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Israelitischer Friedhof Kriegshaber

auch Jüdischer Friedhof Kriegshaber

Allgemeines

Der israelitische Friedhof Kriegshaber liegt in der Nähe der heutigen Bürgermeister-Ackermann-Straße? in der Hooverstraße 15, an der Ecke Madisonstraße / Hooverstraße nahe der westlichen Grenze von Kriegshaber, wo sich früher das amerikanische Wohngebiet Centerville befand.

Der Friedhof hat eine Größe von etwa 9.400 Quadratmetern, die mit einer großen, massiven Steinmauer umschlossen sind. Das schmiedeeiserne Eingangstor befindet sich an der Hooverstraße. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1990er Jahre umgab ihn ein amerikanisches Wohnviertel (Centerville), aber auch heute liegt er versteckt und weitgehend vergessen inmitten von umgebenden Bäumen.

Der Jüdische Friedhof Kriegshaber war Begräbnisstätte der jüdischen Gemeinden Pfersee, Kriegshaber, Oberhausen und Steppach, die seit etwa 1570 urkundlich nachweisbar sind. Im ehemaligen Stadtteil Centerville der US-Garnison Augsburg? bildete der Friedhof eine Enklave.

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Blick über den Großen Exerzierplatz Richtung Bismarckturm?, im Mittelgrund der jüdische Friedhof Kriegshaber. Links Häuser auf Stadtberger Flur. Aufnahme von Ernst Stromer 1952, vermittelt durch Thomas Werthefrongel. Kurz darauf errichteten hier die Amerikaner Wohnbebauung (Centerville).

Geschichte

17. Jahrhundert

Vor der Anlage des Israelitischen Friedhofs in Kriegshaber begruben die hier ansässigen Juden ihre Verstorbenen in Burgau?, doch wurden sie dort 1617 vertrieben. Deshalb kauften die Juden? von Kriegshaber 1627 eine Viehweide, die der Markgrafschaft Burgau? gehörte und nahe ihrer Siedlung lag. Diese wandelten sie zum Friedhof, den sie 1636 eröffneten. Er gehört damit zu den ältesten Friedhöfen in Augsburg. Wir wissen auch um ein anderes Datum im Zusammenhang mit dem jüdischen Friedhof Kriegshaber: 1628 beschwerte sich der Ortsvorsteher von Stadtbergen über die geplante jüdische Begräbnisstätte.

Initiiert wurde die Gründung des jüdischen Friedhofs Kriegshaber durch die bekannt jüdische Familie Ulmo? (Ullmann), deren Wappen drei Sterne zierte. Aus ihr gingen in den jüdischen Gemeinden der Region Augsburg viele Gemeindevorsteher und Rabbiner hervor. Zur Zeit der Planung und Gründung des jüdischen Friedhofs in Kriegshaber waren etwa 80 Prozent der Häuser an der Ulmer Straße in jüdischem Besitz.

Eine Erweiterung fand der Friedhof 1695. Der jüdische Friedhof Kriegshaber wartet mit schönen und bedeutenden Grabsteinen auf, die das einst weit überregionale Ansehen der ehemaligen jüdischen Gemeinden in Kriegshaber, Pfersee und Steppach lebendig machen.

18./19. Jahrhundert

1722 war der Friedhof bereits wieder an die Grenze der Kapazität gekommen, was daraus hervorgeht, dass damals Juden? direkt unter dem Eingangsportal begraben werden mussten. Eigentlich war also eine Erweiterung des Friedhofs dringend geboten, doch das Domkapitel? und die Reichsstadt? Augsburg weigerten sich, den Juden? auch nur einen Millimeter mehr Land für ihren Friedhof zu überlassen.

1724 erbauten die drei jüdischen Gemeinden, die den Friedhof nutzten, das Taharahaus (Gebäude für die Leichenwaschungen) und 1825 die Umfassungsmauer, die 1867 erhöht und saniert wurde. Bis zur Erneuerung der Umfassungsmauer 1867 war es hier auf dem jüdischen Friedhof Kriegshaber gefährlich; denn neben der Friedhofsmauer von 1825 befand sich ein Artillerie-Schießplatz. Vor der Friedhofsmauer richtete man zwar einen Kugelfang ein, doch kam es immer wieder zu schweren Unfällen und Beschädigungen der Mauern und der Grabsteine. Erst die Eingabe von Seligmann Lazarus Skutsch beim bayerischen König 1867 hatte Erfolg: Die Umfassungsmauer durfte stabiler gebaut werden und die Kugelfänge wurden auf die andere Seite des Übungsgeländes verlegt. Übungen mit schweren Geschützen verlegte man ganz auf das Lechfeld.

Noch bis 1816 nutzten die Münchener, bis 1868 auch die Augsburger Juden? den Friedhof. Nach der Einweihung des Augsburger Friedhofs im Hochfeld (1867) wurden noch bis 1940 Juden? von Kriegshaber hier begraben.

20. Jahrhundert

1942 warfen deutsche Soldaten zahlreiche Grabsteine des Friedhofs um und zerstörten sie. Möglicherweise stand diese Schändung von Gräbern im Zusammenhang mit dem Grab Ferdinand Wertheimers. Er war nämlich Ehrenbürger Braunaus, wo Adolf Hitler geboren wurde. Adolf Hitler wurde sorgar in der Kapelle auf dem Gutshof der Familie Wertheimer getauft. Neben dem Grab Ferdinand Wertheimers wurde auch das Grab von Babette Wertheimer auf dem Jüdischen Friedhof Kriegshaber geschändet, wohl weil sie oft für die Mutter Ferdinand Wertheimers gehalten wurde. Daneben wurden noch weitere Gräber geschändet. 1946 errichteten Augsburger Steinmetze aus den Überresten der geschändeten Grabmäler ein Denkmal neben dem Friedhofseingang.

Das letzte jüdische Begräbnis auf dem Israelitischen Friedhof Kriegshaber fand 1946 oder 1951 statt, wobei damals hauptsächlich so genannte Displaced Persons? hier begraben wurden. 1950 war der historische jüdische Friedhof Kriegshaber unerwartet gut gepflegt. Die Pflege geschah damals durch die Friedhofswärterin Theresia Felber, die dazu ihre Schafe einsetzte. Auch der Zustand der Umfassungsmauer war damals sehr gut.

21. Jahrhundert

Der Jüdisch Historische Verein Augsburg? begann im Herbst 2007 ehrenamtlich und unbezahlt am Friedhof Kriegshaber eine Dokumentation der Grabplätze, die er im Sommer 2008 abschloss, da zu viele Hindernisse einer sinnvollen Tätigkeit im Wege standen. Bis zum Jahre 2009 führte der Verein noch einzelne Führungen oder Nachmittage mit zahlreichen freiwilligen Helfern am Friedhof durch. Im Mai 2010 wurde das ehemalige Tahara- und Wächterhaus seitens der IKG Schwaben-Augsburg? privat vermietet.

Im April 2010 wurde auf dem jüdischen Friedhof Kriegshaber ein altes Grabdenkmal zerstört, möglicherweise durch einen Mähtraktor. Dabei handelte es sich um das Denkmal für Rabbi Jechiel bar Jakob, Schwiegersohn des Rabbi Juspa Kitzingen aus Pfersee. Laut der Inschrift auf dem Grabstein wurde Rabbi Jechiel in Oettingen? geboren, heiratete aber nach Pfersee, wo er auch starb (15. Mai 1725). Sein Grabstein besteht aus Solnhofer Jura-Mamor. Wegen der Demolierung befürchtete man, dass die Inschrift und die genaue Lage des Grabplatzes verloren gehen.

In der Hooverstraße 15 wurde am 21. September 2011 eine Informationstafel zu diesem Friedhof angebracht. Damals war das Friedhofsgelände von Sträuchern, Bäumen und vor allem Efeu überwuchert. Leider wurde es zugelassen, dass durch Vernachlässigung mehr Substanz an Grabsteinen zerstört wurde als in der Nazi-Zeit.

Tahara Kriegshaber
Taharahaus in Kriegshaber im Oktober 2007. By Datschis (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

2012 wurden Sicherungsmaßnahmen an dem Grab von Babette Wertheimer durchgeführt. Zuvor lag das Grab seit seiner Schändung offen und im Inneren hatte sich viel Müll angesammelt. In diesem Zusammenhang sicherte man auch das nahe gelegene Grab von Carl von Obermayer?, das bis dahin zerschlagen auf dem Friedhof lag.

Ende 2013 bereitete die jüdische Gemeinde Augsburg die Nutzung freier Grabflächen zur Beisetzung von verstorbenen Gemeindemitgliedern vor.

Details

Heute zeigt sich der jüdische Friedhof zu etwa drei Vierteln belegt. Er ist in drei Abschnitte gegliedert. Etwa 40 Meter vom Eingang entfernt liegt ein bewohntes Friedhofswärterhaus, darüber die Inschrift: „Du gehst zum Ende und ruhst aus und Du wirst vor Deinem Schicksal neben dem Ende Deiner Tage (in Hebräisch). 1636 wurde dieser Friedhof eröffnet 1802 - Der leidenden Menschheit jüdischer Nation dieses Haus erbauet u. gewid. von Pfersee, Steppach u. Kriegshaber 1871 Die Umfassungsmauer neu aufgeführt".

Vom Eingang aus betrachtet liegt links der älteste Friedhofsteil. Hier sind die Grabsteine bereits großenteils versunken sind. Die ältesten Grabsteine stammen von 1662, 1673 und 1695. Ähnlich wie auf anderen jüdischen Friedhöfen gab es bis in 19. Jahrhundert neben steinernen Grabmalen auch hölzerne Stelen. Eine solche Eichenholzstele befindet sich heute im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben. Sie war für den im November 1805 gestorbenen (vermutlich ermordeten) Sohn des Mordechai aus Kassel auf dem jüdischen Friedhof Kriegshaber aufgestellt worden.

Von den Grabmälern sind noch etwa 500 Grabsteine mit ausschließlich hebräischer Inschrift erhalten, insgesamt sind noch ungefähr 700 erhalten. Für die Pflege des Friedhofs war und ist die IKG Schwaben-Augsburg? zuständig.

Bekannte Begrabene

  • Etthausen, R. Isaak „Seckel“ b Menachem (1685–1763)
  • Mendle, Abraham (gest. 1767, kurbayerischer Hoffaktor)
  • Obermayer, Carl von (1811–1889)
  • Obermayer, Isidor (1783–1862)
  • Wertheimer, Ferdinand, ein österreichischer Gutsbesitzer und liberaler Politiker (1817–1883)
  • Wertheimer, Simon Wolf (1681–1763)
  • Ulman, Henle Efraim (gest. 1807)
  • Ulmo, Ber (Ullmann, Bernhard 1751-1837), Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pfersee

Adresse

Israelitischer Friedhof Kriegshaber
Hooverstraße 15
86156 Augsburg


Weblinks


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