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Festschrift zur XV. Mitgliederversammlung des Bayerischen Verkehrsbeamtenvereins vom 23. - 25. April 1904

Der Grundbeitrag dazu stammt von Karl-Heinz von Daumiller?.

Allgemeines

Für den 23. April bis 25.April 1904 hatte der Bayerische Verkehrsbeamten Verein? zu seiner 15. Mitgliederversammlung nach Augsburg geladen. In der aus diesem Anlass verfassten Festschrift wurde mit folgenden Worten eindringlich an die Vereinsmitglieder appelliert:

Strömt herbei, Verkehrsgenossen,
Strömt herbei von Nord und Süd,
Singet hell und unverdrossen
Unser neues Bundeslied ...
Lasst uns fest zusammenschaaren,
Treu vereint zu Wort und Tat.
Lasst erklingen laut in Liedern:
„Posthorn, Blitz und Flügelrad,
Allen lieben Bundesgliedern,
Vivat, crescat, floreat!“

Der Verein war 1883 aus einem Zusammenschluss des Telegraphenbeamtenvereins und des Vereins Verkehrsbeamter München entstanden und nannte sich seitdem Bayerischer Verkehrs-Beamten-Verein. Er hatte sich Ziele auf sozialem Gebiet (z. B. die Unterstützung kranker Vereinsmitglieder, Witwen- und Waisen, Studienstipendien von Söhnen und Töchtern der Vereinsmitglieder) und im kulturellen Bereich (Errichtung einer Bibliothek, Veranstaltung wissenschaftlicher Vorträge) gesetzt und fühlte sich explizit der Pflege des gesellschaftlichen Lebens durch regelmäßige Zusammenkünfte verpflichtet. Zum Zeitpunkt des Treffens in Augsburg war die Mitgliederzahl auf 6380 gestiegen.

Was interessierte nun zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einen gebildeten und kunst- und kulturbeflissenen Besucher Augsburgs, einer Stadt, die damals von einer Bevölkerungszahl von 51.220 im Jahre 1870 auf 90.747 Einwohner angewachsen war und bis 1910 auf 102.487 steigen sollte? Wie stellt sich Augsburg als "der wichtigste von den süddeutschen Grossindustrieplätzen“ dar, eine Stadt, in der „alles von unermüdlicher Thätigkeit und zunehmendem Wohlstande“ zeugte? Die Festschrift gibt auf 58 Seiten detailliert Auskunft, behandelt abrissartig die Geschichte Augsburgs und erklärt seine Bauten, Kunstschätze, Industrieanlagen sowie die zeitgenössischen Besonderheiten.

Die Festschrift im Detail

Institutionen

Die Festschrift von 1904 beschreibt Augsburg als Sitz der kgl. Kreisregierung, eines kgl. Oberlandesgerichts und Landgerichts, eines kgl. Oberpostamtes, Oberbahnamtes, Hauptzollamtes, einer kgl. Landesgestütsinspektion, einer kgl. Filialbank.

An Bildungseinrichtungen werden u. a. der erste Kurs eines Lyzeums (Hochschule), zwei humanistische Gymnasien und ein Realgymnasium, drei höhere Töchterschulen, eine Industrie-, Real-, Handels-, Musik-, Baugewerk-, landwirtschaftliche Winterschule, eine Hufbeschlag-, Brauer-, Kunst-, Mal-, Koch- und Frauenarbeitsschule, eine Blinden- und Taubstummenanstalt genannt.

Als Garnisonsort diente Augsburg für das 3. Infanterieregiment „Prinz Karl von Bayern“, für das 4. Chevaulegers-Regiment „König“ und das 4. Feldartillerie-Regiment „König“.

Ferner wird Augsburg als „hervorragende Industriestadt“ mit 70 Fabriken gerühmt, wobei sich aber der auswärtige Besucher der Versammlung (dem Bürgertum zugehörig) sich nicht dem Anblick von Augsburger Industrieanlagen aussetzen muss: „Da die Fabriken fast ausnahmslos im äusseren Umkreis der Stadt oder in den Vororten sich befinden, so beeinträchtigen sie das architektonische Bild der Stadt selbst nicht, welche innerhalb eines Kranzes von Alleen, Anlagen und Gärten sich aufbaut.“ (S. 24)

Dazu ist festzustellen, dass sich die von Mauer und Wall umgebene Stadt bis Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrer Größe (2.172 ha) nicht verändert hatte. Eine räumliche Expansion Augsburgs über den reichsstädtischen Festungsgürtel hinaus begann erst nach Aufhebung der Festungseigenschaft der Stadt im Jahre 1866, in dem Jahr, als sich der Deutsche Bund in Augsburg auflöste. Industrielle Betriebe ließen sich deshalb außerhalb der Stadt entlang der Lech– und Wertachkanäle nieder. Neue Arbeiterwohnviertel entstanden am nordöstlichen Rand der Altstadt (auf der Bleich?) und seit 1870 am Nordrand (zwei neue Arbeitervorstädte rechts der Wertach und links der Wertach).

Sehenswürdigkeiten (in Auswahl)

Die Festschrift von 1904 nennt zehn Sehenswürdigkeiten, die jeder Besucher besichtigen sollte. Neben den noch heute erstrangigen Touristenattraktionen wie Maximilianstraße, Rathaus, Fuggerhaus?, königliche Gemälde-Gallerie (heute Staatsgalerie bzw. Deutsche Barockgalerie), Ulrichskirche, Dom? und Fuggerei werden dem Fremden das Stadtbad?, der Schlacht- und Viehhof? und der Prinzregentenbrunnen eindringlich zur Besichtigung empfohlen.

  • Stadtbad: Das Stadtbad? am Schmiedberg mit seinen „zwei großen Schwimmbassins“ wird als „Sehenswürdigkeit allerersten Ranges“ gewürdigt.
  • Schlacht- und Viehhof: Folgende Informationen werden dem Besucher geboten: „Die im Jahr 1900 vollendete Anlage, welche die allerneuesten Erfahrungen der Technik verwertet und mit den bewährtesten Einrichtungen versehen ist, umfasst mit zahlreichen Gebäuden ein Areal von 60.578 qm und hat eine Bausumme von 3 Millionen Mark erfordert.“
  • Prinzregentenbrunnen: Trotz eindringlicher Besichtigungsempfehlung fehlt jede Beschreibung dieses Bauwerks.
  • Das Fuggermuseum? (im Fuggerhaus?): Dieses Museum bietet für einen Eintritt von 50 Pfg. „zu Gunsten armer Studierender“ eine „reichhaltige Sammlung von Altertümern, Waffen und Kunstgegenständen“.
  • Der „wohlbekannte Gasthof zu den Drei Mohren“: der früher einen Teil des Fuggerhauses darstellte und 1876 „aufs prächtigste“ umgebaut wurde, mit einem grandiosen Lichthof und mit einem in den Fürstenzimmern gelegenen Kamin, in dem Anton Fugger „einen Schuldschein Kaiser Karls V.? verbrannt haben soll.“ Ferner erhält der Besucher folgende Information: „Seit Menschenaltern Absteigquartier der Potentaten und hoher Personen; 1866 hielt hier der deutsche Bundestag seine letzten Sitzungen ab. 1886 wohnte hier Kaiser Wilhelm I. Denkwürdiges Fremdenbuch.“
  • Der Fronhof: Der Fronhof, so heißt es in der Beschreibung, „War einst das römische Forum und der Mittelpunkt der römischen Kolonie Augusta?. Später wurde über den Platz eine Linie gezogen, welche ihn in eine geistliche und in eine weltliche Hälfte teilte; letztere diente vom 11.-16. Jahrh. zur Abhaltung von Tournieren und Festlichkeiten.“
  • Der Stadtgarten: „ein seit der Ausstellung von 1886 bestehender Vergnügungsplatz mit prächtigem, reichen Blumenschmuck, gärtnerischen Anlagen und geschmackvollen Bauten“, der von Mai bis Oktober geöffnet ist, Restaurant, Kaffeehaus und Militärkonzerte bietet, bei Eintrittspreisen von 10 Pf., bei Konzerten 25 Pf.

Unterkunft und Verpflegung

Hotels

Neben dem bereits erwähnten Gasthof „Drei Mohren“ werden dem Besucher das Hotel Metropol (Maximilianstraße), Hotel Kaiserhof (Königsplatz), Hotel Weißes Lamm? (Ludwigstraße), Drei Kronen (Bahnhofstraße), Post (Fuggerstraße), Bamberger Hof (Halderstraße), Bayerischer Hof (Bahnhofstraße) empfohlen, prachtvolle Beherbergungsbetriebe, von denen einige noch existieren bzw. bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhundert bestanden und erst dann durch nicht nachvollziehbare Stadtratsbeschlüsse abgerissen wurden, z. B. das Hotel Kaiserhof, dessen Namen nun für einen wenig ansehnlichen Gebäudekomplex an der Ecke Herman- und Halderstraße steht.

Bierwirtschaften

Hier werden 27 Lokale aufgeführt, die heute außer den Gasthöfen „Goldene Gans“ und „Bauerntanz“ verschwunden sind bzw. geschlossen wurden wie „Hohes Meer?“.

Unterhaltung

Theater

Das 1876-77 nach Entwürfen der Wiener Architekten Fellner und Hellmer in „modernem Renaissancestil mit luxuriöser und geschmackvoller Pracht“ erbaute Theater Augsburg wird folgenmaßen beschrieben: "Ueber der s. Auffahrt erhebt sich ein reich mit Reliefs geschmückter Vorbau, dessen korinthische Säulenstellung im ersten Stockwerk eine prächtig ausgemalte und dekorierte Loggia bildet; l. und r. in zwei Nischen die Statuen von Goethe und Schiller, darüber Medaillons von Mozart und Beethoven, auf beiden Ecken Pegasusgruppen von bronziertem Zinkguss ... In dem prachtvoll ausgestalteten Inneren sind die Deckengemälde (darunter „Geburt der Aphrodite“) von Fr. Löffler in Wien, die Vorhänge (Hauptvorhang: Aesop Fabeln erzählend) von A. Eisenmenger in Wien. Der Zuschauerraum fasst 1400 Personen."

Theater Variété: Hier wird auf das Apollo-Theater in der Maximilianstraße mit täglicher Vorstellung hingewiesen.

Kurhaustheater?: Von Mai bis September finden Vorstellungen in „Hessings Palmenhaus“ statt („Lustspiele“, Schauspiele, Operetten“).

Konzerte

Neben 8 Konzerten „größeren Stiles“ des Oratorienvereins pro Saison unter Mitwirkung des Kaimorchesters aus München oder des Augsburger Theaterorchesters werden dem Musikinteressierten Veranstaltungen der Musikschule, der zahlreichen Gesangsvereine? wie der Augsburger Liedertafel?, dem Männergesangverein, dem Männergesangverein Bavaria?, dem Liederkranz usw. geboten. Freunde der Militärmusik kommen ebenfalls auf ihre Kosten. So wird Sonntag und Mittwoch mittags um 12 Uhr, S[onntag]. vor dem Rathaus, M[ittwoch] „vor der Wohnung des Garnisonsältesten“ gespielt. Aber auch an anderen Orten wie im Stadtgarten oder in Herrles’s Saalbau? wird diese Art von Musik gepflegt.

Verkehrsmittel

Eisenbahn

Augsburg bietet als Verkehrsknotenpunkt von acht Eisenbahnlinien (Richtung München, Ulm, Lindau, Donauwörth, Landsberg?, Ingolstadt, Weilheim?, Welden) eine hervorragende Verkehrsanbindung.

Erwähnenswert ist die Augsburger Lokalbahn?, die nicht nur (wie heute) die bedeutenderen Fabriken an das Bahnnetz anschließt, sondern auch den Personenverkehr nach Haunstetten vermittelt. Diese lokale Ringbahn war 1890 durch private Investoren ermöglicht worden.

Die elektrische Straßenbahn

Die Augsburger Straßenbahnen verkehren im 5-Minutentakt. Ihr Knotenpunkt befindet sich nicht am seit 1861 als Stadtmittelpunkt neu angelegten Königsplatz, sondern beim Rathaus (Ludwigsplatz?). Folgende Linien werden bedient:

Die seit 1880 bestehende Straßenbahn wurde zunächst als Pferdebahn betrieben und erst ab 1897/98 elektrifiziert. Mehr dazu unter Geschichte der Augsburger Straßenbahn!

Droschken

Von den Droschkenwarteplätzen Hauptbahnhof, Königsplatz, Augustusbrunnen, Herkulesbrunnen, Hotel Weißes Lamm? (Ludwigstraße) und Barfüßerkirche werden Taxifahrten zu folgenden Bedingungen und Tarifen angeboten:

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Konsum

Natürlich stellten die anlässlich des 15. Mitgliedertreffens bayerischer Verkehrsbeamter in Augsburg weilenden Mitglieder auch eine interessante Konsumenten-Zielgruppe dar. Deshalb findet sich im Anhang der Festschrift Werbung, die sich speziell an den ausschließlich männlichen Personenkreis der Verkehrsbeamten wendet. Beworben werden vor allem gepflegte Herrenkonfektion, Möbel und Wein. Damen- und Mädchenbekleidung wird in den Annoncen ebenfalls offeriert, aber ist den männlichen Ansprüchen eher nachgeordnet. Auffällig sind der seriöse, gelegentlich submissive Ton der Texte („die hochverehrlichen Mitglieder“, „aufmerksamste Bedienung“ und der Hinweis auf „reelle“, ja sogar „billigste“ Preise.

Beispiele (dem Originaltext entnommen) mögen dies illustrieren:

Das gesellschaftliche Selbstverständnis der in Augsburg versammelten Verkehrsbeamten spiegelt die in der Festschrift aufgenommene Werbung für Wein in „vorzüglicher, zuverlässiger Qualität“ wider. Darin ist in gewisser Weise der Versuch einer Abgrenzung gegen die Unterschichten impliziert, denn das hauptsächliche alkoholische Getränk in Arbeiterfamilien stellte Bier dar, das auch als Nahrungsmittel betrachtet wurde. Interessant in diesem Zusammenhang dürfte die Tatsache sein, dass im Jahr 1904 eine Augsburger Spinnerfamilie 23,8% ihres Einkommens für alkoholische Getränke ausgab (vgl. Augsburg auf dem Weg ins Industriezeitalter, Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur Band 1.2, hrsg. von Rainer A. Müller, Haus der Bayerischen Geschichte, München 1985, S. 63). Der Konsum von Wein, Ausweis einer verfeinerten Lebensart, konnte so gewissermaßen als Statussymbol gelten, mit dem man sich von proletarischen Trinkgewohnheiten abhob, aber gleichzeitig Lebensformen des Großbürgertums imitierte.

Welches Ansehen diese Beamtenschicht genoss, zeigt sich in dem Streben der im Zuge der Industrialisierung entstandenen Gruppe der Angestellten, den „Privatbeamten“, nach Gleichstellung mit dem etablierten Beamtenstand. So beklagt Heinz Potthoff, ein bekannter Funktionär des Deutschen Werkmeister-Verbandes und Reichstagsabgeordneter in seiner 1904 veröffentlichten Schrift „Die Organisation des Privatbeamtenstandes“ das fehlende Ansehen der Angestelltenschicht. Für ihn ist kennzeichnend „die Sehnsucht der Privatbeamten nach Gleichstellung mit den staatlichen oder Kommunalbeamten. Gewiß sind es zu großem Teile wirtschaftliche Rücksichten, die Sicherheit der Stellung und die Aussicht auf Pension, die für den Privatangestellten die Beamtenqualität erstrebenswert machen, aber zum großen Teile ist es auch das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach Hebung des Ansehens, was die Sehnsucht hervorruft, aus Angestellten zu Beamten zu werden“ (Heinz Potthoff, Die Organisation des Privatbeamtenstandes, Berlin 1904, S. 8).

Fazit

So bietet die Festschrift des Jahres 1904 nicht nur die selbstbewusste Präsentation des Aufstiegs der drittgrößten Stadt im Königreich Bayern mit weit zurückreichender historischer Tradition und herausragender industriellen Entwicklung, sondern subtil und eher indirekt auch ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels im Kaiserreich an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Benutzte Literatur

Quellen

Festschrift für die XV. Mitglieder-Versammlung des „Bayerischen Verkehrsbeamten-Vereins“ in Augsburg, 23.-24. April 1904, Augsburg 1904

Darstellungen

Gottlieb Gunther/Wolfram Baer/Becker Josef/Bellot Josef/Filser Karl/Fried Pankraz/Reinhard Wolfgang/Schimmelpfennig Bernhard (Hrsg.), Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 1984
Plössl, Elisabeth, Augsburg auf dem Weg ins Industriezeitalter, Haus der Bayerischen Geschichte, Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur, Band 1.2, München 1985
Potthoff, Heinz, Die Organisation des Privatbeamtenstandes, Berlin 1904
Zorn, Wolfgang, Augsburg, Geschichte einer deutschen Stadt, Augsburg 1972


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