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Deutsche Christen in Augsburg

Die Glaubensbewegung Deutsche Christen konnte sich in Augsburg nie richtig festsetzen. Ein Grund hierfür war die Geschlossenheit der bayerischen Landeskirche, hinter der der Augsburger Pfarrkonvent mit unerschütterlicher Treue stand, aber auch der „Minderheitenprotestantismus“ - die evangelische Bevölkerung bildete nur etwa 19 % der Gesamtbevölkerung der Stadt176 - spielte eine Rolle. Man empfand die DC als Splitterbewegung, die die Stellung der evangelisch-lutherischen Konfession inmitten eines katholischen Umfeldes schwächte.177 Dennoch gab es auch in Augsburg und Schwaben Deutsche Christen, es kam zu Ortsgruppengründungen, Abhalten eigener Konfirmationen und einer wachsenden Zahl deutschchristlich gesinnter Mitglieder in den Kirchenvorständen. Nie jedoch konnten die DC in Augsburg eine Gemeinde komplett besetzen oder gar eine Kirche übernehmen.178

Erste Regungen der Deutschen Christen in Augsburg

Durch die Kirchenvorstandswahlen am 23. Juli 1933 zogen auch in Augsburg die ersten Deutschen Christen in die kirchlichen Vertretungskörper ein. Zwar hatten sie auf die Aufstellung eigener Listen verzichtet und wegen des Zeitdrucks hauptsächlich kirchlich interessierte NS-Mitglieder zur Kandidatur aufgestellt179, erzielten jedoch das Ergebnis, dass in alle Kirchenvorstände der Stadt DC einzogen. Personell am stärksten betroffen waren davon die Gemeinden Sankt Anna und Sankt Ulrich.180 In Sankt Ulrich kam es auch zu Wahlbeeinflussung; Handzettel mit Parteistempel der NSDAP wurden zur Unterstützung der DC-Bewegung verteilt.181 Pfarrer Heinrich Schmid? drohte man, er werde doch einmal nach Dachau gebracht.182

Im Laufe des Sommers 1933 kam es dann in ganz Schwaben unter der Leitung von Heinrich Schulz?, zweiter Pfarrer am Augsburger Diakonissenhaus? und ab August 1933 Gauobmann der schwäbischen DC, zur Bildung einzelner deutschchristlicher Stützpunkte.183 In Augsburg traten die DC erstmals am 18. September in der Goldschmiedekapelle in St. Anna zusammen, darunter der pensionierte Pfarrer Otto Arnold (früher Haunstetten), Pfarrer Heinrich Schulz? (Diakonissenhaus?) und Pfarrer Johannes Schmidt (Vereinsgeistlicher für die Innere Mission in Augsburg).184

Am 9. Oktober gründeten sie eine Ortsgruppe unter der Leitung von Heinrich Schulz185 und traten mit einem stark besuchten Informationsabend im Evangelischen Vereinshaus an die Öffentlichkeit.186 Nach wenigen Wochen schlief die Augsburger Gruppe jedoch wieder ein, da sie, bedingt durch den Eklat bei der Sportpalastkundgebung, in den Gemeinden der Stadt auf allgemeine Ablehnung gestoßen war.187

Vorläufiges Ende der Augsburger Deutschen Christen

Die Sportpalastkundgebung der Glaubensbewegung Deutsche Christen am 13. November 1933 in Berlin bildete einen Wendepunkt in der Geschichte sämtlicher DC-Gruppierungen. Viele Mitglieder sprangen nach diesem Ereignis von der Bewegung ab. Darüber hinaus wurde auch den Vertretern der Landeskirchen, die um der Einheit der Kirche willen zu Kompromissen bereit gewesen waren, bewusst, dass die DC-Bewegung nicht mehr auf dem Boden des evangelischen Bekenntnisses stand.188 In Augsburg kam es nach der Berliner Kundgebung, auf der Reinhold Krause, Gauobmann der Berliner DC, die Befreiung vom Alten Testament sowie die Einführung des „Arierparagraphen“ in der Evangelischen Kirche gefordert hatte, anlässlich einer Feier zum 450. Geburtstag Martin Luthers im Ludwigsbau zu einer gewaltigen Gegenkundgebung.189 Da das Gebäude mit seinen 2.000 Plätzen schnell überfüllt war, hielt man eine Parallelveranstaltung mit weiteren 2.000 Menschen in der Ulrichskirche ab. Pfarrer Helmut Kern? aus Göggingen, zu der Zeit Sonderbeauftragter des Landeskirchenrates für Volksmission und Landgerichtsdirektor Theodor Doerfler?, Mitglied der Nationalsynode der Deutschen Evangelischen Kirche, wandten sich gegen die in Berlin geforderte Einführung des „Arierparagraphen“ in die Kirche und die Befreiung der Glaubenslehre von allem Jüdischen.190

Als Folge der Sportpalastkundgebung traten die bayerischen DC aus der Reichsbewegung unter Joachim Hossenfelder aus191 und am 8. Dezember löste der bayerische Landesleiter Hans Greifenstein die Gruppierung auf.192 Betroffen davon war auch die Augsburger Ortsgruppe, deren Aktivitäten bereits vor dem Berliner Eklat eingeschlafen waren.193

Zwar protestierten am 3. April 1934 noch 27 ehemalige Mitglieder der aufgelösten Augsburger DC-Gruppe schriftlich beim Dekanat gegen die Augsburger Bekenntnisgottesdienste, doch die gescheiterte Eingliederungsaktion der bayerischen Landeskirche durch Reichsbischof Ludwig Müller und seinen Rechtswalter August Jäger bedeutete einen erneuten Schlag gegen die bayerische und die Augsburger DC.194

Um Augsburg, das sich in den Tagen der gewaltsamen Besetzung des Landeskirchenrates als feste Bastion hinter Landesbischof Hans Meiser erwiesen hatte, nicht ganz den Bekenntnistreuen zu überlassen, kam es am 31. Oktober 1934 zu einer tumultartig verlaufenden DC-Veranstaltung mit Pfarrer Karl Will? (ehemaliger Hilfsgeistlicher bei Sankt Anna) und Pfarrer Hans Gollwitzer? („geistlicher Kommissar“ für Altbayern und Schwaben) im Saalbau Herrle am Eserwall?. Bereits vor Beginn der Veranstaltung, die auch von vielen Anhängerinnen und Anhängern Meisers besucht wurde, war die Atmosphäre so aufgeladen, dass Will örtliche NSDAP-Mitglieder zur Unterstützung heranzog. Während seiner Eröffnungsansprache kam es zu Zwischenrufen durch Bekenntnistreue, die schließlich in einen erregten Wortwechsel und ein Handgemenge mündeten.195 Pfarrer Heinrich Schmid? von St. Ulrich versuchte vergeblich, während der Veranstaltung das Wort zu ergreifen, wurde aber von NS-Ordnungskräften grob abgedrängt und am Reden gehindert.196

Erneutes Aufflackern der Augsburger Deutschen Christen

Die Wiederherstellung des landeskirchlichen Regiments in Bayern führte auch in Schwaben gegen Ende des Jahres 1934 zum Aufbau neuer DC-Gruppen als Gegenbewegung zu Meisers Kirchenregiment, wovon in Augsburg vor allem der Pfarrsprengel von St. Ulrich betroffen war. Neuer Ortsgruppenleiter der Augsburger DC wurde der Dentist Karl Max Engel?. Der im Ruhestand im Stadtteil Spickel lebende Pfarrer Otto Arnold? übernahm künftig alle seelsorgerlichen Dienste der Bewegung. Im November 1934 verlangte er vom Dekanat die Zuteilung eines kirchlichen Raumes, etwa die Goldschmiedekapelle bei Sankt Anna oder die Sakristei bei den Barfüßern. Die Kirchenvorstände beider Gemeinden lehnten dieses Ansinnen einstimmig ab. Schließlich wichen die Augsburger DC auf das NS-Frauenschaftsheim in der Schießgrabenstraße aus, wobei sie Unterstützung von der Gaufrauenschaftsleiterin Magda Donner?, Ehefrau des NSDAP-Ortsgruppenleiters des Bahnhofs- und Stadtjägerviertels?, und der NS-Frauenschaftskreisamtsleiterin Frieda Freund? erhielten. Bis zum Sommer 1936 hielten sie sich im Frauenschaftsheim, dann versammelten sie sich im städtischen Börsensaal und hielten dort ihre Gottesdienste ab.197

Insgesamt hatten die DC im Regierungsbezirk Schwaben fünf Ortsgruppen: in Augsburg, Lindau, Sonthofen?, Memmingen und Nördlingen?.198

Die Situation war in dieser Zeit in Augsburg sehr aufgeladen. Vor allem gegen die Augsburger Bekenntnisgemeinschaft, die ab 1935 gegründet wurde und der sich in kürzester Zeit viele Protestantinnen und Protestanten anschlossen, agitierten die DC heftig.199 Auf ihren Veranstaltungen, die immer auch von bekenntnistreuem Publikum besucht wurden, stellte sich ein zunehmend rauherer Ton ein. Als „Geldsackpfarrer“, deren Lehrmeister der Teufel sei, wurden Bekenntnispfarrer auf einer Augsburger DC-Versammlung am 4. Mai 1935 im Stockhauskeller? betitelt. Meiser sei vor allem aus Machtgründen, nicht wegen des Bekenntnisses, sowohl gegen die Volks-, als auch gegen die Kircheneinheit.200

Am 15. Juni 1935 kam es auf einer DC-Versammlung mit Oberkirchenrat Walter Grundmann aus Dresden im Saalbau Herrle mit 3.000 Anwesenden zu einem Eklat, als auf der vermeintlich öffentlichen Veranstaltung nur Deutschen Christen oder SA- und NSDAP-Mitgliedern das Rederecht gewährt wurde. Pfarrer Heinrich Schmid? von St. Ulrich sprang schließlich auf das Podium und rief den bekenntnistreuen Christinnen und Christen zu, sie hätten hier nichts mehr zu suchen, worauf alle in einer eindrucksvollen Prozession über den Kitzenmarkt zur evangelischen Ulrichskirche zogen, um dort einen Gottesdienst zu feiern.201

Am 7. November 1935 erschien eine Augsburger DC-Abordnung, geführt vom Gruppenleiter Engel, beim Landeskirchenrat in München und forderte die Überlassung der St. Annakirche und die Besetzung der zweiten Pfarrstelle mit einem DC-Geistlichen. Nachdem der Forderung nicht stattgegeben wurde, versuchten es die Augsburger DC zwei Tage später bei Reichskirchenminister Kerrl.202 Auch Pfarrer Wilhelm Bogner?, zu dieser Zeit erster Pfarrer bei Sankt Anna, zeigte sich angesichts des DC-Begehrens nicht konzessionsbereit. So verwies Kerrl auf die nach dem Tod von Hans Detzer ohnehin neu zu besetzende Pfarrstelle der Barfüßerkirche.203 „Die Barfüßerkirche in Augsburg gehört bereits uns“, frohlockte Engel am 25. Januar 1936 auf einer DC-Veranstaltung im Gasthof Prügelbräu? in der Langen Gasse und forderte, „dass die jetzt jeweils freiwerdenden Pfarrstellen an Orten, wo DC-Gruppen vorhanden sind, von DC-Pfarrern besetzt werden. Wo keine Stelle frei ist, ist eine freizumachen.“204 Die Augsburger DC hatten sich jedoch zu früh gefreut; der Kirchenvorstand der Barfüßergemeinde votierte am nächsten Tag einstimmig für Karl Behringer?, einen überzeugten Bekenntnispfarrer.205

Die erste DC-Konfirmation in Augsburg, die Pfarrer Karl Hennersdorf aus Günzburg zehn Jugendlichen spendete, fand am 22. März 1936 im NS-Frauenschaftsheim statt.206

Der Weg in die Bedeutungslosigkeit

Im Laufe des Jahres 1936 häuften sich in der Augsburger DC-Gruppe die Austritte. Die gescheiterten Kirchenwahlen im Sommer 1937 trugen verstärkt zu einer Schwächung der Bewegung bei. Auch zwei Auftritte des Reichsbischof Ludwig Müller im Juni 1937 und im Mai 1938 im Ludwigsbau hielten den Untergang der Augsburger DC nicht auf, obgleich ein reger Zustrom Interessierter zu verzeichnen war. Dies waren jedoch die letzten Aktionen der Augsburger DC, die ein breiteres Publikum anzogen. Ein Gottesdienst mit Müller am 28. Februar 1943 lockte nur noch eingeschworene DC-Sympathisantinnen und Sympathisanten in den Börsensaal.207

Anfang 1939 schlossen sich die schwäbischen DC-Gruppen der thüringischen Landeskirche an, die bereits mehrfach DC-Geistliche für seelsorgerliche Dienste nach Augsburg entsandt hatte, so etwa Pfarrer Günther Minia und Alexander Hottejan. Damit verloren sie endgültig jegliche Bedeutung.208

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176 Schreiben des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrates München an die Regierung von Schwaben und Neuburg vom 3. Februar 1938; Archiv Schlier.
177 Hetzer: Kulturkampf; S. 93.
178 Persönliches Gespräch mit Magda Häußlein am 3. Juni 1996 in Augsburg (= Gespräch Häußlein).
179 Hetzer: Kulturkampf; S. 96f.
180 Neue Nationalzeitung; Nr. 169 vom 24. Juli 1933; Staatsbibliothek.
181 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 8.
182 Schreiben des Evangelisch-Lutherischen Pfarramtes St. Ulrich an das Evangelisch-Lutherische Dekanat Augsburg vom 21. November 1935; Archiv St. Anna.
183 Hetzer: Kulturkampf; S. 97.
184 Schiller: Kirchliche Wirren: S. 10.
185 ebd.; S. 11.
186 Hetzer: Kulturkampf; S. 98.
187 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 11.
188 Halbmonatsbericht der Regierung von Schwaben vom 6. Dezember 1933; in: Witetschek, Helmut: Die kirchliche Lage in Bayern nach den Regierungspräsidentenberichten 1933-1943 Bd. 3: Regierungsbezirk Schwaben. Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern. Reihe A: Quellen. Bd. 14; Mainz; 1971 (= Witetschek: Kirchliche Lage); S. 11.
189 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 13. 190 Kundgebung der Evangelisch-Lutherischen Gesamtgemeinde Augsburg vom 22. November 1933; Archiv Schlier.
191 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 14.
192 Hetzer: Kulturkampf; S. 99.
193 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 11.
194 Hetzer: Kulturkampf; S. 100.
195 ebd.; S. 107f.
196 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 40.
197 Hetzer: Kulturkampf; S. 124f.
198 Monatsbericht der Regierung von Schwaben vom 7. April 1935; in: Witetschek: Kirchliche Lage; S. 58.
199 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 52.
200 Baier: DC Bayerns; S. 461f.
201 Hochschorner, Bianca: Widerstand der Protestanten gegen den Nationalsozialismus in Augsburg. Facharbeit aus der Geschichte für das Maria-Theresia-Gymnasium Augsburg; Augsburg; 1983; Archiv Bogner (= Hochschorner: Widerstand der Protestanten); S. 18f.
202 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 56.
203 Hetzer: Kulturkampf; S. 126.
204 Bericht über eine DC-Versammlung am 25. Januar 1936 im Prügelbräu Augsburg; Archiv Schlier.
205 Hetzer: Kulturkampf; S. 126f.
206 Neue Nationalzeitung; Nr. 69 vom 21. März 1936; Staatsbibliothek.
207 Hetzer: Kulturkampf; S. 128f.
208 ebd.; S. 127ff.


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