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Bibliotheca Peutingeriana

eine der bedeutendsten Gelehrtenbibliotheken der Renaissance; gehörte dem Augsburger Juristen und Humanisten Konrad Peutinger, nach dem sie benannt ist

Allgemeines

Die Universalbibliothek von Konrad Peutinger verzeichnete zu dessen Todeszeitpunkt ungefähr 2.000 Bände und 250 Handschriften. Sein Ziel war das Wissen der damaligen Zeit zu sammeln. Dabei ging es ihm darum, für seine juristische Tätigkeit und Stellung als Stadtschreiber? von Augsburg eine Arbeitsbibliothek aufzubauen, die er für seine wissenschaftlichen Studien nutzen konnte.

Die gesammelten 2.000 Bände umfassten etwa 6.000 Drucke, die ungefähr 250 Handschriften etwa 2.000 verschiedene Texte. Weil die Bibliotheca Peutingeriana als Arbeitsbibliothek dienen sollte, in der Konrad Peutinger schnell etwas fand, dachte er sich eine Katalogisierung aus, die Vorbildcharakter für spätere Katalogisierungen hatte.

Zur Zeit ihrer Entstehung war die Bibliotheca Peutingeriana wegen ihres Umfangs und ihrer Vielfalt die bedeutendste Gelehrtenbibliothek in Deutschland.

Geschichte

Ende des 16. Jahrhunderts waren in der Bayerischen Staatsbibliothek? von fünf Katalogen der peutingerschen Bibliothek nur noch zwei erhalten.

Den älteren Katalog verfasste Peutinger 1515 und ergänzte ihn bis 1523. Darin verzeichnet sind etwa 1.000 Bände. 1523 erstellte Konrad Peutinger einen neuen Katalog und führte ihn bis 1540 weiter, spätere Nachträge bis 1545 trug jemand anderes ein. Das neue an dem zweiten Katalog: Peutinger verzeichnete die Bände nicht mehr nur in Kurz-, sondern in Langform. Das bedeutet: Er nahm die Bände nun komplett mit den darin enthaltenen Werken in der Reihenfolge wie im Band auf und wiederholte die Namen von Autoren, Kommentatoren und Übersetzern als Lemmata am Rand des Katalogs. Allerdings fehlen meist Hinweise zu Drucker, Druckort und Druckjahr. Dem zweiten Katalog band Peutinger einen alphabetischen Katalog vor, der als Register diente (geordnet nach Vornamen-Anfangsbuchstaben).

Zu beachten ist allerdings, dass Peutinger nur bis 1523 seine Buchkäufe vollständig verzeichnete, danach immer seltener. Doch können Historiker auf ein Nachlass-Inventar zurückgreifen, das 50 Jahre nach seinem Tod die Nachlässe Konrad Peutingers und seines Sohne Christoph Peutinger? verzeichnete. Es war vom Augsburger Stadtrat 1597 angeordnet worden, weil zwischen Konrad Pius Peutinger? und Claudius Eusebius Peutinger?, den Neffen von Christoph Peutinger? ein Erbschaftsstreit ausgebrochen war.

1546 wurde die Bibliothek Peutingers wegen des Schmalkaldischen Krieges sicherheitshalber aus Augsburg ausgelagert und vermutlich erst 1548 wieder zurückgeholt. Nun brachte man auf den Buchrücken neue Signaturen an, wodurch die von Konrad Peutinger verfassten Kataloge nicht mehr stimmten, so dass das Nachlass-Inventar von 1597 als Bibliothekskatalog galt, weil es die Signaturen „richtig“ verzeichnete.

Das Augsburger Jesuitenkolleg Sankt Salvator legte im Lauf des 17. Jahrhunderts ein Bibliotheksinventar an, in dem die Bibliotheca Peutingeriana enthalten ist. Auch in einem Katalog des Kollegs mit "verbotenen" Schriften sind einige der Bücher Peutingers verzeichnet.

1715 vermachte der Ellwanger Stiftsdekan Desiderius Ignaz von Peutingen, der letzte Nachkomme Konrad Peutingers, dem Augsburger Jesuitenkolleg Sankt Salvator die gesamten Bestände der Bibliothek Peutingers. Bis 1718 gingen alle noch bei ihm verwahrten Bücher an das Augsburger Salvatorkolleg über, wo sie zunächst in einem eigenen Raum aufgestellt wurden. Doch schon 1726 entschieden die Jesuiten? die Bibliothek Peutingers aufzulösen und die Bände mit den übrigen Bibliotheksbeständen zu vermischen. Entbehrliche Bände schickte man in das Ellwanger Kloster der Jesuiten?, wie es der Erblasser angeordnet hatte. Noch 1743 befand sich die Peutinger-Bibliothek relativ vollständig im Besitz des Augsburger Jesuitenkollegs Sankt Salvator. Angeblich tauchten aber schon vor 1743 besonders wertvolle Bibliotheksbestände wie Aldinen und Inkunabeln auf dem englischen Antiquariatsmarkt auf. Ein großer Käufer soll Edward Harley (1689-1741) gewesen sein.

1743 studierte Andreas Felix von Oefele (1706-1780), Historiker und Münchener Hofbibliothekar, die noch in Sankt Salvator vorhanden Bände. Er machte sich mehr als 600 Seiten Exzerpte vom Bestand der Bibliothek. Darin sind viele Bücher verzeichnet, die sich heute nicht mehr finden lassen. Anscheinend hatten die Augsburger Jesuiten? immer wieder großen Geldbedarf. So auch 1764, als sie wieder wertvolle Bücher aus ihrer Bibliothek, auch Peutingeriana verkauften, um den Umbau ihrer Kirche zu finanzieren, ein Akt, der ihnen 1.400 Gulden einbrachte. Ein paar der Peutinger-Bücher erwarb das bischöfliche Priesterseminar Pfaffenhausen?, andere das Augustinerchorherrenstift Polling? und auch die Prämonstratenserabtei Roggenburg? griff zu.

1776 wurde der Orden der Jesuiten? verboten, was schlimme Folgen für die Bibliothek hatte. 1780 kaufte der Augsburger Buchhändler? Georg Wilhelm Zapf? ungefähr 100 Handschriften, Inkunabeln und Bücher aus der Peutinger-Bibliothek. In den Jahren 1807 bis 1810 folgte die Auflösung der Bibliothek von Sankt Salvator im Zuge der Säkularisation und die Jesuiten? mussten Augsburg verlassen. Die Jesuitenbibliothek verteilte man auf das ehemalige Dominikanerkloster? Sankt Magdalena und die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek bei Sankt Anna (etwa 10.000 Bände). Allerdings waren zuvor schon die wertvollsten Bücher in die Münchener Hofbibliothek überstellt worden – natürlich ohne eine Aufstellung der Bücher, weshalb nur schwer nachvollziehbar ist, ob und welche Peutinger-Bibliotheks-Bestände nach München verfrachtet wurden.

Leider verkaufte selbst die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek noch bis ins 20. Jahrhundert Peutingeriana im Fall von Dubletten oder tauschte sie. Heute ist der Bestand an Peutingeriana auf etwa 2.000 Drucke, also etwa 30 - 40 Prozent des ursprünglichen Gesamtbestands zusammengeschmolzen. Weitere etwa zehn Prozent Drucke finden sich in Bibliotheken auf der ganzen Welt, wobei die Bayerische Staatsbibliothek? und die Dillinger Studienbibliothek noch die größten Bestände aufweisen können.

1995 startete ein mehrjähriges Forschungsprojekt, um die zerstreuten Bestände der Bibliotheca Peutingeriana aufzuarbeiten und systematisch zu untersuchen. Zum Zeitpunkt der Forschungsarbeit bestand die Bibliothek schon etwa 250 Jahre nicht mehr.

Details

Um sich einen Überblick über Peutingers Bibliothek zu verschaffen, muss man historische Inventare, autographe Kataloge und andere Quellen benutzen. Dadurch kann man erkennen, wie Peutinger seine Bibliothek um 1515 geordnet hatte. Zum einen war sie in zwei Beständen aufgestellt, geteilt in juristische Bücher und nicht-juristische. Konrad Peutinger ordnete innerhalb dieser zwei Bestände nach der Größe der Bücher und nach der Bindungsart (ob Leder-, Pergament- oder Holzdeckeleinband). Um das in seinem älteren Katalog zu demonstrieren, folgendes Beispiel. Für Groß-Folio mit Holzdeckeleinband verwendete er als Signatur A, Groß-Folio mit Pergamenteinband bekam AA, Groß-Folio mit Ledereinband AAA. Dazu stellte er fortlaufende Nummern. Im zweiten Katalog von 1523 musste der Wissenschaftler das System wegen der Neuerscheinungsflut der Reformationszeit ausbauen und vergab neue Signaturen in kleinen Formatgrößen.

Dass sich Peutinger entschloss, seine Buchbestände nicht mehr nur wie üblich nach Fächern zu ordnen, sondern auch nach Größe und Art der Bindung machte neue Katalogisierungsformen notwendig (alphabetischer Katalog, Standortkatalog neben Fachkatalog), was in die Zukunft gerichtet war.

Heute sind von etwa 2.000 Bänden der Bibliothek Peutingers nur noch knapp 400 im originalen Zustand zu eruieren. Gründe: Viele Bibliotheksbücher erhielten neue Einbände, Sammelbände löste man auf und band sie als Einzelbände. Das taten vor allem die Jesuiten?, um häretische Schriften auszumerzen, aber auch Buchhändler und Antiquare, um an den einzelnen Büchern mehr verdienen zu können. Und Bibliothekare zerschnitten die Buchblöcke, um den Inhalt nach Fachgebieten aufteilen zu können.

Die etwa 400 erhaltenen Bände aus Peutingers Bibliothek ließen sich vor allem dadurch eruieren, dass Konrad Peutinger in den Büchern gern kommentierte und seine Handschrift sehr charakteristisch ist. Das zeigt im Übrigen auch, dass Peutinger seine Bibliothek ausgiebig nutzte, indem er sie mit Querverweisen, Marginalien oder Lemmata versah. Dadurch ließ sich u. a. auch seine Arbeitsweise als Schriftsteller untersuchen und deuten. Zu Beginn des Druckzeitalters kam es darauf an, die neuen großen Informationsmengen sinnvoll zu sammeln, zu ordnen und sinnvoll zu verarbeiten. Zu sehen, wie das die Menschen der damaligen Zeit schafften, ist selten möglich, aber im Fall von Konrad Peutinger und seiner Bibliothek exemplarisch gelungen. Etwa an dem Beispiel seines Religionsgutachtens von 1534 für die Stadt Augsburg, die wissen wollte, ob sie berechtigt sei die Reformation einzuführen. Hier gelang es nachzuweisen, welche Quellen und Bücher der Rechtsgelehrte und Humanist heranzog, um die städtische Anfrage zu beantworten.

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