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Augsburger Reichs- und Religionsfrieden

Auch Pax Augustana. Ein erster Versuch, für die Probleme einer religiös heterogenen Gesellschaft eine rechtliche Lösung zu finden. Dieser zunächst auf die innerchristliche Pluralität abzielende Ansatz kann auch für die interreligiöse Situation moderner Gesellschaften Impulse geben.

Allgemeines

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Für die innere Ordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war der Augsburger Reichsabschied vom 25. September 1555 wahrscheinlich das wichtigste Dokument. Das Original befindet sich heute in Wien (Haus-, Hof- und Staatsarchiv) und ist ein Pergamentlibell mit 34 Blättern und acht Siegeln. Es trägt die Unterschrift König Ferdinands I.?, der Kaiser Karl V.? vertrat. In ihm ist der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden festgehalten.

Gleich im Jahr 1555 wurde der Reichsabschied von Amts wegen gedruckt - unter dem Titel "Abschied der Römisch königlichen Majestät und gemeiner Stände auf dem Reichstage zu Augsburg Anno domini MDLV aufgerichtet, sammt der kais(erlichen) Maj(estät) Cammergerichtsordnung, wie die auf diesem Reichstage durch die königliche Majestät und gemeine Stände wiederum ersehen, erneuert und an vielen Orten geändert". Franciscus Behem hat das Dokument in Mainz gedruckt - zusammen mit der Reichskammergerichtsordnung, die zwar nicht Bestandteil des Reichsabschieds war, aber doch auf dem Augsburger Reichstag beschlossen wurde.

Vor allem die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens, also des Reichsabschiedteiles, der sich mit den konfessionellen Spannungen und ihrem Ausgleich beschäftigt, wurden wieder und wieder nachgedruckt. Manche dieser Drucke sammelten auch alle Vorakten, Entwürfe und Akten, die diesem Teil des Reichsabschiedes vorausgingen.

Es gibt bis weit ins 18. Jahrhundert kaum eine Reichsrechtssammlung, die den Augsburger Reichsabschied von 1555 nicht aufgenommen hat, manchmal untergliedert in Religionsfrieden und Exekutionsordnung.

Hintergrund

Weil die Confessio Augustana 1530 auf dem Augsburger Reichstag abgelehnt wurde, bildete sich der Schmalkaldische Bund der protestantischen Reichsstände, die zwar 1547 den Schmalkaldischen Krieg gegen Kaiser Karl V.? verloren und das Augsburger Interim? annehmen mussten, aber schon 1552 wendete sich das Kriegsglück zu Gunsten der Protestanten.

Um die ständigen Auseinandersetzungen zwischen katholischen und protestantischen Reichsständen zu befrieden, wurden die Fürsten und Stände 1555 zum Reichstag nach Augsburg gerufen, wo die politische Kompromissformel des Augsburger Religionsfriedens ausgehandelt wurde. Zu einem religiösen Verständnis oder Kompromiss kam es nicht mehr.

Bedeutung

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Der Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555 hat das Selbstverständnis der Stadt Augsburg entscheidend geprägt. Er war eine politisch-rechtliche Lösung für ein konfessionelles Problem und ermöglichte das friedliche Zusammenleben verschiedener, miteinander im Streit liegender christlicher Glaubensbekenntnisse im damaligen Reichsgebiet.

Bis heute leitet Augsburg daraus die Verpflichtung und den Auftrag für ein friedliches und konstruktives Miteinander in der modernen vielkulturellen und vielreligiösen Stadt ab.

Freiwillig gab die "alte Kirche", wie die römisch-katholische Kirche bis ins 18. Jahrhundert genannt wurde, gegenüber der neuen lutherischen Konfession nicht auf. Schon die Waldenser, Katharer und Albigenser waren von ihr vernichtet worden. Aber den lutherischen Anhängern war nicht mehr so leicht beizukommen. Nach dem Schmalkaldischen Krieg von 1547 und dem "Geharnischten Reichstag" von 1548 in Augsburg, wurde allmählich auch den Katholiken und dem Kaiser klar, dass der neuen Konfession nicht mehr mit Gewalt beizukommen war.

Der Augsburger Religionsfriede ist Ausdruck dieser Einsicht und im Grund ein Abkommen mit den Lutheranern. Diese erhielten einige Zugeständnisse, aber auch die Katholiken konnten erfreut sein, dass geistliche Herren bei einem Übertritt ihren Besitz verlieren sollten. Faktisch war das eine Bestandsgarantie für katholischen Grundbesitz. Andere Konfessionen wie die Zwinglianer, Calvinisten oder Reformierten verloren ihre Existenzberechtigung, was sowohl Lutheraner wie Katholiken befriedigte. In Augsburg z. B. bedeutete das ein Aus für vier von sechs zugelassenen Konfessionen.

Wenn man so will war der Augsburger Religionsfriede nur eine Beendigung des Bürgerkriegs zwischen Lutheranern und Katholiken - und das auf Kosten der anderen Bekenntnisse. Friede stellte sich damit aber noch nicht ein, denn eine friedliche Koexistenz gab es nicht, mussten doch entweder Katholiken oder Protestanten das Territorium der jeweils anderen Konfession verlassen. Der Augsburger Religionsfriede bedeutete also in keiner Weise echte Religionsfreiheit. Juden, Ungläubige oder Muslime im Augsburger Stadtgebiet waren nicht vorstellbar. Noch immer wurden Gotteslästerer wie Mörder als Galeerensklaven an die Republik Venedig verkauft - und das noch etwa 200 Jahre lang: Erst 1756 stellte Venedig den Kauf von Gotteslästerern in Augsburg ein, weil die Galeeren durch kanonenbestückte Segelschiffe ersetzt wurden.

Und so hielt der Kompromiss auch nur etwas mehr als 60 Jahre und im Dreißigjährigen Krieg verloren im Ringen der Konfessionen und Mächte neun Millionen Menschen ihr Leben. Allein Augsburg wurde zwölfmal erobert, wechselte bei jeder Eroberung seine Konfession und verkleinerte sich von 42.000 auf 18.000 Einwohner. Soviel zum Thema Religion und Frieden.

Der Augsburger Reichsabschied von 1555 bedeutete aber auch einen Sieg der Territorialherren über die Zentralgewalt und den Niedergang der Idee eines universalen christlichen Kaisertums.

Trotz aller Kritik und Einwände ist der so genannte Augsburger Religionsfrieden aber ein kleiner Schritt in eine gerechtere und lebenswertere Welt, denn zum ersten Mal dämmerte Politikern, dass sich religiöse Konflikte nicht kriegerisch lösen lassen. Das ist eine hochaktuelle Einsicht, der man auch heute noch größere Verbreitung wünschen kann.

Man kann es auch wissenschaftlicher formulieren und sagen: Im Gefolge des Augsburger Religionsfriedens sind bereits Ansätze zu einem "modernen" Toleranzverständnis zu entdecken, indem von der Politik der konfessionelle Dissens anerkannt wurde und das Rechtsverständnis sich mehr auf das Individuum ausrichtete, um wegen der Staatsräson den Konfessionskonflikt zu entschärfen. Wie sich Politik bemühte, den Konflikt zu regulieren, lässt sich gut an Hand von Polizeiverordnungen, Zensurakten oder den Acta politica ecclesiastica, die auf dem Augsburger Reichs- und Religionsfrieden fußen, in Augsburg nach 1648 studieren.

Allerdings sah die Praxis des Religionsfriedens in Augsburg selbst im 19. Jahrhundert nicht so aus, wie es vom Augsburger Stadtmarketing gern hingestellt wird, denn noch 1861 wurde der damals 15-jährige Augsburger Johann Most mit einer Woche Gefängnis bestraft, weil er den Religionsunterricht nicht besuchen wollte.

Wichtige Einzelbestimmungen

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- Es wurde ein Allgemeiner Landfrieden beschlossen.
- Man beschloss, dass die Reichsstände, die der "Augsburger Konfession" (Lutheraner) angehören sowie Reichsstände, die dem katholischen Glauben angehören, gegenseitige Anerkennung genießen, andere Glaubensrichtungen nicht.
- Die Reichsstände sollen in ihren Territorien Kirchen- und Konfessionshoheit besitzen ("cuius regio eius religio"), aber Untertanen anderen Glaubens dürfen auswandern.
- Reichsstädte bleiben zweikonfessionell.
- Die bis 1555 geschehene Säkularisierung von Kirchengütern wurde sanktioniert.
- Die geistliche Gerichtsbarkeit gegenüber Protestanten ("Ketzerverfahren") wurde aufgehoben.
- Es wird eine neue Exekutions- und Reichskammergerichtsordnung beschlossen.
- Es wird bestimmt, dass Geistliche Reichsfürsten, die protestantisch werden, ihr Amt und die damit verbundenen Besitztümer verlieren.

Im Ergebnis ermöglichte das Reich als eine Art "überkonfessioneller Rechtsordnung" die "Konfessionalisierung" in den einzelnen deutschen Staaten.

Auszug der wichtigsten Bestimmungen

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Wir, Ferdinand, von Gottes Gnaden Römischer König, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs etc. ... gebieten, dass hinfort niemand ... um keinerlei Ursachen willen ... den andern befehden, bekriegen, berauben, fangen, überziehen und belagern, ... sondern ein jeder dem anderen in echter Freundschaft und christlicher Liebe begegnen soll ... Und damit dieser Frieden auch im Hinblick auf die Religionsspaltung ... desto beständiger zwischen der Römischen Kaiserlichen Majestät, uns, sowie den Kurfürsten, Fürsten und Ständen des Heiligen Reiches deutscher Nation aufgerichtet und gehalten werde, so sollen die Kaiserliche Majestät, wir, sowie Kurfürsten, Fürsten und Stände des Heiligen Reiches keinen Stand des Reiches der Augsburgischen Konfession wegen ... gewaltsam überziehen ... oder sonst gegen sein Wissen, Gewissen oder Wollen von dieser Augsburgischen Konfession, von Religion, Glauben, Kirchengebräuchen, Ordnungen und Zeremonien ... auf andere Wege drängen ... Dagegen sollen die Stände, die der Augsburgischen Konfession zugehörig sind, jene Stände, die der alten Religion anhängen ... gleicherweise bei ihrer Religion ... bleiben lassen ... Doch sollen alle anderen, die den beiden genannten Religionen nicht anhängen, in diesem Frieden nicht gemeint, sondern vom Frieden gänzlich ausgeschlossen sein ...

Wo ein Erzbischof, Bischof, Prälat oder ein anderer geistlichen Standes von unserer alten Religion abtreten würde, hat derselbe sein Erzbistum, Bistum, Prälatur und andere Benefizien, einschließlich aller Einkommen ... zu verlassen.

Wo aber ... Untertanen, die der alten Religion oder der Augsburgischen Konfession anhängen, wegen dieser ihrer Religion ... mit Weib und Kindern an andere Orte ziehen und sich niederlassen wollten, soll ihnen Ab- und Zuzug, auch der Verkauf ihres Hab und Guts gegen sehr billigen Abtrag der Leibeigenschaft und Nachsteuer ... unbehindert bewilligt sein ...

Nachdem aber in vielen freien und Reichsstädten die beiden Religionen ... bisher eine Zeitlang in Gang und Gebrauch gewesen sind, sollen dieselben hinfort auch so bleiben ... und die Bürger und anderen Einwohner, geistlichen oder weltlichen Standes, dieser freien und Reichsstädte friedlich und ruhig bei- und nebeneinander wohnen ...

Gesamttext des Reichsabschiedes

Weblinks


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