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Geschichte der Textilindustrie in Augsburg

Allgemeines

Von der großen Augsburger Textilindustrie ist so gut wie nichts mehr erhalten. Von 20 bedeutenden Augsburger Textilfabriken, die noch um 1970 etwa 20.000 Arbeiter und Angestellte beschäftigten, sind gerade noch zwei in Betrieb, abgespeckt natürlich. Augsburgs Textilindustrie war einmal mit riesigen Spinnereien, Webereien und Kattunfabriken ausgestattet. Mehr als 150 Jahre war die Textilindustrie Augsburgs wirtschaftliches Rückgrat und strahlte auch ins schwäbische Umland aus. Die Textilfabriken waren für Tausende Menschen Lebensmittelpunkte, die Fabriksiedlungen mit ihren Altersheimen, Kindergärten, Bibliotheken und Bädern waren daneben auch kulturelle Bezugspunkte. Daran sieht man schon, dass diese Fabriken über viel Kapital und Immobilienbesitz verfügten. Meist waren sie als Aktiengesellschaften verfasst.

Der Aufschwung der westdeutschen Industrie erfasste in den 1950er Jahren auch die Textilindustrie in Augsburg. Man konnte hier über billige Arbeitskräfte verfügen. Vor allem Flüchtlinge und Heimatvertriebene? sorgten für die Deckung des Personalbedarfs in der Augsburger Textilindustrie. Und der aufgestaute Bedarf an Textilien sorgte für ein Anwachsen der Augsburger Beschäftigten auf 17.500 im Jahr 1957.

Billige Arbeitskräfte wurden aber immer schwieriger zu bekommen. Deshalb warb man Gastarbeiter? an. Zuerst in Italien, dann Anfang der 1960er Jahre auch in Spanien, Griechenland, Portugal und der Türkei. Eine solche Arbeitsmigration hatten Deutschland, Bayern und Augsburg nie zuvor erlebt.

17. Jahrhundert

1689 markiert in Augsburg den Beginn der manufakturellen Kattundruckerei. Das bedeutete eine Revolution der Herstellungs- und Verarbeitungsverfahren von Textilien noch vor der Industrialisierung. Im Kern ging es um die Einführung arbeitsteiliger Fertigungsverfahren unter einen Dach. Vor allen die Textilveredelung und die Druckereifertigung eigneten sich für diese neuen Manufaktur-Verfahren. Ebenfalls in dieser Zeit veränderte sich der Handel mit Textilien und ihren Vorprodukten. So lieden die damaligen Augsburger Manufakturbesitzer überregionale Handelsbeschränkungen, die zuvor bestanden, unberücksichtigt und bezogen z. B. Baumwollstoffe aus dem bereits in der Phase der Industrialisierung befindlichen England. Diese Importe waren billiger und so konnten die Manufakturherren ihre eigenen Herstellungskosten niedrig halten, was zum einen ihren Absatz stärkte, auf der anderen Seite aber die Augsburger Weber? weiter verarmen ließ.

18. Jahrhundert

1781 wurde die Kattundruckerei Schöppler & Hartmann gegründet, aus der später die "Neue Augsburger Kattunfabrik" hervorging.

19. Jahrhundert

Der Aufstieg Augsburgs zum deutschen Manchester begann etwa Mitte des 19. Jahrhunderts nach der Gründung der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg. Schnell folgte weitere Textilunternehmen, denn die Standortfaktoren für die Textilindustrie? in Augsburg waren sehr günstig:

  • Zum einen gab es viele arbeitslos gewordene Weber?, die Fachkenntnisse hatten.
  • Zum anderen boten die zahlreich vorhandenen fließenden Gewässer in Augsburg die Wasserkraft, die man zum Antrieb der Maschinen nutzen konnte.
  • Dazu kam, dass die Augsburger Geschäftswelt schnell große Summen in den Aufbau der neuen Firmen und Aktiengesellschaften der Textilindustrie? investierte. So konnte etwa das Bankhaus Schaezler? innerhalb weniger Monate 1,2 Mio. Gulden zur Gründung der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg zusammenbringen.
  • 1837 betrug die Arbeitszeit in der Augsburger Textilindustrie? 13 Stunden.
  • 1840 wurde die erste Eisenbahnlinie in Betrieb genommen, die Augsburg mit dem Rest Deutschlands und der Welt verband, was für die Ausfuhr der lokalen Produkte enorme Bedeutung hatte.
  • Parallel mit der Augsburger Textilindustrie? entwickelte sich in Augsburg auch der Maschinenbau, der den Textilfabriken die notwendigen Maschinen zulieferte.

Im 19. Jahrhundert wurde amerikanische Baumwolle zu einem wichtigen Rohstoff der Augsburger Textilindustrie. Damit wurde die Entwicklung der Augsburger Textilproduktion zunehmend von globalen Faktoren beeinflusst. Der amerikanische Bürgerkrieg führte deshalb zum Rückgang der Baumwolllieferungen, was Spekulationen an der Bremer Baumwollbörse möglich machte.

Die Arbeitsbedingungen der Industriearbeiterschaft in den Augsburger Textilfabriken waren durch niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten bestimmt. Äußerst strikte Fabrikordnungen vermiesten den Beschäftigten zusätzlich den Arbeitstag. Kein Wunder, dass ab den 1860er Jahren die SPD und Gewerkschaften? in Augsburg Fuß fassten. Schnell entwickelten diese Organisationen eine große Schlagkraft. Die sozialistischen Organisationen in Augsburg hatten zudem Vorbildwirkung für die Arbeiterschaft im gesamten Bayern. Schon 1868 kam es in der Buntweberei Riedinger? zu einem frühen Streik der Beschäftigten. Und ein Jahr später streikten die Arbeiter der MAN sowie die Arbeiter Innen? der Spinnerei und Weberei Kraus & Söhne? in Pfersee. Schon vor dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 bildete Augsburg somit den Zentralpunkt der Arbeiterbewegung in Bayern und angrenzender schwäbischer Bezirke. München und Nürnberg importierten ihren Sozialismus von Augsburg bzw. wurden von Augsburg aus agitatorisch beackert.

1885 ging die NAK als Aktiengesellschaft aus der traditionsreichen Kattundruckerei Schöppler & Hartmann hervor. "Neue" Augsburger Kattunfabrik nannte man die Kattundruckerei, um sie von der "alten" Kattundruckerei, der Schüleschen Kattunfabrik abzugrenzen, die Johann Heinrich Schüle? gegründet hatte und zu einem Marktführer europäischen Ranges ausgebaut hatte.

Um die Augsburger Arbeiterbewegung, die SPD und die Gewerkschaften? in Schach zu halten und ihre Macht nicht zu sehr anwachsen zu lassen, entschlossen sich die Augsburger Unternehmer, die sozialdemokratischen Verbände, die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine und die christlichen Gewerkschaften, die sich ab der Jahrhundertwende zu organisieren begannen, zu bekämpfen. Die Augsburger Unternehmen setzten der Arbeiterbewegung eine Konkurrenz aus wirtschaftsfriedlichen Gewerkvereinen entgegen. Man nannte sie die "Gelben" oder die "Chinesen". Die Unternehmen bevorzugten deren Mitglieder im Betrieb und lockten die Arbeiter mit Zuwendungen in diese Gewerkvereine einzutreten, was die Schlagkraft der "echten" Gewerkschaften? in Augsburg dämpfte.

20. Jahrhundert

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert verlangsamte sich die Geschwindigkeit, mit der die Textilindustrie? in Augsburg aufgebaut wurde. Zum einen waren dafür die zunehmende Konkurrenz und die Verschlechterung allgemeiner wirtschaftlicher Bedingungen in der Textilindustrie? verantwortlich. Zum anderen verhinderten aber auch die eingesessenen Textilmagnaten die Ansiedlung von weiteren Textilfabriken, ja sogar die Neuansiedlung oder Entwicklung anderer Wirtschaftssektoren, weil sie Angst hatten, dadurch ihre Arbeiter nicht mehr so günstig beschäftigen zu können wie bisher. Unter den führenden Augsburger Unternehmen verteilte man dadurch die Pründe, dass man Industrieverbände gründete, die sich Neuankömmlingen gegenüber zugeknöpft gaben und in den Aufsichtsräten der verschiedenen Augsburger Textilfabriken immer wieder die gleichen Mitglieder saßen und sich so gegenseitig eng kontrollierten. Dazu kam noch die teure Umstellung der Fabrikation von Wasser- auf Dampfkraft, wodurch zudem der spezifische Augsburger Vorteil der Textilindustrie? verlorenging.

1906 führte die Augsburger Textilindustrie? den 10-Stunden-Tag ein.

Die von Augsburger Unternehmen in Konkurrenz zu den Gewerkschaften? gegründeten Gewerkvereine hatten 1908 etwa 25 % der Augsburger Arbeiterschaft als Mitglieder, während etwa 30 % der Augsburger Arbeiter in anderen Gewerkschaften? oder Verbänden organisiert waren. Dass so viele Arbeiter in Augsburg friedlich und von den Unternehmen subventioniert zur Arbeit gingen, schwächte die Gewerkschaftsbewegung? in Augsburg so stark, dass man von der "Augsburger Krankheit" sprach. Diese "Augsburger Krankheit" wurde erst nach 1918 durch die Revolution besiegt, dann damals wurden die Augsburger Textilfabriken gezwungen, ihre "gelben" Gewerkvereine aufzugeben.

Im Ersten Weltkrieg verknappten sich die Baumwolllieferungen nach Augsburg, so dass die Textilindustrie? auf Kriegsproduktion umstellen musste. Vor allem Geschosskörbe und Haubitzenkatheder mussten von den beschäftigten Frauen instand gesetzt werden. Trotzdem konnte nicht verhindert werden, dass die Beschäftigtenzahl in der Augsburger Textilindustrie? während des Krieges um etwa ein Drittel sank.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Augsburger Industrie gegenüber der Münchener Industrie immer mehr an Bedeutung. Auch die Textilindustrie? in Augsburg erlitt einen schleichenden Bedeutungsverlust.

Die Revolution von 1918/19 führte zur Einführung des 8-Stunden-Tages in der Augsburger Textilindustrie?, doch schon 1922 erhöhte man die Arbeitszeit wieder auf 10 Stunden.

Ab der 1930er Jahre wurde der Maschinenbau die Leitindustrie in Augburg. Vor allem der Rüstungssektor? wurde ab Mitte der 1930er Jahre von den Nationalsozialisten? ausgebaut. Die Rüstungsindustrie? hat ihre Bedeutung für Augsburg bis heute bewahrt, während sich die Textilindustrie? ab den 1960er Jahren durch Betriebsschließungen oder Betriebsverlagerungen praktisch zur Bedeutungslosigkeit in Augsburg entwickelt hat. Allerdings ist die Rüstungsindustrie? sehr von den jeweils getroffenen politischen Entscheidungen abhängig und deshalb mindestens so krisenanfällig wie die Textilindustrie?, was sich periodisch immer wieder bei den großen Augsburger Rüstungsbetrieben zeigt.

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