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Augsburger Kunstbuechlin

eigentlich „Augsburger Kunstbuechlin gerechten gründlichen gebrauchs aller kunstbaren Werckleut“; eine kunsttechnologische Quellenschrift der deutschen Renaissance

Allgemeines

Kunstbüchlein nannten sich im 16. Jahrhundert vor allem in Süddeutschland? gedruckte Nachfolger mittelalterlicher Werkstattrezepturen oder Malerbücher, die als Lehrbücher Wissen vermitteln wollten. Um 1530 erschien eine weitere Art von Kunstbüchlein, die sich an verschiedene Handwerker wandte und als spätmittelalterliche Gewerbeenzyklopädie zu verstehen ist. Zu dieser zweiten Gruppe Kunstbüchlein gehört das Augsburger Kunstuechlin, das den Stand der kunstgewerblichen Techniken in Deutschland zu Beginn der Renaissance zeigt. Nur am Rand sei erwähnt, dass es noch eine dritte Art Kunstbüchlein gab, nämlich Bücher, die Hausrezepte aus allen Lebensbereichen, Reparaturanleitungen, Heilmittelzusammenstellungen etc. beinhalteten. Ein solches Kunstbüchlein stellte 1549 Anton Fugger zusammen (heute in der Bibliothek Wolfenbüttel in einer Kopie vorhanden).

Das Augsburger Kunstbuechlin war das dritte seiner Art und wurde von dem Verleger und Drucker Heinrich Steiner herausgegeben. Er rekurrierte auf das 1532 in Leipzig erschienene Kunstbüchlein „Drey schoner künstreicher buechlein“ und erweiterte die dort vorhandenen Rezepte. Aber auch der Druck „Rechter Gebrauch d` Alchimei“ von 1531 ist ein direkter Vorläufer des Augsburger Kunstbuechlins. Das Werk hat keine Autoren-, Drucker- oder Ortsangabe und ist die erste umfangreiche gedruckte Rezeptsammlung zu Materialimitation, Farbherstellung, Metallbearbeitung und Alchemie in deutscher Sprache. Die Deckungsgleichheit geht so weit, dass das Augsburger Kunstbuechlin alle Rezepte des Werks „Rechter Gebrauch d` Alchimei“ übernimmt (insgesamt 135 Rezepturen) und auch den Titelholzschnitt, der eine Goldschmiedewerkstatt zeigt (allerdings erst 1549).

Kunstbüchlein hatten zu Beginn der Neuzeit eine große Rolle in der Verbreitung technischen, chemischen und kunsttechnischen Wissens. Das Augsburger Kunstbuechlin prägte diese Literaturgattung, weil es Wissensgebiete zusammenfasste, die zusammengehören, aber zuvor getrennt beschrieben wurden. Das Augsburger Kunstbuechlin zeigte die gebräuchlichen Kunsttechniken am Beginn des 16. Jahrhunderts und wurde sehr weit verbreitet.

Neben dem Augsburger Kunstbuechlin waren auch das 1532 in Leipzig erschienene "Drey schoner künstreicher buechlein" und das Illuminierbuch des Boltz von Ruffach von 1549 wichtige Kunstbüchlein der Renaissance.

Das Augsburger Kunstbuechlin erlebte viele Auflagen und wurde ständig erweitert und aktualisiert, z. T. noch in Anleitungen des 19. Jahrhunderts. Heinrich Steiner war auf das Verlegen von „naturwissenschaftlichen“ und „kunsttechnischen“ Büchern spezialisiert. Das Augsburger Kunstbuechlin richtete er ganz an den Bedürfnissen der Augsburger Handwerker Anfang des 16. Jahrhunderts aus. Hier fanden sie Rezepte zur Metallbearbeitung, Farbenherstellung (Malerei, Holz, Textilfärberei), zur Prüfung der Reinheit von Metallen … Plattner, Waffen-, Gold- und Silberschmiede, Büchsenmacher, Büchsenschäfter, Kunsttischler, Buchmaler, Briefmaler und viele andere Berufszweige, die damals in Blüte standen, nutzten das Kunstbuechlin.

Viele Rezepturen des Augsburger Kunstbuechlins sind aus älteren Drucken kompiliert, greifen aber auf weit ältere Handschriften zurück. Manchmal gehen die Rezepte sogar auf römische Zeit zurück. Die römischen Anleitungen wurden meist in Klöstern tradiert, die sie für ihre eigene Kunstausübung gebrauchen konnten und die Rezepte in Sammelhandschriften zusammentrugen. Solche mittelalterlichen Kompendien enthielten Rezepte zur Farb- oder Tintenherstellung, zum Färben von Textilien, Papier und Pergament, zur Metallbearbeitung und Vergoldung, zur Medizin und Alchemie. All dieses althergebrachte Wissen floss in das Augsburger Kunstbuechlin ein.

Ohne auf die verschiedenen Überlieferungsstränge einzugehen (manche sind trotz intensivster Forschung wohl nie zu eruieren), wird in den verschiedenen Ausdrucksformen und Schreibweisen deutlich, dass viele unterschiedliche Quellenschriften benutzt wurden – oft ohne redaktionelle Bearbeitung und in nur leicht veränderter Reihenfolge. Insgesamt hat das Augsburger Kunstbuechlin 258 Rezepte.

Geschichte

1535 brachte der Verleger und Drucker Heinrich Steiner das "Augsburger Kunstbuechlin gerechten gründlichen gebrauchs aller kunstbaren Werckleut" heraus.

Schon im Jahr 1535, also im Jahr des Augsburger Erstdrucks, druckte Christian Egenolff in Frankfurt am Main das Augsburger Kunstbuechlin penibel nach – in der Seiteneinteilung, der Schreibweise, dem Titelholzschnitt etc. Steiner druckte 1537 eine zweite Ausgabe, Egenolff druckte 1549, 1566, 1574 und 1624 nach. Schon bald nach 1535 gab es holländische und englische Übersetzungen des Augsburger Kunstbuechlins.

Details

Inhalt

Die Alchemie bevorzugte Rezepte als Textform. So auch das Augsburger Kunstbuechlin. Das Schema dieser Rezepte ist immer gleich. Es gibt eine Rezeptüberschrift mit einer stichwortartigen Inhaltszusammenfassung und dann die Redewendung „Willst du … machen, so nimm ...“ Das erinnert an Küchenrezepte. Hier wie dort werden die benötigten Stoffe mit genauen Mengenangaben bezeichnet, auch die Art der Behandlung und die der zu benutzenden Geräte wird beschrieben. Wie es damals im 15. und 16. Jahrhundert üblich war, ist der Text ein Mix aus lateinischer und deutscher Sprache. Die chemischen Fachausdrücke finden sich so auch bei Paracelsus oder Agricola.

Die Gliederung des Augsburger Kunstbuechlins ist aus heutiger Sicht verbesserungsfähig, finden sich doch Rezepte verschiedener Materialgruppen grundlos vermischt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Rezeptgruppen verschiedenen Vorlagen entnommen wurden und eine redaktionelle Bearbeitung fehlte. Logische Zusammenhänge der Rezepte wurden selten berücksichtigt. Die Tatsache, dass Kenntnisse in Physik, Chemie und Botanik vorausgesetzt werden, zeigt, dass das Augsburger Kunstbuechlin als Kompendium der Herstellung und Veredelung von kunsttechnischen Werkstoffen gedacht war, nicht jedoch als Lehrbuch.

Den Anfang des Augsburger Kunstbuechlins machen Metallverarbeitungsrezepte, z. B. das Härten von Eisen, das Löten, Vergolden, Ätzen …, was in dem damaligen Zentrum der metallverarbeitenden Gewerke Augsburg von großer Bedeutung war. Breiter Raum wird der Vergoldung gewährt. Es folgen die im Mittelalter und der Frühen Neuzeit wichtigen Rezepte zur Textilreinigung, die für den Haushalt eines Bürgers? gedacht waren. Rezepte Tinten und Malfarben herzustellen und sie anzuwenden schließen sich an. Es wird erklärt, wie Bernsteinimitat und Räucherkegel hergestellt werden können. Auch kuriose und phantastische Rezepte aus der Alchemie finden im Augsburger Kunstbuechlin Beachtung.

Zwar war das Augsburger Kunstbuechlin die erste Veröffentlichung, die alchemistische und kunsttechnische Rezepte mit Probierkünsten vereinte, sie umfassend und praxisnah darstellte, doch hatte es auch große Schwächen. Etwa die Maß- und Gewichtsangaben, die verwirrend vielfältig sind und die Handhabung schwierig machte. Allerdings waren Maßeinheiten bis ins 19. Jahrhundert in Deutschland nicht vereinheitlicht. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts begann man sich um die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten zu bemühen. Im Augsburger Kunstbuechlin kommen Pfund, Apothekerpfund, Unze, Lot, Quentchen, Quintlein, Mark, Maß und viele weitere Einheiten vor. Auch Bestimmungen wie „bücklin“, „Gißpuckel“ oder „trinck glaß“ sind Maßeinheiten.

Geradezu modern mutet das Augsburger Kunstbuechlin mit seinen Ausführungen zum Arbeitsschutz an. Da wird etwa vor Quecksilber- oder Arsenverbindungen gewarnt und gezeigt, welche Schutzmaßnahmen der Handwerker ergreifen muss.

Das Augsburger Kunstbuechlin bietet keine wirklich neuen Erkenntnisse, ist aber insofern revolutionär, als dass es das kunsttechnologische Wissen seiner Zeit durch die Druckkunst weit verbreitet. Damit werden die alten in Werkstattbüchern niedergelegten Insiderinformationen entmystifiziert. Konkrete Angaben zur Ausführung von Kunstwerken fehlen, lediglich die Materialien und Techniken sind beschrieben.

Für die durch ihr Kunsthandwerk in der Renaissance berühmte Stadt Augsburg hatten gerade die Möglichkeiten relativ preiswerte Rohstoffe zu veredeln, großen Wert. Das zeigt sich nicht nur im Kunstbuechlin, sondern auch in einer Einrichtung wie der im 16. Jahrhundert seltenen Sägemühlen, in der man dünne Holzfurniere oder Furniere aus Elfenbein schneiden konnte. Die dahinterstehende technische Erfindung ist dem Augsburger Georg Renner? zuzuschreiben und geht auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. So erst wurden z. B. Die gefärbten Intarsienhälzer möglich, die an Kabinett- und Schreibschränken aus Augsburger Werkstätten von Kistlern? stammten. Ein Beispiel ist der heute im Westfälischen Landesmuseum Münster ausgestellte berühmte Wrangelschrank? eines Augsburger Meisters. Das soll zeigen, dass die Technologie und die theoretische Grundlage im Augsburg der damaligen Zeit nahtlos ineinandergriffen.

Rezeption

Das Augsburger Kunstbuechlin wurde dem Berliner Lappwerck, einem Musterbuch für Rankenmalerei des 15. Jahrhunderts, in Auszügen als Anhang im 16. Jahrhundert beigebunden. Auch die so genannte Sammlung eines Fränkischen Schreibers nahm Rezepte des Augsburger Kunstbuechlins auf, jedoch sehr ungenau, so dass nicht mehr alle Rezepte nutzbar sind. Auch im Probier Biechlin von 1539 finden sich Rezepte aus dem Augsburger Kunstbuechlin, besonders, was die Rezepte zur Metallprüfung und Trennung von Legierungen angeht. Auch die folgenden Veröffentlichungen verwenden Text oder Bilder aus dem Augsburger Kunstbuechlin: Ain kostliches Buechlein von allen farben vil Künsten (um 1540, fast genauer Nachdruck), Ein kostliches Buechlein von allen Farben und Künsten (1549, weitgehend identischer Nachdruck), Alchimia von Petrus Kertzenmacher (1546, geringe Abweichungen und neue Abbildungen des eingefügten Kunstbuechlins), Kunstbuechlin / Stahel unnd Eysen (1583, Rezepte 1-53 und 107-111 des Augsburger Kunstbuechlins), Kunst-Büchlein / Oder Gründlicher Gebrauch von Etz Arbeit (1687 und 1701; Inhalt entspricht dem Augsburger Kunstbuechlin), Alchimia nova (J. B. Birelli 1603, Übernahme einiger Rezepte des Augsburger Kunstbuechlins) … Bis ins 18. Jahrhundert hinein sind Übernahmen aus dem Augsburger Kunstbuechlin zu beobachten.

Titelholzschnitte

Das Augsburger Kunstbuechlin besitzt nur den Titelholzschnitt als Bildschmuck. Das war auch bei anderen Kunstbüchlein so. Bei den Ausgaben von Heinrich Steiner, Christian Egenolff? 1535 und Melchior Ramminger um 1540 zeigt der Titelholzschnitt einen Feuertopf mit Schmelztiegel im Zentrum. Darum herum Werkzeuge zur Metall- und Holzbearbeitung sowie für die Malerei. Spätere Titelholzschnitte zeigen andere Motive oder die ursprünglichen Motive in anderer Anordnung.

Weblinks


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