Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de


Hauptseite | Tradition und Geschichte | Spezialthemen | Geschichte der Wasserversorgung in Augsburg


Geschichte der Wasserversorgung in Augsburg

''Augsburger Wasserturm © Eva Stuhlmüller

Allgemeines

Beim Roten Tor in Augsburg stehen Wassertürme, die daran erinnern, dass Augsburg schon im 15. Jahrhundert eine ausgeklügelte Wasserversorgung hatte. Andere Städte wagten an eine solche Versorgung noch lange nicht zu denken. Und die Qualität des Wassers ließ in Augsburg nichts zu wünschen übrig. Auch heute noch hat das Augsburger Wasser Trinkwasserqualität. Die Trinkwasserversorgung der wasserreichen Stadt am Lech geht bis in die römische Zeit zurück.

Wasserkraft galt als das "Erdöl des Mittelalters" und trug maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufstieg der Reichsstadt? Augsburg bei. An den Kanälen klapperten ein Dutzend Mühlen?, hier trieben Wasserräder jene Säg-, Polier-, Walk- und Papiermühlen, Eisen- und Kupferhämmer an, ohne die eine Kunststadt Augsburg ebenso wenig denkbar gewesen wäre wie die Drucker- und Verlegerstadt oder gar die Trinkwasserversorgung. In Augsburgs reichsstädtischen Wasserwerken hoben wasserradgetriebene Kolbenpumpen und Archimedische Schrauben das Trinkwasser in die Wassertürme. Selbst die hölzernen Röhrwasserleitungen wurden mithilfe wasserradgetriebener Deichelbohrmaschinen gefertigt.

Neben den Wassertürmen am Roten Tor sind in Augsburg noch der Spital- oder Kastenturm sowie zwei weitere historische Wassertürme erhalten: ein Wasserturm am Mauerberg und einer am Oblatterwall. Die Wassertürme am Roten Tor und der Spital- oder Kastenturm besitzen noch ihre Pumpwerke.

Daten

Römerzeit und frühes Mittelalter

Bereits die Römer haben Brauchwasser in die Stadt Augsburg geleitet. Schon bei der Ansiedlung war die Lage Augsburgs zwischen zwei großen Flüssen ein wichtiges Argument für die Niederlassung.

Ab dem 8. Jahrhundert entstand in Augsburg eine Kanallandschaft?, die heute etwa 135 Kilometer umfasst. Im Mittelalter wurde das Kanalsystem weiter aufgebaut, das auch heute noch die Augsburger Altstadt? durchzieht. Über Jahrhunderte nutzten die Augsburger die vielen Bäche, Kanäle und Flüsse ihrer Stadt zur Gewinnung von Brauchwasser.

Mittelalter

Aus dem Jahr 1346 gibt es eine Urkunde, die von einem hölzernen Stauwehr berichtet. Es stand im Südosten der Stadt.

Von 1412 stammt der erste Augsburger Wasserturm. Seine Aufgabe war es Wasser aus den niedriger gelegenen Flüssen Wertach und Lech in das höher gelegene Augsburg zu bringen, wo es in öffentlichen Brunnen zur Verfügung gestellt wurde. Das Pumpwerk stand am Schwibbogentor?. 1412 gilt als Datum für den Beginn einer öffentlichen Wasserversorgung im heutigen Sinn in Augsburg.

Ein weiterer wichtiger Schritt war 1416 die Errichtung des Wasserwerks am Roten Tor. Die Augsburger sprachen vom "Großen Turm". Von hier leitete man das so genannte "Röhr-Wasser" mit etwa 5.000 Baumstämmen, die längs durchbohrt waren, in die öffentlichen Brunnen der Stadt. Damals zählte Augsburg 309 private und 24 öffentliche Brunnen. Schon damals bezahlten die Augsburger eine Gebühr für Wasser, den so genannten "Wasserzins". Nur wer sich besonders um die Stadt verdient machte, erhielt ein "freies" Wasserrohr.

In den Wallanlagen am Rotes Tor errichteten die Augsburger 1470 ihr erstes Aquädukt. Hindurchgeleitet wurde das Wasser vom Lochbach und vom Brunnenbach, allerdings getrennt, denn mit dem Lochbach betrieb man Mühlen?, allein der Brunnenbach diente der Trinkwasserversorgung. Noch heute können Interessierte an besonderen Tagen das historische Aquädukt in der Nähe der Bühne der Freilichtbühne besichtigen. Was heute ein Ziegelbauwerk am hinteren Ende der Bühne ist, war 1470 aus Holz gefertigt, denn der Ziegelbau wurde erst 1777 errichtet.

Frühe Neuzeit

Fließendes Trinkwasser nutzte zum ersten Mal 1502 der damalige Bischof in Augsburg. Er erhielt damals sein Trinkwasser kostenlos, weil es aus dem Brunnenbach stammte, dessen Quellgebiet auf dem Lechfeld liegt, das damals noch in kirchlichem Besitz war. Andere Nutzer mussten damals erst einmal 13 Gulden pro Jahr für einen eigenen Wasseranschluss zahlen, was sich nur reiche Augsburger leisten konnten. Der Grund: Um das Wasser mittels wasserradgetriebenen Kolbenpumpen zunächst etwa 25 Meter hoch in Wassertürme zu befördern, von denen das Wasser dann wieder in die Augsburger Häuser, die auf einem Hochplateau liegen, herunterfallen konnte, musste großer technischer Aufwand betrieben werden.

Ab 1558 leitete man das Wasser nicht nur in öffentliche Augsburger Brunnen, sondern auch in die Häuser von Patriziern. Der so genannte "Wasserzins", den die Stadt erhob, sollte die Kosten der Wasserversorgung abdecken.

18./19. Jahrhundert

Mitte des 18. Jahrhunderts bestand in Augsburg ein voll ausgebildetes öffentliches Wasserverteilungsnetz. 1761 waren an den Kanälen und Bächen der Stadt 78 Triebwerke mit 163 Wasserrädern in Privatbesitz in Betrieb. Weitere 17 Wasserräder drehten sich in den städtischen Wasserwerken.

Ab 1840 waren die Augsburger Wasserkräfte der Motor der frühen Industrialisierung der Stadt. Mehr als 60 Jahre lang übertrugen Turbinen die Kraft des Wassers mechanisch auf die Maschinen riesiger Textil- und Maschinenbaufabriken.

1879 wurde das Wasserwerk am Hochablass gebaut, das damals eine technische Sensation war und noch heute erhalten und funktionsfähig ist. Drei Doppelkolbenpumpen von der Maschinenfabrik Augsburg (Vorläufer der heutigen MAN) im großen Maschinensaal pressten Grundwasser mit gleichmäßigem Druck bis an den heimischen Wasserhahn. Das Wasser war hygienisch einwandfrei. War vorher Wasser aus Bächen? oder Brunnen in der Stadt oft verkeimt, lag das Wasserwerk am Hochablass weit vor den Toren der Stadt und pumpte im Stadtwald Augsburg gefördertes sauberes Grundwasser in die Leitungen.

20. Jahrhundert

1902 ging mit dem Wasserkraftwerk auf der Wolfzahnau Augsburgs erstes Strom erzeugendes Wasserkraftwerk in Betrieb.

Um die Versorgung sicherzustellen ging 1912 ein zweites Wasserwerk beim Lochbach (Wasserwerk am Lochbach) in Betrieb.

21. Jahrhundert

Der erste Horizontalfilterbrunnen der Stadtwerke ging 2009 beim Hochablass in Betrieb und förderte rund 300 Kubikmeter Wasser pro Stunde aus etwa 15 Meter Tiefe.

Am 16. Januar 2011 beschloss die Stadt Augsburg, sich mit dem Thema "Wasser" um den Welterbe-Titel der Unesco nach 2018 zu bewerben. Götz Beck, der Geschäftsführer der Regio Augsburg Tourismus GmbH, bekam den Auftrag die Bewerbung zu koordinieren. Das Thema "Wasser" wurde gewählt, weil ein so umfassendes Thema neben Bewerbungen von einzelnen Bauwerken sehr selten ist und man sich deshalb Chancen bei der Unesco ausrechnete, das es kaum eine Stadt in Europa gibt, die so früh eine so ausgeklügelte Wasserversorgung vorzuweisen hatte wie Augsburg.

Für die Bewerbung Augsburgs mit dem Thema „Wasser und Wasserversorgung“ um den Titel „Welterbe“ bereitete, der Context Verlag Anfang 2012 ein etwa 130 Seiten starkes Buch zur Bedeutung der Augsburger Wasserwirtschaft vor – ihr Einzugsgebiet und ihre Denkmäler. Die Erstellung des Buches sollte nach der Augsburger Allgemeinen etwa 35.000 € kosten. Durch den Verkauf des Buches wollte man diese Kosten wieder einspielen, die zunächst von Sponsoren mitfinanziert werden sollten.

Am 10. Juli 2012 reichte Peter Grab, der damalige Kulturbürgermeister von Augsburg, die Interessenbekundung zur Aufnahme der Augsburger Wasserwirtschaft in die Welterbeliste bei der UNESCO ein. Die Interessebekundung ging am 1. August 2012 an die deutsche Kultusministerkonferenz. Sie stützte sich auf die Augsburger Kanallandschaft, fünf frühe Wasserwerke und das Wasserwissen, das in Augsburger Archiven aufbewahrt wird.

2012 bauten die Stadtwerke Augsburg nahe des Hochablasses den zweiten Horizontalfilterbrunnen mit einem damals neuartigen Filtersystem. Das Bauwerk liegt nur etwa fünf Minuten zu Fuß vom Historischen Wasserwerk am Hochablass entfernt. Der Brunnen war mit 23 Metern noch tiefer als der bisherige, gewann das Wasser aus der gleichen Schicht wie der erste Horizontalfilterbrunnen.

Ende 2016 begannen die Stadtwerke Augsburg mit dem Bau ihres dritten Horizontalfilterbrunnens im Siebentischwald für rund zwei Millionen Euro. Er sollte bis Ende 2018 fertig sein. Zum einen wollte man damit den Trinkwasserbedarf in der wachsenden Großstadt und der Region Augsburg in der Zukunft gewährleisten, andererseits wurde es mit dem neuen Brunnen möglich, die Trinkwasserversorgung mit naturbelassenem Grundwasser auch in Zeiten des Klimawandels zu sichern. Während in der Vergangenheit rund drei Viertel des Augsburger Trinkwassers in Brunnen mit einer Tiefe von etwa zehn bis zwölf Metern aus den "quartären Kiesen" gefördert wurde, reichten 2016 bereits zwölf Brunnen der swa in die darunter liegende Bodenschicht 20 bis 25 Meter tief, die "oberen tertiären Sande". Grund für die größere Tiefe ist der Klimawandel. Bei den vermehrten Starkregen versickert das Regenwasser in den oberen Kiesschichten so schnell, dass die natürliche Filterwirkung des Bodens teilweise überfordert ist. Deshalb muss das Wasser aus etwas tieferen sandigen Schichten gefördert werden, die eine hohe Reinigungsleistung aufweisen. So wird es auf natürliche Weise von allen Umweltkeimen befreit, erfüllt die hohen Anforderungen der Stadtwerke an ihr naturbelassenes Trinkwasser und kann ohne weitere Aufbereitung ins Rohrnetz bis zum heimischen Wasserhahn gepumpt werden. Zwei Jahre lang suchten die swa nach einem Standort für den neuen Brunnen mit zahlreichen Probebohrungen. Die Bodenverhältnisse und die Zusammensetzung der Bodenschichten, die die Filterwirkung ausmachen, müssen ebenso stimmen wie die Grundwassermenge. Der neue Brunnen wird rund 360 Kubikmeter Wasser pro Stunde liefern, das entspricht etwa einem Siebtel des gesamten Trinkwasserbedarfs an einem Sommertag in Augsburg. 2016 versorgten die swa etwa 327.000 Menschen in Augsburg und der Region Augsburg täglich mit 50 bis 60 Millionen Liter Wasser. Die gesamte Länge des Wasser-Leitungsnetzes der swa betrug 2016 rund 1.000 Kilometer.

https://www.augsburgwiki.de/uploads/AugsburgWiki/th123---ffffff--2016_11_04_neuer_brunnen_baustart.jpg.jpg

So wie bei diesem bestehenden Horizontalfilterbrunnen im Siebentischwald wird bei dem neuen Brunnen Grundwasser aus über 20 Metern Tiefe als naturbelassenes Trinkwasser bis an den heimischen Wasserhahn gefördert. Der Name "Horizontalfilterbrunnen" stammt von den sechs etwa 50 Meter langen Filterrohren, die am Grund des Brunnens horizontal sternförmig vom senkrechten Schacht weg in den Boden gehen und in denen das Wasser gesammelt wird. Foto: swa / Thomas Hosemann

Heute sind es insgesamt fünf Wasserwerk-Standorte in Augsburg. Während die durch Wasserkraft unterhaltenene Fabriken fast vollständig – häufig mit Ausnahme ehemaliger Turbinenhäuser und Wasserkraftwerke – verschwunden sind, blieb die Bedeutung der Wasserkraft bis heute in Augsburg erhalten. Und sie nimmt sogar noch weiter zu. An den beiden Flüssen Lech und Wertach sowie am fast 90 Kilometer langen Netz der Triebwerkskanäle in und um Augsburg erzeugen heute mehr als 40 Wasserkraftwerke mit etwa 100 Millionen Kilowattstunden Strom für mehr als 40.000 Augsburger Durchschnittshaushalte.

Augsburger Wasserwissen

Manche Bauten und technische Einrichtungen zur Augsburger Wasserversorgung früherer Zeiten sind heute nicht mehr erhalten. In Augsburger Archiven, Bibliotheken? und sonstigen Sammlungen hat sich aber das alte Wasserwissen der Stadt in Skizzen, Drucken, Handschriften, Instruktionen und hydrotechnischen Modellen erhalten. Weltweit einzigartig ist die Modellkammer des Maximilianmuseums, die einen Teil dieser Modell aufbewahrt.

Wasserwirtschaft: Privat oder kommunal?

Seit 2000 ist Trinkwasser laut UNO ein Menschenrecht und doch löschen heute etwa eine Milliarde Menschen ihren Durst mit schmutzigem Wasser. Aber nicht nur das: Die Versorgung mit Wasser wird auch dort bedroht, wo es genug Wasser gibt, denn seit einigen Jahrzehnten haben private Firmen Wasser als Investment entdeckt, mit dem Geld zu verdienen ist. Vor allem seit den 1990er Jahren gehen Privatfirmen auf Einkaufstour und verbreiten die Mär, sie könnten billigeres und besseres Wasser liefern als staatliche oder kommunale Wasserversorger. Dort aber, wo die Wasserversorgung privatisiert wurde, ist nach Jahren eine Verteuerung der Wasserversorgung festzustellen und immer öfter kündigen Städte und Gemeinden wieder ihre Wasserverträge mit privaten Wasserversorgern.

Mit der Wasserversorgung, das ist deutlich geworden, kann nur Geld verdient werden, wenn die Infrastruktur vernachlässigt wird oder aber die Kunden höhere Preise zahlen. Eine zuverlässige Wasserversorgung ist auf Weitsicht und eine langfristige Vorsorge angewiesen, was z. B. schon damit beginnt, dass eine Kommune etwa Bauern in Grundwassereinzugsgebieten davon abhält, Pestizide einzusetzen, selbst dann, wenn es Jahrzehnte bräuchte, bis sie sich im Trinkwasser ansammeln. Private Unternehmen stehen auch immer in der Versuchung, beim Rohrleitungssystem auf Verschleiß zu gehen statt regelmäßig zu investieren. Auch eine Kommune muss hier wirtschaftlich denken, doch muss sie nicht ihren Profit maximieren. Diese und andere Gründe sprechen klar gegen eine Liberalisierung der Wasserwirtschaft.

2012 machte eine EU-Richtlinie zur Wasserversorgung von EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier Furore. Viele Bürger befürchteten, sie könne Wasserprivatisierungen im großen Stil nach sich ziehen. In Augsburg sprach sich der Stadtrat einstimmig gegen die EU-Richtlinie aus. Anfang des Jahres 2013 haben die Stadtwerke Augsburg mit den Nachbargemeinden einen 20-Jahres-Wasserversorgungsvertrag mit Option auf Verlängerung abgeschlossen.

Unesco-Bewerbung Wasserwirtschaft

Zu den relevanten Denkmälern für Augsburgs Bewerbung als UNESCO-Welterbe Wasserwirtschaft gehören neben dem Wasserwerk am Hochablass der Große und der Kleine Wasserturm im Wasserwerk am Roten Tor und der Kastenturm im Wasserwerk am Roten Tor, den das Schwäbische Handwerkermuseum im Brunnenmeisterhof.

Die Bewerbung Augsburgs als Welterbe wurde durch die so genannten Augsburger Wassertage unterstützt. Diese Veranstaltungsreihe zählte zum Rahmenprogramm, bei dem Architektur- und Technikdenkmäler der historischen Wasserwirtschaft und andere Stationen zum Thema Wasser besichtigt werden konnten. Die Augsburger Wassertage wurden über mehrere Jahre hinweg in den Sommermonaten veranstaltet.

Im Sommersemester 2017 veranstaltete die unter dem Thema "Augsburgs Wasserwirtschaft" eine Ringvorlesung zur Bewerbung als UNESCO-Welterbe. Im Fokus der Vorlesung stand der Lech und seine besondere Beziehung zu Augsburg. Einzelne Vorlesungen trugen die Themen: "Wasser als Quell des Reichtums. Die wirtschaftliche und urbanistische Entwicklung Augsburgs seit dem späten Mittelalter, dargestellt anhand ausgewählter Exponate des Maximilianmuseums", "Stationen der Wasserwirtschaft von der Antike bis heute", "Das Wasser und die Stadt. Zur prägenden Bedeutung des Wassers in der Geschichte der Stadt und der Kunst", "Bedeutung der Ressource Wasser für die nachhaltige Entwicklung".


Hauptseite | Tradition und Geschichte | Spezialthemen | Geschichte der Wasserversorgung in Augsburg


Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de




FacebookTwitThis