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Die Jugendarbeit in Sankt Markus

Das Zentrum der Augsburger evangelischen Gemeindejugendarbeit lag im Stadtteil Lechhausen. In der Gemeinde Sankt Markus? hatte Pfarrer Hermann Schlier?, der 1937 aus Kitzingen? auf diese Pfarrstelle wechselte, mit seiner Frau Else (Jahrgang 1915) mehrere sehr aktive Gruppen aufgebaut: die Gemeindejugend für Jungen und Mädchen verschiedener Altersstufen und einen Flötenkreis. Sie alle waren von Anfang an Nachstellungen durch die Gestapo ausgesetzt. Veranstaltungen in der Markusklause bei Stätzling?, die 1930 als gemeindliches Versammlungshaus erbaut worden war, wurden großteils von Polizisten in Zivil überwacht. Vorladungen und Verhöre bei der Gestapo waren keine Seltenheit.321

Gerhard Bogner, Sohn des Augsburger Dekans Wilhelm Bogner?, der damals als Jugendlicher (Jahrgang 1927) selbst bei Aktivitäten der Lechhauser Gruppe mitmachte, bescheinigte der Jugendarbeit der Markusgemeinde „Aggressivität“ in ihrer Vorgehensweise, was er zurückführte auf „diese Vorstadtvitalität, die gesagt hat: Wir nicht! (...) Das war auch eine Art schwäbische Protesthaltung, (...) es gibt ja eine schwäbische Verweigerungshaltung, ein ewiges Dagegensein. (...) Lechhausen war jenseits des Lechs (...), eine Vorstadt im wörtlichsten Sinn, mit Menschen, die ein besonderes Selbstbewusstsein entwickelt haben, weil sie eben nicht innerhalb der Stadtmauern waren, (...), ein Teil von Bert Brechts Lebensgefühl ist identisch mit Lechhausen, dieses revoluzzerhafte, bewußte Proletariertum, dieses Sichbehauptenmüssen im Leben und auch Vorwärtskommenwollen (...).“322 Else Schlier berichtete, die Gemeinde sei geprägt gewesen „durch aus dem Ries stammende Familien“, (...) die dann auch zum Teil noch Landwirtschaft hatten, ferner durch die Prinzfabrik? und sehr viele Industriearbeiter.“323

Christliche Pfadfinderschaft

Pfarrer Hermann Schlier? passte gut zu dem dortigen Menschenschlag. Er war temperamentvoll, konnte sich behaupten324 und seine ganze Leidenschaft galt der Pfadfinderei. „Die Pfadfinder, das war seine Überzeugung von Jugendarbeit überhaupt“, berichtete Else Schlier, die selbst Mitglied dieser Bewegung war.325 Bereits in Kitzingen? war Hermann Schlier? mit der Pfadfinderidee in Berührung gekommen. Dort hatte Robert Dollinger nach dem Ersten Weltkrieg den Stamm der „Friesen“ der Christlichen Pfadfinder (CP) aufgebaut. Unter Stammesführer Frieder Ammon (ab 1932) stellten sich die Friesen auf die Seite der Bekennenden Kirche. 1935 führte Christel Schmidt den Stamm und unter ihrer Leitung entstand auch die erste weibliche Gruppe, die Christlichen Pfadfinderinnen.326

Die strikt bekenntnistreue Haltung des Kitzinger Verbandes galt als beispielhaft für ganz Bayern. Bereits 1934 berichtete Ammon: „Unsere feste Gemeinschaft im Stamm ist verschiedenen Führern der HJ ein großer Dorn im Auge (...) ich habe den ganzen Stamm auf die Seite der Bekenntnisfront gestellt und Pfarrer Schlier gegenüber verpflichtet (...).“327

Waren von dem Eingliederungsvertrag 1933 nur die Jugendlichen unter 18 Jahren betroffen, so erfolgte 1936, als die HJ zur Staatsjugend erklärt und die Mitgliedschaft Verpflichtung wurde, ein entscheidender Schlag gegen die konfessionellen Verbände. Zug um Zug wurden im gesamten Reichsgebiet sämtliche Gruppierungen der bündischen Jugend, wozu auch die Pfadfinderinnen und Pfadfinder zählten, verboten. Unter Strafe gestellt war ferner die Fortführung bündischer Jugendarbeit in getarnten Nachfolgeorganisationen.328

„Zerschlagen werden konnten nur die äußeren Formen. Der Geist des Pfadfindertums war nicht zu unterdrücken.“329 Mit dem sogenannten Pfadfinderversprechen hatten sich die Jugendlichen für immer zu der Bewegung bekannt und hielten nach dem sowohl unter katholischen wie evangelischen Verbänden gängigen Motto „Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder!“ am Pfadfindertum fest. Die verbotenen Kluften, Abzeichen und Banner wurden entweder feierlich verbrannt oder wanderten von Haus zu Haus und wurden sehr sorgfältig vor dem Zugriff der Gestapo versteckt.330 Nach dem ersten lähmenden Schock begannen sich ab 1937 wieder Stämme und Sippen zu sammeln, zumeist getarnt als Gemeindejugend, die nach wie vor erlaubt war. Die Verfolgung dieser „wilden Jugend“, die sich zum Teil auch weigerte, Mitglied in der HJ oder dem BDM zu sein, nahm die Form einer regelrechten Verhaftungswelle im gesamten Reichsgebiet an.331

Im Juli 1935 reisten 32 Jugendliche ehemaliger Christlicher Pfadfinderstämme zum großen 25jährigen Geburtstagsfest der CP Dänemarks nach Klampenborg bei Kopenhagen - bis zu Grenze in Zivil, dann wurden die Kluften angelegt.332

Die Idee der Pfadfinderei ließ Hermann Schlier? auch in Lechhausen nicht mehr los. Er beobachtete sehr genau seine Gemeindejugend und den Flötenkreis und sprach gezielt junge Menschen an, von denen er glaubte, sie seien für die bündische pfadfinderische Gemeinschaft, die bald auch in Augsburg illegal wieder entstehen sollte, geeignet. Christel Schmidt reiste mehrmals nach Lechhausen, um Pfarrer Schlier bei der Beurteilung zu helfen. Alles ging sehr diskret vor sich, der Name „Pfadfinder“ fiel zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es wurde lediglich von der „bündischen Idee“ gesprochen. An Ostern 1942 gründeten sieben Ehemalige aus Kitzingen, Augsburg, München und Nürnberg in Castell den Bund neu, darunter Christel Schmidt und Hermann Schlier?,333 nach den pfadfinderischen Prinzipien: „Wir wollen mit allen Kräften darnach streben, Christen der Tat zu werden, an Gott gebunden, dem Nächsten zum Dienst. (...) Wir wollen uns üben in allen Fertigkeiten, die Leib und Geist fördern, und dadurch allzeit bereit sein, unseren Mitmenschen zu helfen. (...) Wir wollen lernen, auch Andersdenkende zu verstehen und Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit in uns und um uns bekämpfen. Wir wollen lernen, über alle Unterschiede des Lebens hinweg den wahren Wert des Menschen zu erkennen, und uns von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Vorurteilen frei machen. (...) Wir wollen die Liebe zu Heimat und Volkstum pflegen, von allem volksverhetzendem Treiben uns fern halten und darnach trachten, treue, tatbereite Bürger unseres Landes zu werden. (...)“334

An Pfingsten wurde der Grundstein in Augsburg gelegt. Unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit nahm Schlier, seit 1941 eingezogen, seine Frau sowie Lucie Wagner, geborene Rudy, (Jahrgang 1923) in den neugegründeten Bund Christlicher Pfadfinderinnen auf - aufgrund des „Männermangels“ der Kriegsjahre entstanden nur weibliche Gruppen. In der Markuskirche legten die beiden am Altar ihr Pfadfinderversprechen ab: „Ich sage zu eurer Gemeinschaft ja und verspreche euch meine Treue!“ Wenig später folgten die Zwillingsschwestern Marianne Bauer, geborene Hermann, und Wilhelmine Hermann (Jahrgang 1924). Da sich ihr Mann im Feld befand und sich nur während der Urlaubstage um die Pfadfindermädchen kümmern konnte, organisierte Else Schlier die Aktivitäten der illegalen Bewegung in Augsburg.

Bis Kriegsende wuchs die Zahl der Pfadfinderinnen im Untergrund in Bayern auf 25 an. Die Zentrale befand sich bei Pfarrer Schlier in Sankt Markus?. Von dort wurden auch die „Urselbriefe“ als Rundbriefe an alle Mitglieder mit der Auflage verschickt, sie sofort nach Erhalt zu lesen und anschließend zu verbrennen, damit nichts nach außen dringen konnte. Pfarrer Schlier verpflichtete seine Mädchen zu absoluter Verschwiegenheit, nicht einmal die Eltern erfuhren etwas von ihren Aktivitäten. Die Treffen fanden in unregelmäßigen Abständen statt. Meistens traf man sich reihum in Privatwohnungen, in Augsburg auch in der Markusklause. Dabei wurden die alten Pfadfinderlieder gesungen, die Mädchen erfuhren von Lord Robert Baden-Powell of Gilwell, dem Gründer der Weltpfadfinderbewegung, lernten Knoten machen, Sternzeichen deuten, Morsen, Runenschrift und mit dem Kompass umgehen - alles streng geheim, da solche Aktivitäten nur mehr in den Reihen der HJ getätigt werden durften. Zweck der illegalen Bünde war es, die pfadfinderische Idee durch das Dritte Reich hindurch zu bewahren, ein Mindestmaß an Strukturen zu erhalten sowie Nachwuchs zu sammeln, um nach dem „Zusammenbruch des Tausendjährigen Reiches“, von dem die Pfadfinderinnen zu der Zeit überzeugt waren, sofort wieder mit geregelter Pfadfinderarbeit beginnen zu können. Angst, verraten oder von der Gestapo entdeckt zu werden, hatten die Mädchen den Erinnerungsberichten zufolge nicht, da sie in der festen Überzeugung lebten, eine absolut verschworene Gemeinschaft zu sein, die so diszipliniert mit Schriftstücken und der Geheimhaltung von Treffpunkten umging, dass nichts nach außen sickern konnte. Tatsächlich wurde diese illegale CP-Gruppe von der Gestapo nicht ausgehoben.335

Gemeindejugend

Neben der Pfadfinderinnenarbeit bestand die Gemeindejugend, die wegen ihrer konsequenten Verweigerungshaltung bezüglich HJ-Aktivitäten Schwierigkeiten bekam. Mehrmals gab es Überfälle auf Veranstaltungen in der Markusklause. „Hitlerjungs brachen im Januar und April 1940 nachts ein, haben Fenster eingeschlagen und alles verwüstet. Dann hat sich aber von der Gemeindejugend eine Gruppe zur Verteidigung der Klause eingefunden und es gab nachts eine Auseinandersetzung mit Händen und Füßen“, so Else Schlier.336 Die Einbrecher sind der Lechhauser Hitlerjugend zuzuordnen, die sich ärgerte, dass ihnen Pfarrer Schlier die Markusklause als Treffpunkt verweigerte.337

Im Mai 1940 gab es einen erneuten Zusammenstoß mit der HJ. 20 Jungen aus den Reihen der Gemeindejugend hatten sich des öfteren zum Fußballspielen versammelt. Dies war jedoch nach dem Eingliederungsvertrag von 1933 verboten, wonach Spiele im Freien nur mehr im Kreise der HJ unternommen werden durfte. Die Jungen wurden zum zuständigen HJ-Oberbannführer Ludwig in den Oberbann in der Holbeinstraße vorgeladen und zunächst über die evangelische Jugendarbeit in Lechhausen ausgefragt, vor allem, warum sie nicht in der Partei seien. Dann versuchte er die Jugendlichen einzuschüchtern, indem er betonte, die evangelische Jugend werde zerschlagen, denn Nationalsozialismus und Christentum ließe sich nicht miteinander vereinbaren.338 Schliers Versuch, sich mit Hilfe des bayerischen Landeskirchenrates über Ludwig bezüglich seiner Fragen während des Verhörs über die Jugendarbeit und sein Ansinnen, diese zu zerschlagen, beim HJ-Gebietsführer für Schwaben, Peschke, zu beschweren, wurde abgeschmettert. Peschke ließ über den Landeskirchenrat der Gemeinde mitteilen, der Rapport beim Oberbannführer habe den Zweck gehabt, den 20 Jungen klarzumachen, dass sportliche Betätigung nur in der HJ erlaubt sei.339

Die Bespitzelung durch die Gestapo war für die Jugendleiterinnen und Jugendleiter, sowie das Lechhauser Pfarrhaus eine große Belastung. Als ihr Mann 1941 als Militärgeistlicher eingezogen worden war, organisierte Else Schlier die Jugendarbeit allein und hatte mit den Spitzeln in Zivil zu kämpfen, beispielsweise, als sie an einem Sonntag Eltern und Jugendliche zu einer fröhlichen Feier ins Pfarrhaus eingeladen hatte und vorher die geheime Botschaft bekam, die Gestapo werde auch an diesem Nachmittag jemand schicken. Die offizielle Gemeindejugendleitung in Augsburg riet ihr, die Zusammenkunft abzusagen, aber das wollten weder sie, noch die Jugendlichen. Nach fieberhaftem Verstecken von allen auch nur annähernd verdächtigen Schriften und Mitteilungen kam die Runde zusammen und der Nachmittag verlief wider Erwarten ungestört.

Darüber hinaus fand in der Lechhauser Gemeinde der junge Vikar Dieter Schröter Unterschlupf, der Halbjude war. „Der Landeskirchenrat schickte ihn zu uns, weil er wusste, da würde er sicher sein“, erinnerte sich Else Schlier. Nur sie und ihr Mann wussten von Schröters „unarischer Abstammung“ und hielten absolutes Stillschweigen.340 Der in der Gemeinde äußerst beliebte Vikar wurde schließlich eingezogen und fiel im Juni 1940.341

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321 Hetzer: Kulturkampf; S. 136.
322 Gespräch Bogner.
323 Persönliches Gespräch mit Else Schlier am 28. Mai 1996 in Augsburg (=Gespräch Schlier).
324 Gespräch Bogner.
325 Gespräch Schlier.
326 Dollinger, Robert: Geschichte der Christlichen Pfadfinder in Bayern 1910-1977; Bubenreuth; 1977 (=Dollinger: Christliche Pfadfinder); S. 42f.
327 zitiert in: Dollinger: Christliche Pfadfinder; S. 55.
328 Verfügung der Gestapo Hamburg vom 17. Februar 1936; in: Seidelmann: Pfadfinder; S. 261f.
329 Georgspfadfinder in Deutschland; in: Seidelmann: Pfadfinder; S. 274.
330 Gespräch Böhm.
331 Ebeling, Hans; Hespers, Dieter: Jugend contra Nationalsozialismus; Frechen; 1966; S. 174ff; in: Seidelmann: Pfadfinder; S. 268f.
332 Dollinger: Christliche Pfadfinder; S. 56-59.
333 Persönliches Gespräch mit Marianne Bauer, Wilhelmine Hermann, Lucie Wagner am 30. September 1996 in Augsburg (= Gespräch Bauer/Hermann/Wagner).
334 Grundsätze der Christlichen Pfadfinder, beschlossen 1921 in Neudietendorf; zitiert in: Dollinger: Christliche Pfadfinder; S. 39f.
335 Gespräch Bauer/Hermann/Wagner.
336 Gespräch Schlier.
337 Bericht Hermann Schliers über die Einbrüche in der Markusklause im Januar und April 1940; Archiv Schlier.
338 Bericht Hermann Schliers über das Verhör bei Oberbannführer Ludwig am 5. Juni 1940; Archiv Schlier.
339 Schreiben des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrates München an das Evangelisch-Lutherische Pfarramt St. Markus vom 7. August 1940; Archiv Schlier.
340 Gepräch Schlier.
341 Rüdel: Kriegschronik; S. 10.


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