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Bächler, Wolfgang

ein in Augsburg geborener Poet, der Mitglied der Gruppe 47 war; "Trümmerpoet"

Leben und Wirken

Geboren wurde Wolfgang Bächler am 27. März 1925 in Augsburg als Sohn eines Landgerichtspräsidenten. Die Familie zog bald nach Bamberg?, wo Wolfgang Bächler die Volksschule besuchte. Das Gymnasium besuchte er in München und Memmingen, wo er 1943 das Abitur machte. Anschließend wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen, später als Soldat zur Wehrmacht. In den französischen Alpen erlitt Wolfgang Bächler 1944 schwere Verwundungen und geriet in Kriegsgefangenschaft, aus der er aber befreit wurde. In Süddeutschland? schlossen sich Lazarettaufenthalte und eine weitere Zeit der Kriegsgefangenschaft an, aus der er floh. Über die Zeit des Krieges schrieb er später: "Die jungen Deutschen meines Alters hatten besser schießen als lesen und schreiben gelernt ... Ich sollte auch schießen lernen. Aber meine Hand zitterte, wenn ich schießen musste. Ich traf die Zielscheibe nicht ... Ich traf die Menschen nicht ... Ich schoss immer daneben. Ich hätte nur mich selber erschießen können."

An der Universität München studierte er in den Jahren 1945 bis 1948 Germanistik, Romanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. 1947 nahm Bächler an der ersten Tagung der Gruppe 47 als jüngstes Mitglied teil und war in den Jahren darauf als Journalist tätig. 1956 heiratete er die Französin Danielle Ogier. Zunächst lebte er mit ihr von 1956 bis 1966 in Frankreich, anfangs in Paris, ab 1962 im Oberelsass. 1967 folgte die Rückkehr nach München, wo er wieder journalistisch arbeitete. Manchmal übernahm Wolfgang Bächler auch Filmrollen bei Regisseuren wie Volker Schlöndorff und Werner Herzog, u. a. in Schlöndorffs "Die Blechtrommel".

Menschen, die Wolfgang Bächler kannten, nennen ihn auch Bohèmien, eine „Schwabinger Figur“, die es allerdings vorgezogen hatte, im Dreieck zwischen Technischer Universität, Hauptbahnhof und Pinakotheken zu wohnen, nicht im noblen Schwabing. Aus Vernunft und aus Verletzbarkeit, so Freunde und Bekannte, verstand sich Bächler als politisch links stehend. Zeitlebens habe sich der Bürgersohn gegen die Außenwelt mit ihren Obrigkeiten, ihrem Kommerz gestellt, denn sie habe für die Welt seines Vaters, des hohen Juristen, gestanden. 1995 übergab Wolfgang Bächler dem Münchner Literaturarchiv Monacensia sein persönliches Archiv - ein intensives Dokument deutscher Literaturgeschichte in Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die letzten Lebensjahre verbrachte Wolfgang Bächler sehr zurückgezogen. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass er ein lyrischer Geheimtipp blieb, der weit außerhalb des Literaturbetriebs seine heillos schwermütigen Gedichte schrieb. Auch in Augsburg und selbst in München ist er so gut wie unbekannt.

Wolfgang Bächler ist am 24. Mai 2007 in München gestorben. Begraben ist er auf dem Bogenhausener Friedhof im nordwestlichen Teil.

Werk

Wolfgang Bächlers Werk umfasst Lyrik, Essays und Prosa. Schriftsteller wie Gottfried Benn oder Karl Krolow schätzten ihn sehr. Für ihn selbst war Gottfried Benn ein großes Vorbild. Wolfgang Bächler behandelte existenzielle Themen und wurde deshalb oft mit Wolfgang Borchert verglichen. Immer wieder zwangen ihn schwere Depressionen zu langen Schaffenspausen, doch war eine Depression auch der Auslöser für eines seiner bekanntesten Werke: die "Traumprotokolle".

Seine Werke sind voll mit Motiven der Gewalt, die ihn noch Jahrzehnte nach Kriegsende beherrscht haben. Das titel-magazin schrieb über ihn: "In den Archiven deutsch-deutscher Schriftstellertreffen in den fünfziger und sechziger Jahren stößt man auffallend oft auch auf den Namen Bächler. Es existieren literaturhistorische Texte über die ”Gruppe 47” in denen der Name Bächler nicht einmal erwähnt wird, obwohl er zu deren Gründern gehört hat. Irgendwie bewegte und schrieb dieser oft unter schweren Depressionen leidende Mann immer am Rande der allgemeinen Aufmerksamkeit."

Wolfgang Bächler selbst meinte dazu: "Ich bin ein Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum ... kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung bringt." Schreiben diente Bächler, wenn er zwischen seinen Depressionen Worte fand, auch als Selbsttherapie. Immer wieder beschreiben seine Werke die Fragilität einer richtungs- und ortlos gewordenen Existenz. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts schrieb Wolfgang Bächler gegen die Verdränger und Beschwichtiger im Adenauer-Deutschland an, indem er die faschistischen Schrecken in Erinnerung rief.

Wie Heinrich Heine? hat Wolfgang Bächler in Paris für sein deutsches Publikum geschrieben. Dabei übernahm er in Prosa und Lyrik Merkmale der französischen Existentialisten und Surrealisten. Mit seinem hintergründigen Humor und seinen skurrilen Metaphern erinnert er an Serge Gainsbourg. Immer drückte er sich sehr präzise aus und traf mit seinen Sätzen ins Schwarze. Lyrik betrachtete er als den höchsten Grad der Verdichtung von Wirklichkeit. Dabei bilde sich ein zündfähiges Gedankengemisch, das bei Explosionen die Mechanismen hinter dem normalen Wahnsinn freilegen könne.

Wolfgang Bächler war, wie schon erwähnt, Mitglied der Gruppe 47, aber auch Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und des Verbandes Deutscher Schriftsteller.

Eine Auswahl seiner Werke:

  • Die Zisterne. Esslingen 1950
  • Der nächtliche Gast. Frankfurt am Main 1953
  • Lichtwechsel. Esslingen 1955 (1), 1960 (2)
  • Türklingel. München u.a. 1962
  • Türen aus Rauch. Frankfurt am Main 1963
  • Traumprotokolle. München 1972
  • Ausbrechen. Gedichte aus zwanzig Jahren. Frankfurt am Main 1976
  • Stadtbesetzung. Frankfurt am Main 1979
  • Die Erde bebt noch. Esslingen 1982
  • Nachtleben. Frankfurt am Main 1982
  • Im Zwischenreich. München 1985
  • Ich ging deiner Lichtspur nach. Frankfurt am Main 1988
  • Im Schlaf. Frankfurt am Main 1988
  • Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen. Frankfurt am Main 1990
  • Wo die Wellenschrift endet. Denklingen 2000

Zusammen mit Georg Goyert und Heinrich Böll hat Bächler das Werk "Ein unordentlicher Mensch" von Adriaan Morriën (1912-2002) übersetzt, das 1955 auf Deutsch in München erschien.

Einzelne seiner Werke wurden vertont, etwa von Rudi Spring: So nah in der Ferne (op. 52; 1984-91). Liederzyklus für Sopran (oder Mezzosopran), Flöte, Viola und Violoncello. Die Uraufführung war am 13. November 1992 Augsburg. Der Liederzyklus enthält: 1. Märchen (mit Trio) – 2. Abendstrophe für Kinder (mit Viola) – 3. Liebeslied (mit Flöte und Violoncello) – 4. Im Föhnwind (mit Flöte und Viola) – 5. Die Nacht im Palazzo (mit Viola und Violoncello) – 6. Schräg im Nichts (mit Violoncello) – 7. So fern (mit Trio).

Weiter Vertonungen einzelner Bächler-Texte stammen von Ralf Buchmüller. Geboren in Mülheim zog Buchmüller nach Düsseldorf. Er entwickelte sich seit 1978 zum Spezialisten für die Vertonung von Gedichten Wolfgang Bächlers und bringt sie mit Gitarre und Gesang zu Gehör. Die Youtube-Einbindungen auf dieser Webseite zu Wolfgang Bächler stehen für Buchmüllers Vertonungen.

Im Juli 2008 versuchten Eberhard Peiker? und Tom Gratza im Theater Augsburg an den großen Augsburger Lyriker zu erinnern.

Auszüge

Bahnhof.

Regen.
Der Zug hat Verspätung.
Ich warte auf dich.
Aber so lange kann kein Zug sich verspäten,
wie ich gewartet habe
auf dich
bevor ich dich kannte.

Die Frucht

Gestern hab ich den Mond vom Himmel gepflückt und über die Äpfel gelegt. Von Trauer und Licht bewohnt hat er sich leise bewegt. Ich hab ihn zerstückt.

Auf blauer Schale ein Rest erloschenen Golds und Brandmale in der Hand blieben vom nächtlichen Fest. Ein Schimmer noch rings an der Wand gemasert ins Holz.

Schwarz und Weiß

Wie Tiere aus nächtlichen Welten,
schwarzbäuchig und weiß gefleckt,
sind Kühe unter den Zelten
der Wolken ins Grün gestreckt.

Schwärme von Möwen und Krähen
kreuzen sich diagonal.
Westliche Winde blähen
die Segel auf dem Kanal.

Mit Dünensand überwehen
sie Gräber der Widerstandszeit.
Die Flügel der Mühlen drehen
den Staub durch die Ewigkeit.

Frost

Frost weckt uns auf.
Wir werfen Mäntel
über die Träume
und knüpfen sie zu.
Der Wind verhört uns.
Wir sagen nichts aus,
treten auf unsere Schatten.
Unter den Bäumen im Schnee
finde ich die zertanzten Schuhe
der zwölf Prinzessinnen.
Ich hebe sie auf.

Auszeichnungen

  • 1975 Tukanpreis der Stadt München
  • 1979 Schwabinger Kulturpreis für Literatur
  • 1984 Ehrengabe des Kulturkreises im Bundesverband Deutscher Industrie
  • 1993 Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland

Stimmen

"Töne eigenster Prägung, kühne Vergleiche und mutige Aussagen." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
"Wolfgang Bächler gehört zu den ganz wenigen neuen Lyrikern, die mich interessieren, an deren Weg ich glaube." (Gottfried Benn)
"Viel von der Qual und Zerrüttung der Zeit scheint mir in diese Verse eingefangen. Aber auch viel echte Lebensinbrunst..." (Thomas Mann)
"Bächler versteht es, durch genaue 'Ausleuchtung' seine Gedichte zu komponieren. Jeder Gegenstand in ihnen befindet sich gleichsam am rechten Fleck." (Karl Krolow)
"Bächler ist weniger ein Schriftsteller als ein Dichter. Ohne seinen Gesang wären wir ärmer." (Süddeutsche Zeitung)
Thomas Goppel (CSU) würdigte den gestorbenen Autor als großen Lyriker, "dessen Gedichte einen bleibenden Beitrag für die Literatur unseres Landes leisten". Kaum einer habe die Befindlichkeit der Nachkriegszeit atmosphärisch so scharf erfasst wie Wolfgang Bächler. "Sein Schaffen hinterlässt unauslöschliche Spuren", sagte Goppel der dpa zum Tod von Wolfgang Bächler.
Wieland Schmied, langjähriger Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, meinte, dass Bächler einige der schönsten Gedichte in deutscher Sprache nach 1945 geschrieben habe.

Weblinks


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