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Globale Urbanität

Die Stadt als Maschine

Immer dichter werden die Trauben von Städten. Das kann man gut vom Flugzeug aus erkennen, wenn man durch die Nacht gleitet. Die beleuchteten Städte spiegeln den Kosmos mit seiner Milchstraße. Heute leben etwa 80 Prozent der Bevölkerung von Industriestaaten in Städten. Kann man deshalb wirklich von einem Stadtwerden aller Zivilisation sprechen oder gibt es auch Städte, die keine Städte sind? Sind nicht in der Zwischenzeit Städte gewachsen, die nichts mehr mit dem Ideal der Stadt als einer organischen Ganzheit zu tun haben? Es sieht so aus, als ob die neuen weltweiten Kommunikationsmittel das Konzept des öffentlichen Raumes, wie es bisher in der Stadt verwirklicht war, in grundlegender Weise verändert.

Es klingt vielleicht seltsam, aber die Stadt kann als Maschine verstanden werden, denn sie ist ein Mittel, um Bevölkerung zu konzentrieren, sie zu organisieren, sie produzieren und konsumieren zu lassen. Dazu kommt ihre architektonische Sichtbarkeit und ihre Funktion als Raum der Zirkulation, der Verbindung und Information. Sprich: Die Stadt kann als Netz gesehen werden. Daraus erhellt, dass die Stadt zur Globalität tendiert.

Obwohl die Stadt etwas von Menschen Geschaffenes ist, ist sie auch seit dem Altertum der Ort der Beziehung zu den Göttern und in ihren Anfängen wurde sie als Verwirklichung einer Welt verstanden, die jener der Götter entsprach, womit sie Spiegel des Himmels war. Weil die Stadt die Welt der Götter reflektierte, war sie ein heiliger Raum, der dem gewöhnlichen Raum gegenüberstand.

Alle alten Städte hatten einen sorgsam abgegrenzten Bereich, etwa eine Befestigungsmauer, die eine Trennung zwischen Außen und Innen markiert, also nicht nur aus Gründen der Verteidigung errichtet wurde. Diese Einfriedungen der Städte behielten, wie auch an Augsburg studiert werden kann, selbst im Zeitalter der Expansion der Stadt im Industriezeitalter noch ihren symbolischen Wert. Erst heute verblasst die Erinnerung an diese Trennung zwischen intra und extra muros, womit sich das Ende des alten Stadtmodells und eine neue Situation ankündigt. Bis dahin wurde Stadt erbaut und organisiert, um selbst eine Welt zu sein. Und das heißt, sie symbolisierte die Ganzheit und Einheit der Menschen, die in ihr lebten und brachte sie auch hervor. Die Städtebilder, die von der Renaissance hervorgebracht wurden, zeigten dies aus der Ferne. Und sie zeigten die einzelne Stadt in ihrem spezifischen Profil, als ein einzigartiges Portrait.

Die industrielle Revolution

Die industrielle Revolution brachte einen Umbruch für die Stadt. Sie war, versteht man die Stadt als organisierende und produzierende Maschine, die Konsequenz des Erfolgs der Stadt. Oder anders ausgedrückt: Die Stadt war Motor dieses Wirtschaftswachstums. Denn hinter den umschließenden Mauern wurden menschliche Kräfte zusammengedrängt, die unter einheitlichem Kommando Bewässerungsgräben, Wälle, Kanäle, Mühlen etc. bauten und so das Leistungsniveau anhoben. Die Stadt, eine technosoziale Maschine, machte es möglich. Gegenüber ländlichen Gesellschaften zerriss die Stadt Bindungen und erfand eine Ordnung, die auf den Fähigkeiten ihrer Bewohner beruhte.

Die Stadt als Architektur ging aus kollektiver Arbeit hervor, als Maschine ist sie ständig damit beschäftigt ihre Existenz und Reproduktion zu sichern. Das alles ist aber nur durch ein starkes organisatorisches Engineering zu bewältigen. Hier kommt die Verwaltungsorganisation ins Spiel, die es vor der Stadt nicht gab. Ohne eine Bürokratie, eine Verwaltungsmaschine ist eine Stadt nicht zu denken. Sie ist das nötige social engineering für das Zusammenleben von Menschen in einem technisierten Raum.

Die Stadt kann in sich aufgrund der Differenzierung und Spezialisierung der Berufe nur als Markt funktionieren und der setzt Austausch voraus, Import und Export. Eine politische Organisation und das Recht mussten dies absichern. In Europa geschah das im Mittelalter, als Städte wie Augsburg autonome und autokephale anstaltsmäßige Vergesellschaftungen wurden, was in der Folge den Aufstieg des europäischen Kapitalismus ermöglichte.

Im 18. Jahrhundert führte die industrielle Revolution zu einer plötzlichen Produktionssteigerung durch die Einführung des Fabriksystems und der Maschine. Das veränderte das Empfinden der Menschen und das Bild der Welt umfassender als alle Geschichte zuvor. In der Stadt begann eine unkontrollierte Entwicklung von Wohnungsimmobilien und seit dem 19. Jahrhundert wird die Geschichte der Stadt bis heute aus den Vorstädten heraus geschrieben. Die Stadt wurde zum Werkzeug ihrer eigenen Auflösung und verlor ihre geistige Einheit und symbolische Form, wie sie sich über Jahrtausende entwickelt hatte. Eine beobachtbare Folge dieser Auflösung ist die Krise der Architektur zwischen dem Beginn des 19. Jahrhunderts und der Moderne. Gegen die neue Barbarei versuchte die Architektur noch lange das Ideal des traditionellen Monuments der Stadt aufrechtzuerhalten.

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Beispiel Görlitz''

Die Stadt als Netz

Mit dieser Auflösung der traditionellen Stadt tritt immer mehr ein neues Raummodell in Erscheinung und wir begreifen die Stadt immer mehr als Netz, das aus Ensembles von Punkten oder Orten besteht, die miteinander verbunden sind. Das ist verkehrstechnisch, aber auch informationstechnisch zu verstehen, darüber hinaus politisch, beruflich, religiös … Mit dem Netzbild für die heutige Stadt sagen wir aber zugleich auch, dass ihre heutigen Merkmale Dezentrierung, Interdependenz, Offenheit und Spezialisierung bzw. Partikularisierung sind.

Übrigens: Schon die alten Städte hatten einen Netzcharakter. Oft waren sie aus funktionalen Gründen schachbrettartig angelegt. Straßen überzogen die Stadt, die egalitäre Beziehungen möglich machten: Sie wurden im europäischen Mittelalter als „kommunale Freiheit“ eingefordert. Heute nennt man dieses spezifisch urbane Phänomen „Zivilgesellschaft“. In ihr sind Beziehungen der Verwandtschaft, ethnischer oder beruflicher Beziehungen überstiegen. Solche Netzauswirkungen der Stadt kann man auf räumlicher, administrativer, kommerzieller und kultureller Ebene ausmachen.

Heute wird sichtbar, dass das exponentielle Wachstum der elektronischen Netze, die mit der Stadt verbunden sind, die Idee der Stadt selbst in Frage stellen. Wir können uns heute vorstellen, dass die traditionelle Stadt als solche obsolet wird. Der Grund dafür liegt darin, dass es heute keinen Niederlassungsort mehr gibt, der einem anderen vorzuziehen wäre. So können sich heute Produktions-, Verwaltungs- und Entscheidungszentren ohne Problem von der Stadt lösen – und trotzdem weiter funktionieren.

Städtenetze und Lichtsmog in der Nacht

Ein neuer öffentlicher Raum

Bisher galt in unserem abendländischen Denken, dass die Stadt der Ort ist, an dem der „öffentliche Raum“ zum Ausdruck kommt. Dabei bedeutet „öffentlicher Raum“ die strukturelle Grundlage einer Debatte zwischen den Mitgliedern der Stadt, die eine für alle akzeptable Übereinkunft ermöglichen soll im Blick auf Institutionen, Gesetze etc. Hier geht es um einen bekannten und anerkannten Raum des Gemeinwohls im Gegensatz zu Einzelinteressen. Der „öffentliche Raum“ hat zwei Seiten: zum einen die architektonische Sichtbarkeit in der Monumentalität von Parlamenten, Universitäten etc. und zum anderen die institutionell etablierte Struktur demokratischer Debatten und Entscheidungen. Die gegenwärtige Ausweitung der Informationsnetze führt dazu, dass beide Seiten des „öffentlichen Raums“ in Frage gestellt werden.

So entsteht heute dadurch, dass die Industrie die Städte verlässt und sie in Zerrüttung hinterlässt, eine urbane Zersiedelung ohne Stadtbildung, bilden sich zufällige Agglomerationen mit einer Mischung aus Wohn- und Industriegebieten, Einkaufszentren, Verwaltungen, Schulen, Dienstleistungseinrichtungen. Damit hört die Stadt auf, eine Maschine, also ein Organisations- und Produktionssystem zu sein. An ihre Stelle ist ein Netz industrieller Organisation mit variablen Niederlassungen getreten. Anders ausgedrückt: die technosoziale Funktion der Stadt ist auf das Kommunikationsnetz übergegangen. Nur noch der Austausch und die Zirkulation bestimmen den Gang der Welt.

Auch die Zentralisierung der Verwaltung wird damit obsolet. Zwar wird es auch in Zukunft noch Hauptstädte oder regionale Zentren geben, aber ob dort noch die Entscheidungsträger leben, ist fraglich. Sie brauchen es nicht mehr. Möglicherweise sind diese Kapitalen nur noch symbolischer NaturFett. Das Zentrum aber wechselt den Ort mit den Entscheidungsträgern. Die Stadt ist verschwunden, hat keine Grenzen mehr. Zwar sprechen wir noch von Stadt, aber das Wort bezeichnet nicht mehr das Sein der Stadt, wie es vor der industriellen Revolution war. Mit dem Auftreten der Vorstädte begann das Erscheinen eines generalisierten urbanen Raumes. Das Land wird zur Grünfläche, zu einem Naturraum zwischen urbanen Agglomerationen.

Und die Krise der Architektur rührt daher, dass wir keine Tempel, Paläste, Theater oder andere öffentliche Bauten mehr brauchen, um die Macht der dahinter stehenden res publica zu spüren. Die Macht braucht sich nicht mehr auf Monumente zu beziehen, um ihre Legitimität zu erweisen.

Archipel Stadt am Beispiel von Los Angeles

Wohin sich Städte wie Augsburg oder München entwickeln könnten, sieht man heute schon an Los Angeles. Hier erscheint die Stadt als Cluster-Modell, als Archipel mit einer Vielfalt von Zentren, als offene Zirkulation, die nicht mehr sternförmig angeordnet, sondern aus unendlich erweiterbaren Rechtecken zusammengesetzt ist. Die Stadt wird zur urbanen Landschaft, die von Autobahnen durchzogen wird. Zerstreuung statt Sammlung ist die neue Vision auch für unsere europäischen Städte.

Die öffentliche Sphäre wird durch die modernen Kommunikationsmittel ebenfalls verwandelt. Jeder kann heute virtuell an jedem Ort sein. Ubiquität materialisiert sich - selbst ohne körperlichen Ortswechsel. Simultan und in Echtzeit können wir uns heute an allen möglichen virtuellen Orten der Welt einloggen und intervenieren. Dabei sind wir immer im Übergang vom Lokalen zum Globalen. Zentrum ist jetzt nicht mehr das Globale, Zentrum ist jetzt überall, eine Peripherie gibt es nicht mehr. Jeder Punkt des Netzes ist ein Zentrum.

Die zentrale Frage für die Stadtentwicklung und Stadtplanung wird sein, wie der Archipel aus urbanen Zonen und Modulen so gestaltet werden kann, das er auch die Gemeinschaft abwesender Körper akzeptiert. Welcher Sinn muss heute dem bebauten Raum verliehen werden, um die sozialen und architektonischen Formen auf sinnige und sinnliche Weise zu artikulieren? Wird es möglich sein, neben dem so genannten "virtuellen Raum" noch einen konkreten Raum für Körper aufrechtzuerhalten, einen Raum des Wohnens, Feierns, der Arbeit, der Nachbarschaft etc.?

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