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Die Fronten verhärten sich

Bekenntnis- und Bittgottesdienste

Nachdem Anfang April 1934 von der Reichskirchenregierung versucht worden war, die württembergische Landeskirche einzugliedern, verpflichteten sich am 23. April sämtliche evangelische Geistliche Augsburgs, im Falle eines solchen Eingriffs in die bayerische Landeskirche gemeinsam zu protestieren.228 Diese Vereinbarung hatte Signalwirkung auf Pfarrkonvente anderer Städte. Wenig später richtete eine Versammlung von Mitgliedern der Gemeindevertretungskörper eine Vertrauensadresse an Meiser229 und stimmte der Ulmer Erklärung zu.230

Holz’ Hetzartikel mit der Schlagzeile „Fort mit Landesbischof Meiser!“, der in der evangelischen Bevölkerung landesweite Proteste ausgelöste, führte auch in Augsburg zu heftigem Widerspruch. Am 16. September 1934 wurde in allen Augsburger Kirchen eine Kanzelabkündigung gegen die Verleumdung Meisers verlesen. Nachmittags predigte der Landesbischof in der Augsburger Barfüßerkirche und wenig später wegen des großen Andrangs in der St. Annakirche.231 Nach den Gottesdiensten versammelten sich Tausende vor den beiden Kirchen und stimmten Choräle an. Landesbischof Meiser sprach auf nachdrückliches Bitten der Augsburger Gesamtgemeinde hin von einem Fenster im ersten Stock des Annahofes zu den Versammelten über das Anliegen der Bekennenden Kirche. Anschließend wurden wieder Choräle sowie das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied gesungen. Zahlreichen Gemeindegliedern standen Tränen in den Augen.232

Am 19. September fanden in allen Augsburger Kirchen erstmals Bittgottesdienste zur kirchlichen Lage statt, die von nun an regelmäßig abgehalten wurden.233 Die Regierung von Schwaben vermerkte in ihren Berichten über die kirchliche Lage, dass „in Predigt-, Bitt- und Bekenntnisgottesdiensten Geistliche eine zum Teil scharfe Sprache gegen den Reichsbischof und Reichskirchenregierung, versteckt wohl auch gegen die Reichsregierung“ führten.234 Über die führenden Geistlichen der Stadt sowie die Evangelische Pressestelle Augsburg? verhängte die Gestapo Postüberwachung.235 Die Schriftstücke, vor allem an den Landeskirchenrat in München oder das Landesjugendpfarramt in Nürnberg wurden dann im Kurierdienst befördert.236

Kampf gegen die Eingliederungspolitik

Um die Mittagszeit des 11. Oktober 1934 erfolgte der gewaltsame Schlag gegen die bayerische Landeskirche. Rechtswalter August Jäger besetzte mit Gestapo-Leuten den Landeskirchenrat und erklärte Landesbischof Hans Meiser für abgesetzt. Dieser jedoch befand sich auf der Rückfahrt einer Predigtrundreise durch Bayern im Zug von Rothenburg nach München. Da geplant war, im Falle einer Eingliederung, einen Gottesdienst in der Münchner Matthäuskirche zu feiern, musste der Bischof aus dem Zug geholt werden, da er sonst am München sofort verhaftet worden wäre. Eduard Putz, Meisers persönlicher Adjutant, begab sich in den Abendstunden nach Augsburg und holte mit Unterstützung der Augsburger Familie Geßwein den Bischof am Bahnhof Augsburg-Oberhausen aus dem Zug.237 In einem geliehenen Auto wurde Meiser dann auf Umwegen, hinter den eigentlichen Rücksitzen auf einem Notsitz versteckt, vor ihm Werner Sylge mit seiner Verlobten Gerda Geßwein, vor die Matthäuskirche gefahren, wo ein eindrucksvoller Bekenntnisgottesdienst gefeiert wurde. Nach der Predigt wurde Meiser unter Hausarrest gestellt.238

Der Protest gegen diese Gewaltaktion setzte unmittelbar ein und trug die Züge einer Volksbewegung. Aus allen Teilen Bayerns bekundeten Delegationen ihre Verbundenheit mit dem Landesbischof; Ministerpräsident Ludwig Siebert und Reichsstatthalter Ritter Franz von Epp wurden mit Protestschreiben überhäuft. Die Protestflut erreichte auch Berlin, wo ebenso wie in München die Einsicht wuchs, einen taktischen Fehler begangen zu haben.239 „Der weitaus überwiegende Teil des Kirchenvolkes steht auf der Seite des Landesbischofs, sieht in dem Vorgehen der Reichskirchenregierung einen Eingriff in die kirchenverfassungsrechtlich gewährleistete Selbständigkeit der bayerischen Landeskirche in ihrem Bekenntnis und missbilligt die Einmischung von staatlichen Polizeiorganen und Parteistellen in eine angeblich rein kirchliche Angelegenheit“, notierte die Regierung von Schwaben in ihren Monatsberichten.240

In Augsburg fanden noch am Abend des 11. Oktober 1934 in allen evangelischen Kirchen Bittgottesdienste statt, während derer die Gemeinden über die Geschehnisse in München aufgeklärt wurden.241 Helmut Kern? und dessen Vikar in der Gögginger Pfarrei, Peter Stoll, initiierten mit dem Kirchenvorstand sowie den Besucherinnen und Besuchern eines solchen Gottesdienstes in Göggingen ein schriftliches Treuebekenntnis für den Landesbischof, das an Ministerpräsident Siebert geschickt wurde. Ein ähnliche Schreiben gingen auch von Friedrich Westermayers Pfarrei St. Matthäus in Hochzoll aus. Augsburg erwies sich in den turbulenten Wochen bis zur Wiederherstellung der bayerischen Landeskirche als sicherer Stützpunkt Meisers.242 Vikar Peter Stoll brachte seine Sonntagspredigt am 14. Oktober 1934 sogar zwei Wochen Schutzhaft im Gefängnis Am Katzenstadel ein (inhaftiert vom 20. Oktober bis 2. November 1934). Grund der Verhaftung: „Staatsfeindliches Verhalten“. Ein Gemeindeglied hatte ihn bei der Augsburger Gestapo wegen staatsfeindlicher Äußerungen während seiner Predigt denunziert. Ohne vorherige Untersuchung wurde er ins Gefängnis verbracht.243 Stoll schrieb aus seiner Zelle an den Augsburger Pfarrkonvent, er könne seine Inschutzhaftnahme nicht verstehen, da er auf dem Boden des Nationalsozialismus stehe. 1928 war er in die NSDAP eingetreten, gründete in Nürnberg eine der ersten DC-Gruppen Bayerns, trat jedoch nach Hitlers Machtübernahme aus Protest aus der Partei aus.244 Seine Verurteilung der Spaltung der Landeskirche in zwei Gebiete unter der Leitung geistlicher Kommissare während der Sonntagspredigt waren ihm schließlich zum Verhängnis geworden. Der Augsburger Pfarrkonvent stand geschlossen hinter Stoll, der schließlich wieder entlassen wurde. Ebenso protestierten 13 führende Männer der Augsburger Wirtschaft bei Siebert, darunter die Fabrikanten Hans Kleindienst?, Robert Eisenmeier?, Erich Frommel?, Theodor Wiedemann? und Hans Deuter? gegen den Einbruch in die Landeskirche und Meisers Absetzung.245

Nach der Wiederherstellung der bayerischen Landeskirche am 1. November 1934 gingen die Bittgottesdienste weiter, obwohl man erfolgreich Reichsbischof Müllers Eingliederungsbestrebungen vereitelt hatte. Die Augsburger Pfarrerschaft war sich jedoch bewusst, dass die Gefahr staatlicher Eingriffe in die Kirche nicht vorbei war und dass neue Schläge folgen würden. Als sichtbares Zeichen der Abwehr und der Augsburger Beteiligung daran wurde am 9. November in Gersthofen bei Augsburg der Grundstein für die künftige Bekenntniskirche gelegt, den ein Bild Meisers zierte.246

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228 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 24.
229 Hetzer: Kulturkampf; S. 101.
230 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 24.
231 ebd.; S. 33.
232 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 39 vom 23. September 1934; Archiv St. Anna.
233 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 34.
234 Monatsbericht der Regierung von Schwaben vom 6. Oktober 1934; in: Witetschek: Kirchliche Lage; S. 38.
235 Hetzer: Kulturkampf; S. 104.
236 Gespräch Häußlein.
237 Putz/Tratz: Bischof.
238 Hochschorner: Widerstand der Protestanten; S. 20.
239 Hetzer: Kulturkampf; S. 105.
240 Monatsbericht der Regierung von Schwaben vom 7. November 1934; in: Witetschek: Kirchliche Lage; S. 34f.
241 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 36.
242 Hetzer: Kulturkampf; S. 105f.
243 Schreiben des Konvents der Evangelisch-Lutherischen Geistlichen der Stadt Augsburg an die Bayerische Politische Polizei München vom 10. November 1934; Archiv St. Anna.
244 Schreiben Peter Stolls an den Konvent der Evangelisch-Lutherischen Geistlichen der Stadt Augsburg vom 23. Oktober 1934; Archiv St. Anna.
245 Hetzer: Kulturkampf; S. 106.
246 ebd.; S. 108.


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