Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de


Hauptseite | Bevölkerung und Politik | G | Gerhard


Gerhard

ein Augsburger Geistlicher des 10. Jahrhunderts; auch Augustanus, Gerardus, Gérard, d'Augsbourg, Gerardus, Praepositus, Gerardus, Presbyter, Gerardus, Sanctae Mariae, Gerhard, d'Augusta, Gerhardus, Augustanus, Gerhard, Priester, Augsburg, Gerhard von und Gerhard, von Augsburg

Leben und Wirken

Von Gerhard aus Augsburg ist wenig bekannt. Weder das Geburts- noch das Todesdatum. Er war der Kapellan des Bischofs Ulrich? von Augsburg. Als Kapellan oder im Mittelhochdeutschen Kaplan (von lateinisch capellanus = einer (fränkischen) Hofkapelle zugeordneter Kleriker) war er Inhaber eines kirchlichen Amts. Im Mittellateinischen ist ein capellanus ein Hilfspriester. Die Wohnung oder das Amtshaus eines Kapellans wurde als Kaplanei bezeichnet. Wahrscheinlich arbeitete Gerhard als Schreiber für den Bischof und dessen Verwaltung am Dom zu Augsburg. Möglich ist auch, dass Gerhard als Kapellan die Rolle eines Geheimsekretäre von Ulrich? inne hatte, weil Kapellane im Auftrag des Bischofs der Geheimhaltung unterlagen. Kapellan war Gerhard wohl bis 972. 973 soll er zum Domprobst (auch Dompropst geschrieben) ernannt worden sein. Damit wäre er zum Leiter des Augsburger Domkapitels? geworden.

Die Leistung, für die Gerhard im Zusammenhang mit der Augsburger Bistumsgeschichte, genannt werden muss, besteht in seinem "Ulrichsleben". Als Chronist schrieb er über zehn Jahre von 982 bis 993 die grundlegende Lebensbeschreibung Ulrichs?, der bereits 973 verstarb. Dieses Werk gilt als eine der besten Geschichtsquellen des 10. Jahrhunderts und gehört zu den wenigen Aufzeichnungen, die uns aus dieser Zeit über Augsburg und seine Menschen erhalten geblieben sind. Seine Aufzeichnungen nannte Gerhard "Vita sancti Oudalrici episcopi Augustani". Sie waren von Gerhard in der damals üblichen Kirchensprache, dem Latein, verfasst worden. Sicherlich schrieb Gerhard mit selbstgemachter Tinte und einer Gänsefeder, womöglich in karolingischer Minuskel-Schrift auf Pergament. Papier wurde damals in und um Augsburg noch nicht hergestellt.

Gerhard gab Ulrichs? Leben von der Geburt bis zum Tod und etwas darüber hinaus in 28 Kapiteln wieder, wobei der Text zur Kindheit und Jugend des Heiligen recht kurz geriet. Besonders für die Forschungen zu der Schlacht auf dem Lechfeld mit König Otto I. und seinen Truppen sowie Bischof Ulrich? hinter den Stadtmauern von Augsburg sind Gerhards Zeilen wichtig. Aus Gerhards Feder ist uns der einzige Bericht eines Augenzeugen dieser Schlacht überliefert.

Allerdings hat Gerhard den Text über Ulrichs? Leben und Wirken anonym verfasst. Man geht davon aus, dass Gerhard mit seinem Werk den Ruf des von ihm ungeliebten Nachfolgers von Ulrich?, eines gewissen Bischofs Heinrich?, untergraben wollte. Immer wieder mischt sich nämlich Kritik am Nachfolger Heinrich? in die Lebensbeschreibung des Ulrich?. Hätte Gerhard seine Verfasserschaft öffentlich gemacht, hätte er wohl Racheakte von Heinrichs? Angehörigen befürchten müssen. Der französische Mönch und Gelehrte Jean Mabillon (1632-1707) fand bei seiner Arbeit an den "Annales ordinis Benedicti" heraus, dass die "Vita sancti Ouldarici" ziemlich sicher ein Werk des Gerhard von Augsburg war.

Gerhard von Augsburg starb wahrscheinlich nach 993, ohne dass sein Todesdatum angegeben werden kann.

Das Ulrichsleben

Gerhard wurde wohl von Bischof Ulrich? zum Priester geweiht und auch noch von ihm als Propst (Probst) für den Dombesitz und das Domkapitel? eingesetzt. Allerdings blieben uns die Schriften Gerhards nicht im Original erhalten. Es war Marcus Welser? (1558-1614), ein Freund der Literatur mit einer großen Privatbibliothek, der Gerhards beschriebene Pergamente noch im Original sah. Er ließ sie handschriftlich kopieren. Dann ging das Original verloren.

Das Ulrichleben von Gerhard ist das erste wichtige Augsburger Werk der Literatur, wenn es auch literarisch kein hochstehendes Meisterwerk ist, doch seine kulturgeschichtliche Bedeutung ist enorm. Vor allem zeigt es, was die Menschen zu Gerhards Zeit von einem Heiligen erwarteten. So schildert Gerhard vor allem Wunder, die der Augsburger Stadtheilige gewirkt haben soll, aber auch Visionen und göttliche Anweisungen sind nichts Ungewöhnliches im Leben des Bischofs, wenn wir Gerhard glauben dürfen. Neben den hagiographischen Intentionen des Ulrichlebens erfahren wir aber daneben auch von einer Lebenswirklichkeit, wie sie uns sonst in Legenden kaum begegnet. So schildert Gerhard z. B., wie Ulrich? als Verwalter des Bistums und als Seelsorger handelte, was er baute, welche Rolle er als Berater des Königs (bzw. späteren Kaisers) einnahm.

Ulrichs? Vita, verfasst durch Gerhard, wird als "ein beredtes Beispiel für die schon andauernde Verehrung des durchaus kantigen Augsburger Bischofs" angesehen. Besonders das zweite Buch "Liber de Miraculis sancti Uoldarici" des Propstes Gerhard sollte nicht nur die Zweifel an Wundern durch Ulrich? zerstreuen, sondern noch viele weitere erwähnen und so für seine Heiligsprechung sorgen.

Die Vita nach Gerhards Tod

Der Augsburger Bischof Ulrich? wurde ungewöhnlich schnell heilig gesprochen. Dafür sorgte vor allem der zweite Augsburger Bischof nach Ulrich?, Bischof Gebehard? (996-1000), indem er die Lebensbeschreibung des Ulrich? aus der Hand Gerhards überarbeiten und dabei einige Punkte aus Gerhards Bericht tilgen ließ, die für das Image eines Heiligen nicht förderlich waren. Zum anderen ließ Gebehard? in seiner durchgreifenden Redaktion auch den Stil, den er als mangelhaft betrachtete, verbessern. Und er ließ alles aus dem Werk tilgen, was "nur" weltlich war und seiner Meinung nach nicht zu dem Leben eines Heiligen passte. Weil die Redaktion unter Gebehard? nicht zum Ende kam, ließ Abt Fridebold? vom Benediktinerkloster Sankt Ulrich und Afra Bern von Reichenau um 1020/30 die Vita des Gerhard erneut bearbeiten. Diese Version blieb dann über Jahrhunderte die endgültige Fassung und war dadurch gekennzeichnet, dass Ulrich? in einem noch strahlenderen Licht als je zuvor gezeichnet wurde.

Weblinks


Hauptseite | Bevölkerung und Politik | G | Gerhard


Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de




FacebookTwitThis