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Die Nazizeit in Augsburg

Als traditionelle Arbeiterstadt versuchte sich Augsburg gegen den aufkommenden Rechtsradikalismus und Rassismus der Nationalsozialisten? zu wehren. Das ist in Zahlen ablesbar: Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erreichte die NSDAP in Augsburg nur 14,2 Prozent der Stimmen und noch im März 1933 lag der Stimmenanteil der NSDAP in Augsburg mehr als 11 Prozent unter dem Landesdurchschnitt von Bayern. Die Nationalsozialisten? reagierten nach ihrer Machtübernahme schnell und erhoben Augsburg zu einem Rüstungszentrum und zur Gauhauptstadt, bauten die Messerschmitt-Werke? auf und produzierten bei MAN Dieselmotoren für U-Boote und LKW. Schufen also einen Aufschwung, den die Bevölkerung mit dem Regime verbinden und ihm danken sollte.

Noch heute kann anhand von mehr als 100 Gebäuden und Orten in Augsburg die Zeit des Nationalsozialismus exemplarisch betrachtet werden – ob man die Rüstungsindustrie, das Lagersystem oder den Widerstand in den Focus nimmt.

Zwar war Augsburg schon seit 1806 eine wichtige Garnisonstadt in Bayern, doch erst die nationalsozialistische Aufrüstungspolitik ab 1933 brachte in Augsburg wieder den Bau neuer Militäranlagen. So wurden in Augsburgs Westen zwischen 1934 und 1940 mehrere Kasernen und Wehrmachtsversorgungseinrichtungen gebaut. Im Krieg wurden sie nicht zerstört, so dass die Amerikaner 1945 mit ihren Einheiten Kasernen einziehen konnten, die solide gebaut und in einem guten Zustand waren.

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Das Bild zeigt Adolf Hitler bei einem Besuch in den Messerschmitt-Werken? zu Augsburg- Haunstetten im Jahr 1937, genauer entweder am 21. oder 22. November 1937. Der Originaltext des Bildes lautet: "Der Führer besichtigt ein Messerschmitt-Flugzeug. Neben dem Führer Prof. Messerschmitt und Direktor Henzen. Vor dem Führer Generalleutnant Udet."

Während ihrer Herrschaft versuchten die Nazis vor allem die linken Parteien und Gruppierungen in Augsburg auszumerzen. Dabei war vor allem Oberhausen in ihrem Blickfeld. Dort lag die Gastwirtschaft "Zum Goldenen Lamm", die 1906 gebaut wurde. Es war bis 1933 das Lokal des Freien Gewerkschaftsbundes (ADGB). Zur Zeit der Machtübernahme der Nazis hieß der Wirt dieses Lokales Xennefelder. Er wurde von den Nazis besonders bedrängt, war er doch ein führender Kopf der Augsburger Arbeiterbewegung, die kurz nach der Machtübernahme zerschlagen wurde. Xennefelder gründete eine so genannte "okkulte Tischgesellschaft", um weiter im Untergrund politisch aktiv sein zu können, was aber bald von den Nazis aufgedeckt wurde. Die Vereinigung wurde wie viele andere Tarngesellschaften der Augsburger Linken sofort nach Entdeckung aufgelöst.

Neben Adolf Hitler besuchten viele weitere mit den Nationalsozialisten? verbundene bekannte Menschen Augsburg zur Nazi-Zeit.

24.10.1933: Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley inspizierte die MAN und informierte sich über die Produktion von Druckmaschinen. Er erhängte sich als angeklagter Kriegsverbrecher nach dem Krieg in seiner Nürnberger Gefängniszelle.

13. Oktober 1934: Generalsfeldmarschall August von Mackensen kam nach Augsburg und inspizierte die Kasernen und Truppen in der Stadt. Er musste gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Frau vor der Roten Armee nach Niedersachsen flüchten. Dort starb er bald.

6. August 1935: Die Rekordfliegerin Elly Beinhorn besuchte die Messerschmitt-Werke?. Sie unternahm dabei Testflüge mit neuen Maschinen. In der Jahren 1935 bis 1945 waren das Infanterieregiment 40 und Teile des Artillerieregiment 7 sowie Luftwaffen- und Nachrichten-Abteilungen in Augsburg stationiert. Nur das Infanterieregiment 40 hatte ein Musikkorps.

15. Oktober 1935: Der Forschungsreisende Sven Hedin hielt in Augsburg einen Vortrag.

5. Juni 1936: Reichspostminister Dr. Wilhelm Ohnesorge war zu Gast in Augsburg. Er brauchte nach dem Krieg nicht zu darben und bekam eine schöne ungeschmälerte Beamtenpension.

15. Juli 1936: Reichsminister Hjalmar Schacht besuchte die MAN. Er wurde beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess frei gesprochen. Auch eine spätere Verhaftung als "Hauptschuldiger im Dritten Reich" wurde aufgehoben.

18. Juni 1937: Der bayerische Ministerpräsident Ludwig Siebert war bei der Jahrhundertfeier der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei? als Ehrengast eingeladen. Schon 1931 wurde er als erster Oberbürgermeister einer bayerischen Kommune Parteimitglied der NSDAP?. Er verstarb während des Weltkrieges.

7. Oktober 1937: Martha Diesel, die Witwe von Rudolf Diesel, des Erfinders des Dieselmotors, kam zum 40-jährigen Bestehen des Diesel-Motors in die MAN. Im November 1883 hatte sich Rudolf Diesel in München mit Martha vermählt. Ihr Gatte verschwand 1913 auf einer Schiffsfahrt nach England. Selbstmord? Mord? Oder nur ein Unglück?

25. Februar 1938: Reichsminister Rudolf Heß (Stellvertreter Hitlers) inspizierte die Messerschmitt-Werke?. Im Beisein von Direktor Kokothaki, Prof. Messerschmitt, Oberbürgermeister Mayr und Gauleiterstellvertreter Traeg. Heß flog ohne Wissen des "Führers" von hier aus 1941 mit Zusatztanks nach England. Nach dem Krieg wurde er als Kriegsverbrecher lebenslang eingesperrt. Er starb 1987 durch Selbstmord in seiner Zelle.

Augsburg in den Jahren 1938-1941. Gedreht von einem ehemaligen Mitglied der Deutschen Arbeitsfront. Ausschnitte aus einem ca. 70 Minuten 16-mm Kodak-Farbfilm in außergewöhnlich guter Qualität!

Festgehalten wurde auch ein Besuch der damaligen Gauhauptstadt Augsburg, von dem wir hier Ausschnitte einstellen.

26. April 1938: Generaladmiral Dr. h.c. Erich Raeder informierte sich in der MAN über Dieselmotoren für Kriegsschiffe. Er wurde als Kriegsverbrecher verurteilt und 1955 aus dem Gefängnis entlassen.

Auch an diesen Besuchen und Besuchern ist zu erkennen, wie wichtig Augsburg als Produktionsort für Militärfahrzeuge oder deren Zubehör zu Land, zu Wasser und in der Luft für den kommenden Weltkrieg war. Man brauchte sich nicht zu wundern, dass Augsburg später von den Alliierten im Luftkrieg zerstört wurde.

Der Zweite Weltkrieg

Aufarbeitung der Nazizeit in Augsburg

1980er Jahre

Noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts tat sich die Stadt Augsburg und die bürgerliche Gesellschaft schwer mit den dunklen Flecken ihrer Vergangenheit. Es gibt dazu Arbeiten von Karl Filser und Gerhard Hetzer?, die in den frühen 1980er Jahren erschienen, aber auch die Materialsammlung "Hakenkreuz und Zirbelnuss".

Damals versuchten das Bildungswerk des DGB?, die Geschichtswerkstatt Augsburg? und der VVN/BdA durch Rundgänge und Rundfahrten die Geschichte Augsburgs unter dem Hakenkreuz nahezubringen, jedoch ohne Unterstützung durch die Stadt Augsburg, die Universität Augsburg oder das Stadtarchiv?. 1985 feierte man 2000 Jahre Augsburg, seine goldene Vergangenheit; Themen der Nazizeit wurden damals trotz einer SPD -Stadtregierung nicht behandelt.

1990er Jahre

2000 bis 2010

Ausstellung Machtergreifung in Augsburg

2008 veranstaltete die Stadt im Rathaus die Ausstellung "Machtergreifung in Augsburg", wozu auch ein Ausstellungskatalog erschien. Diese an sich begrüßenswerte Ausstellung erfuhr aber auch Kritik. Viele Menschen hatten bei dem Rundgang und den Darstellungen den Eindruck, dass viele Vorgänge der damaligen Zeit nur beschreibend neutral dargestellt wurden. Reinhold Forster? hat dies so zu erklären versucht: In den 1980er Jahren sei man von den Opfern des Faschismus ausgegangen und habe sie in den Mittelpunkt der Geschichtsvermittlung gestellt, während in der Ausstellung von 2008 die Perspektive der Täter reproduziert werde. Das hängt seiner Meinung nach mit den Quellen zusammen. Belastendes Material sei 1945 oder sogar noch später vernichtet worden, was sich zugunsten der Täter auswirkt. Auch die Akten der Spruchkammerverfahren enthielten mehr Ent- als Belastendes. In der Ausstellung werde nur am Rand gefragt, was an den Täterbiografien beschönigt oder widersprüchlich ist.

Als Beispiel führt Reinhold Forster? den Fall des Weihbischof Dr. Franz Xaver Eberle? an, der durch einen von der katholischen Kirche bezahlten Historiker exkulpiert werde, während die Opfer der von diesem Weihbischof betriebenen Kollaboration mit den Nazis nur in den Fußnoten erwähnt würden. Eine gleichartige Kritik gilt auch der Darstellung des Verhaltens der evangelischen Kirche in Augsburg zur Zeit des Nationalsozialismus in der Ausstellung.

Die Kritik an der Ausstellung widmet sich auch der Schwerpunktsetzung. Auf die politische Verfolgung und den frühen politischen Widerstand werden nicht eingegangen, und wenn, dann nur in weltanschaulicher Ausgewogenheit, wodurch verdeckt werde, dass es vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten waren, die verfolgt wurden - mit Duldung bürgerlicher Schichten. FreiheitskämpferInnen wie Anna Pröll oder Bebo Wager aus der linken Ecke werden nicht oder nur am Rand erwähnt.

Vieles bleibt in der Ausstellung nicht einmal erwähnt. Etwa die Umsetzung der Rassegesetze durch das Augsburger Gesundheitsamt? bzw. Rassenpflege-Amt oder das Standesamt. Nicht behandelt wird auch die Karriere der Nazi-Beamten und -Ärzte nach 1945 oder das Vorgehen der Nazis gegenüber den Stadträten, die vor der Machtübernahme im Augsburger Stadtrat saßen. Ebenfalls nicht eingegangen wird auf die präfaschistischen Zustände in Augsburg zwischen 1930 und 1932, als die Nazis z. B. unter polizeilichem Geleitschutz Arbeiterviertel durchquerten und am gleichen Tag von der Polizei dort Razzien durchgeführt wurden.

Auch von der VVN-BdA erfuhr die Ausstellung viel Kritik. Dr. Harald Munding? schreibt in einem Brief an den damaligen Leiter des Stadtarchivs? Dr. Michael Cramer-Fürtig? etwa:

"In der Konsolidierung 1935-1937 bleibt der aktive Anteil der Wirtschaft an den Kriegsplänen voll im Dunkeln, sie wird in einer passiven Rolle dargestellt. Das `NS-Regime´ hatte auch in Augsburg seine Akteure in der Wirtschaft. Und nicht nur dort, nahezu vollkommen unbeleuchtet bleibt der Anteil der NSDAP-Parteimitglieder sowie offener Sympathisanten bei der Polizei, in den Behörden oder an Schulen als Vorbedingung für 1933."

Es bleibe der subjektive Eindruck nach dem Ausstellungsbesuch, dass die Nazis Erstaunliches geleistet hätten (Arbeitsplätze geschaffen, Wohnungen und Autobahnen gebaut ...). Das Terrorregime werde zum Betriebsunfall erklärt, die Rolle der Kirchen bliebe im Dunkeln, auch die Rolle der Augsburger Denunzianten werde nicht geklärt. An allem sei ein abstraktes "NS-System" schuld, ohne die Verantwortlichen in Augsburg zu nennen.

2011 bis 2020

Anfang 2013 zahlte die Stadt Augsburg mit Unterstützung privater Geldgeber 90.000 Euro an die Erben der jüdischen Sammlerin Emma Ranette Budge für eine Goldschmiedearbeit, die sich im Besitz der Kunstsammlungen und Museen Augsburg befanden. Die Hälfte dieser einmaligen Ausgleichszahlung für NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut stammte aus dem städtischen Friedrich-Prinz-Fonds. Bei dem Kunstwerk handelte es sich um eine etwa 1690 von dem Augsburger Goldschmied Moritz Mittnacht? gefertigte silbervergoldete Ziermuschel, die sich bis 1937 in der Sammlung Budge befand. Die Sammlung Budge bezeichnet eine Sammlung von Porzellan, Kleinplastiken, Bronze- und Silberarbeiten sowie Gemälden, die von Emma Ranette Budge, die aus einer reichen Hamburger Kaufmannsfamilie jüdischen Glaubens zusammengetragen worden war. Als sie 1937 in Hamburg starb, bemächtigten die Nazis sich ihrer Sammlung und ließen sie versteigern, ohne dass ihre Erben etwas davon erhielten. Durch die aufgrund städtischer Provenienzforschung zustandegekommene Ausgleichszahlung konnte die Augsburger Arbeit in der Gold- und Silberschmiedeabteilung im Maximilianmuseum bleiben, wo sie Zeugnis für die Zeit des Großen Türkenkriegs ablegt.

Sonstiges

Gedenken an die Opfer des Faschismus in Augsburg

augsburg.tv-Beitrag von Allerheiligen 2011 zu der seit 1980 jährlich zum Auftakt der Friedenswoche stattfindenden Erinnerung an die Opfer des Faschismus in Augsburg

Weblinks


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