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Bausünden

missglücktes Bauen, Verschönern, Aufhübschen in Augsburg und Umgebung

Allgemeines

Ein misslungener Bau - das ist eine Bausünde im Sinne der Architekturkritik. Bausünde, davon spricht man bei der städtebaulichen Einordnung eines Bauwerks oder wenn es um dessen Bauausführung geht. Kriterien können sein:

  • die ästhetische Beurteilung eines Bauwerks oder einzelner Baugruppen: möglicherweise enttäuscht das Ergebnis, z. B. bei Bauten, die sich nicht in das Orts- oder Landschaftsbild einpassen; möglicherweise enttäuschen die verwendeten Materialien, die als billig oder hässlich wahrgenommen werden; möglicherweise fällt ein deplatzierter Stil oder mangelnde Stilsicherheit auf (abnorme Dimensionen usw.)
  • die funktionelle Beurteilung von Planung, Bauwerk oder Bauteilen: dabei ist auf Entwurfs- und Baufehler aller Art (Unbrauchbarkeit, Bauschaden oder fehlende Betriebssicherheit als Folge) zu achten, aber auch darauf, ob z. B. öffentliche und Verkehrsbauten auch in Anspruch genommen werden, ob sich Bauten amortisieren oder Bauleichen sind, ob sie negative Auswirkung auf das Wohnen und Sozialleben haben, ob sich Widersprüche zum Wirtschaftlichkeits- oder Umweltschutzgedanken ergeben
  • dass ein Bau mit der Zerstörung von vorher vorhandenen Werten einhergeht (Abriss historischer Bausubstanz, Verbauung von Freiflächen, verstellte Sicht auf repräsentative Bauten oder reizvolle Landschaftsausschnitte u. a.)

Zu unterscheiden sind gute und schlechte Bausünden. Gute Bausünden ragen hervor, da sie in Größe, Material, Form oder Farbgebung keinerlei Bezug zu ihrer Umgebung haben und so einen Fremdkörper darstellen, weshalb sie theoretisch überall stehen können. Schlechte Bausünden dagegen sind austauschbar. Wo sie vorherrschen, wie etwa auch in Augsburg, wird auf jede klare architektonische Aussage verzichtet, so dass die Stadtgestaltung im Bereich des unteren Mittelmaßes bleibt, wenn nicht darunter. Auch in Augsburg beschränkte man sich beim Wiederaufbau fast nur auf historisierende einfache Rekonstruktionen und füllte Zwischenräume des Bombenkriegs mit nichtssagenden Allerweltsbausünden auf. Und dann kamen auch in Augsburg die berüchtigten 1960 bis 1980er Jahre, die z. B. das monumentale Klinikum Augsburg hervorbrachten. Bei diesem Beispiel kann man nicht direkt von einer Bausünde sprechen, aber das damals dem Zeitgeschmack entsprechende Klinikum ist in der Zwischenzeit aus der Mode gekommen.

Geschichte

Details

Ufo-Landeplatz Kö

Bausünden sind nicht gleich Bausünden. Bausünden können schon in der Planungsphase entstanden sein oder erst nachträglich durch Überformung, Anstrich, Dekoration etc. zu Bausünden geworden sein. Manche Bausünden können gar eine städtische Bereicherung sein, weil sie originell sind und beherzte Entschlossenheit belegen, wodurch sie sich gut wiedererkennen lassen und sich aus dem normalen architektonischen Allerlei herausheben. Spitznamen wie z. B. "Ufo-Landeplatz" für den neugestalteten Königsplatz zeugen auch in Augsburg von einer einprägsamen Bildqualität solcher Bausünden. Farb- und Formgebung des neuen Königsplatzes ist so gewählt, dass sich kein Bezug zur Umgebung ergibt, sondern auf eine schreiende Fernwirkung abgehoben wird. Wer das Augsburger Haltestellendreieck nur einmal in der Nacht gesehen hat, wird es in Sekundenbruchteilen wiedererkennen und schon an kleinen wahrgenommenen Details jederzeit wieder in der "Stadt der Renaissance" verorten können.

Banaler Bauhausstil im Kaiserviertel

Leider werden, da solche tollen Bausünden wie der Augsburger Königsplatz von jedem leicht erkannt werden können, viele andere Augsburger Bausünden, die nicht so gut, sondern eher belanglos oder langweilig sind, übersehen, obwohl sie überall in der Stadt erscheinen. Man hat sich an solche austauschbare Bauobjekte gewöhnt, weil sie in jeder Stadt zu sehen sind. Und sie sind so banal, dass man selten Anstoß an ihnen nimmt. Nehmen wir z. B. das gesichtslose Kaiserviertel mit seiner prototypischen Investorenarchitektur, die in jeder anderen Stadt Deutschlands hochgezogen sein könnte, um möglichst hohe Quadratmeter-Mietpreise zu erzielen. So gut wie keinen Augsburger erschüttert die Lieblosigkeit, mit der hier ein historisches Areal auf billigste Weise zubetoniert wurde.

Rund um die Sankt-Thomas-Chapel

Ein weiteres herausragendes Zeugnis Augsburger Bausündenkultur ist das Wohngebiet, das zwischen der Bürgermeister-Ackermann-Straße? und dem Westfriedhof auf dem Grund ehemaliger amerikanischer Kasernen entstand. Schon die Nahmen der dort angelegten Straßen deuten auf Ungewöhnliches, Exotisches: James-Cook-Straße?, James-Addams-Straße?, Emily-Balch-Straße? usw. Durchstreift man diese und andere Straßen im Wohngebiet an der Sankt-Thomas-Chapel?, treibt es dem unbefangenen Betrachter die Tränen architektonischen Schmerzes in die Augen: Hier steht Kante an Kante die Bauhausstil-Villa neben dem Möchtegern-toskanischen Landhaus mit weißen Dekosäulchen und daneben das 0815-Durchschnittsreihenhaus mit Hasenstallanmutung. Die erste Frage, die sich hier stellt, lautet: Wer konnte einen solchen Stilmischmasch genehmigen? Und warum? Austauschbare Wohnbebauung aus dem Fertighausbau-Prospekt wie in einer Mustersiedlung nebeneinander gesetzt ohne den leisesten Bezug zu den Traditionen regionalen Bauens. Das zeigt: Die Bewohner oder Bauherren dieser Häuser würden lieber in Dessau, dem Schwarzwald oder der Toskana wohnen. Doch die Umsetzung ihrer Vorstellungen vor Ort führt zu einem gesichtslosen Bauen, das Wohngebiete überall in Deutschland, Europa und der Welt austauschbar macht.

Kurze Maxstraße

Die kurze Maxstraße zwischen Rathausplatz und Moritzplatz wird im Bausünden-Katalog Augsburgs gern übersehen, dabei ist sie doch ein schönes Beispiel für den respektlosen und Verschandelungen erzeugenden Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg. Trist, geistlos und kulturlos erscheint das Stück Wiedergutmachung des Bombenfraßes. Ein Mischmasch an Anklängen an die Augsburger Tradition, der aber nicht nur durch ein am Bauhausstil orientiertes Wohn- und Geschäftshaus für Bewohner, die eine troglodytische Lebensart bevorzugen, unterbrochen wird, sondern auch aufs Ganze gesehen nicht funktioniert, weil die nachbildende Architektur kein prägendes Gewicht hat.

Kreiselkunst

Besonders in der Region Augsburg hat sich als eine Spezialform der Bausünde durchgesetzt: die so genannte "Kreiselkunst". Wo urbane Höhepunkte fehlen, wie in prototypischer Form etwa in Königsbrunn, wird der Kunst im Kreisverkehr hohe Priorität bei der Schaffung von unverwechselbaren städtischen Plätzen zuerkannt. Schönere Kreiselkunst-Bausünden als in Königsbrunn werden sich nur selten finden lassen.

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