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Muttergotteskapelle Haunstetten

eine kleine katholische Augsburger Kapelle im Stadtteil Haunstetten, die auf der Bayerischen Denkmalliste? steht

Allgemeines

Die Muttergotteskapelle Haunstetten in der Augsburger Poststraße lag früher in einem abgeschlossenen Park und besaß einen kleinen Friedhof, in dem früher die "Fremden" begraben wurden, also Menschen, die weder durch Geburt, Heirat oder Kauf ein Heimatrecht in Haunstetten besaßen.

Betrachtet man die Muttergotteskapelle Haunstetten von außen, erkennt man einen recht schlichten Sakralbau, doch das Innere der Muttergotteskapelle macht sie zu einer der vollkommensten Leistungen des frühen Rokoko?. Deshalb ist sie regelmäßig Objekt kulturhistorischer Führungen, die etwa der Kulturkreis Haunstetten? durchführt. Auch Konzerte finden hier immer wieder statt, etwa wenn der Singkreis Harmonie Haunstetten? hier auftritt und der Frauenchor z. B. Marienlieder darbietet. Da die Muttergotteskapelle von der katholischen Stadtpfarrei Sankt Georg Haunstetten betreut wird, dient sie oft als Hochzeitskapelle.

Muttergotteskapelle Haunstetten
Muttergotteskapelle Haunstetten am 6. September 2009, von Haunstetten-de (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die katholische Muttergotteskapelle steht im Westen der früheren Hauptstraße durch Haunstetten. Es handelt sich um eine Wallfahrtskirche mit einem eingezogenen, halbrund geschlossenen Vorbau. Dazu kommt eine Sakristei und im Westen der Giebelturm sowie eine Umfriedung mit einem Tor. Von außen sind die Mauern der Kapelle im Langhaus von zwei, im Presbyterium von einer Fensterachse durchbrochen. Die Fenster sind konvex geschweift. Die dreiteiligen Korbbogenfenster, wie sie hier eingesetzt sind, gelten als typisch für einige schwäbische Gotteshäuser. Zu vermuten ist, dass Johann Georg Fischers Franziskanerinnenkirche in Dillingen? 1736/37 für diese Fensterform das schwäbische Vorbild war. Aber schon die Baumeister Johann Jakob Herkommer setzte diese auch als „Thermenfenster“ bezeichnete Lichtöffnungen bei der Kapelle Mariä Sieben Schmerzen von Sameister? 1685 ein. Er hatte wiederum Vorbilder in Bauten Palladios, etwa San Giorgio Maggiore (Venedig) oder der Villa Rotonda. Ähnliche Fenster sieht man in Bobingen an der Liebfrauenkirche oder in Füssen? Sankt Mang, einem Spätwerk Herkommers.

Vor der Kapelle erinnert das Grab eines unbekannten gefallenen Soldaten an die Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Noch ist dieser Schatz des Rokoko? vielen Augsburgern unbekannt.

Geschichte

Ganz geklärt ist die Geschichte der Muttergotteskapelle in Haunstetten nicht, denn die heutige Kapelle wurde erst 1740 errichtet, doch stand an ihrer Stelle schon ein Vorgängerbau. Man nimmt an, dass die Vorgängerkapelle auf dem damaligen Fremdenfriedhof Haunstettens 1606 errichtet wurde. Als Anlass wird die Gründung und Bestätigung der Haunstetter Fronleichnahmsbruderschaft durch den damaligen Bischof Heinrich von Augsburg?. Diese Bruderschaft kümmerte sich um die Pflege des religiösen Lebens durch Andachten, Wallfahrten und Prozessionen. Darüber hinaus hatte sie die Aufgabe, sich um die Bestattung verstorbener Personen ohne Heimatrecht in Haunstetten zu kümmern.

1627 fertigte Elias Holl eine Federzeichnung von Haunstetten an, die heute im Hauptstaatsarchiv München liegt (Plansammlung Nr. 4163). Er fertigte diese Zeichnung aus Anlass einer der Verlegung einer Wasserleitung nach Augsburg. Seine Federzeichnung zeigt auch die Muttergotteskapelle von Haunstetten. Erkennbar ist ein Bau mit einem Grundriss, der an ein Haus erinnert. Solche Kapellen waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sehr beliebt, erinnerten sie doch an die "Casa Santa", also das "heilige Haus", in dem die "heilige Familie" wohnte.

Weil zu der Zeit das Dorf Haunstetten dem Kloster Sankt Ulrich und Afra gehörte, stiftete 1628 der damalige Reichsprälat und Abt des Benediktinerklosters Johannes Merk? das Gnadenbild für die Muttergotteskapelle. Dabei handelt es sich um eine viel ältere gotische Marienstatue aus Holz, die wohl auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zurückgeht. Diese Madonna wurde schon lange als Gnadenbild verehrt, ihr Schöpfer ist jedoch unbekannt. Einige erhaltene Votivtafeln in der Kapelle zeigen an, dass die Muttergottesstatue auch in der Muttergotteskapelle Haunstetten Ziel von Wallfahrten war.

1630 malte Jakob Custos? eine weitere Ansicht von Haunstetten. Auf ihr wollten viele ebenfalls die Muttergotteskapelle entdecken. Doch soll das zwiebelbekrönte Oktogon der linken Bildhälfte nicht den Giebelreiter der Muttergotteskapelle, sondern eventuell den Wasserturm einer damaligen Haunstetter Schlossanlage darstellen.

So, wie wir die Muttergotteskapelle Haunstetten heute sehen, geht sie auf die Jahre 1740/41 zurück. Damals gab Abt Cölestin Mayr? vom Kloster Sankt Ulrich und Afra den Auftrag zur Erweiterung und zum Umbau der alten Kapelle, wobei er keine Kosten scheute, wie die Innenausstattung zeigt. Damals erhielt die Kapelle ihre Sakristei und ihren Chor. Aus Steinen des Vorgängerbaus erhöhten die Arbeiter auch den Dachstuhl.

1742 begann der Innenausbau. Noch in diesem Jahr konnte das Fresko von Ignaz Finsterwalder?, dem auch die übrigen Stuckarbeiten in der Kirche zugeschrieben werden, vollendet werden. Etwa die Kanzel, die ebenfalls 1742 fertig gestellt wurde. Auch der Maler Christoph Thomas Scheffler?, ein Asamschüler, arbeitete mit Finsterwalder. Anzunehmen ist, dass sie die Fresken z. T. gemeinsam ausführten. Auch das Antependium des 1745 fertig gestellten Hochaltares und das Rundmedaillon mit der Anbetung der Könige sowie die Gemälde der Seitenaltäre gehen nachweislich auf Christoph Thomas Scheffler? zurück. Erst 1752 endete der Ausbau der Muttergotteskapelle mit den vollendeten Seitenaltären. Neben Maria wurden hier an den Seitenaltären die Bauernheiligen Leonhard und Wendelin verehrt.

Durch die 1802/03 erfolgte Säkularisation verlor das Reichsstift? Sankt Ulrich und Afra seine Besitzungen in Haunstetten und die Kapelle wurde Eigentum des Königsreichs Bayern?. In diesen Jahren erlosch die Wallfahrt zu dem Haunstetter Gotteshaus. 1820 (nach anderen Quellen 1813) kaufte die Gemeinde Haunstetten die Muttergotteskapelle für 200 fl., weil das Königsreich Bayern? das Gebäude abreißen wollte. Auch damals gab es schon Bürgerengagement.

1858 ersetzte die Gemeinde Haunstetten die Zwiebel auf dem Giebelreiter durch einen neugotischen Spitzhelm.

Als man die Kapelle 1906 renovierte, bekam die Kanzel einen Aufgang von außen.

Zwischen 1945 und 1949 feierten in der Muttergotteskapelle Haunstetten so genannte Displaced Persons aus den baltischen Ländern, vor allem Litauer, Gottesdienst.

1953/54 entfernte man den Giebelreiter und baute ihn wie zuvor wieder auf. 1954 errichtete man in dem damals vom Heimat- und Volkstrachtenverein gestalteten und gepflegten Park an der Muttergotteskapelle eine Gedenkstätte für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Gemeinde. Am 19. Mai 1955 weihte man die "Ulrichsglocke" (auch Friedensglocke genannt). Der Heimat- und Volkstrachtenverein Haunstetten hatte sie zum Ulrichsjahr gestiftet. Wegen Platzmangel in der Kapelle und zur Schonung der frisch angelegten Außenanlagen wurde die Glocke im Hof der Eichendorffschule? vom damaligen Bischof Dr. Josef Freundorfer? geweiht. Erst später hängte man sie in den erneuerten Turm der Muttergotteskapelle.

1957 frischte man die Deckenbilder im Inneren auf und in den Jahren 1973 bis 1976 erfolgte eine umfassende Renovierung, nachdem die Muttergotteskapelle 1972 durch die Eingemeindung Haunstettens Eigentum der Stadt Augsburg geworden war.

1985 folgte eine Innenrestaurierung, in den 1990er Jahren eine Außenrenovierung.

Im August 2014 konnte der Kulturkreis Haunstetten? erreichen, dass ein großes historisches Hinweisschild, das in der Bürgermeister-Widmeier-Straße auf die Muttergotteskapelle hinwies, vom Kulturamt? der Stadt Augsburg fachgerecht restauriert und von Grafitti? befreit wurde.

Details

Von dem früheren Fremdenfriedhof bei der Muttergotteskapelle Haunstetten sind an der südlichen Außenmauer des Gotteshauses noch drei Grabplatten zu sehen. Eine erinnert an einen Johann Paul Gouttier, einen Haunstetter Strumpfwirker, der 1731 starb. Das ist deshalb interessant, weil der hugenottische Name anzeigt, dass sich auch in der Region Augsburg aus Frankreich geflüchtete Hugenotten ansiedelten. An der Westseite der Muttergotteskapelle von Haunstetten steht der Grabstein des Haunstetter Metzgers Michael Wenger aus dem 18. Jahrhundert. Der Kulturkreis Haunstetten? recherchierte, dass der Metzger am 11. September 1700 in Wertingen geboren wurde und am 6. Dezember 1773 in Haunstetten verstarb. Er hatte also den Umbau und die Neugestaltung der Muttergotteskapelle 1740/41 erlebt.

Das Innere der Haunstetter Muttergotteskapelle wirk wie ein Saal. Es besitzt eine Westempore, die Ecken des Raumes im Osten sind abgeschrägt. Wandpilaster in toskanischer Ordnung gliedern die Wandflächen. Besonders fallen die Gewölbezwickel über dem Gebälk auf. Der aus Wessobrunn? stammende und in Augsburg wirkende Ignaz Finsterwalder? gestaltete die kostbaren Stuckkartuschen darin. Sie leuchten in einer hellen Farbigkeit von Rosa, Gelb und Grau und bilden den Rahmen für die so genannten Trabantenbilder, die in Grisaille vor einem Hintergrund aus Goldbrokat gemalt wurden.

Die Flachkuppel mit ihrem Lattengewölbe trägt auf ihrer kompletten Fläche ein Fresko von Thomas Christoph Scheffler?, das aus dem Jahr 1742 stammt und vom Künstler signiert ist. Das Deckengemälde im Langhaus ist zwölf Meter lang und sieben Meter breit. Gerahmt wird das Bild durch eine Scheinarchitektur, die aussieht wie eine Balustrade. Bildthema sind Visionen aus der Apokalypse des Johannes. Gemäß Offb 12,1 wird Maria, deren Verehrung den Benediktinern von Sankt Ulrich und Afra ein großes Anliegen war, geht es um die Glorifizierung Mariens. In der Bibelstelle ist zu lesen: "Eine Frau mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von 12 Sternen auf ihrem Haupt." So wird hier Maria dargestellt, während sie über den apokalyptischen Drachen siegt - inmitten des endzeitlichen Kampfes zwischen den teuflischen und den göttlichen Mächten. Auf dem Fresko stehen sich die dargestellten Personen feindlich gegenüber. Auf der einen Seite die Himmelsbewohner mit Maria in ihrer Mitte, auf der anderen Seite die Mächte der Finsternis mit Satan an ihrer Spitze. Ein Strahl der göttlichen Gnade verbindet Maria mit der Dreifaltigkeit Gottes. Das Bild zeigt in der Mitte der feindlich gegenüberstehenden Welten einen Engel, der den Sieg des Volkes Gottes verkündet. In den Zwickeln befinden sich kleine Gemälde, die Marias besondere Stellung im Heilsplan Gottes zeigen. So sehen wir Gott-Vater mit Maria als Kind (Jdt 8,1), Maria als Mutter Christi (Mt 1,18), Maria als Braut (Hohes Lied 4) sowie Maria und die Dreifaltigkeit (Sir 43,4).

Auch die Kuppel des Chors hat Thomas Christoph Scheffler? gestaltet. Das Chorfresko stammt ebenfalls aus dem Jahr 1742. Dargestellt ist die Krönung Mariens, die durch eine Kartusche mit Inschrift auf das biblische Buch Esther bezogen wird (Est 2,17 "Er setzte ihr das königliche Diadem auf und machte sie zur Königin."). Auch hier setzte Scheffler Scheinarchitektur ein. Die gemalte Architektur des Bildes gipfelt in der Laterne, die als Baldachin geformt ist. In den vier Trabantenbildern der Ecken sind die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigung und Stärke durch Frauengestalten versinnbildlicht. Das Bild ist von gemaltem Licht durchflutet, das die Seele erheben soll.

Im Mittelpunkt des saalartigen Raumes steht der Hauptaltar mit dem Gnadenbild. Er wird auf die Zeit um 1745 datiert und dem Kistlermeister Joseph Einsle? aus Göggingen zugeschrieben. Der Hauptaltar wurde blau mit Goldadern gefasst, Putten in Polierweißfassung bevölkern ihn und im Mittelpunkt zeigt er die Muttergottes, die wohl um 1430 bis 1440 zu datieren ist.

Im Langhaus der Muttergotteskapelle ist eine Tafel eingelassen, die daran erinnert, dass nach dem Zweiten Weltkrieg hier Litauer ihren geistlichen Raum hatten. Sie waren von den Nationalsozialisten? zwangsumgesiedelt und in Haunstetten dienstverpflichtet worden, um in Augsburger Rüstungsbetrieben zu arbeiten.

Lage


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