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Hessing, Friedrich

Sohn eines Sattlers (oder nach anderen Quellen eines Töpfers bzw. eines Hafners) aus Kitzingen?, Selfmademan und Gründer einer orthopädischen Werkstatt, später einer orthopädischen Klinik in Augsburg (Hessing-Kliniken).

Friedrich von Hessing
Friedrich von Hessing (1838-1918) um 1900, Pionier auf dem Gebiet der Orthopädietechnik. By unbekannt, Postkarte (unbekannt, Postkarte) [Public domain], via Wikimedia Commons

Leben und Wirken

Friedrich Hessing trat schon früh aus der Kirche aus und bekannte sich lebenslang zum Atheismus. Sein Motto war der von Friedrich Feuerbach geprägte Satz: "Tue Gutes um des Menschen willen!" Einen ähnlichen Spruch ließ er nach seinem Tod im Jahr 1918 auf seinen Grabstein meißeln. Hessings Atheismus und Humanismus wirkte überzeugend, weil er seine Leitgedanken auch im Alltag glaubwürdig umsetzte. Auf Hessings Grabmal ist er mit einer Kinderschar dargestellt. Manche schrieben ihm das ein oder andere Kind mit einer seiner Patientinnen zu.

Geboren wurde Friedrich Hessing am 19. Juni 1838 in Schönbronn? bei Rothenburg ob der Tauber. Er kam aus ärmlichsten Verhältnissen. Sein Vater Johann Georg Hessing war Bauer und Hafner, seine Mutter Maria Barbara Hessing, geb. Klee, arbeitete als Hebamme, um die 13 Kinder der Familie zu ernähren, von denen Friedrich das jüngste war.

Nach dem Volksschulbesuch in Gastenfelden und einer abgebrochenen Gärtnerlehre ließ sich Friedrich Hessing zum Schreiner ausbilden. Doch auch diese Lehre schloss Hessing nicht ab. Aber er lernte dabei einen wichtigen Mäzen kennen: Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst.

Eine Begegnung mit dem Orgelbaumeister Georg Friedrich Steinmeyer (1819-1901) wurde zum Wendepunkt seines Lebens, denn dieser ermöglichte ihm eine Ausbildung zum Harmonium- und Orgelbauer in Stuttgart. Dann arbeitete er in Oettingen? /Ries.

1862 kam Friedrich Hessing zur Pianoforte-Fabrik Schramm in Augsburg. Dort zeigte sich sein Interesse für orthopädische Hilfsapparate immer deutlicher, obwohl der Bau orthopädischer Apparate, der sich während seiner Augsburger Zeit erstmals nachweisen lässt, schon in seiner Jugendzeit erwachte. Seine bisherigen Kenntnisse beim Umgang mit Leder, Holz und Mechanik waren dabei von Vorteil.

1867 berichtete der Augsburger Bürgermeister? Ludwig Fischer?, "dass die von Hessing verfertigten orthopädischen Maschinen und künstlichen Gliedmaßen nach dem Zeugnisse chirurgischer Autoritäten von ganz ungewöhnlicher Vorzüglichkeit sind und eine hervorragende Geschicklichkeit des Verfertigers beweisen".

1868 machte sich Friedrich Hessing selbständig und gründete am Jakobertor eine orthopädische Heilanstalt, die er schon ein Jahr später in das ehemalige Landgerichtsgebäude in Göggingen verlegte. Das war nur durch die finanzielle Hilfe seines Mäzens möglich. Schon bald unterstützte ihn der spätere deutsche Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Der Augsburger Medizinalrat Josef von Kerschensteiner? und andere Ärzte veranlassten Hessing zur Gründung einer orthopädischen Heilanstalt.

Von 1870 bis 1890 kaufte Hessing weitere Grundstücke und Gebäude in Göggingen dazu, um Werkstätten und eine damals moderne Milchkuranstalt mit dazugehörigem Bauernhof für Kühe, ein märchenhaftes Gästehaus und einen Park zu errichten. Das Parktheater? ließ Hessing für seine Patienten im Jahre 1886 am Klausenberg errichten. Damit wurde Göggingen zu einem Kurort.

So wuchsen die Hessing-Kliniken bis 1890 auf 183 Betten. Schon damals besaßen sie eigene Werkstätten, in denen Friedrich Hessing mit seinem Mitarbeiter Matthias Kundner? (1846–1933) seine orthopädischen Konstruktionen erfand und fertigte. Hessing ging daran, seine neu entwickelten orthopädischen Apparate den Körperformen seiner Patienten anzupassen. Das war neuartig. So saßen sie unverrückbar fest und die erkrankten Gelenke und Glieder konnten damit entlastet werden.

Ende des 19. Jahrhunderts ließ Friedrich Hessing die Kuranlage Wildbad Rothenburg? in Rothenburg ob der Tauber errichten. Am 1. Oktober 1900 wurde er zudem Badpächter in Bad Kissingen?; auch in Bad Bocklet war er Badpächter. Bis 2011 war die Hessing-Stiftung in Bad Kissingen? als Betreiberin der Bäderverwaltungsgesellschaft eingetragen, die aber seit 1999 nur noch auf dem Papier bestand.

Eine eigene Kirche nach dem Plan von Jean Keller? für alle Religionen, ließ Hessing, der nicht gläubig war, 1906 neben seiner Klinik errichten. In seiner Kirche ließ Hessing ein Harmonium für die Musik aufstellen, das aus seiner Werkstatt stammte.

Friedrich Hessing starb am 16. März 1918 in Augsburg.

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Max Kirmsse schrieb zum Tod Friedrich Hessings in der Zeitschrift für Kinderforschung 1918: "Hessings orthopädische Heilanstalten, die im wahrsten Sinne Krüppelheilanstalten sind, befinden sich größtenteils im Dörfchen Göggingen bei Augsburg, wo sie 1868, also vor nunmehr 50 Jahren entstanden sind, nachdem die Stadt Augsburg selbst die Genehmigung zur Niederlassung verweigert hatte. Der Gründer leitete sie bis zu seinem Tode dauernd selbst. Sie, wie die Zweiganstalten in Bad Reichenhall und Rothenburg a. d. Tauber, sind aufs prächtigste und zweckmäßigste eingerichtet ... Wenn auch Hessing in erster Linie in seinen Anstalten wohlhabenden Persönlichkeiten diente - sogar die deutsche Kaiserin durfte er zu seinen Patienten zählen - so hat er nach seinen eigenen Angaben jährlich an 60.000 Mark für die Heilung armer verkrüppelter Kinder aufgewendet, außerdem verschaffte er gering bemittelten Kranken Gelegenheit, in seinen zahlreichen Betrieben zu arbeiten, um sie dann weiter behandeln zu können. Wie viele außergewöhnliche Menschen, so neigte auch Hessing zur Einseitigkeit des Denkens und des Tuns, wodurch es öfters vorkam, daß er Fremdes teilweise ablehnte, was wiederum zu mancherlei Konflikten Anlaß gab. Rücksichtslos vorwärtsschreitend, wo es galt seine gesteckten Ziele zu erreichen, ist er stets ein einsamer Mann geblieben. Nur zu seinen jüngsten Kranken, den Kindern, fühlte er sich unwiderstehlich hingezogen, weil auch er ein geborener Erzieher war, dem die Erfolge nie mangelten."

Zu seinen bekanntesten Patienten gehörte die Kaiserin Auguste Viktoria. Ebenso ein Vetrauter und Leibarzt des russischen Zaren. Es kamen viele wohlhabende Geschäftsleute und europäische Adlige nach Göggingen zu Hessing. Aber auch der Schriftsteller Max Brod. Ärmeren Menschen soll Hessing die Chance geboten haben, durch Mitarbeit in seiner Firma ihre Orthopädie-Kosten zu senken. Für Kinder aus mittellosen Familien hatte Hessing ein großes Herz und spendierte ihnen manche orthopädische Hilfe, kam Hessing doch selbst aus bescheidenen Verhältnissen.

Friedrich Hessings Erbe ging ging in die Hessing-Stiftung über, die noch heute existiert. Sie wurde in den ersten Jahren nach Hessings Tod von seinen Verwandten geleitet. In den weiteren Jahren und Jahrzehnten kamen dazu: ein Spastikerzentrum, der Umbau der orthopädischen Fachklinik, der Neubau eines Zentrums für orthopädische Rheumatologie und Rehabilitation, ein neues Verwaltungsgebäude und eine geriatrische Rehabilitationsklinik.

Erfindungen Hessings

Im Laufe der Jahre erfand Friedrich Hessing viele orthopädische Hilfen, etwa:

  • das Hessingkorsett
  • die Polioorthese, ein Schienenhülsenapparat für die Opfer von Kinderlähmung oder geschwächter Menschen
  • ein spezieller Leimverband
  • eine Tragbahre mit Rad, zuerst eingesetzt im Ersten Weltkrieg
  • ein Kriegsrucksack mit Hüftgurt

Friedrich Hessing passte seine orthopädischen Apparate individuell an die Körperformen seiner Patienten an, wodurch erkrankte Gelenke und Glieder entlastet und ruhiggestellt wurden. Er machte die ambulante Behandlung von Gelenktuberkulose und Knochenbrüchen möglich. Zeitgenössische Orthopäden wie Albert Hoffa oder Fritz Lange erkannten die Möglichkeiten, die sich dadurch eröffneten. Sie verbreiteten Hessings Ideen in der Ärzteschaft. Bald schickten Chirurgen wie Ernst von Bergmann, Richard von Volkmann und Adolf von Bardeleben Patienten in die Hessing-Kliniken.

Auszeichnungen und Ehrungen

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1904 wurde Friedrich Hessing zum Königlich bayerischen Hofrat ernannt.
1908 ehrte Göggingen Friedrich Hessing mit einem Denkmal nach einem Entwurf des Berliner Bildhauers Eugen Börmel; es wurde am 3. September enthüllt und zeigt Hofrat Hessing in einem Lehnstuhl sitzend mit einem Mädchen im Arm, während ein zweites Kind zu seinen Füßen sitzt.
1913 erhielt er das Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayerischen Krone, verbunden mit der Erhebung in den bayerischen persönlichen Adelsstand.

Friedrich Hessing wurde Ehrenbürger von Rothenburg ob der Tauber, Bad Reichenhall?, Bad Kissingen? und Schönbronn?, wo es ebenfalls ein Denkmal von ihm gibt.

Auch eine Straße, die Hessingstraße?, ist nach Friedrich Hessing in Augsburg benannt. Sie geht von der Wellenburger Straße ab und erschließt das Gelände der Hessing-Kliniken.

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