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Lossa, Ernst

Ein Jenischer? aus Augsburg, der in der Nazizeit? in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee? ermordet wurde.

Leben

Ernst Lossa wurde am 1. November 1929 in Augsburg (Pfersee) geboren. 1933 starb seine Mutter an einer zu spät diagnostizierten Tuberkulose im Alter von 23 Jahren, der Vater verdiente mit Hausieren sein Geld. Beide Elternteile waren Jenische?. Manchmal verdienten sie sich als Restauratoren von Kirchenfiguren ihr Geld oder sie reisten in den Sommermonaten durch das Land. Deshalb wurden sie von den Nationalsozialisten? als "Zigeunermischlinge" verfolgt. Im Hause Lossa herrschte immer materielle Not.

1939 gerieten der Vater und zwei seiner Brüder, aber auch andere Verwandte in das KZ Dachau?. Später starb sein Vater im Alter von 35 Jahren entweder im KZ Mauthausen oder im KZ Flossenbürg. Als Todesgrund gaben die Nationalsozialisten? "Herzschwäche" an.

Am Beginn des Leidenswegs von Ernst Lossa stand ein katholisches Kinderheim in Hochzoll, wo Ernst und zwei Schwestern von den Nationalsozialisten? untergebracht wurden. Dieses Heim war 1908 von dem katholischen Stadtpfarrer Josef Wassermann? als "Kinderbewahranstalt" gegründet worden. Schwestern der Sankt Josephs-Kongregation Ursberg? arbeiteten in diesem Heim als Erzieherinnen. Das Heim existiert auch heute noch. Dort soll Ernst Lossa Diebstähle begangen haben, weshalb ihn der Pfarrer Josef Wassermann? persönlich wegen "Unerziehbarkeit" 1940 in das NS-Erziehungsheim in Indersdorf? bringt. Zu diesem Heim existieren im Münchener Institut für Zeitgeschichte noch mehrere Hundert Akten über die Zöglinge. In dieser Anstalt bescheinigt ihm ein ärztliches Gutachten ein "stark abartiges, gemeinschaftsunfähiges" Kind und ein "triebhafter Psychopath" zu sein. Ausgestellt hat das Gutachten eine Ärztin der Erbbiologischen Abteilung des Kaiser Wilhelm Instituts. Auch in Indersdorf? gibt es Schwierigkeiten und auch hier hält man ihm Diebstähle vor.

Der Psychiater Michael von Cranach, der sich Jahre lang mit den Psychiatrie-Verbrechen der Nazis auseinander gesetzt hat, deutet die kleinen Diebstähle von Ernst Lossa genau wie Robert Domes? als den Versuch, sich eine kleine private Welt zu schaffen, denn Ernst Lossa bewahrte sein Diebesgut in Schächtelchen und Kästchen, seinen "Plätzen", auf.

Im April 1942 überstellt man Ernst Lossa wegen des Indersdorfer Gutachtens in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren?, wo schlimme Zustände herrschten. Offiziell war hier zwar die Euthanasie-Aktion T4 beendet, doch hat man in Kaufbeuren weiterhin Patienten gezielt getötet. In der Wissenschaft spricht man von der so genannten „wilden Euthanasie“. Konkret bedeutete das: Man ließ die Patienten entweder verhungern oder tötete sie durch Überdosen bestimmter Medikamente. Diese systematische Tötung von Menschen unter dem Deckmäntelchen aktiver Sterbehilfe hatte schon im Oktober 1939 mit Adolf Hitlers Euthanasiebefehl zur Tötung so genannten "lebensunwerten" Lebens begonnen. Unter den Begriff fielen nach nationalsozialistischer Definition alle Missgebildeten und Geisteskranken, vor allem, wenn sie einer so genannten "minderwertigen" Rasse angehörten.

Auch in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren? verhielt sich Ernst Lossa nach den später erstellten Unterlagen aufgrund von Zeugenaussagen „unangepasst“, was bedeutet, dass er anderen durch Diebstahl Nahrungsmittel beschaffte, dass sie nicht verhungerten. Wohl aufgrund dieses Verhaltens schoben ihn der Verwaltungsleiter Josef Frick und der ärztliche Leiter Valentin Faltlhauser in die Zweiganstalt von Kaufbeuren, nach Irsee? ab. Nach einigen Zeugenaussagen in Prozessen soll der Anstaltsleiter in Kaufbeuren Skrupel gehabt haben, Ernst Lossa zu töten, weil ihn die Pfleger und Schwestern mochten, er eigentlich nicht behindert war und ein freundliches, hilfsbereites Wesen hatte. In den Irseer „Entlassungsunterlagen“ ist unter „Entlassen am“ der „9.8.44“ eingetragen, der nächste Begriff „nach“ ist durchgestrichen und statt eines neuen Ortes steht dort „Euthanasiert!“.

Der für Lossa zuständige Krankenpfleger will sich geweigert haben, ihn mit Luminal „totzuspritzen“. Es sei die Krankenpflegerin Pauline Kneissler gewesen, die im Beisein von Josef Frick und Valentin Faltlhauser Lossa per Spritze getötet habe. Der Leichenschauschein gibt als Todesursache „Bronchopneumonie“ an. Ermordet wurde Ernst Lossa in der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie, der Aktion Brandt. Ernst Lossa war zum Zeitpunkt seines Todes 14 Jahre alt. Wahrscheinlich wusste er, was man mit ihm vorhatte, denn am Tag vor seinem Tod gab er einem Pfleger eine Fotografie und bat ihn, man solle ihn doch bitte "schön einsargen". „Zum Andenken“ hatte Ernst Lossa auf das Bild geschrieben. Er wurde auf einer Wiese in Irsee? verscharrt.

Die Vorkommnisse in Kaufbeuren und Irsee? in der Nazizeit? sind aufgrund der Forschungen von Michael von Cranach gut dokumentiert. Er fing 1980 an, die Unterlagen und Akten der Anstalt aufzuarbeiten. Dazu kommen die Vernehmungsprotokolle der Amerikaner, die diese nach dem Krieg in der Anstalt erstellten.

Ernst Lossa war einer der 2.333 Patienten, die in den Krankenanstalten von Kaufbeuren und Irsee? zwischen 1939 und 1945 umgebracht wurden. Darunter auch Menschen, die wie er den Nationalsozialisten einfach nur im Weg waren.

Aussagen über Ernst Lossa

Aus dem Gutachten von Dr. Hell, 1940. Damals ist Ernst Lossa zehn Jahre und 9 Monate alt:

„Macht einen verschlagenen und verwegenen Eindruck … Er gesteht ein, dass er alles, was ihm gefällt, besitzen möchte … Strafen beeindrucken ihn überhaupt nur in geringem Maße … Kindliche Reue oder Scham sind ihm fremd … Er verkörpert den Typus jenes Menschen mit angeborener Stehlsucht … Es handelt sich demnach bei Lossa Ernst zweifellos um einen an sich gutmütigen, aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen.

Aus dem Schreiben des Schulleiters Dr. Goller:

Wie aus dem psychiatrischen Gutachten vom August 1940 … ersichtlich ist, handelt es sich bei Lossa um ein selten stark abartiges Kind und damit gemeinschaftsunfähiges Kind … Wie schon erwähnt, kann es nicht mehr verantwortet werden, dass eine geordnete Erziehungsarbeit einer ganzen Gruppe unter einem solch stark abartigen und asozialen Jungen leidet, bei dem kein Erziehungserfolg zu erwarten ist.

Zeugenaussage des Pflegers Max Ries, Irsee, in einer Gerichtsverhandlung:

Lossa war ein heller aufgeweckter Bursche, keineswegs ein unheilbarer Geisteskranker im Endstadium. Lossa war körperlich kräftig und arbeitsfähig. Warum er überhaupt nach Irsee kam, wo sonst nur die schweren Pflegefälle hinkamen, weiß ich nicht. Da man bei Lossa keinesfalls sagen konnte, dass bei ihm ein „Gnadentod“ angebracht sei, kam ich auf den Gedanken, dass er deshalb getötet worden sei, weil er möglicherweise beobachtet hat, wie andere Kranke gespritzt wurden.

Zeugenaussage des Pfleger Karl E., Irsee, in einer Gerichtsverhandlung:

Er war ein kräftiger untersetzter Junge …, aufgeweckt, witzig, geistig auf der Höhe. Er hatte eine diebische und lügnerische Veranlagung, aber körperlich und geistig war er auf der Höhe.

Bedeutung

Die Ermordung Ernst Lossas wurde nach 1945 exemplarisch vor allem von den Amerikanern aufgearbeitet, die zu seinem Schicksal Zeugen vernahmen. Sie verwendeten seine Krankengeschichte und Ermordung zusammen mit den Zeugenaussagen in vielen Prozessen gegen Naziverbrecher als Beispiel. Das führte zu einer weiten Bekanntheit seines Schicksals. Er wurde zwar nicht so bekannt wie die im gleichen Jahr geborene Anne Frank, da er anders als diese keine Aufzeichnungen hinterlassen hat, doch während man Anne Franks Lebensweg der letzten Monate nur schwer nachvollziehen kann, ist Ernst Lossas durch die Nazi-Bürokratie bis ins Detail dokumentiert, was die Amerikaner auf ihn aufmerksam werden ließ.

Die Akten zu dem Schicksal Ernst Lossas wurden 1948 in Prozessen verwendet, die in Kempten gegen Valentin Faltlhauser und andere an den Euthanasiemaßnahmen in Kaufbeuren und Irsee? Beteiligte stattfanden. Das Urteil fiel milde aus: Im Jahr 1949 verurteilte das Gericht Valentin Faltlhauser zu drei Jahren Haft wegen „Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag“. Die 16 Monate, die er in einem amerikanischen Internierungslager verbrachte, wurden ihm auf die Haft angerechnet. Und die Landesregierung erließ ihm die Reststrafe, so dass er ohne Gefängnisaufenthalt weiterleben konnte. Zu seiner Rechtfertigung im Fall der Tötung von Ernst Lossa soll der Anstaltsdirektor Valentin Faltlhauser gesagt haben: "Wenn ich ihn nicht euthanasiert hätte, dann wäre er halt in eine andere Anstalt gekommen."

Auch gegen die Krankenschwester Pauline Kneissler wurden die Lossa-Akten 1948 vom Landgericht Frankfurt am Main verwendet. Sie hatte Menschen in Hadamar, Grafeneck und Kaufbeuren bzw. Irsee? getötet. Die Strafe dafür: milde vier Jahre Zuchthaus, da Frau Kneissler ja den eigenen Willen nur dem verbrecherischen Willen anderer untergeordnet habe und damit lediglich als Gehilfin zu verurteilen sei.

Alexander Mitscherlich hat über die Nürnberger Ärzteprozesse geschrieben: "Die Untaten waren von so ungezügelter und zugleich bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier, dass niemand ohne tiefste Scham darüber zu lesen vermag." Das gilt in gleichem Maße auch für das Verhalten der Ärzte und Pfleger im Fall Ernst Lossa.

Sonstiges

Im Sheridan-Viertel ist eine Straße nach Ernst Lossa benannt.

Von Robert Domes? gibt es den biografischen Roman "Nebel im August" über den Lebensweg von Ernst Lossa. Er schildert das Leben von Ernst Lossa als exemplarisch für den perversen Rassen- und Auslesewahn im Hitler-Staat. In seinem Buch gibt es eine Fotografie von Ernst Lossa, die 1942 in der "Heilanstalt" Kaufbeuren aufgenommen wurde und einen zugleich jünger und viel älter wirkenden zwölfjährigen Jungen zeigt. Domes spricht ihm "eine Mischung aus Sehnsucht und Kampfeslust, Verlorenheit und Trotz, Pfiffigkeit und Melancholie, Neugier und Angst" zu. Viele Jahre hat Robert Domes? das Schicksal von Ernst Lossa recherchiert, der in der von Kaufbeuren mitverwalteten Nebenanstalt Kloster Irsee? mit zwei Morphium-Scopolamin-Spritzen als "asozialer Psychopath" ermordet wurde, obwohl er weder körperlich noch geistig behindert war.

Das Buch von Michael von Cranach, Hans-Ludwig Siemen (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1999, ist Ernst Lossa gewidmet. Er glaubt nachweisen zu können, dass Ernst Lossa vor allem deshalb totgespritzt wurde, weil er über die Verhältnisse in Kloster Irsee? gut informiert war und statt "gemeinschaftsunfähig" zu sein in die Vorratskammer eingebrochen war und Lebensmittel an die Mitgefangenen verteilt hat, um sie vor dem Tod durch die "Hungerkost" in der Anstalt zu retten.

Sowohl das Buch von Michael von Cranach wie auch Robert Domes´? Buch zeichnen Ernst Lossa als einen Jungen, der in den Zeiten des Rassenwahns nie ein Leben hatte und ein sehr tapferer, im Übrigen aber ganz normaler Junge war.

2002 wurde eine Behinderten-Wohnanlage für Behinderte in Haltern am See nach Ernst Lossa benannt.

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