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Ausgangssituation 1933

Zustimmung und Abgrenzung: Hitlers Regierungserklärung und die Einsetzung des Reichsbischofs

„Am 30. Januar 1933 übergab der Reichspräsident Paul von Hindenburg dem Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP?), Adolf Hitler, das Amt des Reichskanzlers. Zwölf Jahre später entzog sich Hitler der Verantwortung durch Selbstmord.“8 Zwölf Jahre von einem „Tausendjährigen Reich“, mit dem sich die evangelische Kirche in Deutschland auseinanderzusetzen hatte. Untersucht man das Verhältnis zwischen evangelischer Kirche und NS-Staat, muss man die Traditionslinien verfolgen, die sie in das Jahr 1933 führten. Nach dem Bündnis von Thron und Altar, das der deutsche Protestantismus im Wilhelminischen Kaiserreich, dem „Zweiten Reich“ nach dem „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“, eingegangen war, fand er sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in einer Republik wieder, die von den Kräften getragen wurde, die er zuvor mit Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck durch Kulturkampf und Sozialistengesetze bekämpft hatte: die Sozialdemokratie und die politische Vertretung des Katholizismus, das Zentrum. In der nationalsozialistischen Bewegung sahen die evangelischen Kirchenführer zunächst eine Befreiung von der ungeliebten Republik sowie Unterstützung bei den Themen, an denen es ihnen seit langem gelegen war, der Bekämpfung des Bolschewismus und der Lösung der Arbeiterfrage.

Der nationalen Euphorie von einem „Dritten Reich“ konnten sich nur wenige protestantische Gläubige entziehen. Vor diesem politischen Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die evangelischen Kirchenführer zunächst den Nationalsozialismus mit Sympathie bedachten. Widerstand gegen Hitlers Staatsmaschinerie bedeutete in diesem Zusammenhang auch nicht ein radikales Infragestellen des Regimes, sondern Bekämpfung seiner Auswüchse bei grundsätzlicher Loyalität; das galt auch für die Bekennende Kirche (BK). Das Dilemma, das sich dadurch ergab, liegt auf der Hand. Die BK hatte den Anspruch, staatsbejahend zu sein, sich jedoch zugleich dem übersteigerten Zugriff des Regimes zu widersetzen, dessen Negativsymptome anzuklagen und den Opfern staatlicher Willkür zu helfen.

Hitlers Regierungserklärung vom 23. März 1933 enthielt Zusicherungen gegenüber den christlichen Kirchen. Er tarnte zunächst seine Gegnerschaft, „um das Kirchenvolk für sich zu gewinnen“. Deswegen wurde die Erklärung „teilweise begeistert aufgenommen, da sie den Eindruck erweckt, dies sei der Auftakt zu einer fruchtbaren Restauration der Einheit von Kirche und Staat“.9

Viele Pfarrer und Gemeindeglieder fühlten sich durch die Gedanken der NS-Bewegung angesprochen. Hitler erweckte den Anschein, als sollten ihn die christlichen Kirchen bei seinem nationalsozialistischen Umbau der Gesellschaft unterstützen: „Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen die wichtigsten Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums. (...) Ihre Rechte sollen nicht angetastet werden.“10 Diese Worte weckten auch in der bayerischen Landeskirche Hoffnung. Der Landeskirchenrat unter Oberkirchenrat Hans Meiser huldigte am 13. April 1933 dem neuen System, was zugleich einer Abrechnung mit der ungeliebten Republik gleichkam: „Mit Dank und Freude nimmt die Kirche wahr, wie der neue Staat der Gotteslästerung wehrt, der Unsittlichkeit zu Leibe geht, Zucht und Ordnung mit starker Hand aufrichtet, wie er zur Gottesfurcht ruft, die Ehe heilig gehalten und die Jugend christlich erzogen wissen will, wie er der Väter Tat wieder zu Ehren bringt und heiße Liebe zu Volk und Vaterland nicht mehr verfemt, sondern in tausend Herzen entzündet.“11

Doch wenig später war in den Auseinandersetzungen um die Besetzung des Reichsbischofsamtes ein erstes Aufbegehren des Protestantismus gegen den NS-Staat zu spüren. Die eigene kirchliche Organisation sollte vor staatlichem Zugriff bewahrt werden, obwohl man prinzipiell einem Reichsbischof für eine vereinigte evangelische Reichskirche zunächst zustimmte - der kirchlicherseits befürwortete Betheler Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh setzte sich gegen den von Hitler favorisierten Königsberger Wehrkreispfarrer Ludwig Müller nicht durch.12

Hans Meiser war im Mai 1933 von der Landessynode zum Nachfolger von Kirchenpräsident Friedrich Veit mit dem Titel eines Landesbischofs gewählt worden.13 Am 11. Juni 1933 wurde er in der Nürnberger St. Lorenzkirche in sein Amt eingeführt.14 Gleichzeitig erließ man ein „Ermächtigungsgesetz“, das ihm die Verabschiedung von Kirchengesetzen nach Anhören des Landessynodalausschusses, der keinen direkten Einfluß mehr auf die Gesetzgebung hatte, gestattete.15 In Bayern war damit ein autoritäres Bischofsregiment konstituiert, der kirchliche Parlamentarismus legal abgeschafft und der Führergedanken in die Kirche eingebracht.16 Am 14. Juli 1933 wurde die Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche verabschiedet, die reichsgesetzliche Anerkennung erhielt.17

Kirchenwahlen und der Beginn der Deutschen Christen in Bayern

Die für den 23. Juli anberaumten Kirchenvorstandswahlen stellten für die Deutschen Christen in Bayern den Startschuß dar. Im Vorfeld wurde mit einem großen Werbefeldzug für die deutschchristliche Ideologie am 17. Juli in Nürnberg eine DC-Gauorganisation gegründet. Als Landesleiter fungierte Friedrich Klein. „Da die DC-Gauorganisation zum Zeitpunkt der Kirchenwahlen noch in den Anfängen steckte, traten die Deutschen Christen nicht mit einem eigenen Wahlvorschlag hervor. (...) Man einigte sich in fast 50 % der Gemeinden auf Einheitslisten“, die DC und die Gruppe „Evangelium und Kirche“ traten in Bayern gemeinsam an.18

Im Sommer 1933 breitete sich die Glaubensbewegung Deutsche Christen auch in Bayern aus.19 Obwohl sich die Erfolge der DC in Bayern in Grenzen hielten, im Gegensatz zu den Ergebnissen im restlichen Reich, stellten die Kirchenwahlen auch hier ein Startsignal für die deutschchristliche Bewegung dar. In die bayerischen Kirchenvorstände entsandten die DC nach den Wahlen zahlreiche Mitglieder und in verschiedenen Städten bildeten sich erste DC-Ortsgruppen.20 Sie blieben jedoch nur eine Minderheit im Vergleich zu den bekenntnistreuen Christinnen und Christen in den Gemeinden.21

Am 27. August fanden Wahlen für die Landessynode statt22 und die DC konnten in ihr „erheblich an Boden gewinnen“.23 Landesbischof Meiser warnte vor einer Gruppenbildung innerhalb der Landessynode, nahm gegenüber der Glaubensbewegung DC eine abwartende Haltung ein24 und stellte drei Forderungen: 1. Es dürfe innerhalb der DC-Bewegung nichts geschehen, was dem Bekenntnis der Kirche zuwider sei. 2. Die Glaubensbewegung DC müsse sich als innerkirchliche volksmissionarische Bewegung verstehen. 3. Die Deutschen Christen hätten sich der Führung des Landesbischofs unterzuordnen. Die DC-Synodalen stimmten diesen Forderungen zu.25

Die Sportpalastkundgebung und das vorläufige Ende der bayerischen Deutschen Christen

„Noch im Herbst begannen lutherische Bischöfe, wie Hans Meiser in Bayern, mit unmissver-ständlicher Gegenrede zum Anspruch der Nazis.“26 Die Wende im Umgang der Landeskirche mit der bayerischen DC wurde durch die Großkundgebung der Glaubensbewegung im Berliner Sportpalast vom 13. November 1933 eingeleitet.27 Studienrat Reinhold Krause, Gauobmann der DC in Berlin, sprach vor 20.000 Anwesenden über Luthers „völkische Sendung“.28 Er forderte die „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten“, bekräftige, „dass alle (...) abergläubischen Berichte des Neuen Testaments entfernt werden und dass ein grundsätzlicher Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus ausgesprochen wird.“29 Die Kundgebung lies keinen Zweifel mehr an der wahren Gesinnung der DC aufkommen, selbst Gutgläubige mussten jetzt einsehen, dass die Bewegung mit christlich-evangelischem Gedankengut nichts gemein hatte.30 Heftige Empörung regte sich in den Gemeinden und im Landeskirchenrat. Der bayerische Landesbischof Meiser verurteilte die Berliner Äußerungen aufs Heftigste und rief zum „flammenden Protest“ auf. Auch in den Gemeinden war die Empörung groß; es kam zu Protestversammlungen und Gegenkundgebungen, wie zum Beispiel am 23. November in Augsburg, wo eine Großveranstaltung mit 4.000 Gläubigen stattfand.31 Als Folge dieser Ereignisse trennte sich die bayerische Gruppe der Deutschen Christen von der Glaubensbewegung unter Joachim Hossenfelder und löste sich am 8. Dezember selbst auf.32 Auch Ludwig Müller zog Konsequenzen und enthob Krause von sämtlichen kirchlichen Ämtern, zugleich wurde er als DC-Gauobmann abgesetzt33. Auffangbecken für deutschchristliche bayerische Pfarrer wurde der Nationalsozialistische Evangelische Pfarrerbund (NDSP) unter Pfarrer Friedrich Klein.34

Der Griff nach der Jugend

Der Eingliederungsvertrag

Der Griff des Nationalsozialismus nach den Jugendverbänden erfolgte bereits im Jahr 1933. Am 20. November 1933 unterzeichnete Ludwig Müller mit Baldur von Schirach, seit 17. Juni 1933 Reichsjugendführer, einen Vertrag, wonach die gesamte evangelische Jugend in die Hitler-Jugend überführt werden sollte. Erst einen Monat später wurde der Inhalt des Vertrages der Öffentlichkeit bekannt.35

Bis 1933 gab es in ganz Deutschland, auch in Bayern, eine blühende evangelische Jugendarbeit. Die beiden Großverbände waren der Reichsverband der Evangelischen Jungmännerbünde (Erich Stange) und der Reichsverband für die Evangelische Weibliche Jugend (Otto Riethmüller). Angegliedert waren der Christliche Verein Junger Männer (CVJM) und die Pfadfinderschaft, daneben existierte eine Reihe kleinerer Verbände wie der Bund Deutscher Jugendvereine (BDJ), der Bund Deutscher Bibelkreise (BK) und der Bund der Mädchenbibelkreise (MBK). Die Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands (CP) wurde 1931 unter Reichspfadfinder Pfarrer Friedrich Duensing selbständig.36

Nach Hitlers Machtantritt breitete sich zunächst auch unter evangelischen Jugendlichen Begeisterung über die frommen, nationalen Töne aus, die jedoch spätestens nach dem Eingliederungsvertrag mit Baldur von Schirach der Enttäuschung und Angst um die eigenen Verbände wich.37 Bewusst knüpfte die nationalsozialistische Propaganda an Romantik und Abenteuerlust der traditionellen Jugendverbände an. So ist es zu erklären, dass noch 1933 manche Jugendgruppen, auch evangelische, geschlossen zur HJ überwechselten.38

Daneben bestand jedoch die Tendenz innerhalb der evangelischen Jugend, enger zusammenzurücken und so der NS-Jugendbewegung Kontra bieten zu können. Bereits Ende März 1933 hatten sich in Bayern elf Verbände unter Pfarrer Heinrich Grießbach zum Landesverband der Evangelischen Jugend in Bayern vereint, der in enger Verbindung mit dem Landeskirchenrat stand.39

Konflikte mit der HJ und der organisierten evangelischen Jugend ergaben sich zunächst nicht aufgrund politischer oder weltanschaulicher Differenzen, sondern aus unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie kirchliche Jugendarbeit künftig institutionalisiert sein sollte.40 Ende Juli 1933 kam es zur Bildung des Evangelischen Jugendwerkes Deutschland auf Reichsebene, mit Erich Stange als Reichsführer, in dem verschiedene Jugendverbände zusammenge-schlossen waren. Man dachte an eine Angliederung an die HJ, nicht aber an eine Eingliederung.41

Nach dem Vertrag wurde jedoch diese Hoffnung zunichte gemacht. Er schrieb vor, dass alle Jugendlichen des Evangelischen Jugendwerkes unter 18 Jahren in die Hitler-Jugend und ihre einzelnen Abteilungen eingegliedert werden sollten (10-14 Jahre Jungvolk/Jungmädel, 14-18 Jahre Hitler-Jugend/Bund Deutscher Mädel). Das Tragen von Kluften war untersagt, als Dienstkleidung galt allein die der HJ. Sportliche Betätigung war nur mehr in deren Reihen erlaubt. Dem Evangelischen Jugendwerk wurden zwei Nachmittage pro Woche und zwei Sonntage pro Monat für freie Betätigung zugebilligt; für Lager sollte es Befreiung vom HJ-Dienst geben.42 In heftigen Protestschreiben und Demonstrationen brachten die evangelischen Jugendverbände ihr Missfallen über diesen Eingriff in ihr Eigenleben zum Ausdruck - ohne Erfolg. Im Gegenteil: Reichsbischof Müller startete noch Ende Dezember 1933 ein Sofortprogramm zur vollständigen Eingliederung, das Kommissare bei den einzelnen Verbänden sowie eine Aufnahme der Vermögensbestände vorsah.43 Zur gleichen Zeit berief Müller zu seiner Unterstützung Karl Friedrich Zahn zum Reichsjugendpfarrer.44 Dieser forderte Ende Januar 1934 in einem Rundschreiben sämtliche Kirchengemeinden dazu auf, die Eingliederung zu vollziehen - Endfrist: 3. März 1934. Unter dem Druck der Ereignisse blieb nur mehr der Weg über die Kirchengemeinden in die Gemeindejugend.45

Neuorganisation auf Gemeindeebene

Bayerns Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel mit Sitz in Nürnberg (ab 1. Mai 1934 im Amt) und die ihm zur Seite gestellte Landesjugendkammer organisierte zusammen mit den Bezirksjugendpfarrern der Landeskirche die Überführung der evangelischen Jugendlichen unter 18 Jahren in die Gemeindejugend. Nur auf diesem Wege konnte noch konfessionelle Jugendarbeit geleistet werden. In der Gemeindejugend gab es keine feste Mitgliedschaft mehr, die Treffen waren offen und für alle zugänglich. Staatlicherseits wurde diese „bayerische Lösung“ zwar als getarnte Fortführung der ehemaligen Verbandsjugendarbeit bezeichnet, das Modell fand jedoch auch in anderen Landeskirchen Einzug. Die neue Situation brachte für die Jugendarbeit viele Entbehrungen. Alles, was früher selbstverständlich dazugehörte, war nun verboten und durfte nur von HJ-Gruppen in Anspruch genommen werden. Fahnen, Wimpel, Abzeichen, das Tragen von Kluften, Sport, Geländespiele, Wanderungen, Fahrten und Zeltlager fielen als identitätstiftende Elemente weg. Die verbliebenen Arbeitsmöglichkeiten lagen im Bereich der Jugendgottesdienste und Gemeindejugendabende, der Bibelarbeit und Vorträge, des Gemeindejugendsingens mit Bläserchöre und Flötengruppen und des religiösen Laienspiels.46

Die Geschlossenheit der bayerischen Landeskirche ermöglichte es dabei, die legalen beziehungsweise halblegalen Möglichkeiten, die der evangelischen Jugend nach dem Eingliederungsvertrag noch blieben, voll auszuschöpfen.47 Für die fehlende Gesamtorganisation wurde in Bayern ein Besuchsdienst eingerichtet, der ein unsichtbares Band um die einzelnen Gemeindejugendgruppen legte. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landesjugendzentrale in Nürnberg hielten schriftlich Kontakt zu den Gruppen im gesamten Gebiet der Landeskirche oder waren als Reiseleute unterwegs.48

Nach der Neuorganisation geriet die Jugendarbeit nach dem Zerbrechen ihrer äußeren Form zunächst in eine Krise. Die Verbände lösten ihre Gruppen mit den unter Achtzehnjährigen auf, stellten auf Ältestenarbeit um und versuchten so, die Organisationen am Leben zu erhalten. Angriffe der HJ auf Gemeindejugendgruppen häuften sich. Doch bereits im Herbst des Jahres 1934 hatte sich diese neue Form der Jugendarbeit in Bayern soweit gefestigt, daß der Landesjugendpfarrer einen Aufwärtstrend in der Mitgliederzahl feststellte. Im Sommer 1934 begann man bereits wieder, Jugendfreizeiten abzuhalten. Behinderungen und Schikanen waren zwar eine ständige Begleiterscheinung, die bayerische evangelische Jugend bildete jedoch eine feste Konstante und viele ehemalige und neugewonnene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagierten sich auch ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile.49

Bis zum Ausbruch des Krieges fanden in Bayern kontinuierlich im Sommer und im Winter Bibelfreizeiten statt. Immer wieder wurden manche von der Gestapo gewaltsam aufgelöst oder bereits im Vorfeld verboten, aber der Zustrom zu diesen Freizeitaktivitäten als Gegenpol zum militärischen Gehabe der HJ war ungebremst.50

Erklärung der Hitler-Jugend zur Staatsjugend

Als am 1. Dezember 1936 die HJ offiziell zur Staatsjugend erklärt und zu einer Zwangsorganisation wurde, der jeder und jede angehören mußte, vermehrten sich die Schwierigkeiten.51 Übergriffe der HJ auf evangelische Jugendheime waren auch in Bayern keine Seltenheit mehr. Mancherorts wurden Bibelstunden gesprengt. Ziel der Anschläge war in dieser Zeit mehrmals das Landheim der Augsburger evangelischen Jugend in Reinhartshofen?. Dazu kam die Verspottung und Verächtlichmachung evangelischer Gemeindejugend durch die HJ, so dass der seelische Druck ständig wuchs.52

Zusätzlich erschwerte eine Anordnung der bayerischen Kultusministeriums die Jugendarbeit, die verfügte, alle Veranstaltungen mit Jugendlichen seien anmelde- und genehmigungspflichtig. Die Zusammenkünfte sollten im Sommer um 21 Uhr, im Winter bereits um 18 Uhr beendet sein, um die Jugendlichen nicht zu überfordern. Da unter solchen Bedingungen Jugendarbeit praktisch unmöglich war, ordnete Landesjugendpfarrer Riedel an, alles solle so weitergehen wie bisher. In Verhandlungen mit dem Ministerium erreichte er schließlich eine Verschiebung der Schlußzeit von 18 Uhr auf 21.15 Uhr.53 Die letzten Bibelfreizeiten in Bayern fanden noch im Frühsommer 1939 statt und wurden ab 1. August wegen des bevorstehenden Krieges reichsweit verboten.54

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8 Bogner: Kreuz, Hakenkreuz; S. 1.
9 Distler, Ulrich; Kolder, Johann; Mestel, Bernhard; Scholz, Wilfried; Schröttel, Gerhard: Zwischen Anpassung und Widerstand. Evangelische Kirche in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus; Heilsbronn; 1988 (= Distler: Anpassung, Widerstand); S. 8.
10 zitiert in Schmid, Heinrich: Apokalyptisches Wetterleuchten. Ein Beitrag der Evangelischen Kirche zum Kampf im „Dritten Reich“; München; 1947 (= Schmid: Wetterleuchten); S. 21.
11 zitiert in Baier, Helmut: Die bayerische Landeskirche im Umbruch 1931-1934; in: Rieger, Paul; Strauß, Johannes (Hg.): Tutzinger Texte. Bd. 1. Kirche und Nationalsozialismus.
12 van Norden, Günther: Widerstand in den Kirchen; in: Löwenthal, Richard; von zur Mühlen, Patrik (Hg.): Widerstand und Verweigerung in Deutschland 1933 bis 1945; Bonn; 1991; S. 111-129.
13 Schiller, Wilhelm: Chronik der kirchlichen Wirren zur Ergänzung der Pfarrbeschreibung gemäß Amtsblatt 1936; Augsburg; 1938; Archiv St. Anna (= Schiller: Kirchliche Wirren); S. 3.
14 ebd.; S. 5.
15 Baier, Helmut; Henn, Ernst: Chronologie des bayerischen Kirchenkampfes 1933-1945; Nürnberg; 1969 (= Baier/Henn: Chronologie); S. 11.
16 Baier: Landeskirche im Umbruch; S. 50.
17 Schmid: Wetterleuchten; S. 31.
18 Meier, Kurt; Der evangelische Kirchenkampf. Bd. 1: Der Kampf um die „Reichskirche“; Göttingen 1976 (= Meier: Kirchenkampf I). S. 458.
19 Spindler, Max: Handbuch der bayerischen Geschichte; Bd. 4; München 1975 (= Spindler: Bayerische Geschichte); S. 905.
20 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 13.
21 Spindler: Bayerische Geschichte; S. 906.
22 Schiller: Kirchliche Wirren: S. 9.
23 Meier: Kirchenkampf I; S. 459.
24 Baier, Helmut: Die Deutschen Christen Bayerns im Rahmen des bayerischen Kirchenkampfes; Nürnberg; 1968 (= Baier: DC Bayerns); S. 62.
25 Meier: Kirchenkampf I; S. 459.
26 Bogner: Kreuz, Hakenkreuz; S. 13.
27 Meier: Kirchenkampf I; S. 459.
28 Buchheim, Hans: Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik. Stuttgart; 1953; S. 129.
29 zitiert in Schmid: Wetterleuchten; S. 46.
30 Spindler: Bayerische Geschichte; S. 906.
31 Schmid: Wetterleuchten; S. 47ff.
32 Spindler: Bayerische Geschichte; S. 906.
33 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 13.
34 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 18. 35 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 40.
36 Riedel, Heinrich: Kampf um die Jugend. Evangelische Jugendarbeit 1933-1945; München; 1976 (= Riedel: Jugend); S. 7-10.
37 Jürgensen, Johannes: Die bittere Lektion. Evangelische Jugend 1933; Stuttgart 1984 (= Jürgensen: Bittere Lektion); S. 22f.
38 Riedel: Jugend; S.42f.
39 ebd.: S. 52f.
40 Broszat, Martin; Fröhlich, Elke; Grossmann, Anton (Hg.): Bayern in der NS-Zeit; Bd. 4: Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt; München; 1981 (= Broszat: NS-Zeit IV); S. 565.
41 Jürgensen: Bittere Lektion; S. 52ff.
42 Abkommen über die Eingliederung der Evangelischen Jugend in die Hitler-Jugend zwischen Ludwig Müller und Baldur von Schirach vom 20. November 1933; in: Seidelmann, Karl: Die Pfadfinder in der deutschen Jugendgeschichte. Teil 2,1: Quellen und Dokumente aus der Zeit bis 1945; Hannover; 1980 (= Seidelmann: Pfadfinder); S. 320f.
43 Riedel: Jugend; S. 67ff.
44 Jürgensen: Bittere Lektion; S. 99.
45 Riedel: Jugend; S. 74ff.
46 Riedel: Jugend; S. 117-127.
47 Broszat: NS-Zeit IV; S. 569.
48 Riedel: Jugend; S. 137.
49 ebd.; S. 139-144.
50 ebd.; S. 145.
51 Riedel: Jugend; S. 146f.
52 ebd.; S. 171f.
53 ebd.; S. 183f.
54 ebd.; S. 157f.


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