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Das Schlachtgeschehen auf dem Lechfeld

Der Morgen des 10. August 955

Aufstellung des ottonischen Heeres

„Mit der ersten Dämmerung brachen Ottos Ritter auf. Mit ihren Fahnen und Feldzeichen ritten sie aus dem Lager los. Der König wählte die Fahne mit dem Bild des siegreichen Erzengels Michael gegen den Teufel in Drachengestalt. Dieses zusammengewürfelte Heer bestand aus acht Abteilungen. Zuerst benutzten sie für ihren Aufmarsch zum Lechfeld das hügelige Gelände voller Büsche und Bäume am höher gelegenen Rand der Ebene, damit sie der anwesende Feind nicht sehen konnte, der sie sofort mit Pfeilen beschossen hätte.“ So spannend berichten die Chronisten vom Beginn des Schlachttages.

Ritter
Ritterheer; von Peter of Eboli im 12. Jahrhundert [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Die Ungarn hatten ein Lager bei Gunzenlee?. Sicher setzten sie Späher ein. Außerdem hatte sie Arnulfs Sohn über die Ankunft von Otto I. und seinen Verbündeten informiert. Möglicherweise hatten sich die bayerischen Rebellen gegen Otto mit den Ungarn verbündet, um ihn zu stürzen und ihr Herzogtum wieder zu übernehmen. Allerdings waren Bayern auch in Ottos Heer vertreten.

  • Die ersten drei Abteilungen seines Heers stellten die dem König ergebenen Bayern unter Führung des Grafen Eberhard von Ebersberg?. Herzog Heinrich, Ottos Bruder, war zum Zeitpunkt der Schlacht krank und konnte nicht an der Seite seines Bruders kämpfen. Das ist einem Schreiben seiner Frau an Otto I. zu entnehmen. Eine alte Kriegswunde hielt ihn im Krankenbett fest.
  • Die vierte Abteilung bildeten Franken?, die von Konrad dem Roten angeführt wurden. Dieser durfte sich nach dem Aufstand gegen seinen König im Kampf gegen die Ungarn bewähren. Liudolf?, der rebellierende Sohn, der sein schwäbisches Herzogtum? nach dem erfolglosen Aufstand gegen seinen Vater abtreten musste, bekam diese Chance nicht.
  • Otto I. kommandierte die fünfte und stärkste Abteilung, bestehend aus tausenden bewährten auserlesenen und mutigen jungen Streitern. „Vor ihm der Engel des Sieges, durch einen dichten Haufen gedeckt.“ Dieser Teil des Heeres trug den Namen Legio Regia, es war das unmittelbare Gefolge des Königs, vornehmlich sächsische und fränkische Ritter mit Sankt-Michaels-Banner und Heiliger Lanze.
  • Herzog Burchard aus Schwaben, der Liudolf? als Herrscher abgelöst hatte, stellte mit seinen Kriegern die sechste und siebte Abteilung.
  • In der achten kämpften Ritter aus Böhmen, die mit mehr Rüstung als Glück ausgestattet waren. Sie ritten hinten und bei ihnen befand sich der Tross mit der gesamten Ausrüstung.

So schilderte der Augsburger Kaplan und Historiker Gerhard von Augsburg? die Kampfaufstellung der Truppen König Otto I.. Bevor die ottonischen Krieger in den Kampf zogen, versicherten sie sich in einer Heerfriedenszeremonie ihrer gegenseitigen Treue.

Aufstellung und Waffen der Ungarn

Die Ungarn beschreibt Gerhard von Augsburg? so: „Sie hatten braungelbe, wilde Gesichtszüge, tief liegende Augen und ihr Haar war bis auf drei Zöpfe abgeschoren. Ihre heisere Stimme machte ihre Sprache noch unverständlicher. Kleine Männer mit schwarzen Haaren und sehnigen Körpern, diszipliniert und kriegerisch geschult. Ihre Toten verbrannten sie. Ihre Waffen waren nicht schön, aber zweckmäßig. Ihre Hauptwaffe war ein Bogen aus Horn, mit dem sie ihre langen, mit eisernen Spitzen besetzten Pfeile verschossen. Eine wichtige Waffe war ihr Wurfspieß mit eiserner Klinge. Unter dieser befand sich ein kleines Fähnchen, angeblich um die Pferde des Gegners scheu zu machen. Nur wenige Ungarn besaßen ein Schwert. Sie kämpften lieber mit ihren Fokoschen, das sind spitze oder stumpfe Streithämmer. Sie schützten sich durch einen Lederhelm. Nacken und Leib wurden durch einen Schuppenharnisch geschützt.“ Diese Harnischart engte die Bewegungen des Körpers nicht ein und konnte sich den Kampfhandlungen besser anpassen als ein fester Eisenpanzer. „Ihre Fürsten trugen einen Plattenharnisch. Ihre Beine waren von unten bis ans Knie durch Lederstiefel geschützt.“

Um die Reiterhorden der Magyaren furchterregend darzustellen, beschrieben Chronisten deren Verhalten in dieser Weise: "Als die Ungarn das Blut der geschlachteten Tiere getrunken hatten, nahmen sie sich die abgeschnittenen Schulterstücke und die übrigen Teile der Schlachttiere halb roh vor, die sie ohne Messer, mit den Zähnen zerfleischend, verschlangen. Dann bewarfen sie sich zum Scherz mit den abgenagten Knochen. Nachdem sie aber durch den ungemischten Wein warm geworden waren, schrien sie alle in entsetzlicher Weise zu ihren Göttern. Einen Priester, den sie als Gefangenen mitschleppten, zwangen sie das gleiche zu tun."

Feszty Árpád- A Bánhidai Csata
Eine Schlacht der Ungarn im 10. Jahrhundert; von Feszty Árpád- A Bánhidai Csata [Public domain], via Wikimedia Commons

Wie unkritisch dieses Ungarnbild noch heute übernommen wird, zeigt ein Heimatbuch aus dem Markt Mering am Lech. Darin ist zu lesen: "Die Ungarn hatten sich in zügellosen Horden von Osten herangewälzt. Flammen und Blut zeichneten ihre Bahn. Schrecken und Furcht waren ihre Vorboten. Entsetzliche Rohheit, Plünderung und Gewalttat ihre Begleiter. Not, Elend, Schutt und Asche ihre Nachhut. Zum Sturm auf Augsburg schlug ihr Führer das Lager auf dem rechten Ufer des Lechs auf. Beim `Hügel am Wasser´. In wilder Gier durchschwammen dann die Ungarn den Strom und stürzten sich auf die Deutschen. Da sprengte der Eidam des Kaisers, der kühne Konrad, mit seinen Franken hervor. Er rettete durch seinen Todesmut dem König Leben und Sieg. Zum Ruhme des Helden und seiner Ehre türmten die Seinen eine gewaltige Höhe auf, den Konradshügel, den wir heute Gunzenlee? nennen, der Nachwelt zum steten Gedenken."

Überfall der Ungarn und Gegenstoß

Möglich, dass sich das ottonische Heer durch den Rauen Forst?, westlich von Augsburg, den Ungarn näherte. Allerdings mussten die Ungarn davon erfahren haben, jedenfalls schafften es die ungarischen Kämpfer den ottonischen Heerzug zu umgehen und von hinten aufzurollen. Sie schlugen die Böhmen und Schwaben in die Flucht und eroberten den Tross. Danach begingen die Ungarn einen schwerwiegenden Fehler: Sie gingen nach ihrem Erfolg zum Plündern über. Deshal konnte Konrad der Rote mit den jungen Kriegern aus dem fünften Haufen seinerseits die Ungarn zurückschlagen.

"Der deutsche Gegenstoß zertrümmerte auf dem schwäbischen Lechfeld, wohl etwa in der Gegend des heutigen Königsbrunn, nach verlustreichem Ringen die ungarische Front", schreibt der Augsburg-Historiker Wolfgang Zorn?. Viel kämpferischer schildert ein anderer Schriftsteller das Geschehen. Wie ein Kriegsberichterstatter, der das blutige Geschehen hautnah erlebte: "Die Ungarn warteten in ihrer Siegesgewissheit den gegnerischen Kampfbeginn nicht ab, sondern umschwärmten in den frühen Morgenstunden die geschlossene Schlachtordnung der Deutschen, um, wie sich bald zeigte, einen wohlgeplanten Zangenangriff einzuleiten. Ihre Krieger waren mit großem Geheul und unter einem ständigen Pfeilregen im Flankensturm in die Wagenburg eingebrochen."

Der Entscheidungskampf

Schlechte Ausgangssituation der Verteidiger

Auch Otto I. Kampfeinsatz schildert dieser Autor: "Jetzt ergriff König Otto seinen Schild und rückte mit dem Hauptteil seines Heeres zum Entscheidungskampf vor. Mit vorgehaltenen Schildern, dicht geschart, von Mut und Glauben beseelt, brachen die deutschen Kämpfer in die Reihen der Feinde. Mit ungeheuerer Wucht durchbrachen sie damit die Wand des Schreckens, die der Mongolenflut stets voranstand; mit geradezu fanatischem Kampfeswillen schäumte im schnellen Kampfverlauf der unerschrockene Heerbann gegen die Brandung der struppigen Ungarnpferde und ihrer schlitzäugigen Reiter." Diese Schilderung zeigt die asiatisch wirkenden Ungarn als Mongolen, als den früher gefürchteten Feind aus dem Osten.

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Schlacht auf dem Lechfeld; Darstellung 13. Jahrhundern von Anonym [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Die heiße Kampfphase gegen die Reiter aus dem Osten begann am 10. August 955 nicht günstig für Ottos Krieger. Wie dargelegt: Die Ungarn überfielen die Nachhut mit dem Tross. Konrad der Rote konnte zwar mit seinen Leuten den Ungarn die Beute entreißen, aber der erste große Zusammenprall der beiden Heere auf dem flachen Lechfeld zwischen Lech und Wertach ging für die Verteidiger schlecht aus. Wahrscheinlich verrieten ungarische Späher ihren Führern, dass die Verbündeten ihren Tross schwach schützten.

Auf dem Lechfeld, einer Kies- und Schotterebene im Voralpenland?, in Jahrtausenden glatt gehobelt von Flüssen aus den Alpen, die vom Süden in den Norden flossen, war schon zuvor viel Blut vergossen worden. Lech und Wertach vereinigen sich hinter Augsburg, das auf einer Anhebung liegt, und strömen gemeinsam als Lech rund 40 Kilometer entfernt in die Donau?, die vom Westen in den Osten durch ungarisches Gebiet fließt. Auf dieser Ebene verlief einst die Römerstraße Via Claudia Augusta von Augsburg aus in den Süden über die hohen Berge der Alpen nach Rom. Schon damals sammelten sich auf dem Lechfeld Truppen zum Kampf.

Waffen der ottonischen Streiter

Über die Waffen der Ritter von König Otto I. erfahren wir aus alten Schriften:

"Ursprünglich bestand die Hauptkampfkraft der germanischen Heere aus Fußvolk. Die Reiter waren nicht zahlreich. Die Zucht der Pferde erforderte viel Aufwand. Die immer größer werdenden Entfernungen zwischen den verschiedenen Kriegsschauplätzen zwangen jedoch die Krieger aufs Pferd. Seit der Zeit der Karolinger nahmen die berittenen Männer mit Waffen zu. Zur Zeit der Ungarneinfälle waren sie mit Schwert und Lanze bewaffnet.

Das Schwert war fünfundsiebzig bis hundert Zentimeter lang, zweischneidig und vorne abgerundet und damit eine Hiebwaffe. Es wurde an der linken Seite getragen und mit der Rechten geführt, wobei zum Hieb sehr weit ausgeholt werden müsste. Besonders die Sachsen waren berühmte Schwertkämpfer. Rechts trug der Ritter einen spitzen einschneidigen Dolch.

Lechfeld1457
The Battle of Lechfeld on an illustration in Sigmund Meisterlin' codex about the history of Nuremberg (1457) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Lanze bestand aus Schaft und Klinge. Ersterer war aus Eschen- oder Eibenholz zylinderförmig gefertigt. Manchmal war der Schaft glatt, bemalt mit den Wappenfarben. Hie und da aber war er noch mit der natürlichen Rinde umgeben. Die eiserne Klinge an der Spitze der Lanze war um die achtzehn Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. Sie war immer zweischneidig und entweder dolchartig oder blattförmig, nicht selten mit einer Inschrift versehen. Die gesamte Länge der Lanze konnte bis zu zweieinhalb Meter betragen. Sie war zum Stoß bestimmt, also eine Nahkampfwaffe, wurde aber auch zum Wurf gebraucht.

Die wichtigste Schutzwaffe war der Rundschild. Er bestand aus Holz, verstärkt durch eiserne Spangen, überzogen mit bemaltem Leder."

Otto I. riet aufgrund der Erfahrungen aus Kämpfen mit den Ungarn seinen Waffentechnikern, die Krieger mit eisernen Kettenhemden auszustatten. Diese trugen sich flexibel, Körperbewegungen konnten gut ausgeführt werden und sie hielten den feindlichen Angriffen besser stand als ein Lederwams.

Verschiedene Kampfsysteme

In der Schlacht auf dem Lechfeld stießen zwei verschiedene Kampf-Systeme aufeinander: die leichter gerüstete und beweglichere Reiterei der Ungarn und die schwerer gerüstete der verbündeten Sachsen, Franken, Bayern und Schwaben. Letztere konnten eher im Block siegen, während die Ungarn in losen Verbänden agierten. Zur Taktik der Ungarn gehörte die vorgetäuschte Flucht vor dem Feind. Wenn dieser den davonreitenden Ungarn nachsetzte, drehten diese sich im Sattel um, schossen ihre Pfeile auf die Siegesgewissen ab und fielen über ihre Verfolger her. Und weil die Verfolger ihre stabile Blockformation aufgaben, konnten die Ungarn sie leicht niedermachen.

Zu Beginn des Entscheidungskampfes war der vordere Teil des ottonischen Heeres auf dem Lechfeld angelangt und stand der Hauptmacht der Magyaren gegenüber. Von dem Verlauf der eigentlichen Schlacht auf dem Lechfeld ist wenig bekannt. Berichtet wird, dass Otto I. eine aufmunternde Rede gehalten haben und als Erster vorgeprescht sein soll.

"In unserer Not müssen wir tapfer sein, meine Krieger. Mit euren rüstigen Armen und siegreichen Waffen haben wir rühmlich gekämpft und außerhalb meines Bodens und Reiches überall gesiegt. Sollen wir jetzt im eigenen Land dem Feind den Rücken zeigen? Ich weiß, sie übertreffen uns an Zahl, aber nicht an Tapferkeit, nicht an Rüstung. Denn es ist uns ja bekannt, dass viele unserer Gegner ohne Rüstung sind. Für uns der größte Trost, ohne die Hilfe Gottes. Unseren Feinden dient als Schirm nur ihre Verwegenheit. Wir haben aber die Hoffnung auf göttlichen Schutz. Schämen müssten wir uns als Herren von fast ganz Europas, wenn wir uns den Feinden ergäben. Lieber wollen wir im Kampf ruhmvoll sterben als den Feinden unterworfen zu sein in Knechtschaft oder gar wie böse Tiere am Strick zu enden. Mehr würde ich zu euch sagen, meine Krieger, wenn ich glauben würde, dass eure Tapferkeit durch Worte erhöht werden könnte. Lasst uns jetzt lieber mit dem Schwert die Verhandlung mit dem Feind beginnen ..."

Der sächsische Chronist Widukind von Corvey hält mit diesen Worten die angeblich von Otto I. gehaltene Rede zur Zeit des Tiefpunkts der Schlacht für die Verteidiger fest. Mit seinen Worten soll Otto I. die Schlacht, die für ihn und seine Verbündeten fast schon verloren schien, gewendet haben. Aus den Quellen erfahren wir, dass der Bruder Bischof Ulrichs?, Dietpald von Dillingen?, fiel. Konrad der Rote traf ein Pfeil tödlich in den Hals, als er die Bänder seines Panzers löste und Luft schöpfte. Wahrscheinlich verfolgte Otto I. eine ähnliche Taktik wie sein Vater Heinrich 933 bei Riade, um die magyarischen Reiter in Reichweite seiner Panzerreiter zu bekommen.

Anzahl der Kämpfer

Michael Echter Ungarnschlacht
Ausschnitt aus dem Gemälde "Die Ungarnschlacht auf dem Lechfeld 955" von Michael Echter (1812-1879). Das Original befindet sich in der Stiftung Maximilianeum in München. (Bender235 Deutsche Wikipedia) [Public domain], via Wikimedia Commons

Waren es 100.000 kämpfende ungarische Reiter, wie manche Chronisten berichten? Die Truppen Ottos - so die Quellen - waren rund 10.000 Mann stark. Würde die hohe Zahl der ungarischen Krieger stimmen, wäre der Sieg von Otto I. verwunderlich. Die Chronisten geben unterschiedliche Namen der ungarischen Heerführer an: Mal heißen sie Lele und Bulscu, mal Lehel und Sur.

Wer kann ein zehnfach überlegenes Heer besiegen, das kampferfahren ist? Mittelalterliche Chronisten erhöhten nachträglich die Stärke des Feindes, damit der Sieg von König Otto I.. und seinen Mannen beeindruckender wirkte. Wie groß die beiden Heere waren, kann niemand sagen. Und warum Otto I. siegte, ist ebenfalls unklar. Die Literatur vermutet, ein Sommergewitter habe die Bögen der Ungarn genässt, so dass diese ihre Spann- und damit die Pfeile ihre Durchschlagskraft verloren. Andere Historiker glauben, die neue und bessere Rüstung von Ottos Reiterei habe den Ausschlag für seinen Sieg gegeben.

Die Chroniken der Franken, Sachsen, Schwaben und Bayern zur Lechfeldschlacht stammen aus späteren Zeiten und übertrieben die Zahl der Ungarn. Heute schätzen Historiker die Zahl der ungarischen Krieger auf 10.000 bis 20.000. Sicherer als die Zahl der Krieger ist: Die Anführer der gegnerischen Heere waren kriegserfahren und kannten ihren Gegner. Wie weit das Kriegsglück für den Ausgang der Schlacht verantwortlich war, ist heute schwer zu sagen.

Flucht der Ungarn

Je länger die Feldschlacht anhielt, desto stärker kamen die Ungarn in die Defensive. Die Truppen Otto I. metzelten sie gnadenlos nieder, bis am Ende nur noch etwa 20.000 Mann übrig geblieben sein sollen. Diese flohen Richtung Augsburg und wollten auf die bayerische Seite des Lechs zu ihrem Lager gelangen. Ostfränkische Panzerreiter setzten ihnen sofort nach, weil sie glaubten, die Ungarn versuchten einen zweiten Angriff auf die Stadt. Noch am selben Tag überrannten sie das ungarische Heerlager, wenn man den Quellen glauben darf. Andere Ungarn zogen sich in umliegende Dörfer zurück. Die ottonischen Einheiten schlossen sie ein und töteten sie.

Unbarmherzige Verfolgung der Ungarn

"Die Kühneren unter den Feinden leisteten anfänglich viel Widerstand. Als sie dann aber ihre Gefährten zur Flucht sich wenden sahen, wurden sie erschreckt und, zwischen die Unsrigen geratend, niedergemacht. Von den übrigen zogen sich die einen wegen der Ermüdung ihrer Pferde in die nächsten Dörfer hinein. Hier wurden sie eingeschlossen und von Bewaffneten niedergemacht", berichtete Widukind von Corvey wie ein Kriegsreporter von der Schlacht auf dem Lechfeld.

Besonders erwähnen Chronisten in Schilderungen dieser Schlacht das Wasser der beiden Flüsse: Als die Verteidiger die Ungarn verfolgten und vernichteten, habe sich das Flusswasser rot gefärbt. König Otto stellte angeblich an den Flüssen Lech, Isar? und Inn? Posten auf. Sie hatten die Fliehenden zu töten oder gefangen zu nehmen. Die Chroniken berichten, Ungarn, die in Häuser flüchteten, seien samt den Häusern verbrannt worden. Seltsam: Ziel der Verteidigung vor den brandschatzenden Ungarn war der Schutz von Haus, Hof und Gut. Die Häuser der Bauern brannten schnell: Sie bestanden aus Holz, Stroh und Lehm; Glasfenster waren nicht zu bezahlen, die Türen verschlossen die Bewohner mit Lederbändern statt Angeln.

Der Geschichtsschreiber Otto von Freising weiß zu berichten: „Nur sieben Ungarn konnten lebendig ihre Heimat erreichen!“ Die Verbündeten konnten nach alten Aufzeichnungen das Hauptlager der Ungarn bei Gunzenlee? erobern, dort geraubte Schätze erbeuten und viele Gefangene befreien.

Die leidtragende Zivilbevölkerung

Mit ihrem Haus verloren diese Menschen ihr schützendes Dach über dem Kopf und mussten es neben ihrer harten Arbeit neu errichten. Der Kampf der Herrschenden, denen es um Macht und Reichtum ging, interessierte sie wenig. Ihre Lebensverhältnisse waren unter jedem Herrscher ähnlich. Im Mittelalter dominierte das Recht des Stärkeren. Selbst die Tatsache, dass Mädchen und Frauen der Landbevölkerung von Kriegern der Ungarn vergewaltigt wurden, war nichts Besonderes. Die Chroniken umschreiben diese Tatsache mit Worten wie "Sie taten ihnen Gewalt an". Doch die Bauern und ihre Familien waren dieses Verhalten von ihren eigenen Herren gewohnt. Auch diese vergriffen sich an ihren weiblichen Untertanen. Niemand bestrafte die Täter, denn der Grundherr war gleichzeitig der Richter seiner Untertanen. Da half nur Selbstjustiz gegen Unterdrücker.

"Die Ungarn versuchten bei ihrer Flucht durch den Lech zu kommen. Aber sie waren samt ihren Pferden schon zu ermattet und ertranken zu Tausenden in den reißenden Fluten", heißt es in einer Chronik. Das ist unglaubwürdig. Die Schlacht fand im August statt. In dieser Jahreszeit führt der Lech nicht viel Wasser und bildet Kiesinseln. Um den Lech im Sommer zu queren, braucht niemand zu schwimmen. Und ertrinken ist nahezu unmöglich.

"Als sich der 10. August 955 zur Nacht neigte, wehte die Siegesfahne der Deutschen über dem weiten, mit Leichen übersäten Schlachtfeld", ist in einem Geschichtsbuch von 1975 zu lesen.

Auf ihrer Flucht überfielen die Ungarn laut Aventinus das Kloster in Thierhaupten. Aus Wut über ihre Niederlage verbrannten die Ungarn angeblich Mönche bei lebendigem Leib. Die "Annales sancti Galli" erzählen von der Flucht und der Auslöschung des Ungarnheeres, verbunden mit einer Menschenjagd ohne Gnade. "Nach der siegreichen Schlacht zog König Otto in Augsburg ein, um hier mit Bischof Ulrich? und der erschöpften Volksmenge in Demut und Dankbarkeit dem Allmächtigen das Opfer darzubringen." So ein katholischer Autor über das Ende der Schlacht auf dem Lechfeld.

"Die deutsche Einigungssehnsucht im christlichen Glauben hatte an diesem Tag ihre sichtbare Erfüllung gefunden. Ein halbes Jahrhundert schrecklicher Verwüstungen war gesühnt und die mongolische Flut fiel in den Osten zurück. Das christliche Abendland wurde zu einer engen Lebensgemeinschaft von Staat und Kirche. Nach der Schlacht auf dem Lechfelde setzte in ganz Europa eine Ausweitung deutscher Kultur und eine Belebung wirtschaftlichen Aufbaus ein, so daß die bis dahin durch König Otto zukunftsweisende Reichspolitik ihre Erfüllung fand." In diesen Formulierungen verbinden sich deutschnationale und katholische Ansichten mit der Schlacht auf dem Lechfeld. Das war noch nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen unzähligen Toten die Haltung konservativer Kriese, die von einer siegreichen deutschen Armee im Osten träumten.

Ungarische "Beinberge"

Eresing 4
Pfarrkirche St. Ulrich (Eresing, Landkreis Landsberg am Lech, Oberbayern). Hauptfresko im Langhaus (Schlacht auf dem Lechfeld, Franz Martin Kuen, 1757) von Dark Avenger (Eigenes Werk) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Die Vita Udalrici? behauptet, die Kämpfer Ulrichs hätten die gefangenen Ungarn einen nach dem anderen erdrosselt. Einer der Kriegsverbrecher "nannte sich Hunn-Enger; der war der Ungarn Leid, Weh und Tod".

Bei dem bayerischen Ort Schrobenhausen? existiert ein "Beinberg", auf dem eine Wallfahrtskirche steht. Nach einer Legende rührt der Name "Beinberg" daher, dass eine Truppe Ungarn auf diesen Berg flüchtete. Die Schrobenhausener Bauern töteten sie bis auf den letzten Mann mit Sensen und Gabeln. Die Leichen ließen sie unbestattet liegen, bis nur noch Gebeine übrig waren.

Der Chronist Gerhard von Augsburg? hielt fest: "Der König aber verfolgte sie mit seinen Leuten, machte nieder, was er erreichen konnte und kam in später Abendstunde nach Augsburg zurück. Dort verbrachte er mit dem Bischof die Nacht und sprach ihm reichlich Trost zu wegen seines Bruders Dietpald, der in der Schlacht gefallen war. Den Sohn Dietpalds belehnte der König mit den väterlichen Grafschaften, für die treue Hilfe des Bischofs gewährte er aber in allen Stücken wohlverdiente Belohnung. Als es aber wieder Tag geworden war, suchte der König in der Verfolgung der flüchtenden Barbarenscharen wieder das Gebiet der Baiern auf ..."

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