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Nerdinger, Winfried

ein stark mit Augsburg verbundener deutscher Architekturhistoriker

Leben und Wirken

Geboren wurde Winfried Nerdinger 1944 in Burgau? bei Augsburg als Sohn von Eugen Nerdinger?, einem Gebrauchsgrafiker, der sich im Arbeiterwiderstand gegen die Nationalsozialisten? engagierte.

Nach dem Abitur studierte Winfried Nerdinger ab 1965 zunächst Philosophie, Anglistik und Geschichte, wechselte dann aber zur Architektur und schloss 1971 als Diplom-Ingenieur das Architekturstudium ab. Danach baute er für Freunde einige Wohnhäuser, bemerkte aber schnell seine größere Neigung zur Reflexion.

1977 kuratierte Winfried Nerdinger seine erste Ausstellung. Sie drehte sich um den Architekten Friedrich von Thiersch.

1979 promovierte Winfried Nerdinger in Kunstgeschichte an der TU München. Seine Arbeit „Rudolf Belling und die Kunstströmungen in Berlin 1919-1923 wurde mit dem damals zum ersten Mal vergebenen Promotionspreis der TU München ausgezeichnet. Anschließend arbeitete er fünf Jahre als Assistent für Kunstgeschichte und übernahm in den Jahren 1980/82 eine Gastprofessur an der Harvard University.

1986 wurde Winfried Nerdinger Professor für Architekturgeschichte an der TU München. In späteren Jahren war er Gastprofessor an der Universität Harvard und der Universität Helsinki sowie Cummings lecturer an der Mc Gill? University in Montreal.

1989 wurde Winfried Nerdinger (bis 2012) Nerdinger Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Nach seinem Architekturstudium befand sich die damalige Architektursammlung in einem Abstellraum über der Bibliothek sowie in einer angemieteten Wohnung an der Augustenstraße München. Damals beherbergte sie nur wenige Modelle und etwa 150.000 Pläne. Bis 2012 sammelte Winfried Nerdinger mit seinen Mitarbeitern über 1.100 Modelle, 550.000 Pläne, 200.000 Fotografien sowie zahllose Archivalien. Damit wurde die TU München das bedeutendste Spezial- und Forschungsarchiv für Architektur in Deutschland.

1995 wurde Winfried Nerdinger auch Direktor des Architekturmuseums Schwaben in Augsburg – wo er bis 2012 fruchtbar wirkte.

2002 kam Nerdinger als Mitglied in das Direktorium der Pinakothek der Moderne.

2004 ernannte man ihn zudem zum Direktor der Abteilung Bildende Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

2006 wählte man ihn zum Vorsitzender der Alvar-Aalto-Gesellschaft.

Zum 30. September 2012 wurde Winfried Nerdinger emeritiert. Als „TUM Emeritus of Excellence“ blieb er weiterhin aktiv der Technischen Universität München verbunden.

Am 1. Oktober 2012 wurde Winfried Nerdinger Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München. Hintergrund: Schon seit 1988 war er Mitglied des Initiativkreises, das die Errichtung forderte. Als Gründungsdirektor des Dokumentationszentrums leitete er federführend die inhaltliche Ausgestaltung des Neubaus am Münchner Königsplatz, der am 30. April 2014 eröffnete.

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Winfried Nerdinger 2012, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München - (©) by NS-Dokumentationszentrum München - Bildnachweis Orla Conolly

Winfried Nerdinger und sein Augsburger Wirken

17 Jahre wirkte Winfried Nerdinger als ehrenamtlicher Direktor des Architekturmuseums Schwaben und war in dieser Zeit für mehr als 80 Ausstellungen verantwortlich. Er hatte es in der „Buchegger-Villa“ gegründet, weil es ihm nach eigenen Worten durch die Initiative der Arno-Buchegger-Stiftung? „in den Schoß gefallen“ war. Neben den Ausstellungen verantwortete er fast 30 Publikationen des Museums und zehn Bücher, die Architektennachlässe wissenschaftlich aufarbeiteten: von Fritz Landauer, Thomas Wechs oder Walter Schmid?. Im Laufe der Jahre baute es Winfried Nerdinger zur drittgrößten Sammlung architekturhistorischer Dokumente neben Frankfurt und München in Deutschland aus. Und nebenbei leistete es und leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung und Präsentation der Stadtgeschichte Augsburgs.

Damit schuf Winfried Nerdinger die erste Forschungsstelle über schwäbische Architektur und begeisterte eine breite Öffentlichkeit für die regionale Form des Bauens. Aus seiner Arbeit für das Architekturmuseum Schwaben ergab sich sein besonderes Engagement zur Rettung der Augsburger Industriearchitektur, der er mehrere Ausstellungen widmete. Ihre teilweise Zerstörung nannte er Vandalismus nach Plan aufgrund einer Mischung aus Dummheit und Profitgier. Er sorgte für Dokumentationen von Werksanlagen und sah die kulturelle Identität Augsburgs zu einem großen Teil durch die Ästhetik der Industrie geprägt. So wirkte Winfried Nerdinger weit in die Augsburger Gesellschaft – wie schon sein Vater Eugen Nerdinger? zur Zeit der Nationalsozialisten?. Nachfolger von Winfried Nerdinger als Leiter des Architekturmuseums Schwaben wurde 2012 Andreas Lepik?.

Zu danken ist Winfried Nerdinger von Augsburger Seite aus, dass er das Architekturmuseum Schwaben durch die Zusammenarbeit mit der TU München langfristig sicherte (Fakultät für Architektur). Außerdem schuf er im Museum immer wieder die Möglichkeit, dass junge und noch unbekannte Architekten ausstellen und ihre oft nicht realisierten Entwürfe der Öffentlichkeit vorstellen konnten.

Werk

300 wissenschaftliche Bücher, Schriften, die in etwa 15 Sprachen übersetzt wurden, und Ausstellungen: Mit ihnen hat Winfried Nerdinger wichtige Beiträge zur Erforschung der Kunst- und Architekturgeschichte sowie zu einem öffentlichen Bewusstsein für die Bedeutung von Architektur geleistet.

Er veröffentlichte zu Walter Gropius (1985), Revolutionsarchitektur (1989), Neues Bauen in Tel Aviv (1993), Bauen im Nationalsozialismus (1993), Alvar Aalto (1999), Leo von Klenze (2000), Bruno Taut (2001), Gottfried Semper (1803 – 1879) – Architektur und Wissenschaft, (2003), Architektur Macht Erinnerung (2004), Architektur der Wunderkinder – Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945–1960 (2005), Frei Otto – Leicht bauen, natürlich gestalten (2005), Ort und Erinnerung - Nationalsozialismus in München (2006).

Die Schwerpunkte der Forschungen von Winfried Nerdinger waren die Architektur des Klassizismus, des Historismus, des internationalen Neuen Bauens, die Architektur des Nationalsozialismus und der europäische Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als Autor schrieb er z. B.

  • Rudolf Belling und die Kunstströmungen in Berlin 1918-1925, mit einem Katalog der plastischen Werke, (Jahresgabe des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 1980), Berlin 1981
  • Die Architekturzeichnung - Vom barocken Idealplan zur Axonometrie, in Zusammenarbeit mit Florian Zimmermann, München 1985
  • Theodor Fischer - Architekt und Städtebauer 1862-1938, mit Beiträgen von Herman van Bergeijk u.a, Berlin 1988
  • The Walter Gropius Archive, 3 Bände, New York 1990
  • Der Architekt Walter Gropius / The Architect Walter Gropius, Berlin 1985
  • Theodor Fischer - Architekt und Städtebauer 1862-1938, mit Beiträgen von Herman van Bergeijk u.a, Berlin 1988
  • Bauen im Nationalsozialismus – Bayern 1933-1945. München 1993
  • Architekturschule München 1868-1993, in Zusammenarbeit mit Katharina Blohm, München 1993
  • Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre, in Zusammenarbeit mit Werner Durth, Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz Band 46, Bonn 1993
  • Architekturführer Deutschland 20. Jahrhundert, in Zusammenarbeit mit Cornelius Tafel, Basel 1996
  • Leo von Klenze – Architekt zwischen Kunst und Hof 1784-1964. München 2000
  • Architektur, Macht, Erinnerung. Stellungnahmen 1984-2004, hrsg. von Christoph Hölz und Regina Prinz, München 2004
  • Ort und Erinnerung. Nationalsozialismus in München. München 2006
  • 100 Jahre Deutscher Werkbund 1907/2007. München 2007
  • Geschichte, Macht, Architektur, hrsg. von Werner Oechslin, München 2012

Als Herausgeber fungierte er bei Büchern wie

  • Bauen mit Holz. Wege in die Zukunft. Publikation zur Ausstellung im Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne, 10. November 2011 bis 5. Februar 2012, Herausgegeben von Hermann Kaufmann und Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Martin Kühfuss, Mirjana Grdanjski, Prestel Verlag, München 2011
  • Der Architekt. Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes, 2 Bde, München 2012

Auszeichnungen

  • 2002 Ritterkreuz 1. Klasse des Ordens der Weißen Rose der Republik Finnland
  • 2005 Medaille „München leuchtet in Gold“
  • 2006 Architekturpreis der Landeshauptstadt München
  • 2009 Leo von Klenze-Medaille
  • 2011 Bayerischer Staatspreis für Architektur
  • 2015 Medaille „Für Augsburg“

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