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Cramer, Ernst

Prof. Dr. h. c. Ernst J. Cramer; Publizist aus Augsburg; Vorstandsvorsitzender der Axel-Springer-Stiftung

Leben und Wirken

Vor dem Zweiten Weltkrieg

Ernst Cramer wurde am 28. Januar 1913 in einer jüdischen Augsburger Familie geboren. Der Vater Ernst Cramers, Martin Cramer, war Kaufmann und arbeitete zunächst von Bingen aus als Weinhändler, später von Augsburg aus als Zigarrenhändler zusammen mit seiner Frau Clara, geborene Berberich. Martin Cramer war mit Bertolt Brecht bekannt und gründete mit diesem zusammen die Literarische Gesellschaft Augsburg?. Die Literarische Gesellschaft Augsburg? organisierte bis 1933 Lesungen und Vorträge deutscher und ausländischer Autoren in Augsburg. Ernst Cramer kam also in einer alteingesessenen jüdischen Familie zur Welt und verbrachte in Augsburg zunächst eine glückliche Jugend. Doch dann verarmte sein Vater während der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre. Das Geschäft musste 1929 aufgegeben werden, der Vater, der aus der Pfalz (Speyer) stammte, heuerte bei einer Wirtschaftsdetektei an und die Mutter nahm jede Arbeit an, die sie bekommen konnte. Während die Eltern auf zwei Sofas schliefen, nahmen vermietete die Familie Zimmer an Untermieter und Schlafgänger.

Das bedeutete für Ernst Cramer, dass er weder die Schule abschließen, noch seinen Traum Lehrer zu werden umsetzen konnte. Er musste Arbeit aufnehmen, um die Familie miternähren zu können. Weil seine Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten (es waren noch zwei weitere Kinder vorhanden), musste Ernst Cramer 1930 das Gymnasium verlassen und eine Kaufmannslehre im Kaufhaus Landauer? beginnen.

Im Jahr von Hitlers Machtergreifung 1933 gründet Cramer den Bund deutsch-jüdischer Jugend mit. 1934 wechselte Ernst Cramer als Angestellter in das Kaufhaus Schocken Augsburg, wo man ihm eine Auswanderung nach Südafrika antrug - mit Anstellungsgarantie in einem Johannisburger Geschäft. Doch Ernst Cramer verzichtete, weil er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, dass sich die Verhältnisse für Juden? in Deutschland und Augsburg wieder ändern würden. 1935 arbeitete Ernst Cramer zeitweise in der Nürnberer Filiale von Schocken.

Nach den Nürnberger Rassegesetzen, so erinnerte sich Ernst Cramer später, wurde er wie andere Juden auf offener Straße angespuckt, Nazis drangen in die Augsburger Wohnung seiner Eltern ein und zertrümmerten alles, darunter die geliebte Porzellansammlung der Mutter und das Cello seines Vaters.

1937 verließ Ernst Cramer Augsburg und arbeitete auf einem schlesischen Landgut (Groß-Breesen), um aus Deutschland auswandern zu können. Hier arbeitete er als Praktikant und "Hausvater".

Nach den Ausschreitungen des 9. November 1938 gegen Juden, wird auch der Jude Ernst Cramer sechs Wochen lang im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt. Noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges emigrierte er in letzter Minute in die USA. Im August 1939 schiffte sich Ernst Cramer in Southampton in den US-Dampfer „Manhattan“ ein. Sein Bruder und die Eltern, die in Deutschland blieben, werden später von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager umgebracht. Sie waren im April 1942 verschleppt worden. Nur die Schwester Helene, die noch rechtzeitig fliehen konnte, überlebte in Amerika.

Amerikanischer Staatbürger

In den USA arbeitete Cramer zunächst auf einer Flüchtlingsfarm, begann aber bald das Studium am Mississippi State College und an der Stanford University. Nachdem er amerikanischer Staatsbürger geworden war und Japan Pearl Harbor angegriffen hatte, trat Ernst Cramer 1942 in die US Army ein. 1944 war er bei der Landung der Alliierten in der Normandie dabei. Ernst Cramer wollte mithelfen, den nazistischen Ungeist aus seiner Heimat zu vertreiben. Er erhielt die Bronze Star Medal und das Croix de Guerre.

1945 gehörte Ernst Cramer zu den Befreiern Augsburgs. Erst jetzt erfuhr er, dass seine ganze Familie von den Nazis ausgerottet wurde.

Zunächst arbeitet er nach dem Krieg für die US-Militärregierung und das State Departement als Presseoffizier in Würzburg, München und in Frankfurt. In dieser Funktion engagierte er sich vor allem für die "Reeducation".

Publizismus

Ernst Cramer blieb in Deutschland. Hier lernte er Marianne Untermayer kennen, die er 1948 heiratete. Noch im gleichen Jahr wurde Ernst Cramer stellvertretender Chefredakteur der „Neuen Zeitung“ in München. Sie war eine qualitativ hochwertige deutschsprachige Zeitung, die von den Amerikanern herausgegeben wurde. Hier arbeitete er bis 1954.

Entweder reizte ihn die Karriere oder er fühlte sich Amerika verbunden, jedenfalls ging er 1954 wieder in sein Asylland zurück und arbeitete dort bei der Nachrichtenagentur „United Press (UP).

1958 kam Ernst Cramer wieder nach Deutschland zurück und trat in den Springer Verlag ein, wo er zunächst als stellvertretender Chefredakteur der WELT arbeitete. Er war über seine Arbeit bei UP mit Axel Springer bekannt geworden und der erkannte schnell, dass Cramer Mut zum Widerspruch hatte - auch ihm gegenüber, denn Axel Springer suchte nicht einen Ja-Sager an seiner Seite. In den Jahren zwischen 1964 und 1966 war er Vorsitzender der geschäftsführenden Redaktion der WELT und von 1969 bis 1971 Leiter des Verlegerbüros.

1966 wurde Ernst Cramer Bevollmächtigter für elektronische Publikationsmittel im Axel Springer Verlag und 1967 erhielt er die Gesamtprokura für Die Axel Springer Verlag GmbH Haumburg und Berlin.

1976 wurde Cramer Herausgeber der WELT und später auch der WELT AM SONNTAG. Die WELT AM SONNTAG gab er bis 1993 heraus.

1981 wurde er Vorsitzender der Axel Springer Stiftung. Diese Stellung behielt er bis 2010.

1983 bis 1985 und zwischen 1988 und 1999 war Ernst Cramer stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Axel Springer AG.

Weil er mit dem Verlagsgründer Axel Springer befreundet ist, wurde ihm die Testamentsvollstreckung Springers übertragen. 1985 starb Axel Springer und Ernst Cramer nahm sich des Testaments seines Freundes an.

2008 starb die Ehefrau Cramers. Und am 19. Januar 2010 starb der fast 97jährige Ernst Cramer in Berlin an einem Herzinfarkt aufgrund einer verschleppten Bronchialerkrankung.

Auszeichnungen

  • 1979 wird Ernst Cramer das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen.
  • 1987 bekommt Cramer den Bayerischen Verdienstorden.
  • 1988 wird er Ehrenprofessor der Stadt Berlin und „Honorary Fellow“ der Bar Ilan Universität Israel und er erhält das Große Bundesverdienstkreuz.
  • 1991 Akademischer Ehrenbürger der Universität Augsburg
  • 1994 wird er Dr. h. c. der Bar Ilan Universität Israel.
  • 2004 bekommt er den Heinz-Galinski-Preis der jüdischen Gemeinde von Berlin.
  • 2006 durfte Ernst Cramer anlässlich der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag sprechen.
  • 2008 verlieh ihm das Land Berlin seinen Verdienstorden und er wird „Honorary Fellow“ des Weizman Institutes Israel.
  • 2009 eröffnet die US-Army zu seinen Ehren ein Ernst-Cramer-Konferenzzentrum.

Sonstige Auszeichnungen:

Würdigung

Ernst Cramer hatte die menschliche Größe, sich mit dem Land seines Leidens wieder zu versöhnen und sich durch sein Leben und sein Schreiben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Juden einzusetzen. Er engagierte sich für die Aussöhnung mit Israel und für eine starke deutsche Demokratie. Als wegweisender Publizist hat er sich auch um die freie Presse in Deutschland verdient gemacht. Zahlreiche Ehrungen zeichneten ihn und sein von Frieden und Aussöhnung geprägtes Lebenswerk aus. Dabei war er kämpferisch in der Verteidigung der Menschenrechte und gnadenlos im Kampf gegen Extremisten jeder Seite.

Die Stadt Augsburg machte ihn am 24. Juli 2003 zum Ehrenbürger. Außerdem erhielt er die Akademische Ehrenbürgerschaft der Universität Augsburg. Die Stadt Berlin würdigte ihn mit der Ehrenprofessorwürde und die israelische Bar-Ilan-Universität mit der Ehrendoktorwürde.

Schicksalhaft war Ernst Cramers Begegnung mit Axel Springer: Beide hatten von Deutschland als liberale Konservative die gleiche Vision und berieten sich als Freunde. Beide verstanden sich sowohl als Unternehmer wie als Journalisten. Nah Axel Springer galt er prägendste Gestalt des Verlags.

Von Menschen, die mit ihm zu tun hatten, wurde Ernst Cramer als bescheiden und frei von Eitelkeiten oder Allüren geschildert.

Presse und Meinungen

Das Konstruktive ist seine Sache. Der Versuch, der Hoffnung Grund zu geben. Ein Heute und Morgen mitzugestalten, das besser ist, als das Gestern war. Dafür schreibt er. Dafür redet er. Dafür lebt er. (Friede Springer im Vorwort von Ernst Cramers Buch „Ich habe es erlebt“ von 2008)

Er war ein Vorbild für Versöhnung und Integrität. Menschlichkeit, Idealismus und Toleranz waren die Grundhaltungen, die Ernst Cramer prägten. Bis zuletzt hat Ernst Cramer bedeutende Denkanstöße für Politik und Gesellschaft gegeben. (Angela Merkel im Januar 2010)

Sonstiges

Nach Ernst Cramer ist nördlich des Israelitischen Friedhofs Haunstetten in Augsburg der Ernst-Cramer-Weg benannt (Hochfeld).

Nach Ernst Cramer sind einige Stipendien und Auszeichnungen benannt:

  • Ernst-Cramer-Fellowship der Internationalen Journalisten-Programme (IJP; vergibt jüngeren deutschen Journalisten seit 2003 Reise- und Arbeitsstipendien)
  • Ernst Cramer Award for Outstanding Contributions to American Jewish-German Understanding (seit 2008 vom American Jewish Committee verliehen)

Weblinks


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