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Evangelische Jugendarbeit in Augsburg - Eingliederungsaktionen

Auch in Schwaben und Augsburg gab es, wie in ganz Bayern, eine blühende evangelische Jugendarbeit. 1931 zählten alle evangelischen Jugendverbände am Lech 1.200 Mitglieder, organisiert im Christlichen Verein Junger Männer? (CVJM) „Treufreund“, verschiedenen Bibelkreisen, im Deutsch-Evangelischen Weggenossenkreis, im Jugendbund für entschiedenes Christentum sowie dem Lydiabund. Im Frühjahr 1931 bildeten sie unter dem CVJM-Jugendsekretär Hans Preuß? einen Dachverband, um in einer gewissen Geschlossenheit der aufstrebenden HJ entgegentreten zu können. Anfangs gab es eine zunehmende Annäherung der evangelischen Jugend an die HJ; die männlichen Augsburger Bibelkreise und der Jugendbund für entschiedenes Christentum wirkten im Jahr 1933 als stärkste Vermittler einer Zusammenarbeit evangelischer organisierter Jugend mit der HJ. Pfarrer Ludwig Bullemer? von Sankt Markus? in Lechhausen warnte jedoch bereits zu Beginn der NS-Diktatur vor der Gefahr einer Vereinnahmung durch die HJ. Er organisierte am 6. und 7. Mai 1933 eine Kundgebung in Augsburg anlässlich des Nationalen Jugendtages im Annahof, wo sich über tausend Jugendliche aus Augsburg und der näheren Umgebung versammelten.307

Nachdem auch am Lech die Spannung innerhalb der evangelischen Jugend wuchsen und die Frage aufgeworfen wurde, ob man in den bisherigen Verbänden bleiben sollte, zur HJ überwechseln oder eine Doppelmitgliedschaft anstreben sollte, initiierte Bullemer im November 1933 das sogenannte „Augsburger Abkommen“ für die Zusammenarbeit zwischen evangelischer Jugend und Hitler-Jugend, demzufolge es „kein ausschließendes Entweder-Oder, sondern nur ein fruchtbares Sowohl-als-auch geben“ sollte. Eine direkte Folge dieser Abmachungen war die starke Beteiligung von HJ und BDM an der Aufbauwoche der evangelischen Ju-gend vom 18. bis 25. November 1934. Das Augsburger Abkommen wurde jedoch von den weiteren Entwicklungen überrollt, als Müller mit von Schirach den Eingliederungsvertrag im Dezember 1933 schloss.308

Am 19. Februar 1934 unterzeichnete Dekan Wilhelm Schiller? anlässlich des Vertrages ein Abkommen mit HJ- und BDM-Führerschaft, wobei man sich „auf beiden Seiten zu aufrichtiger und verständnisvoller Zusammenarbeit“ bekannte. Ein Bericht im Evangelischen Sonntagsblatt für Augsburg und Umgebung drückte dabei noch Hoffnung aus: „Die evangelische Jugendarbeit hört damit nicht auf, vollzieht sich vielmehr in neuen Formen. Die religiöse und seelsorgerliche Betreuung wird künftig noch mehr als bisher gemeindemäßig eingestellt sein. Alle evangelische Jugendarbeit geschieht künftig im Auftrag der Landeskirche auf dem Boden der Gemeinde.“ Die Inhalte sollten Bibelarbeit, Pflege des religiösen Liedes und Volksliedes, Kirchenmusik sowie Rüst- und Freizeiten umfassen.309 Bereits am 3. März wurde die offizielle Eingliederung in Augsburg vollzogen, ungefähr 450 evangelische Jugendliche wurden neue HJ-Mitglieder. Nachfolger von Preuß, der zur HJ überwechselte, wurde bis 1936 Karl Huber, dann Fritz Beckmann und Georg Deeg.310

Auch in Augsburg organisierte sich evangelische Jugendarbeit nach der Eingliederung auf der Ebene der Kirchengemeinden als Gemeindejugend, wobei der CVJM als selbständige Organisation, offiziell nur für die über Achtzehnjährigen, die von dem Vertrag nicht betroffen waren, bestehen blieb.311 Bis 1937 konnten sie auch ihre Versammlungsstätte, eine in den 1920er Jahren aufgestellte Baracke in Hammel? (heute Stadtteil von Neusäß im westlichen Landkreis Augsburg), halten.312

Die Hoffnung, durch Mitarbeit evangelischer Jugendleiterinnen und Jugendleiter in der HJ und dem BDM eigene Belange sichern zu können, zerschlug sich bald.313 Es gab, wie auch im übrigen Gebiet der bayerischen Landeskirche, zunehmend Schwierigkeiten bei der Befreiung der Jugendlichen vom HJ-Dienst zum Besuch von Gottesdiensten oder anderen kirchlichen Veranstaltungen, obwohl dies vertraglich vereinbart worden war. Die Situation verschärfte sich auch in Augsburg, als die HJ am 1. Dezember 1936 zur Staatsjugend erklärt wurde.314

Ab 1936 war die evangelische Jugendarbeit Augsburgs zunehmend der Agitation Josef Sewalds?, Neue Nationalzeitung, ausgesetzt, deren „Bibelforschen“ er in seiner Kolummne „Luginsland“ als „Vorwand“ bezeichnete, bei dem „nichts als verschwommenes, internationales, krankhaftes, kommunistisches Gefasel herauskommt, das den jungen Leuten die Köpfe verwirrt (...).“ Den CVJM brandmarkte er als „politischen Klub mit anderem Vorzeichen“ und empfahl der Jugend: „Dieser Tage ist das große HJ-Treffen in Augsburg. Schaut euch das einmal an, dann wisst ihr, wo ihr hingehört. Unter gleichaltrige, frische, frohe Kameraden gehört ihr, dann vergeht euch die schwindsüchtige Sehnsucht nach Bibeldebatten. Durch diesen CVJM sollt ihr nur davon abgehalten werden, euch in den großen staatlichen Organisationen zu betätigen (...).“315 Sewald löste mit seinen Artikeln große Empörung in der evangelischen Bevölkerung Augsburgs aus. Die evangelische Pfarrerschaft protestierte geschlossen und wies in einer Erklärung, die am Erntedankfest im Oktober 1936 in allen evangelischen Kirchen der Stadt verlesen wurde, die Anschuldigung, mit kommunistisch gesinnten Menschen zusam-menzuarbeiten, zurück.316

Wie im übrigen Gebiet der Landeskirche, erwies sich auch in Augsburg die Weiterführung evangelischer Jugendarbeit auf Gemeindeebene als einzige Lösung. Ein Zentrum der Gemeindejugend war Sankt Markus? in Lechhausen mit Pfarrer Hermann Schlier? (1900-1980), der ab 1937 als Nachfolger Bullemers die Gemeinde betreute. 1936/37 bestanden im Stadtgebiet 17 Gruppen der männlichen Gemeindejugend, die wöchentlich etwa 320 Jugendliche versammelte. Die Anzahl dieser Gruppen verringerte sich bis 1943 auf fünf, bedingt durch Einberufungen zur Wehrmacht oder Heimat-FLAK. Die Mädchengruppen hingegen, hielten sich unter der Gesamtleitung von Schwester Anna Deindörfer bei Heilig Kreuz?, Sankt Anna, Sankt Jakob, Sankt Johannes? und den Barfüßern bis 1944 konstant.317

Ab 1938 verschärfte sich der Kurs von Gestapo und HJ gegen die kirchliche Jugendarbeit. Einschüchterungsaktionen und Behinderungen der Jugendarbeit in Augsburg nahmen zu. Im Juli 1939 wurden zwei Mädchen aus der Gemeinde Sankt Johannes? von der Gestapo verhört. Der Zweck der Vernehmung wurde weder den Betroffenen noch dem Gemeindepfarrer Werner Limpert? mitgeteilt. Käthe Riefle und Maria Steppacher waren mit sechs anderen Mädchen der St. Johannesgemeinde nach Sankt Markus? zum evangelischen Mädchentag in der Markusklause bei Stätzling? geradelt. Sie berichteten, sie seien „zudringlich über den Sonntag und seinen Verlauf ausgefragt“ worden. Als Grund der Vorladung vermutete Pfarrer Limpert von Sankt Johannes?, die Gestapo Augsburg bezwecke, „einzelne treue Mitarbeiterinnen und durch sie wieder andere einzuschüchtern und ihnen die Teilnahme an unserer Gemeindejugend als etwas Bedenkliches oder Gefährliches erscheinen zu lassen.“318

Im Dezember 1939 wurde die Jugendarbeit der Gemeinde Sankt Johannes? empfindlich gestört, als das Stiftungshaus in der Branderstraße?, das vor allem als Versammlungsort der Jugendlichen diente, beschlagnahmt und als NS-Parteigebäude genutzt wurde.319

Trotz aller Einschüchterungen und Schikanen konnten selbst in den Kriegsjahren in Augsburg noch größere Veranstaltungen, die große Anziehungskraft besaßen, durchgeführt werden. So kamen zu einem Bibeltag in der Barfüßergemeinde 400 Jugendliche aus dem Stadtgebiet und der näheren Umgebung zusammen und noch 1943 wiesen die Augsburger Jugendgottesdienste eine hohe Beteiligung auf. Der Bombenangriff auf Augsburg im Februar 1944 zerstörte jedoch auch die letzte Basis gemeindlicher Jugendarbeit.320

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307 Hetzer: Kulturkampf; S. 130f.
308 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 12; vom 18. März 1934; Archiv St. Anna.
309 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 9 vom 25. Februar 1934; Archiv St. Anna.
310 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 12 vom 18. März 1934; Archiv St. Anna.
311 Hetzer: Kulturkampf; S.
312 Gespräch mit Josef Böhm, Ehrenmitglied der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, am 23. Januar 1992 in Neusäß (= Gespräch Böhm).
313 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 12 vom 18. März; 1934; Archiv St. Anna.
314 Hetzer: Kulturkampf; S. 132f.
315 Neue Nationalzeitung; Nr. 225 vom 26. September 1936; Staatsbibliothek.
316 Hetzer: Kulturkampf; S. 135.
317 ebd.; S. 136-139.
318 Schreiben Werner Limperts an das Evangelisch-Lutherische Dekanat Augsburg vom 7. Juli 1939; Archiv St. Anna.
319 Schreiben Werner Limperts an den Landesjugendpfarrer Riedel vom 7. Dezember 1939; Archiv St. Anna.
320 Hetzer: Kulturkampf; S.139.


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