder dem Rostocker Liederbuch (beide um 1480) gehört das Augsburger Liederbuch von 1454 zu den ältesten Werken, die den Titel "Liederbuch" trugen. Zwar war der Buchdruck mit beweglichen Lettern schon erfunden, aber Erhard Öglin ist 1507 die Verbreitung des Notendrucks mit beweglichen Lettern zu verdanken. Von ihm stammt auch das älteste gedruckte Liederbuch, das bekannt ist. Er gab es 1512 in Augsburg unter zum Namen „Liederbuch zu vier Stimmen“ heraus. Es umfasste Werke von Heinrich Isaac, Paul Hofhaimer, Ludwig Senfl und anderen. Schon vor Öglin druckte der Venezianer Ottaviano Petrucci Mensuralnoten mit beweglichen Lettern, doch Öglin brachte den Notendruck in die Gebiete nördlich der Alpen. Dabei druckte Öglin zunächst die Notenlinien, auf die in einem zweiten Druckvorgang die Noten gesetzt wurden.

Und Öglin war auch im Blick auf das Zeitungswesen innovativ: 1508 druckte er die „Copia der Newen Zeytung auß Presilg Landt (Brasilien)“ und damit eine der ersten so genannten „Neuen Zeitungen“. Es könnte die erste gedruckte Zeitung gewesen sein, auf jeden Fall eine der ersten. Oder anders: Kein gedrucktes Produkt hatte zuvor den Namen „Zeitung“ im Titel. Gedruckt umfasste sie vier Blätter im Quartformat.

Von Erhard Öglins Offizin in der Katharinengasse sind etwa 170 Drucke bekannt. Bis zum Beginn der Reformation druckte er sowohl lateinische wie deutsche Schriften. Zum Teil handelte es sich um gelehrten oder humanistischen Inhalt, zum Teil um Schulbücher oder Volkstümliches. In der Reformationszeit schwoll der Druck von Flugschriften und Einblattdrucken an.

Als Einzeldrucke erwähnenswert sind die folgenden:

  • Melopoiae s. harmoniae tetracenticae per Petrum Tritonium et alios compositae, ein musikalisches Druckwerk von 1507
  • Stella Musicae, ebenfalls ein musikalisches Druckwerk, 1508 herausgegeben von Vitus Bild
  • Liederbuch zu vier Stimmen von 1512, auch „Öglins Liederbuch“ genannt; es ist nicht nur das älteste gedruckte Liederbuch in deutscher Sprache, sondern auch die älteste deutsche Liedersammlung mit durchgängig vierstimmigem Satz; enthalten sind 49 Lieder mit überwiegend weltlichem Inhalt, die schmückenden Holzschnitte sind von Hans Burgkmair dem Älteren.

Durch seine kunstvollen Drucke wurde Konrad Peutinger auf Erhard Öglin aufmerksam und förderte ihn, wo er konnte. Möglicherweise ist es diesem großen Augsburger Humanisten zu verdanken, dass Kaiser Maximilian I.? Öglin Druckaufträge zukommen und eine „wälische Schrift“ (möglicherweise eine Antiqua) von ihm fertigen ließ. Vermutet wird, dass selbst der große und berühmte venezianische Drucker Aldus Schrifttypen von Öglin bezog.

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