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Loritz, Hans

ein KZ-Kommandant aus Augsburg

Leben und Wirken

Jugend und frühes Erwachsenenalter

Hans Loritz wurde am 21. Dezember 1895 in Augsburg geboren. Er war Sohn eines Beamten und machte nach der Volksschule eine Bäcker- und Konditor-Ausbildung. Nachdem er die Gesellenprüfung abgelegt hatte, verließ er Augsburg und arbeitete bei Bäckereien in Innsbruck, Wien, Budapest und Berlin.

1914 kehrte er mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Augsburg zurück, wo er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete. Seine Ausbildung erhielt er in der Prinz-Karl-Kaserne beim Königlich Bayerischen 3. Infanterie-Regiment "Prinz Karl von Bayern"?.

Während des Ersten Weltkrieges wurde Hans Loritz mehrfach verwundet und 1917 zum Unteroffizier befördert. Er meldete sich zur den damals neu entstehenden Luftstreitkräften und wurde zum Flieger an den Fliegerschulen in Lagerlechfeld? und Gersthofen ausgebildet. Im Juli 1918 schoss man ihn über französischem Hoheitsgebiet ab. Anders als zwei weitere deutsche Flieger, die ebenfalls abgeschossen wurden und ihr Leben verloren, geriet er nur in Gefangenschaft. Weil er einen Fluchtversuch unternahm, der fehlschlug, setzte man ihn in strenge Einzelhaft und schickte ihn im Anschluss daran in ein Arbeitslager. Aufgrund seiner Französischkenntnisse wurde er von den Franzosen als Übersetzer eingesetzt. Erst im Februar 1920 entließen ihn die Alliierten aus der Kriegsgefangenschaft.

Zunächst kehrte er nach Augsburg zurück. Sein Vater arbeitete bei der Augsburger Polizei und verschaffte auch seinem Sohn dort einen Posten. Hans Loritz heiratete 1922 und wurde Vater eines Sohnes. Später wurde seine erste Ehe geschieden, doch Hans Loritz heiratete erneut. 1925 kam Hans Loritz in die Kraftradabteilung der Augsburger Polizei. 1928 wurde er zum Gemeindebeamten ernannt. Anfang der 1930er Jahre bekam Hans Loritz bei der Polizei Schwierigkeiten, weil er ein Unfallopfer bedrängt hatte. In der Folge musste er seinen Polizeidienst quittieren und bekam in der Augsburger Stadtverwaltung eine Anstellung. In der letzten Phase seiner Tätigkeit bei der Stadt arbeitete er als Kontrolleur und Kassierer im städtischen Gaswerk.

Nazi und SS-Mann

Hans Loritz trat am 1. August 1930 mit der Mitgliedsnummer 298.668 in die NSDAP und gleichzeitig in die SS ein, wo er die Mitgliedsnummer 4.165 bekam. Zunächst übernahm er den SS-Sturm 1/II/29, den er zu einem „Sturmbann“ ausbaute. Am 15. November 1931 wurde er SS-Untersturm-, am 11. April 1932 SS-Hauptsturm- und am 23. August 1932 SS-Sturmbannführer.

Bei der Abstimmung am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Augsburg erstmals die meisten Stimmen, was Hans Loritz und seine SS-Männer dazu bringt, nachts in den Perlachturm einzudringen und auf dem Turm die Hakenkreuzfahne zu hissen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde er von der Stadt Augsburg dauerhaft für seine Arbeit in der SS freigestellt. Kommandant der 29. SS-Standarte Schwaben wurde er im April 1933 und blieb es bis Dezember 1933. Am 15. Juli 1933 folgte die nächste Beförderung: Hans Loritz: Er wurde SS-Obersturmbannführer. Auch an den ersten antijüdischen Aktionen in Augsburg war Hans Loritz maßgeblich beteiligt.

Im Laufe des Jahres 1933 kommandierte man einen Teil der Augsburger SS zum Grenzschutz-Kommando, einen anderen Teil zum Konzentrationslager Dachau ab. Hans Loritz ernannte man zum Leiter des SS-Hilfswerkes im Konzentrationslager Dachau. Allerdings war das eine Strafversetzung für ihn, weil er sich gegenüber einem höheren SS-Führer schlecht benommen hatte. Das SS-Hilfswerk war zwar in den Kasernen des Konzentrationslagers Dachau stationiert, hatte aber damit eigentlich nichts zu tun. Im Hilfswerk waren 1400 österreichische SS-Leute kaserniert, die sich aus ihrer Heimat abgesetzt hatten, als Österreich 1933 alle Nazi-Organisationen verbot. Am 22. März 1934 wurde Hans Loritz SS-Standartenführer.

Bundesarchiv Bild 152-01-16, KZ Dachau, SS-Wachmannschaft
Schutzhaftlager Dachau, 27.5.33, angetretene Wachmannschaft der SS, Bundesarchiv, Bild 152-01-16 / Friedrich Franz Bauer / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

Danach kam es zu einem ungeklärten Diebstahl aus der Kantinenkasse, in dessen Folge Hans Loritz um seine Versetzung bat. Im Juli 1934 wurde er daraufhin Kommandant des Konzentrationslagers Esterwegen. Hier erfolgte am 15. September 1935 die Ernennung von Hans Loritz zum SS-Oberführer.

Im KZ Esterwegen war Carl von Ossietzky seit Mitte Februar 1934 unter der Nummer 562 inhaftiert. Er war Hans Loritz´ prominentester Gefangener. Arreste, Fußtritte, Schläge, Latrinen säubern und schwere körperliche Arbeit waren unter Loritz Ossietzkys tägliches Brot. Der Gesundheitszustand Ossietzkys verschlechterte sich dramatisch. Im März 1936 stellte ein Meppener Arzt bei Ossietzky einen lebensbedrohlichen Gesundheitszustand fest. Das machte die Nazis im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 nervös, denn der Tod Ossietzkys im KZ Esterwegen hätte das wahre Gesicht der NS-Diktatur offenbart. Deshalb ließ Göring den berühmten Häftling in das Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin überführen.

Bundesarchiv Bild 183-R70579, Carl von Ossietzky im KZ
Carl von Ossietzky. Publizist, als Häftling in einem Konzentrationslager Esterwegen. Bundesarchiv, Bild 183-R70579 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

Weil das KZ Esterwegen ebenfalls im März 1936 aufgelöst wurde, beorderte man Hans Loritz im April 1936 in das Konzentrationslager Dachau zurück, wo man ihn als Lagerkommandanten einsetzte. Unglaublich, aber wahr: Weil er die Häftlinge im Konzentrationslager Dachau angeblich zu hart behandelte, löste man ihn am 1. Juli 1939 als Lagerkommandanten von Dachau ab und versetzte ihn nach Österreich, wo er Führer des SS-Abschnitts XXXV in Graz wurde.

In Graz nutzte Hans Loritz seine Macht zu persönlichen Zwecken und ließ sich am Wolfgangsee in Sankt Gilgen durch KZ-Häftlinge die Luxusvilla Waldheim errichten.

Schon im Dezember 1939 arbeitete er wieder in einem KZ. Man übertrug ihm die kommissarische Leitung des KZ Sachsenhausen. Zum Lagerkommandanten des KZ Sachsenhausen wurde er im März 1940 und blieb es bis September 1942. Er galt als erfahrener KZ-Leiter, weshalb man hoffte, dass er die Disziplinlosigkeit der dortigen Wachmannschaft in den Griff bekäme. Als Chef des KZ Sachsenhausen ließ Hans Loritz im Lager eine Genickschussanlage einrichten, mit der er mehr als 12.000 sowjetische Kriegsgefangene hinrichten ließ. Im KZ Sachsenhausen war der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Clemens Högg inhaftiert. Ihn kannte Hans Loritz von Augsburg, wo Högg die Arbeiterwohlfahrt aufgebaut hatte. Es scheint ihm ein besonderes Vergnügen bereitet zu haben, Högg zwei Jahre in eine Dunkelzelle einzusperren, was diesen erblinden ließ und dazu führte, dass man ihm ein Bein amputieren musste.

Bundesarchiv Bild 146-1989-063-30A, Russland, russische Kriegsgefangene
Russische Kriegsgefangene 1941 im Lager. Bundesarchiv, Bild 146-1989-063-30A / Paris / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

Die Gründe für seine Ablösung als Lagerkommandant von Sachsenhausen sollen ähnliche wie in Dachau gewesen sein, doch kam in Sachsenhausen noch Korruption dazu. Man warf Hans Loritz vor, an der Korruption der Wachmannschaft beteiligt gewesen zu sein. Auch dass er seinen Luftschutzkeller pompös ausbaute, eine private Schweinemast zur Aufbesserung der Speisekarte einrichtete und eine private Jagdhütte betrieb, fand bei seinen Vorgesetzten wenig Gefallen.

Deshalb versetzte man Hans Loritz im September 1942 als „Höheren SS- und Polizeiführer Nord“ nach Norwegen. Zunächst leitete er dort mehrere Gefangenenlager für 2600 jugoslawische Partisanen. Die Freiheitskämpfer mussten im eisigen Norden eine Straße bauen. Nicht viele überlebten die Strapazen, weil die SS jeden erschoss, der krank wurde. Als die Lager an die Wehrmacht übertragen wurden, gab man Hans Loritz die Verantwortung für die Absicherung von Fabrikanlagen gegen Sabotageakte des norwegischen Widerstands.

Gegen Ende des Krieges setzten die Alliierten Hans Loritz auf eine Kriegsverbrecherliste. Hans Loritz versuchte sich mit Ausweispapieren, die von der SS gefälscht wurden, als Hans Berg nach Schweden abzusetzen. Schon vor Ende des Krieges schickte Hans Loritz im April 1945 aus Oslo drei fingierte Abschiedsbriefe an seine Frau, seine Geliebte und seinen Vorgesetzten. Kurz darauf gab er sich in Schweden als verfolgter Sozialdemokrat aus. Die Schweden glaubten diese Lüge zwar, schoben ihn jedoch trotzdem im September 1945 nach Lübeck ab. Untergebracht wurde er im Internierungslager Neumünster, wo man ihn identifizierte. Die Briten, die das Internierungslager Neumünster betrieben, planten, Hans Loritz wegen der Ermordung von 12.000 russischen Kriegesgefangenen an die sowjetische Militärjustiz zu übergeben.

Weil sich Hans Loritz ein Leben in einem vom Nationalsozialismus gereinigten Deutschland nicht vorstellen konnte und er sich seinen weltlichen Richtern entziehen wollte, beging er in der Nacht zum 31. Januar 1946 Selbstmord. Er erhängte sich mit seinem Gürtel in einer Zelle des Internierungslagers Neumünster-Gadeland.

Hans Loritz´ Witwe musste das Anwesen in St. Gilgen räumen und zog nach Augsburg, wo sie für ihren verstorbenen Mann zehn Jahre lang eine Rente bezog, ein Skandal, den die Justiz erst 1962 stoppte, ohne dass die Witwe die bereits erhaltenen Summen zurückzahlen musste.

Beurteilung

Als Hans Loritz etwa ein Jahr Leiter des KZ Esterwegen war, schrieb der damalige Inspekteur der Konzentrationslager Theodor Eicke über ihn: „Loritz führt zu meiner größten Zufriedenheit das Konzentrationslager Esterwegen. Dieses Lager ist von allen am schwierigsten zu leiten, da es durchwegs Verbrecher beherbergt, landschaftlich vollkommen abseits und umgeben von einer reaktionär eingestellten Bevölkerung liegt … Loritz hat innerhalb kurzer Zeit ... ein mustergültiges Gefangenenlager aufgebaut.“

Die Inhaftierten sahen den Menschen Hans Loritz dagegen als „Bestie in Menschengestalt, wie man sie sich schlimmer nicht denken kann“. So formulierte es ein Überlebender des KZ Esterwegen, wo er sich nach Erinnerung eines anderen Überlebenden so vorstellte: „Die Schnauze hervor, alles herhören. Ich habe am heutigen Tag das Lager übernommen. In puncto Disziplin bin ich ein Schwein.“ Immer wieder kommt in den Berichten über Hans Loritz dessen ungezähmte Brutalität und Lust am Martern zum Ausdruck. Dazu kam, dass er durch seine Lagerordnungen das Terrorregime nach seinem Gusto systematisierte. So führte er Strafen ein, die er bei geringsten Verstößen verhängen konnte, etwa „tagelangem strengen Arrest“, „dauernde Verwahrung in Einzelhaft“ oder „25 Stockhiebe“ etc.

Allerdings führte Hans Loritz auch die Wachmannschaften in den Konzentrationslagern mit harter Hand. Er selbst soll nicht eigenhändig gefoltert haben. Grenzenloser Judenhass muss ein weiteres Merkmal von Hans Loritz´ gewesen sein.

Schon als Polizist sah Hans Loritz seinen Dienst als Ermächtigung, gegen alle vorzugehen, die nicht seinen Ordnungsvorstellungen entsprachen. Die kaisertreue Einstellung des Elternhauses begünstige, dass Hans Loritz die Dolchstoßlegende glaubte und davon überzeugt war, dass die Niederlage im Ersten Weltkrieg nur wegen der Novemberrevolution möglich war. Kameradenkult, Prinzipienreiterei, Überheblichkeit und Geltungssucht ließen ihn Schritt für Schritt zum Massenmörder aus Überzeugung werden.

Sonstiges

Im März 2011 las Dirk Riedel aus seinem Buch Ordnungshüter und Massenmörder im Dienst der "Volksgemeinschaft": Der KZ-Kommandant Hans Loritz. Die Veranstaltung fand im Jüdischen Kulturmuseum in Augsburg statt.

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