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Geschichte der Juden in Augsburg

Frühe Entwicklungen

Ob die Augsburger Judengemeinde die früheste Judenniederlassung in Schwaben war, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, doch ist sie die älteste bezeugte Judengemeinde in Schwaben. Um festzuhalten, dass sich keiner der Augsburger Juden an dem Tod von Jesus schuldig gemacht hat, erzählt eine Legende, dass die Augsburger Judengemeinde schon zur Lebzeit Jesu bestanden habe. Schriftlich bezeugt sind Juden jedoch erst 1212 in Augsburg, indem ein Augsburger Jude in einer Urkunde namentlich genannt wird.

Im 13. Jahrhundert wird zum erstenmal eine Augsburger Synagoge urkundlich erwähnt. Sie war Mittelpunkt einer jüdischen Gemeinde, die aus dürftigen Anfängen schnell erblühte.

1290 müssen des die Juden in Augsburg schon zu einigem Wohlstand gebracht haben, denn damals erbaten sie vom Stadtrat die Erlaubnis, ein eigenes Badehaus errichten zu dürfen. Der Grund: Die Christen, die mit den Juden badeten, bereiteten ihnen laut jüdischer Beschwerde "viel Ungemach". Zu der Zeit hatten die Juden aber schon keine Möglichkeit mehr, gemeinsam mit Christen zu baden, denn 1276 war ein Verbot des gemeinsamen Badens erlassen worden. Insofern entsprach die Bitte der Juden der mehrheitlich christlichen Stadtgesellschaft und der Stadtrat erlaubte ihnen eine eigene Badstube, die Beim Rabenbad errichtet wurde.

Das nächste schriftliche Dokument, das Juden in Augsburg bezeugt, stammt aus dem Jahr 1298. Damals hat die Stadt Augsburg die Juden verpflichtet, auf ihre Kosten eine Mauer um einen für Juden eingerichteten Friedhof zu errichten. Vor allem dieses Zeugnis macht klar, dass es im 13. Jahrhundert in Augsburg schon eine bemerkbare jüdische Gemeinde gab. Das bestätigt auch auch die Tatsache, dass es im Mittelalter schon zwei jüdische Wohngebiete in Augsburg gab. Beide lagen vor der frühmittelalterlichen Bischofsstadt?: zum einen gab es die Judengasse, zum anderen lag unterhalb des Judenberges ein zweites jüdisches Wohngebiet. Die Judengasse erhielt ihren Namen übrigens Mitte des 14. Jahrhunderts.

Bedrängung und Vertreibung

Einige Zeit später verpflichtete der Kaiser Ludwig der Bayer? auch die Augsburger Juden zur Entrichtung einer höheren Kopfsteuer. Es sollte aber noch schlimmer für die Juden kommen. 1348/49 kam es wie andernorts im Reich auch in Augsburg zu Judenpogromen. Die Pest war ausgebrochen, was die Christen dazu benutzten, die Juden als Brunnenvergifter anzuklagen. Die Augsburger Juden hatten bei den ausgebrochenen Pogromen mehr als 100 Tote zu beklagen (nach anderen Quellen mehr als 130). Weil der damalige Augsburger Bischof ihnen beistand und der Stadtrat ihnen gegen die Entrichtung höherer Steuern Schutz gewährte, konnte sich die jüdische Gemeinde in Augsburg jedoch schnell wieder neu bilden. Der Vorgang hatte für die Augsburger Christen den Vorteil, dass sie auf einen Schlag ihre "Judenschulden" los wurden. Überlebende Juden? flohen aufs Land, konnten aber 1350 nach Augsburg zurückkehren.

Am Anfang des 15. Jahrhunderts bestimmte man, dass die jüdische Siedlung Augsburgs von der restlichen Stadt mit Seilen abgegrenzt werden musste. Außerdem führte man 1434 ein Kennzeichen für die Juden? ein: einen gelben Ring, den sie gut sichtbar auf ihrer Kleidung tragen mussten.

1438 beschloss der Stadtrat, die Juden? Augsburgs seien "ungehorsam" gewesen und müssten deshalb die Stadt verlassen. Die Folge: 1440 gab es keinen einzigen Juden? mehr in Augsburg. Im ältesten Ratsbuch gibt es 1438 den Eintrag "der Juden vßryben":

"Item uff Mentag nach St. Ulrichs tag (7. Juli) haut clainer und alter Rant ainhelliclich erkennet, als von der Juden wegen, das man der hinfüro gantz müßig gan und die nit lenger hie in des Statt laußsen solle, denn heit dem tag über zway Jare und das vonn haubtmarschallks wegen und wenn auch die zway Jar en weg und vergangen sind, so söllen si alle baide alt und jung, kainer ußgenommen nach hin dan gesetzt hinus faren und komen, an alle Gnad. Und das von mänigerlay vrsach wegen und sunderlich umb des willen, das man an den Cantzlen offenlich von in prediget wievil überls darus komme, das man si in stetten und ouch andersschwa enthielte und ouch von ungehorsamkeit wegen, die si wider der Statt Bott und gesatzte in vil wege getan hätten und ist ouch nämlichen mit in beredt worden, daß si gewarlichen davon seyn, daß si als darüber werben nochwerben laußen sullen umb kainerley gnad noch fryhait von unserm herrn, dem Kunig, noch sunst von yement anderm, zeer werben oder vßzebringen in dehain wyse ..."

Weitere Folgen: Das jüdische Tanzhaus wurde in eine Mühle verwandelt, den jüdischen Friedhof konfiszierte die Stadt, die Grabsteine verwandte man zum Bau des Rathauses, die Synagoge verwandelte man in ein Wohnhaus. Wohin die vertriebenen Juden? Augsburgs wanderten, weiß man nicht. In der Nähe jedenfalls haben sie sich nicht angesiedelt, denn dort gab es erst Jahrzehnte später erste jüdische Bürger. Juden durften jetzt Augsburg nur noch gegen eine Einlassgebühr betreten, etwa, wenn sie hier Handel treiben oder sich in Kriegszeiten innerhalb der Stadtmauern in Sicherheit bringen wollten.

Bis zu ihrer Vertreibung beerdigten die Juden ihre Toten bei den Toren von Heilig Kreuz? an der Stadtmauer etwa an der Stelle, an der sich heute die Straßen An der blauen Kappe und Am Katzenstadel kreuzen. Nach der Vertreibung der Juden aus Augsburg, verwandelte man den Friedhof in einen Teil der Stadtbefestigung.

Allein in den nahe liegenden Gemeinden Pfersee und Kriegshaber bestanden weiterhin jüdische Ansiedlungen. Dass Augsburg judenfrei war, blieb so bis ins 19. Jahrhundert hinein. Der Stadtrat ließ nur einige jüdische Bankiers mit ihren Familien in Augsburg zu, aber allein gegen finanzielle Leistungen dieser wohlhabenden Familien.

Erneuter Zuzug von Juden

Ab 1803 hatten die Juden? wieder die Erlaubnis, sich in Augsburg niederzulassen. Doch die Juden? zogen zunächst nur zögerlich wieder nach Augsburg. Die Situation änderte sich in Augsburg erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich Juden? aus den umliegenden Landgemeinden in Augsburg niederließen. 1861 gründete sich offiziell wieder eine jüdische Gemeinde in Augsburg. Im Dezember 1880 hatte Augsburg fast 61.500 Einwohner, davon 41.000 Katholiken, mehr als 19.000 Evangelische und etwas mehr als 1.000 Juden?.

Nach 1803, als die Juden wieder nach Augsburg zurückkehrten, befand sich ihr erster Gebetsraum am Hafnerberg. Erst nach der zweiten Gründung der Gemeinde der Juden in Augsburg legte die Augsburger Juden an der Haunstetter Straße einen neuen Friedhof an, den Jüdischen Friedhof?. 1858 errichteten sie in einem Haus in der Wintergasse ihre Synagoge.

Bis 1910 zogen immer mehr Juden? nach Augsburg. Deshalb beschloss die Generalversammung der Gemeinde 1912, auf einem 1903 erworbenen Grundstück an der Halderstraße eine neue Synagoge zu errichten.

In den 1920er Jahren erreichte die jüdische Gemeinde in Augsburg mit etwa 1.200 Mitgliedern ihren ersten Höchststand. Dieses Anschwellen der Juden? in Augsburg führte zunächst zu mehreren Umbauten der Synagoge in der Wintergasse, doch musste sie 1917 durch das heutige Gotteshaus in der Halderstraße ersetzt werden, das von 1913 ab gebaut worden war und einer der bedeutendsten jüdischen Spätjugendstilbauten in Europa ist.

Bis 1933 spielten die Juden? im Wirtschaftsleben Augsburgs eine zunehmende Rolle. Etwa in der Textilbranche, der Metallverarbeitung, der Chemie, im Groß- und Einzelhandel und im Bankenwesen.

Je mehr Bedeutung die Nationalsozialisten? während der Weimarer Republik in Augsburg bekamen, desto mehr betraf das auch die Juden?, die unter zunehmendem Antisemitismus? zu leiden hatten. So wurden SA-Schläger schon vor 1933 handgreiflich gegen Augsburger Juden?. Auch zu Grabschändungen kam es und zu Boykott-Aufrufen gegen jüdische Geschäfte.

Nazizeit

Der Beginn der Nazizeit brachte auch den Augsburger Juden? antisemitische Hetzpropaganda und den Boykott jüdischer Geschäfte. So schrieb der Augsburger Lokal-Anzeiger? am 28. März 1933, dass es wenige deutsche Städte gebe, in denen die Juden? so viel Einfluss hätten wie in Augsburg. Gerade in Augsburg seien sie besonders frech und hemmungslos sich zu bereichern. Man brauche in Augsburg weder jüdische Rechtsanwälte noch Ärzte, weder jüdische Redakteure noch Sänger. Tausende deutscher Mittelständler seien in Augsburg von den Juden? in den Bankrott getrieben worden, wie die Heuschrecken seien die Juden? über Augsburg hergefallen und hätten alles kahl gefressen, weshalb man nun mit dem Molloch "Juda", der alles verschlinge, endgültig Schluss machen müsse.

Zwar gab es in Augsburg 1933 noch keine handgreiflichen Ausschreitungen gegen die jüdische Minderheit, doch schon im Frühjahr 1934 wurden erstmals die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeworfen.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 drangen Jugendliche in die Augsburger Synagoge ein, zerstörten Teile der Inneneinrichtung und legten Feuer. Weil die Feuerwehr wegen der Gefahr, dass das Feuer auf eine benachbarte Tankstelle übergriff, den Synagogenbrand löschte, konnte die Bausubstanz des Gebäudes gerettet werden, doch musste die Israelitische Kultusgemeinde Augsburg? ab November 1938 die Synagoge in Kriegshaber? als Gottesdienstraum nutzen. Sie war während der Pogrome unversehrt geblieben. Die Reichspogromnacht brachte aber nicht nur den Synagogenbrand, sondern auch die Verwüstung und Plünderung jüdischer Geschäfte und Wohnungen und die Verhaftung vieler Augsburger Juden?. Aus dem städtischen Gefängnis? wurden alle jüdischen Männer, die jünger als 70 Jahre alt waren, in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Weitere Folgen waren die Arisierung sämtlicher jüdischer Geschäfte - bis auf eine Gaststätte - und das Verschwinden der Juden? aus dem Augsburger Wirtschaftsleben.

Nach ihrer Freilassung aus dem Konzentrationslager Dachau wanderte der Rabbiner mit seiner Familie in die USA aus. Von den damals noch etwa 1.100 Augsburger Gemeindemitglieder nahmen sich 500 an ihm ein Vorbild und wanderten jetzt ebenfalls aus. Zuvor waren zwischen 1933 und 1941 etwa 450 Gemeindemitglieder emigriert und etwa 170 meist ältere jüdische Mitbürger in so genannten Judenhäusern? zusammengetrieben, also praktisch ghettoisiert. Für Schwaben war Augsburg die Sammelstelle für Juden?, die deportiert werden sollten. Die deportierten Juden? fanden sich in Riga, Auschwitz, Theresienstadt und Piaski wieder. Allein nach Piaski (Polen) wurden 129 Augsburger Juden am 4. April 1942 ins Ghetto deportiert.

Noch im Februar 1945 haben die Augsburger Behörden Juden?, die in so genannten Mischehen lebten, nach Theresienstadt verwiesen. Insgesamt gab es aus Augsburg sieben Deportationen von Juden?. 1941 wurden die verbliebenen Augsburger Juden? deportiert - etwa 600 an der Zahl. Kaum einer dieser Augsburger Juden? überlebte die Vernichtungslager.

Umgekehrt kamen Juden? aber auch durch Deportationen nach Augsburg, wo sie in den Rüstungsbetrieben durch Arbeit vernichtet werden sollten. So z. B. im August 1944. Damals kamen etwa 500 ungarische Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit nach Augsburg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nur etwa 25 vertriebene Augsburger Juden? kehrten in ihre Heimatstadt zurück. Dazu gab es auch einige osteuropäische Juden?, die aus östlichen Gebieten und Ländern vertrieben worden waren und als Displaced Persons? in Augsburg anlandeten. Zusammen gründeten sie im Frühjahr 1946 die Juedische Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben?.

Erst Anfang der 1960er Jahre (wohl 1963) konnten sie im ehemaligen Gemeindehaus in der Halderstraße 6 eine kleine Synagoge eröffnen. Etwa zehn Jahre dauerte die Restaurierung der "Großen" Synagoge, die 1985 wieder eröffnet und am 1. September des Jahres eingeweiht werden konnte, zusammen mit dem Jüdischen Kulturmuseum, das in einem Nebengebäude der Synagoge untergebracht ist. Die Eröffnung des Jüdischen Kulturmuseums und der Synagoge kann als Lebenswerk des Senators Spokojny gesehen werden, der damals Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg? war.

Im Herbst 2006 eröffnete das Jüdische Kulturmuseum eine Dauerausstellung. In ihr ist durch ausgewählte Beispiele die Kultur und Geschichte der Juden? in Bayerisch-Schwaben vom Mittelalter bis heute dokumentiert.

Während die Augsburger jüdische Gemeinde 1998 erst etwas mehr als 400 Mitglieder umfasste, waren es 2006 schon etwa 1.800 Menschen.

Lebenslinien

Die Lebenslinien sind eine Veranstaltung des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben mit dem Sensemble Theater zur Erinnerung an das Novemberpogrom 1938 und seine Folgen. Sie zeigt deutsch-jüdische Familiengeschichten“ auf. 2015 ging es um etwa um die Rabbinerfamilie Jacob.

Großvater Benno Jacob, liberaler Rabbiner in Dortmund und Göttingen, war ein einflussreicher Kommentator der Hebräischen Bibel. Sein Sohn Ernst Jacob wirkte seit 1929 als Bezirksrabbiner in Augsburg, bis ihn die Nationalsozialisten beim Novemberpogrom verhafteten und in das Konzentrationslager Dachau brachten. Nach der Entlassung gelang ihm und seiner Familie 1939 über England die Flucht in die USA. Von dort verschickte er zwischen 1941 und 1949 Rundbriefe "An meine Gemeinde in der Zerstreuung" und schuf so, über Ländergrenzen hinweg, einen Zusammenhalt unter den Mitgliedern seiner ehemaligen Augsburger Gemeinde.

Der 1930 in Augsburg geborene Walter Jacob wuchs im Synagogengebäude in der Halderstraße auf. Bei der Flucht war er neun Jahre alt. In den USA studierte und promovierte er am Hebrew Union College in Cincinnati und erhielt dort die Ordination. Dr. Walter Jacob wirkte viele Jahrzehnte als liberaler Rabbiner und setzte sich für das progressive Judentum ein. 1999 gehörte er zu den Gründungsvätern des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam. Bis heute wirkt er als Präsident dieses ersten deutschen Rabbiner-Seminars nach der Schoa. Rabbiner Dr. Jacob war 2015 Gast der Lebenslinien.

Jüdisches Leben in Augsburg heute

Vielleicht ein kleines Wunder: Die Augsburger jüdische Gemeinde wächst und wächst. Der Rabbiner hält seine Gottesdienste in Augsburg nie vor einem leeren Gotteshaus. Noch Anfang der 1990er Jahre glaubte niemand an ein Fortbestehen der jüdischen Gemeinde Augsburgs, die stark überaltert war, weil junge Juden entweder nach Berlin oder gleich nach Israel zogen. Ende der 1980er Jahre wäre jemand ausgelacht worden, der gesagt hätte: Nach 2000 wird die jüdische Gemeinde in Augsburg mehr Mitglieder haben als vor 1933, als die Nazis an die Macht kamen. Und doch ist es so gekommen. Im Jahr 2006 zählte die Israelitische Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben? mehr als 1.800 Mitglieder.

Wie kam es dazu? Stichworte: Perestroika und Glasnost. Aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wanderten viele dort unterdrückte oder benachteiligte Juden entweder nach Israel oder aber auch nach Deutschland aus, wenn sie deutscher Abstammung waren. Juden fassten zu Deutschland neues Vertrauen, zu einem Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg viele Pazifisten hervorbrachte. Nach Augsburg zogen viele jüdische Aussiedler, weil sie um die Gemeinde und Synagoge hier wussten. Und die IKG Augsburg-Schwaben half diesen Menschen neuen Boden unter die Füße zu bekommen, indem sie Sprachkurse vermittelte, Halt bot oder bei Behördenangelegenheiten half.

Obwohl die Aussiedler jüdischen Glaubens waren, sich nach der Ausübung ihrer Religion sehnten, kannten sie doch ihren Glauben kaum, weil ihnen in der Sowjetunion der Gottesdienst verboten war und sie eine atheistische Erziehung über sich ergehen lassen mussten. In Augsburg angekommen, mussten viele also erst wieder ihren Glauben buchstabieren lernen. Und sich integrieren lernen, was nicht immer einfach fiel und fällt. Umgekehrt musste und muss auch die Mehrheitsgesellschaft lernen, mit den jüdischen Aussiedlern zurecht zu kommen, die oft noch mit der deutschen Sprache ihre Schwierigkeiten haben.

So ist es noch ein Stück Weg zu einer Normalität in den Beziehungen. Spürbar aber ist, dass sie von der jüdischen Gemeinde wie von der Mehrheitsgesellschaft gewollt ist. Augsburg und die Augsburger sind stolz darauf, dass in ihrer Mitte jüdisches Leben neu erblüht.

Juden in Augsburger Stadtvierteln

Kriegshaber

Als es in Augsburg 1438/40 zu Vertreibungen kam, ließen sich einige der vertriebenen Juden? in Kriegshaber nieder. Diese kleine Gruppe wuchs bis Anfang des 18. Jahrhunderts auf etwa 60 Familien an. Schon ab dem Dreißigjährigem Krieg gab es in Kriegshaber einen jüdischen Friedhof, wo auch Juden? aus Pfersee, Steppach, Fischach und Schlipsheim? begraben wurden.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Kriegshaber etwa 300 jüdische Mitbürger, die als Wein-, Textil- oder Viehhändler für die Wirtschaft des Ortes einige Bedeutung hatten.

In der Ulmer Straße steht bis heute die Synagoge Kriegshaber, die zuerst in den 1980er Jahren, dann 2011/12 restauriert wurde. Sie blieb von den Verwüstungen der Reichspogromnacht verschont.

Pfersee

In Pfersee gab es zwischen der Mitte des 16. und dem Ende des 19. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde. Nachdem die Juden in Augsburg 1569 vertrieben worden waren, ließen sich viele in Pfersee nieder, weil das zu dem damals toleranten Vorderösterreich? gehörte. Möglicherweise ließen sich hier auch Juden?, die aus Günzburg vertrieben wurden, nieder. Sie vermehrten sich hier schnell und brachten bedeutende Sippen hervor, wie z. B. die Ulmanns. Zeitweise war jeder siebte Pferseer ein Jude?. Die reicheren jüdischen Handelsfamilien wohnten in der Augsburger Straße und der Stadtberger Straße, während jedoch das jüdische Zentrum von Pfersee um die Synagoge in der Brunnenbachstraße? lag, wo die ärmeren Juden? wohnten. Als Anfang des 19. Jahrhunderts für Juden? wieder Zuzug und freie Religionsausübung in Augsburg möglich wurden, zogen vor allem die besser gestellten Gschäftsfamilien nach Augsburg. Gegen 1870 waren es nicht einmal mehr 50 Juden? in Pfersee, weshalb sich die Gemeinde offiziell der Augsburger Gemeinde anschloss. 1905 sank die Zahl jüdischer Pferseer auf 23.

Statistik

Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Augsburg

JahrAnzahlBemerkung
um 1380ca. 50Familien
1813/1413Familien (etwa 125 Pers.)
183617Familien
185116Familien (etwa 80 Pers.
186165Familien
1867449Personen
1875889Personen
18951.156Personen
19101.217Personen
19251.203Personen
19331.030Personen
1936910Personen
1939554Personen
1941ca. 200Personen
194457Personen
1946ca. 340Personen
1975ca. 230Personen
1998ca. 430Personen
2006ca. 1.800Personen

Daten: Ab 1910 inklusive eingemeindeter Vororte; Zahlenangaben gehen auf Baruch Z. Ophir / Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945, S. 453 und Peter Fassl (Hg.), Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben, S. 133f zurück.

Juden im Augsburger Umfeld

Neusäß

Heute sind Schlipsheim? und Steppach Ortsteile von Neusäß. Beide Orte hatten früher jüdische Mitbürger.

Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in Schlipsheim? eine kleine jüdische Gemeinde. Sie wuchs allerdings nie über etwa 50 Mitglieder hinaus. Die Herren des Ortes bauten hier ein so genanntes "Judenhaus", in dem noch 1850 alle Juden des Ortes lebten. Außerdem gab es einen Betsaal und eine Mikwe, die Verstorbenen begrub man in Kriegshaber. In den 1860er Jahren wanderten praktisch alle Schlipsheimer Juden? nach Augsburg ab. Ein bekannter Schlipsheimer Jude war HeinemannDavid.

Auch in dem Ortsteil Steppach gab es bis ins 19. Jahrhundert Juden?. Die jüdische Gemeinde ging auf die im Mittelalter aus Augsburg vertriebenen Juden? zurück. 1832 gab es 250 Mitbürger mosaischen Glaubens in Steppach und zwischen Ende des 16. und Mitte des 19. Jahrhunderts war der Anteil der Juden? an der Steppacher Gemeinde relativ hoch. Grund genug, im Jahr 1700 eine Synagoge zu bauen, die schon 1753 erweitert werden musste. Auch eine Mikwe und sogar eine jüdische Schule waren vorhanden. Nur ein Friedhof fehlte, weshalb man verstorbene Juden? in Kriegshaber begrub. Weil sich die jüdische Gemeinde ab Mitte des 19. Jahrhunderts rasch auflöste, schlossen sie die restlichen Familien 1873 der jüdischen Gemeinde in Augsburg an.

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