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Augsburger Stadtpfeifer

Musiker, die von der Stadt zu Repräsentationszwecken angestellt und in Zünften organisiert waren.

Allgemeines

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Das Amt des Stadtpfeifers, Stadtzinkenisten, Stadttürmers oder Stadtmusikus gehört zu den ältesten festen kulturellen Einrichtungen in einer deutschen Stadt. So gab es schon seit dem frühen Mittelalter einen Türmer in fast jedem deutschen Gemeinwesen. Er wachte auf dem höchsten Turm der Stadt, oft auf dem Kirchturm, bei Tag und nacht und warnte vor Feinden und Feuersnot oder meldete hohen Besuch mit Glockengeläut oder dem Hornstoß. In der Nacht blies er die Stunden und vermittelte so der Bürgerschaft das Wissen, dass er wachsam war.

Weil zwischen den Aufgaben genugt Zeit blieb, sich mit ähnlichen Instrumenten wie dem Horn vertraut zu machen, widmeten sich viele Türmer den Spiel- und Griffweisen trompeten oder hornähnlichen Instrumenten. Oft wurde auf solchen Instrumenten der Abend- oder Morgensegen oder Choralweisen durch den Türmer gespielt.

Mehr und mehr entwickelten sich so kleine Gruppen von Musikanten und daraus die Stadtpfeifereien. Sie spielten eine wichtige Rolle in der Entwicklung und Pflege der deutschen Musik, besonders auf dem Gebiet der Instrumentalmusik. Durch die Bildung von Schulen angesehener Stadtpfeifern wurde nach und nach das Spielen aller gebräuchlichen Instrumente gelehrt und weitergegeben.

Im 14. bis 18. Jahrhundert nannte man Stadtpfeifer (ital. Piffari) von Städten angestellte Musiker. Sie organisierten sich in Zünften (in Süddeutschland meist „Pfeiferbrüder“ genannt, im Alemanischen „Pifferbrüder“). Im 19. Jahrhundert gingen die Stadtpfeifer meist in den Stadtkapellen oder Stadtorchestern auf.

In manchen Städten betraute man die Stadtpfeifer auch mit den signalgebenden Aufgaben des Türmers. Den Stadtpfeifern stand meist ein Meister vor, der sich Gesellen und Lehrburschen nahm. Sie mussten bei ihm möglichst alle gängigen Instrumente lernen. Stadtpfeifer spielten auf Zinken, Naturtrompeten, Posaunen, Violinen, Rauschpfeifen, Dulzianen, Pommern, Krummhörnern, Flöten und Schlagwerk. Neben Verlobungen, Hochzeiten, Banketten und anderen festlichen Ereignissen gestalteten die Stadtpfeifer auch kirchliche Ereignisse mit ihrer Musik. Dabei galt: normale Tage im Kirchenjahr wurden mit Posaunen und Zinken gespielt, Festtage mit Trompeten und Pauken. Im Gottesdienst duplizierten die Stadtpfeifer die Singstimmen des Chores, die sogenannte Colla parte-Begleitung.

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Die Gilden der Stadt- oder Kunstpfeifer (Stadtzinkenisten) standen unter Leitung eines Stadtmusikus (Stadtzinkenmeisters) und hatten das obrigkeitliche Privileg, bei allen öffentlichen Gelegenheiten wie bürgerlichen Vorkommnissen (Hochzeiten, Begräbnissen etc.) die nötige Musik zu machen. Nach den Statuten der Gilden war jeder, der Mitglied derselben werden wollte, verpflichtet, sich vom Stadtmusikus als Lehrling aufdingen und nach überstandener Lehrzeit (3 bis 5 Jahre) ordentlich lossprechen zu lassen. Hatten Stadtpfeifer den Pfeifereid abgelegt, durften Sie die Stadt nicht ohne Erlaubnis verlassen. Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts wurden Stadtpfeifer oft auf Kosten der Stadt mit einer Art Berufskleidung versehen, üblicherweise in den Farben der Stadt. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts bildeten die Stadtpfeifereien und die Kantoreien die maßgeblichen Einrichtungen des Musiklebens in der Stadt. Durch Rechtsprivilegien waren sie einerseits vor der Konkurrenz fahrender Musikanten geschützt, durften andererseits bis ins 15. Jahrhundert nicht Trompete blasen.

Bei den Augsburger Stadtpfeifern handelte es sich um festangestellte Stadtmusikanten. Zum einen spielten sie bei offiziellen Anlässen wie bei Reichstagen? und beim Empfang hochgestellter Gäste auf, zum anderen aber auch bei privaten Festlichkeiten der führenden Familien der Stadt. Die Musiker waren dem Hochzeitsamt zugeordnet. Dekrete schützten ihre Tätigkeit und ihren Verdienst, der zum Teil von den Veranstaltern eines Auftritts zu tragen war. Im Grunde hatten sie in der Stadt eine Art Musikmonopol. Die Städtischen Kunstsammlungen? Augsburgs bewahren heute noch wertvolle Musikinstrumente auf, die von den Stadtpfeifern im 16. Jahrhundert benutzt wurden: z. B. Dulziane, Zinken oder Krummhörner.

Geschichte

In einem Nachtrag zum Stadtrecht von 1276, der wohl noch im 13. Jahrhundert entstand, werden "spilliute" erwähnt. Ihre Bezahlung hatte Ober- und Untergrenzen, gestaffelt nach den Auftraggebern, bei denen sie spielten. Ob es sich bei diesen "spilliute" allerdings schon um die Augsburger Stadtpfeifer gehandelt hat, ist unklar.

1388 allerdings wird dieser Name erstmals in einer Urkunde erwähnt. Zunächst handel es sich dabei wohl um nebenberuflich bei der Reichsstadt? angestellte Musiker. Vom 15. bis zum 17. Jahrhundert waren sie dann jedoch zu Repräsentationszwecken hauptamtlich bei der Reichsstadt? angestellt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass Kaiser Sigismund? der Reichsstadt? Augsburg als einer der ersten Reichsstädte am 17. Januar 1434 ein Privileg verlieh, das sonst nur Fürsten zukam: Die Stadt durfte nämlich von diesem Zeitpunkt an eigene Trompeter unterhalten.

Bis 1599 beschäftigte die Stadt fünf Musiker, danach sieben, im 18. Jahrhundert wesentlich mehr.

Die Augsburger Stadtpfeifer waren vom 15. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts eine der angesehensten Kapellen. Man kann von richtigen Stadtpfeifer-Dynastien wie den Hurlachern, den Drechsels, den Rauchs oder der Familie Ganß und Schubinger? sprechen. Angehörige dieser Dynastien wechselten gern zu Hofkapellen in München, Neuburg?, Stuttgart, Innsbruck, Oettingen?, Ferrara, Salzburg, Mantua oder Florenz. Oder auch zu den Kapellen von Kaiser Maximilian I.? oder Kaiser Karl V.?.

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Wichtige Auftritte der Augsburger Stadtpfeifer, von denen wir heute wissen, sind z. B. die Fuggerhochzeit in Weißenhorn? 1538, die Trauerfeierlichkeiten Kaiser Ferdinands I.? für Kaiser Karl V.? 1559 oder der Auftritt am Neuburger Hof im Jahr 1578.

Aus der Reichsstadt? Nürnberg kamen Jakob Haßler? (1585) und Sigmund Theophil Staden? (1621-1623) zur Ausbildung.

Im 16. Jahrhundert spielten Musiker mit europäischer Bedeutung bei den Augsburger Stadtpfeifern. So z. B. Paul Hofhaimer?, Sigmund Salminger?, Hans Leo Haßler und Christian Erbach?.

Der 30jährige Krieg bedeutete auch für die Augsburger Stadtpfeifer einen großen Einschnitt. Obwohl Jakob Scheiffelhut? die Augsburger Stadtpfeifer leitete, konnten sie nicht mehr an die alten Zeiten und das frühere Niveau anknüpfen. Das hatte viele Gründe. Vor allem lag es daran, dass jetzt - früher als anderswo - die bürgerliche Musikkultur entstand und die Stadtpfeifer sich der Konkurrenz privater Ensembles stellen mussten, an denen sie zum Teil selbst mitwirkten, etwa dem Collegium musicum?. Wenig später kamen als Konkurrenz auch noch die Militärkapellen hinzu, die meist billiger zu unterhalten waren.

Ein schwarzer Jahr für die Augsburger Stadtpfeifer war 1810. Damals gewährte ihnen Bayern nur noch eine zeitlich befristete Arbeitserlaubnis. 1818 wurden dazu noch Gewerbebestimmungen aufgehoben, die zum Schutz der Stadtpfeifer beitrugen. Und als dann 1865 das städtische Orchester (Philharmonisches Orchester) gegründet wurde, setzte dies den Augsburger Stadtpfeifern den Schlusspunkt.

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