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Erste Regungen der Bekennenden Kirche in Augsburg

Als früheste Regung des evangelischen Augsburg im Rahmen des sich ankündigenden Kirchenkampfes kann eine Erklärung des Pfarrkonvents vom April 1933 gelten, worin die Geistlichen dem Landeskirchenrat Vorstellungen über die künftige Vorgehensweise angesichts der kirchlichen Situation unterbreiteten218: „Wir halten es für unbedingt notwendig, dass der Landeskirchenrat alsbald mit einem klärenden und führenden Wort vor die Öffentlichkeit tritt, um der (...) bei den Pfarrern und in den Gemeinden um sich greifenden Unsicherheit (...) entgegen zu steuern.“ Die „nationale Erhebung“ müsse „freudig bejaht“ werden und die Kirche solle sich „zur Mitarbeit am Aufbau der neuen Volksgemeinschaft bereit erklären“219. Die auf Juli 1933 angesetzten Kirchenvorstandswahlen wurden abgelehnt.220 Auch Dekan Schiller betonte wenig später nachdrücklich, von Wahlen sei dringend abzuraten, da sie den DC nur die Türen in die Gemeindevertretung öffnen würden.221

Die Gegenveranstaltung zur Berliner Sportpalastkundgebung der DC war die erste große Bekenntnisversammlung in Augsburg und bildete den Auftakt zum Ausbau der Bekenntnisbewegung. Jeweils 2.000 Menschen wohnten im Ludwigsbau und parallel dazu in der evangelischen Ulrichskirche den Reden Helmut Kerns? und Theodor Doerflers bei, die gegen Krauses Äußerungen Stellung nahmen. Kern führte aus: „(...) Unser Reden ist ein stürmisches, leidenschaftliches, heißes, zorniges Kämpfen mit offenem Visier. (...) Wir kämpfen, weil (...) Gefahren unerhörten Ausmaßes entstanden sind. In Gefahr ist: Die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. (...) In Gefahr ist die Kirche. Wenn kirchliche Würdenträger in einer solchen Versammlung, in der die Heilige Schrift und damit Gott selbst gelästert wird, einer widerchristlichen Entschließung zustimmen, oder nicht den Mut finden zu einem flammenden Protest (...). Wenn das deutsche Heidentum durch die mangelnde Festigkeit von Millionen von Kirchengliedern weitere Fortschritte macht und der Vergötzung der arischen Masse weiteren Vorschub leistet, dann wird sich das Ausland noch in ganz anderer Weise wie bisher von uns und gegen uns wenden. Wir wollen den Weltfrieden mit dem Kanzler unseres Volkes; wir wollen aber die Welt nicht herausfordern durch unerhörte Rasseüberheblichkeit. In dieser Gefahr von Kirche und Volk erheben wir flammenden Protest gegen die Männer, die solche Gefahren heraufbeschwören. (...) Wir kämpfen um die Reinheit der evangelischen Lehre und protestieren unerschütterlich gegen alle Versuche Bibel und Bekenntnis zu verunreinigen (...).“

Doerfler bezeichnete die Glaubensbewegung DC von ihrem Ursprung her als „eine feine Idee, ein zartes Gewächs, (...) das die alten deutschen Tugenden der Einfachheit und Sparsamkeit, der Unbestechlichkeit und Sauberkeit, der Sittlichkeit und Religiosität wieder zur Geltung zu bringen sich bemüht (...)“, heute stelle sich die Gruppierung jedoch anders dar: „Religionsfremde Elemente, Ungläubige, Freidenker, unfertige Theologen gewannen die Oberhand in der Bewegung und führten immer mehr zur Abkehr vom Bekenntnis und zum Kampf gegen Kirchen, Geistliche und Bekenntnis, wie es (...) im Sportpalast zu Berlin am 13. November (...) vor 20.000 Personen seinen Ausdruck fand.“ Doerfler, der sich selbst als Nationalsozialist bezeichnete, verlangte, „daß solche Schädlinge, soweit sie sich in unsere Kirche eingenistet haben, alsbald entfernt werden.“

Die Versammlung endete mit einem Treuebekenntnis für Landesbischof Meiser und einer einstimmig angenommenen Entschließung: „Die Entschließung der Sportpalastkundgebung vom 13. November 1933 in Berlin bedeutet einen unerhörten Angriff gegen die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments, die nach den Bekenntnisschriften unserer lutherischen Kirche und nach der Verfassung der deutschen evangelischen Kirche unantastbare Grundlage und alleinige Regel und Richtschnur unseres Glaubens ist, wonach allein Lehre und Lehrer unserer Kirche zu richten sind. Mit dem Herrn Reichsbischof stellen wir fest, dass ‘solche Anschauungen und Forderungen nichts anderes sind als ein unerträglicher Angriff auf das Bekenntnis der Kirche.’ Wir halten es darum auch für untragbar, wenn das Hirten- und Wächteramt unserer Kirche Männern anvertraut wird, die offenkundig Irrlehren verkündigen oder solchen zustimmen. Wir stehen in einmütigem Vertrauen hinter unserem Landesbischof D. Meiser, wenn er um der bedrohten Einheit von Kirche, Volk und Vaterland willen seinen kla-ren Weg wie bisher unbeirrt geht.“222 Der Text der Protestresolution fand einmütige Zustimmung und wurde unter anderem dem Reichsbischof und allen Landesbischöfen zugeleitet.223

Ende März 1934 kündigte Dekan Schiller für April Bekenntnisgottesdienste in Augsburg an, die Stellung zu den von staatlichen Eingriffen heimgesuchten Kirchen in Rheinland-Westfalen und Württemberg beziehen sollten. Sofort regte sich Widerstand in deutschchristlichen Kreisen. Insgesamt 27 Personen, vorwiegend aus der Pfarrei St. Ulrich, protestierten schriftlich beim Dekanat, um die Veranstaltungen zu unterbinden - ohne Erfolg.224 Am 6. April fanden dann in der Barfüßer- und der St. Ulrichskirche große Gottesdienste statt, in denen neben Landesbischof Meiser auch Pfarrer Joachim Beckmann aus Düsseldorf und Pfarrer Georg Schulz aus Barmen predigten.225

Meiser verurteilte die Gewaltmaßnahmen der Reichskirchenregierung: „Es sind Methoden in unsere Kirche eingeführt worden, die alles andere sind als dem Evangelium gemäß. Es wird mit Gewaltmaßnahmen, mit Bedrohung, Einschüchterung und Unterdrückung gearbeitet.“ Daneben fand er für die Glaubensinhalte der Deutschen Christen deutliche Worte: „Es geht nicht an, neben die Bibel noch eine andere Offenbarung Gottes zu setzen.“ Seine Forderung: „Die falschen Methoden kirchlicher Regierung, die in unsere Kirche als Fremdkörper eingedrungen sind, müssen wieder verschwinden. (...) Damit der Friede endlich kommt, den wir nicht zerbrochen haben, ist es jetzt notwendig, dass im ganzen deutschen Vaterland Bekenner aufstehen und sich die Hand reichen in dem heiligen Entschluss: Wir dulden es nicht, dass unsere Kirche zerrissen, zerspaltet, zerstört werde!“226

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218 Hetzer: Kulturkampf; S. 94.
219 Schreiben der Augsburger Pfarrerschaft an den Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrat München vom 7. April 1933; Archiv St. Anna.
220 ebd.
221 Hetzer: Kulturkampf; S. 95.
222 Kundgebung der Evangelisch-Lutherischen Gesamtgemeinde Augsburg vom 22. November 1933; Archiv Schlier.
223 Hetzer: Kulturkampf; S. 99.
224 ebd.; S. 100.
225 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 23.
226 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 16 vom 15. April 1934; Archiv St. Anna.


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