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Einleitung

„Wer aber weichen wird, an dem wird meine Seele kein Gefallen haben. Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten.“ Auf dem Höhepunkt des bayerischen Kirchenkampfes predigte Landesbischof Hans Meiser am 11. Oktober 1934 abends in der völlig überfüllten Münchner Matthäuskirche über Hebräer 10, 38.1 Diese Bibelstelle kennzeichnet das Ringen der bayerischen Landeskirche um Glaube und Bekenntnis, die Abwehr der Irrlehren der Deutschen Christen (DC), die in Bayern und auch in Augsburg Fuß faßten sowie den Kampf mit dem nationalsozialistischen Staat und dessen Reichsbischof Ludwig Müller gegen eine Eingliederung in die Reichskirche.

Ist dieses „Nichtweichen“ als Widerstand zu bewerten, stellte die sogenannte „intakte“ bayerische Landeskirche unter Bischof Hans Meiser ein „Bollwerk der Verweigerung gegen die braune Unterwanderung“ dar, wie es Elisabeth Emmerich am 16. November 1983 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung formulierte?2 Oder hat die Bekennende Kirche (BK), zu der auch die bayerische Landeskirche zählte, politisch versagt, wie Hans Prolingheuer in seiner Schrift: „Der ungekämpfte Kirchenkampf 1933-1945“ deutlich zu machen versucht?3 Zwischen der Bewertung als Bollwerk gegen den Nationalsozialismus und des politischen Versagens liegt einiges an Kirchenkampf dazwischen. Ich schließe mich Madlen Bregenzer (Jahrgang 1921), einer von mir befragten Zeitzeugin an, die betonte: „Eine einheitliche Deutung des Kirchenkampfes gibt es nicht“.4

Der Widerstand der Bekennenden Kirche war - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nicht politisch motiviert, er bewegt sich vielmehr in dem begrifflichen Rahmen, den Peter Steinbach und Johannes Tuchel in ihrem „Lexikon des Widerstandes 1933-1945“ abgesteckt haben: „Widerstand bezeichnet (...) jedes aktive und passive Verhalten, das sich gegen das NS-Regime oder einen erheblichen Teilbereich der NS-Ideologie richtete und mit hohen persönlichen Risiken verbunden war.“5

„Die Ethik des Widerstandes entsprang dem christlichen Gewissen, nicht der politischen Opposition (...)“, führte der Journalist Gerhard Bogner in seinem Vortrag: „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Zwölf Jahre Kirchenkampf in Augsburg“ aus.6 Das Instrumentarium der BK waren Bekenntnisversammlungen und die Bekenntnissynoden: Über die „Ulmer Einung“ zu den Synoden in Barmen, Dahlem, Augsburg und Oeynhausen.7

Im Rahmen dieser Deutungen des evangelischen Kirchenkampfes bewegt sich diese Magisterarbeit, die die Situation in Augsburg auf dem Hintergrund der Ereignisse in Bayern beschreibt. Eine Eingrenzung habe ich bei den Themenbereichen Euthanasie und Umgang mit jüdischen Gemeindegliedern vorgenommen. Als Grundlagenliteratur diente mir das bereits 1947 in München erschienene Buch des inzwischen verstorbenen Augsburger Pfarrers Heinrich Schmid?: „Apokalyptisches Wetterleuchten“. Daneben habe ich hauptsächlich auf Literatur des Leiters des Landeskirchlichen Archivs Nürnberg, Helmut Baier, zurückgegriffen: „Kirche in Not. Die bayerische Landeskirche im Zweiten Weltkrieg“, „Die Deutschen Christen Bayerns im Rahmen des bayerischen Kirchenkampfes“ und „Chronologie des bayerischen Kirchenkampfes 1933-1945“ (mit Ernst Henn). Außerdem orientierte ich mich an dem dreibändigen Werk: „Der evangelische Kirchenkampf“ von Kurt Meier sowie an den Bänden „Bayern in der NS-Zeit“, herausgegeben von Martin Broszat und anderen.

Für die Darstellung der Situation in Augsburg verwandte ich das Buch: „Kulturkampf in Augsburg 1933-1945“ von Gerhard Hetzer, Leiter des Augsburger Staatsarchivs?, daneben die Dissertation von Wolfgang Domarus: „Nationalsozialismus, Krieg, Bevölkerung. Untersuchungen zur Lage, Volksstimmung und Struktur in Augsburg während des Dritten Reiches“.

Vor allem diesen Teil der Arbeit ergänzte ich durch eigene Forschung im Archiv Sankt Anna, im Archiv des Anna Barbara von Stettenschen Instituts?, sowie in den privaten Archiven von Gerhard Bogner und der Familie Schlier. Aus dem Archiv von Sankt Anna dienten mir die gesammelten Ausgaben des Evangelischen Gemeindeblattes für Augsburg und Umgebung von 1933 bis 1941, Dekan Wilhelm Schillers „Chronik der kirchlichen Wirren“, Pfarrer Wolfgang Rüdels „Kriegschronik“ sowie mehrere Einzeldokumente als Grundlage für die Darstellung des Augsburger Kirchenkampfes. Das Archiv des Anna Barbara von Stettenschen Instituts? lieferte mir Einzeldokumente zur Geschichte dieser höheren evangelischen Erziehungsanstalt für Mädchen in Augsburg. Das Thema Jugendarbeit, insbesondere die Entwicklung des Christlichen Pfadfindertums der Gemeinde Sankt Markus? in Lechhausen, konnte ich mit Hilfe zahlreicher Einzeldokumente aus dem Archiv der Familie Schlier behandeln. Gerhard Bogner stellte mir aus seinem Archiv seinen Radiobeitrag: „Elegie auf Augsburg. 40 Jahre nach der Bombennacht vom 25. Februar 1944“, seinen Vortrag: „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Zwölf Jahre Kirchenkampf in Augsburg“ und die Facharbeit von Bianca Hochschorner (Maria-Theresia-Gymnasium?): „Widerstand der Protestanten gegen den Nationalsozialismus in Augsburg“ zur Verfügung. Desweiteren stützte ich mich auf folgende gedruckte Quellen: „Karl Seidelmann: „Die Pfadfinder in der deutschen Jugendgeschichte“ und Helmut Witetschek: „Die kirchliche Lage in Bayern nach den Regierungspräsidentenberichten 1933-1943“. Außerdem war mir die Dokumentation von Karl Immer: „Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Dritte Tagung in Augsburg vom 4.-6. Juni 1935“ von 1935 und im Vergleich dazu die Bearbeitung desselben Quellenmaterials von Martin Niemöller, die unter dem Titel „Die dritte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg“ 1969 erschienen ist, hilfreich.

Wichtige lokalgeschichtliche Details brachten mir Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die ich auf Tonband aufzeichnete. Marianne Bauer, Wilhelmine Hermann und Lucie Wagner informierten mich über die Arbeit des illegale Christlichen Pfadfinderinnenbundes in Lechhausen, dessen Mitglieder sie waren. Auch Josef Böhm, seit den 20er Jahren bei der katholischen Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg? (DPSG) dabei und heute Ehrenmitglied des Verbandes, war mir bei diesem Punkt hilfreich. Mit ihm machte ich bereits 1992 ein Interview für die Augsburger Allgemeine. Über die allgemeine Situation der Lechhauser Gemeinde Sankt Markus? berichtete mir Else Schlier, Witwe des 1980 verstorbenen Pfarrers Hermann Schlier. Der Journalist Gerhard Bogner, Sohn des 1946 tödlich verunglückten Augsburger Dekans Wilhelm Bogner (ab 1937), lieferte mir Hintergründe zur Vorgehensweise des Pfarrkonventes im Kirchenkampf. Die Situation der bekenntnistreuen Gemeindeglieder und ihre Beziehung zum Dekan schilderte mir Magda Häußlein, ab 1944 Dekanatssekretärin in Augsburg. Madlen Bregenzer, ehemals Musiklehrerin und heute Archivarin des Stetten-Instituts?, stellte die Geschichte dieser Schule während der NS-Zeit dar. Einen Überblick über die Situation der Stadt Augsburg, der Gewerkschaften sowie der Sozialdemokratie und des sozialistischen und kommunistischen Widerstands gab mir mein Großvater Hans Kollmannsberger, gelernter Schriftsetzer und Journalist. Daneben trug auch meine Großmutter Elsa Maria Kerl Wissenswertes über die Stadtgeschichte dieser Zeit bei.

Der Aufbau meiner Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile. Zunächst schildere ich die Ereignisse in der bayerischen Landeskirche und gehe dann auf die Situation in Augsburg ein. Der Bayernteil ist chronologisch gehalten und beschreibt die Ausgangssituation 1933 mit dem Aufkommen der Deutschen Christen in Bayern, deren allmählichen Zerfall nach der Berliner Sportpalastkundgebung im selben Jahr, befaßt sich mit dem Kampf der bayerischen Pfarrer, Gemeindeglieder und Kirchenführer gegen Hitlers Gleichschaltungspolitik der Kirchen Mitte und Ende der 1930er Jahre und stellt schließlich die Schwierigkeiten der Landeskirche während des Zweiten Weltkrieges dar. Besonderen Schwerpunkt lege ich dabei auf die Situation der evangelischen Jugend und der Schulen. In den Augsburger Kapiteln greife ich auf die im vorherigen Teil herausgearbeiteten Fakten zurück und untersuche vor diesem Hintergrund die Entwicklung der Deutschen Christen in Augsburg sowie die sich formierende Bekenntnisfront, gehe besonders auf die evangelische Jugendarbeit ein und untersuche den Augsburger Schulkampf. Am Beispiel des heute Am Katzenstadel gelegenen Anna Barbara von Stettenschen Institutes? wird dabei ein Einblick in eine höhere Augsburger Schule evangelischer Gesinnung während des Nationalsozialismus gegeben.

Wichtig bei der Schilderung der Augsburger Situation war mir das von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gelieferte Wissen. Gerade die Knappheit der Literatur zur lokalen evangelischen Kirchengeschichte während der NS-Zeit machte eine Ergänzung durch eigene Forschungsarbeit in Augsburger Archiven sowie durch Fakten, die ich aufgrund der Methode der Oral Historie gewonnen habe, nötig.

Das nächste Kapitel lesen!


1 Putz, Eduard; Tratz, Max: Bauern kämpften für ihren Bischof; in Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung (= Putz/Tratz: Bischof); Nr. 45 vom 08.11.1981; Archiv St. Anna.
2 Augsburger Allgemeine Zeitung vom 16. November 1983; Nr. 264; Archiv St. Anna.
3 Prolingheuer, Hans: Der ungekämpfte Kirchenkampf 1933-1945 - das politische Versagen der Bekennenden Kirche; Köln; 1983 (= Prolingheuer: Ungekämpfter Kirchenkampf).
4 Persönliches Gespräch mit Madlen Bregenzer am 30.05.1996 in Augsburg (= Gespräch Bregenzer).
5 Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes (Hg.): Lexikon des Widerstandes 1933-1945; München 1994 (= Steinbach/Tuchel: Lexikon); S. 228f.
6 Bogner, Gerhard: Zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Zwölf Jahre Kirchenkampf in Augsburg; Vortrag im Augustana-Forum Augsburg am 06.06.1994; Archiv Bogner (= Bogner: Kreuz, Hakenkreuz);S. 31.
7 ebd.; S. 14.


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