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Haller, Helmut

ein Augsburger Fußball-Held

Helmut Haller
Helmut Haller 1971. By sconosciuto (presunto Salvatore Giglio fotografo ufficiale all'epoca della Juventus) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Leben und Wirken

Augsburger Kindheit

Geboren wurde Helmut Haller am 21. Juli 1939 im Augsburger Stadtteil Oberhausen, wo er mit acht Geschwistern aufwuchs. Seine Eltern waren Laura und Georg Haller, der als Oberzugschaffner bei der Bahn arbeitete. Die Wohnung der Familie Haller befand sich im Parterre des Mietshauses Nr. 5 in der Grafstraße?, nur wenige Meter vom Oberhauser Bahnhof entfernt. Zwei ihrer Kinder starben früh an Diphtherie. Helmut Hallers einziger (und älterer) Bruder hieß Georg. Helmut Hallers Mutter verstarb schon 1956, als 53jährige Frau, wegen Diabetes. Vater Georg, der in seiner Jugend bei Viktoria Augsburg? kickte, wurde Frührentner. Danach versorgten die Schwestern von Helmut Haller den väterlichen Haushalt. Schwester Friedel heiratete mit Melchior Hochstätter einen Fußballspieler vom Ballspiel Club Augsburg? (BCA). Helmut Haller wuchs also in bescheidenen Oberhausener Verhältnissen auf.

Auch andere bekannte Augsburger Fußballer wie Hans Lang, Georg Lechner und Uli Biesinger wuchsen in der Gegend zwischen Wertach, Hettenbach?, Oberhauser Bahnhof und Zuggleisen heran. Der BCA-Torjäger Georg Platzer kam aus diesem Revier, das man heute wohl eher als Oberhauser Kiez bezeichnen kann. Wegen der Nähe des Wertachkanals Hettenbach? bezeichnete sich Haller lieber als "Hettenbacher" denn als Oberhauser.

"Unsere großen Fußballschlachten hielten wir im Hof unserer Wohnanlage oder auf dem Platz vor dem Oberhauser Bahnhof? ab. Dort fuaßelten (Augsburg-Slang für "bolzten", "kicken" oder "Fußball spielen") wir unter unseren Wohnungsfenstern herum. Die Tore waren zwei Bänke. Die an- oder abreisenden Zuggäste sahen uns dabei zu und applaudierten bei gelungenen Spielzügen", erinnerte sich Helmut Haller später an seine ersten Fußballspiele, die von den Straßenjungen teilweise mit leeren Dosen oder Stoffkugeln ausgetragen wurden.

Während des Zweiten Weltkriegs lebte Helmut Haller wohl 1944 einige Zeit in Eppishausen? - gemeinsam mit seiner Mutter und den Geschwistern. So versuchte sich die Familie vor Luftangriffen auf Augsburg in Sicherheit zu bringen. Nach Ende des Krieges kehrte die Familie bald wieder nach Augsburg zurück.

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Entdeckung Hallers

Schnell wurden Paul Renz und Toni Nigl von der Jugendabteilung des BCA auf den jungen "Fuaßler" Helmut Haller aufmerksam. Im Juni 1948, drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, nahmen sie ihn in die 4. Schülermannschaft des BCA? auf.

Das erste Tor schoss Helmut Haller auf einem Platz in Kriegshaber mit seinen Sonntagsschuhen. Von der Mittellinie aus. Mutter Haller schimpfte ihren Sohn, als er mit schmutzigen Schuhen heimkam. Er musste beim Verein "richtige" Fußballschuhe kaufen, die er in wöchentlichen Raten zu 2,- DM abstotterte. Nach sechs Wochen erließ man ihm aber den Rest der Kaufsumme. Mutter Laura besuchte sogar die Spiele ihres Sohnes und drohte allzu frechen Gegenspielern oder dem Schiedsrichter bei Fehlentscheidungen gegen ihren Sohn, gerne mit dem Regenschirm.

Weil Helmut klein und blond war, erregte er auf dem Spielfeld Aufmerksamkeit. Er bekam den Spitznamen "Hemmad" (Hemd). Haller rückblickend: "Für meine Miniatur-Figur war das Trikot viel zu groß. Es reichte mir bis zu den Knien. Ich war als Kind dermaßen schmächtig, dass man glaubte, mein Hemd liefe allein durch die Gegend." In einer Familie mit neun Kindern war nach dem Krieg das Essen nicht immer ausreichend. Allerdings machte Haller durch seine Balltechnik die körperliche Unterlegenheit gegenüber anderen Fußballern mehr als wett.

Mit Lechner, Biesinger und Platzer an seiner Seite spielte Helmut Haller zeitweise beim BCA?. Bald war er in der 3. Schülermannschaft, die mit über 100 erzielten Toren als "Wundermannschaft" des BCA galt. Dann übernahm man ihn in die 1. Schülermannschaft, mit der er zwei Mal schwäbischer Schülermeister wurde. Er übersprang ein paar Mannschaften und gelangte in die 1-B-Jugend. Gegen den TSV Haustetten? erzielte er sein höchstes fußballerisches Ergebnis: 28:2. Das Spiel, bei dem Haller 14 Tore schoss, wurde vom Schiedsrichter wegen zu großer Überlegenheit beendet. Bayerischer Jugendmeister wurde Haller mit der 1. Jugendmannschaft des BCA. Als am 22. September 1951 das Augsburger Rosenaustadion mit dem B-Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Österreich eingeweiht wurde, durfte der junge Haller mit seiner BCA-Schüler-Elf gegen eine Augsburger Schülerauswahl vor den großen Kickern auf das neue Spielfeld. Und mit 19 Jahren ließ man ihn ab 1957 in der ersten Mannschaft des Fußballvereins spielen.

Erste Mannschaft BCA

Bei seinem ersten Spiel am 20. Juni 1957 mit der ersten BCA-Elf war Helmut Haller vor 10.000 Zuschauern gegen den ungarischen Verein Vasas Czepel Budapest auf dem Platz. Sein erstes Punktspiel in der Oberliga Süd mit dem BCA-Trikot hatte er 11. August 1957 in Offenbach. Haller schoss in seiner ersten BCA-Saison bei 30 Spielen die meisten Tore seiner Mannschaft. Dann stieg er 1958/59 mit dem BCA? in die 2. Liga Süd ab.

In der deutschen National-Elf spielte Haller das erste Mal am 24. September 1958 in Kopenhagen bei einem Länderspiel als halbrechter Stürmer neben Uwe Seeler gegen Dänemark. In der deutschen Elf waren damals z. T. noch die Stars aus der Weltmeistermannschaft von 1954. Trainer war Sepp Herberger. Dessen Assistent war damals Helmut Schön. Haller erzählte, dass er sich besonders gut mit Helmut Rahn, Uwe Seeler, Horst Sczymaniak und Herbert Erhardt verstand. DFB-Bundestrainer Helmut Schön: "Helmut Haller zeigte schon als Jugendspieler ungewöhnliches Talent und wir beobachteten voller Spannung seinen sportlichen Werdegang. Nun, er hat uns trotz mancher Rückschläge nicht enttäuscht, denn er ließ sein Talent nicht verkümmern. Beizeiten hat er gelernt, hart zu trainieren, um auch den höchsten Anforderungen auf internationaler Ebene zu genügen."

1958 erhielt Haller auch seinen Musterungsbescheid für die Bundeswehr. Weil er sich mit Uwe Seeler aus Hamburg gut verstand, wollte Haller als Matrose für 18 Monate an die Nordsee ziehen. Jedoch konnte der BCA? durch gute politische Beziehungen das Soldaten-Schicksal für Haller abwenden.

Am 21. Dezember 1958 stellt sich Haller zum ersten Mal im ausverkauften Augsburger Rosenau-Stadion (55.000 Zuschauer!) seinen Augsburgern als Nationalspieler in einem Länderspiel-Match gegen Bulgarien vor. Mit dabei war auch Abwehrspieler Karl-Heinz Schnellinger. Hallers Elf gewann 3:0. Das "Hemmad" wurde leider wegen einer Wadenbeinverletzung in der zweiten Halbzeit von Max Morlock abgelöst. Sein erstes Tor für die deutsche Elf, damals noch eine westdeutsche, konnte Haller in dem Spiel in Stuttgart gegen Chile in der 72. Minute erzielen.

Am 28. Januar 1960 heiratete Helmut Haller in Augsburg die Leichtathletin Waltraud Pfeffer. Josef Fend vom BCA? und der sportbegeisterte Schneidermeister Max Gutmann? fungierten als Trauzeugen. Die kirchliche Sportler-Trauung war in der Kirche Sankt Joseph im Augsburger Stadtteil Oberhausen. Gefeiert wurde im Hotel "Drei Mohren". Die Braut wurde in Helmut Hallers Stammlokal Mohrenkopf? verzogen. Inhaber war der Fußballnarr Sepp Neumaier, ein Gönner des Fußball-Talents Helmut Haller. Hier war Hallers Zweitwohnung, hier wurde er gut verpflegt, spielte fleißig Karten und übte im Keller mit den Sportschützen.

Seine Braut Waltraud lernte Haller während der Faschingszeit im Mohrenkopf? kennen. Als Leichtathletin bei Schwaben Augsburg sprintete sie die 100 Meter in 12,7 Sekunden, sprang über fünf Meter weit und wurde mit der 4x100-Meter-Staffel schwäbische Jugendmeisterin. Sie arbeitete in der Augsburger Stadtverwaltung und spielte auch Basketball. Ihr Gatte Helmut war in einem Betrieb für Filterherstellung als Feinmechaniker-Geselle ausgebildet worden und arbeitete zur Zeit des Kennenlernens in der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (MAN). Als begabter Fußballer musste er später nur noch halbtags in der Schuhfabrik Wessels für monatlich 250,- DM Lohn als Beifahrer tätig sein. Das war günstig, denn die Fabrik befand sich in Oberhausen. Nachmittags konnte Haller trainieren. Bald bekamen Waltraud und Helmut Nachwuchs, die Tochter Karin und den Sohn Jürgen. Waltraud widmete sich ganz der Familie und gab ihren Sport auf.

1960/61 stieg der BCA mit Haller und dem Trainer Robert "Zapf" Gebhardt als Meister in der 2. Liga Süd wieder in die Oberliga auf. In dieser Zeit wurden die Italiener auf den begabten Fußballkünstler Haller aufmerksam. Sein letztes Spiel für den BCA bestritt Haller am 28. April 1962 in Augsburg gegen den VfB Stuttgart. Insgesamt war er bis dahin bei 218 Spielen für den BCA? auf dem Rasen.

Nationalmannschaftserfahrung

Der deutschen Fußballnationalmannschaft gehörte Helmut Haller von 1958 bis 1970 an. Während dieser Zeit erzielte er in 33 Länderspielen 13 Treffer für Deutschland.

Debüt für Haller war am 24. September 1958 in der A-Nationalmannschaft, die in Kopenhagen ein 1:1-Unentschieden gegen die Auswahl Dänemarks erzielte. Sein erstes von 13 Länderspieltoren erzielte er am 23. März 1960 in Stuttgart beim 2:1-Sieg im Test-Länderspiel gegen die Auswahl Chiles mit dem Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 in der 72. Minute. Für die U-23-Nationalmannschaft spielte Haller nur einmal: am 13. Mai 1961 in Waterschei, wo er bei deren 3:1-Sieg über die Auswahl Belgiens ein Tor machte.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1962 in Chile gehörte Haller zur DFB-Elf. Herberger wollte ihn als Mittelfeldspieler einsetzen. Er war auch als Elfmeterschütze und als Ersatztorwart eingeplant. Herberger exerzierte mit ihm dazu ein spezielles Training. Nach den Augsburger Fußballern Ernst Lehner? und Uli Biesinger? war Helmut Haller der dritte Kicker zwischen Lech und Wertach, der in der DFB-Mannschaft spielen durfte. Zwar wurde die deutsche Elf in einer Gruppe mit Italien, Chile und Schweiz Vorrunden-Sieger, schied aber durch ein verlorenes Spiel gegen Jugoslawien im Viertelfinale aus und musste heimfliegen. Helmut Haller beklagte, dass Herberger die deutsche Mannschaft damals zu defensiv einstellte. Er wäre lieber mehr gestürmt. Das erste WM-Match hatte Haller beim Spiel gegen Italien in Santiago. Haller, der knapp über das italienische Tor schoss: "Es war ein hartes Spiel, aber nicht roh." Für das Spiel gegen Chile strich Herberger Haller aus der Elf. Gegen Jugoslawien bestritt Haller sein 19. Länderspiel. Dann folgte eine längere Pause. Die Bekleidung der DFB-Elf für die WM in Chile fertigte übrigens der Augsburger Max Gutmann?. In Gutmanns Benefiz-Elf Datschiburger Kickers spielte Helmut Haller einige Male für einen guten Zweck mit.

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Karriere in Italien

Fußballprofi in Bologna

1962 ging Haller als einer der ersten deutschen Fußball-Profis nach Italien zum FC Bologna. Sein Handgeldvertrag (zwei Jahre) war damals sensationell. Mit dem FC Bologna wurde er italienischer Meister. Italiens Fußball-Fans wählten ihn zum Fußballer des Jahres und er erhielt den "Goldenen Fußball". Der Augsburger Sport-Reporter Robert Deininger: "Das erste Gespräch von Haller mit Leuten vom FC Bologna soll im März 1961 in der Augsburger Eisdiele Sommacal? an der Maximilianstraße stattgefunden haben. Das Sommacal? gehörte Italienern. Vermittler war Sepp Neumaier, auch "Mohrenkopf-Sepp" genannt. Der FC Florenz soll sich damals ebenfalls für Haller interessiert haben. Renato Dall'Ara, der Präsident des FC Bologna, kam nach Augsburg und machte am 30. März 1961 den Vertrag mit Haller im Hotel "Drei Mohren" klar. Haller erhielt im ersten Jahr 130.000 DM, im zweiten 200.000 DM Handgeld (die dtspr. Wikipedia beziffert das Handgeld mit 300.000 DM). Der BCA? bekam ebenfalls 200.000 DM: Hallers Schwiegervater Emil Pfeffer, Angestellter im Rechtsamt der Stadt Augsburg, beriet mit seiner Tochter Waltraud deren berühmten Gatten in juristischen und finanziellen Dingen.

Im Juni 1962 fuhr Haller mit seiner Frau und deren Vater per Bahn noch Bologna, wo er am 25. Juni endgültig beim FC Bologna zusagte. Emil Pfeffer packte die tausend Hundertmarkscheine in einen unverdächtigen Wäschebeutel und fuhr damit nach Augsburg zurück. Von seinem ersten Handgeld legte sich Haller auf Anraten seines Schwiegervaters zwei mehrstöckige Mietshäuser in der Jakobervorstadt zu. Haller träumte auch von einer Villa in Westheim.

Vor Haller hatten sich nur Ludwig Janda, Horst Buhtz und Horst Szymaniak als Fußball-Legionäre nach Italien verdingt, wo der Profifußball als Unterhaltungsfaktor damals schon sehr kommerziell ausgerichtet war. Allerdings war ein italienischer Legionär zu dieser Zeit für die Deutsche Nationalmannschaft abgeschrieben. Nur Helmut Haller gelang es damals in Italien ein großer Fußballstar zu werden. Er wurde dort noch populärer als in Deutschland.

Im August 1962 lief Haller zum ersten Mal für den FC Bologna auf ein italienisches Spielfeld. Gegen Padua gelang ihm ein schönes Tor nach einem Dribbling, was die Italiener sofort für den blonden Balljongleur aus Augsburg begeisterte. Mit Haller konnte der FC Bologna die Tabellenführung in Italiens 1. Fußball-Liga übernehmen. In der Saison 1962/63 wurde Haller mit der Bologna-Elf Vierter. Bei einem Entscheidungsspiel zwischen dem FC Bologna und Inter Mailand am 7. Juni 1964 vor 80.000 Zuschauern in Rom ging es um die italienische Meisterschaft. Die beiden Vereine lagen punktgleich vorne. In der Saison 1963/64 gelang Haller mit Bologna unter Trainer Fulvio Bernardini der Gewinn der italienischen Meisterschaft. Der FC Bologna bezwang Inter Mailand durch ein Eigentor von Giacinto Facchetti sowie einen Treffer von Harald Nielsen.

Haller wurde in Italien nicht nur zum Fußballer des Jahres gewählt, sondern erhielt im Sommer 1964 vom damaligen BCA? -Vorsitzenden Josef Wagner im Mohrenkopf? auch den Goldenen Ehrenring des Augsburger Vereins überreicht. Zu diesem Ereignis hatte Haller den Goldenen Fußball aus Italien mitgebracht, der bestaunt werden konnte. Zu dieser Zeit knüpfte Max Gutmann? Kontakte zwischen Helmut Haller und Helmut Schön, dem zu dieser Zeit neuen Trainer der Deutschen National-Elf. Schön fuhr sogar mit dem Nachtzug von München nach Bologna, um den umjubelten Balltreter Haller in Italien spielen zu sehen.

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Fußballer des Jahres

Nach der 1964er Meisterschaft mit Bologna wurde Haller in Italien zum Fußballer des Jahres gewählt. Gemeinsam mit Heidi Schmid?, der Augsburger Olympia-Siegerin und Weltmeisterin im Fechten, zeichnete die Stadt Augsburg Haller nach seinem 10. Länderspiel mit der Silbernen Ehrenplakette aus. Dazu übergab ihm der Augsburger Oberbürgermeister? Wolfgang Pepper? ein signiertes Buch und meinte. "Spielen Sie so lange es geht in Italien. Dort verdienen Sie wesentlich mehr als beispielsweise unser Bundespräsident."

Sportreporter Robert Deininger schilderte das Leben des Augsburger Fußballprofis in Italien in mitleidigen Farben: "Der durchschnittliche Sportfan hört nur die Summen, die Leute wie Haller in Italien verdienen. Berücksichtigt wird nicht, welche Entbehrungen, Einschränkungen, Entsagungen und sonstige Unbequemlichkeiten in Kauf genommen werden müssen." Geschildert wurden von Deininger auch "Kasernierung, tägliches Training unter glühender Sonne, Trennung von der Familie, Verletzungsgefahr, Mannschaftskrisen, Intrigen". Sie gehörten "zum täglichen Brot des Publikums-Lieblings Haller". Ski-Laufen verbot ihm der Trainer wegen Verletzungsgefahr. Und bei den Spielen hatte Haller immer einen Sonderbewacher, der kein Pardon kannte, oft mit allen Mitteln arbeitete und sich wie ein Polizist an die Fersen eines "Übeltäters" hing.

Die Presse schilderte jedoch auch, dass der blonde Kicker in Bologna bejubelt und verehrt wurde. Kaufte er auf dem Markt ein, bekam er als beliebter Fußballstar alles umsonst. Hallers Strafzettel bezahlte der Verein, falls ihn überhaupt einmal ein Polizist beim Falschparken aufschrieb. Im Trainingslager wurde ihm das Frühstück ans Bett gebracht. Die italienischen Fans, die Tifosis, trugen ihn nach einem gewonnenen Spiel auf Händen zum Auto. Andere berührten ihn scheu mit den Fingerspitzen, als wäre er ein Halbgott.

Fußball-Millionär

Was das Finanzielle betraf, darf man im Fall Haller nicht vergessen, dass seine Vereine ihm nicht nur ein monatliches Spielergehalt bezahlten, sondern auch Siegprämien, die in einem guten Jahr über 65.000 DM liegen konnten. Das Stadio Communale von Bologna hatte Platz für 60.000 Fans. Der billigste Kurvenstehplatz kostete damals 8,- DM und der teuerste Sitzplatz 50,-DM. Ein voll besetztes Stadion sorgte für mehr als 500.000 DM. Und Hallers Ballkünste, seine Zaubereien mit der Lederkugel lockten die italienischen Zuschauer in Scharen an.

Haller durfte mit der Bologna-Mannschaft, seiner Frau und seinen Kindern auch den Kardinal von Bologna, Giacomo Lercaro, besuchen. Die Spieler erhielten ein signiertes Buch von dem Geistlichen, die Frauen einen Rosenkranz nebst Bibel und die Kinder durften sich über Süßigkeiten freuen. Haller und seine Frau Waltraud lernten fleißig die italienische Sprache. Er wohnte mit ihr und den Kindern – wie in Augsburg – nicht weit vom Bahnhof entfernt. In Bologna verfügte er über ein luxuriöses Fünfzimmer-Appartement mit zwei Badezimmern. Adresse: Via Amendola Nr. 12., fünfter Stock. Vom Verein möbliert. Zwei Dachterrassen mit Hollywood-Schaukel. Für die Kinder gab es einen eigenen Spielplatz, auf dem sie Rollerfahren üben konnten. Allerdings brachten die Hallers Tochter Karin zu ihren Großeltern nach Augsburg, weil sie die deutsche Schule besuchen sollte.

Obwohl die Familie Haller der italienischen Küche nicht abgeneigt war, deckte sie sich während Heimaturlauben im BMA-Supermarkt mit Kartoffelknödeln und Würste ein. Waltraud Haller: "Nudeln und Kartoffeln soll Helmut, wie der Trainer sagt, möglichst nicht essen. Von seiner geliebten Pfannkuchensuppe lässt er sich aber nicht abbringen."

Fuhr Haller zum ersten Rendezvous mit seiner Waltraud noch per Fahrrad, legte er sich bald einen Opel zu. Den gab er an den Fußballer Günther Herrmann aus der DFB-Elf weiter, legte noch etwas Geld darauf und kaufte sich einen roten Porsche. Mit diesem Sportwagen fuhr ihn seine Waltraud zum Flughafen nach München, als es zur WM nach Chile ging. Anlässlich seines Antrittsbesuchs in Italien stellte man Haller in Bologna einen Fiat 2.300 als Geschenk vor die Tür. Ein Jahr danach einen Lancia-Sportwagen. Nummerschild: BO 18 – 4444. Im Sommer 1964 konnte sich Helmut Haller darüber hinaus die Mercedes-Limousine 220 SE zulegen. Ein Fußball-Märchen wurde wahr: Der schmächtige Augsburger Straßenjunge wurde in Italien zum Fußball-Millionär.

Dummerweise krachte Haller im Sommer 1964 bei der Rückfahrt von einem Freundschaftstreffen in Bäumenheim? mit seinem Lancia in ein geparktes Auto. Haller meldete sich erst einige Stunden später als Unfallfahrer. Man munkelte, dass Alkohol im Spiel war, was aber nicht bewiesen wurde. Das Gericht verurteilte ihn zu 600,- DM Strafe.

Weitere WM-Teilnahmen

Durch einen 2:1-Sieg im Halbfinale der WM 1966 gegen die Sowjetunion - Helmut Haller und Franz Beckenbauer sorgten für die beiden deutschen Tore -, kam die deutsche Elf ins Finale. Beim legendären Endspiel Deutschland gegen England in London erzielte Haller das 1:0 für das deutsche Team. Dieses Spiel ging mit dem umstrittensten Tor aller Weltmeisterschaften 4:2 für England aus. Haller wurde also mit der deutschen Mannschaft nur Vizeweltmeister. Nach dem Portugiesen Eusébio war er während dieser WM mit sechs Treffern der zweitbeste Torschütze. Den Finalspiel-Ball nahm Haller mit nach Augsburg. Erst Jahrzehnte später, 1996, schickte er ihn nach England zurück, wo ihn sein Sohn Jürgen übergab.

Bei der Weltmeisterschaft in Mexiko (1970) erreichte die deutsche Fußball-Elf den dritten Platz. Es war die letzte WM, bei der Haller für die Nationalmannschaft den Ball aufs gegnerische Tor zielte. Am 3. Juni 1970 spielte er im ersten Gruppenspiel beim 2:1-Sieg über die Auswahl Marokkos zum letzten Mal als Nationalspieler. Neben seinen vielen eigenen Toren servierte Haller während seiner Jahre in der Nationalmannschaft seinen Stürmerkollegen ungezählte Tor-Vorlagen.

Eine Kuriosität am Rand: Helmut Haller war bislang der einzige deutsche Fußballspieler, der für Deutschland an drei Weltmeisterschaften (1962, 1966 und 1970) teilnahm, aber nie ein Spiel in der Ersten Bundesliga bestritt.

Juventus Turin

1968 wechselte Helmut Haller zu Juventus Turin, der Mannschaft, die von Fiat-Chef Giovanni Agnelli finanziert und gelenkt wurde. Dafür musste Agnelli drei Millionen DM hinblättern, was damals eine ungeheuere Summe war. Hallers Wert war durch sein geniales Fußballspiel stark gestiegen. Giovanni Agnelli selbst fädelte 1968 den Wechsel des Deutschen zu Juventus Turin ein. Mit der Turiner Mannschaft konnte Haller zwei Mal (1971/72 und 1972/73) italienischer Meister werden. 1974 kam die vom Tschechen Čestmír Vycpálek trainierte Mannschaft bis ins Endspiel um den Europapokal der Landesmeister, wurde aber von Ajax Amsterdam mit 0:1 geschlagen, worauf Haller wieder nach Deutschland und Augsburg zurückkehrte.

Die Italiener gaben ihrem deutschen Fußball-Idol einige schöne Namen, etwa "Ragazzo d´oro" (Goldjunge), "Il portento Haller" (Das Wunder Haller) oder "Il tedesco di ferro" (Der Deutsche aus Eisen). Den letzten Beinamen erhielt Haller, weil er fast kein einziges Spiel als Fußball-Profi in Italien ausließ. Natürlich machte der Deutsche auch durch seine blasse Haut und seine blonden Haare einen exotischen und faszinierenden Eindruck auf die Bewohner der stiefelförmigen Halbinsel. Liebevoll nannten ihn die Italiener "Il Biondo" (Der Blonde) und viele verehrten ihn als den "Mann mit den goldenen Beinen."

Zurück in Augsburg

Nach seiner Heimkehr aus Italien kickte Helmut Haller von 1974 bis 1976 für den Fußball Club Augsburg (FCA). Der FCA war durch Fusionierung der beiden Augsburger Fußball-Vereine BCA? (weißblaue Trikots) mit TSV 1847 Schwaben Augsburg (violette Trikots) entstanden. Durch Hallers Rückkehr in seine Heimat brach in Augsburg ein Fußballrausch aus, der die Elf 1973/74 bis zur Meisterschaft in der 2. Bundesliga hochtrug und im Schnitt etwa 23.000 Zuschauer in das heimische Rosenaustadion spülte. Nur knapp verfehlte man den Aufstieg in die 1. Bundesliga, weil man gegen Tennis Borussia Berlin patzte.

1976/77 spielte Helmut Haller eine Saison beim BSV Schwenningen in der 2. Bundesliga. Dort setzte man ihn in zwei aufeinander folgenden Heimspielen (2:2 am 9. Oktober 1976 gegen den FC Bayern Hof und 0:1 am 30. Oktober 1976 gegen den FV Würzburg 04) ein. Anschließend gönnte sich Haller ein Jahr Pause und wechselte erneut zum FC Augsburg, wo er weitere 15 Spiele absolvierte. Zum letzten Match für den FCA trat Helmut Haller am 28. April 1979 bei einem verlorenen Heimspiel gegen den TSV 1860 München an. Der Verein spielte mit Helmut Haller von 1974 bis 1976 in der damals neu geschaffenen 2. Bundesliga Süd. Für BCA? und FCA schoss das Sportidol insgesamt 96 Tore, das letzte am 25. Februar 1979 beim 4:1-Sieg im Heimspiel gegen den FSV Frankfurt mit dem Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 in der 18. Minute.

1979 ließ sich Helmut Haller von seiner Frau Waltraud scheiden, die bis dahin als seine Managerin fungierte. Aus seiner zweiten Ehe ging Sohn Sascha hervor. Mit einer jungen Frau aus Kuba, Noraimy, ging der vierzig Jahre ältere Haller 2003 seine dritte Ehe ein. Die Kubanerin trennte sich aber bald von ihm und zog nach Paris.

Nach seiner Karriere als Fußballer war Haller noch eine Weile als Trainer und im Vorstand des FCA aktiv. Um 2010 war er Vizepräsident beim FC Augsburg. Öfter sah man ihn beim "Karteln" in diversen Augsburger Lokalen. Kartenspielen war seit seiner Zeit im Mohrenkopf? nach Fußball seine größte Leidenschaft. Als Fußball-Rentner saß er am liebsten bei seinen italienischen Freunden in Bars und Ristorantes.

Für den Fahrzeugausstatter Sortimo (Zusmarshausen) knüpfte Haller als Repräsentant Kontakte nach Italien. Er war auch als Repräsentant für einen Augsburger Vereinsausstatter tätig und eröffnete die Boutique "Il Biondo" mit italienischer Mode in der Augsburger Ludwigstraße. Von Hermann Knipfers? Wählervereinigung Freie Bürger Union (FBU)? ließ sich er sich für die Stadtratswahl? 1996 aufstellen (Listenplatz 15). Allerdings fehlten ihm einige Stimmen, um in den Stadtrat zu kommen.

Im Alter musste er sich an der Hüfte operieren lassen, spielte aber mit über 60 immer noch mit Freunden Fußball. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2006 erlitt er einen schweren Herzinfarkt, dessen Folgen er bis zu seinem Tod spürte. In hohem Alter litt Helmut Haller an Demenz und Parkinson. Mit 72 Jahren benötigte er zum Gehen einen Rollator und konnte nicht mehr ohne Hilfe essen. Helmut Haller verstarb am 11. Oktober 2012 in Augsburg an den Folgen einer Lungenentzündung. Man bahrte ihn in der Kirche Sankt Peter und Paul (Oberhausen) auf und setzte ihn am 18. Oktober 2012 auf dem Nordfriedhof bei. Am Begräbnis nahmen etwa 1.000 Trauergäste teil, darunter Franz Beckenbauer, Uwe Seeler, Hans Tilkowski, Sepp Maier und die fast komplette Augsburger Meistermannschaft von 1973/74. Der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach verlas unter anderem eine Kondolenzbotschaft des UEFA-Präsidenten und mehrfachen Europäischen Fußballers des Jahres Michel Platini. Dieser bezeichnete Haller in seinem Schreiben als "Legende". Die italienischen Vereine Juventus Turin und FC Bologna entsandten Abordnungen und der Sprecher des FC Bologna, Carlo Caliceti, meinte: "Er (Haller) war der größte Spieler, den wir je gehabt haben."

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Sonstiges

Die Stadt Augsburg widmete Helmut Haller 2014 offiziell den Platz vor dem Oberhauser Bahnhof, auf dem er einst als Schuljunge mit seinen Freunden hinter dem Ball herjagte (Helmut-Haller-Platz). Von der Süddeutschen Zeitung (SZ)? wurde Haller 1999 in die "Elf des Jahrhunderts" gewählt. Zusammen mit Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Lothar Matthäus und Fritz Walter. Zur WM 2014 in Brasilien wählte der Datenanbieter Opta Helmut Haller als Mittelfeldspieler in die beste deutsche Weltmeister-Elf aller Zeiten. In dem Augsburg-Krimi "Rogrünweiß macht heiß" von Peter Garski spielt Helmut Haller bei der Suche nach dem Mörder des FCA-Trainers eine Rolle.

Haller heiratete dreimal. Aus der ersten bis 1977 dauernden Ehe gingen gingen eine Tochter und ein Sohn hervor: Jürgen Haller, der wie der Vater Profi-Fußballer wurde. Die zweite Ehe brachte Haller einen weiteren Sohn, während die dritte Ehe mit der 42 Jahre jüngeren Kubanerin Noraimy Rodriguez Guiterrez, die er während eines Trainingslagers auf Kuba kennengelernt haben soll, kinderlos blieb.

Am 12. Oktober 2012 spielte die deutsche Fußballnationalmannschaft in Dublin im Rahmen der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 in Trauerflor gegen die irische Auswahl, um so an Helmut Haller zu erinnern. Und am 16. Oktober 2012 gab es ihm zu Ehren eine Gedenkminute vor dem Spiel Deutschland-Schweden im Berliner Olympiastadion.

Stimmen zu Helmut Haller

  • "Haller spielte im offensiven Mittelfeld und Sturm, er war ein exzellenter Techniker, zudem torgefährlich." (Spiegel online)
  • "Helmut war einer der wenigen Spieler, die ich in meiner Karriere nie richtig in den Griff bekommen habe." (Giovanni Trapattoni, zu Hallers Glanzzeiten beim AC Mailand und einer der besten Verteidiger damals)
  • "Der erste Pop-Star des deutschen Fußballs." (11 Freunde)
  • "Er war definitiv einer der besten Mitspieler, die ich je hatte." (Franz Beckenbauer)
  • "Er schoss Tore für die Geschichtsbücher." (AZ)
  • "Er machte die Italiener zu Deutschland-Fans, zwei Jahrzehnte nach der Besetzung durch die Nazis." (Die Welt)
  • "Er war ein Spaßvogel, eine Frohnatur und ein unheimlich talentierter Fußballer." (Uwe Seeler)
  • "Blondschopf mit himmlischen Füßen." (SZ)
  • "Haller war einer der größten Fußballhelden der Nachkriegsgeschichte und hat den Augsburger Fußball und Generationen von Fußballern geprägt." (Peter Bircks? , Aufsichtsratsvorsitzender des FCA)

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