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Augsburger Bibelfreizeiten

Durch Bibelfreizeiten im Weggenossenheim in Riederau am Ammersee, im Heim des Evangelischen Vereins in Willishausen im Landkreis Augsburg und im Landhaus des 1933 aufgelösten Schülerbibelkreises in Reinhartshofen? bei Großaitingen im Landkreis Schwabmünchen versuchte man auch in Augsburg eine Alternative zu den HJ-Freizeiten zu bieten, die oft sehr isoliert voneinander wirkenden Gemeindejugendkreise in solchen Ferienlagern zusammenzubringen und damit den Jugendlichen ein wichtiges Gemeinschaftserlebnis zu geben. Die Freizeiten waren jedoch nur unter der Oberführung des Bezirksjugendpfarrers Ludwig Bullemer oder Landesjugendpfarrers Heinrich Riedel erlaubt.342

Die Gestapo Augsburg legte ab 1938 den evangelischen Bibellagern immer größere Steine in den Weg. So verfügte sie am 8. April 1938, dass selbst bei Wochenendfreizeiten vier Wochen vor Beginn ein genauer Tagesplan mit Redeliste einzureichen sei.343 In der Folge verschärfte die Gestapo Augsburg die Anmeldebestimmung für Freizeiten noch mehr und erließ eine Fülle von Verboten und Verordnungen, die die Durchführung des Sommerprogrammes empfindlich störten. Vor allem Veranstaltungen in Reinhartshofen? waren davon betroffen und die Art und Weise, wie Freizeiten dort aufgelöst oder verboten wurden, ließ auf die Absicht der Polizeibehörde schließen, durch Schikanen diesen Teil der Jugendarbeit zu unterbinden.344 So erteilte die Gestapo im Juli 1938 einer Bibelfreizeit für die evangelische weibliche Jugend in Reinhartshofen? keine Genehmigung, da zwei Teilnehmerinnen nachgemeldet wurden und somit die ordnungsgemäße Anmeldung nicht erfolgt sei.345

Gleichzeitig wurde ein Bibellager für Jungen in Reinhartshofen?, das bereits seit zehn Tagen lief, aufgelöst. Als Begründung für den gewaltsamen Eingriff führte die Gestapo Augsburg an, vier Urlaubsscheine fehlten, außerdem entspreche das Heim nicht den erforderlichen hygienischen Ansprüchen für Jugendarbeit. Das Jugendlager war jedoch ordnungsgemäß vom Landesjugendpfarramt vier Wochen vor Beginn angemeldet worden, wobei von vier Teilnehmern die erforderlichen Anträge auf Urlaub vom HJ-Dienst fehlten, da die HJ-Bannführung sie trotz einer festen Zusage nicht unterschrieben hatte. Nach der ersten Lagerwoche erschien die Gestapo, bemängelte die fehlenden Scheine, wobei sie Ersatzbestätigungen der Eltern nicht anerkannte. Dass einige Jungen in einem Nebengebäude auf Strohsäcken nächtigten, wurde als „Schweinestall“ bezeichnet. Obwohl Landesjugendpfarrer Riedel anreiste und zusammen mit Dekan Bogner mit der Gestapo Augsburg über eine Fortführung der Freizeit verhandelte, musste das Lager geräumt werden.346

In der Folge blockte die Gestapo Augsburg fast alle Anmeldungen von Bibelfreizeiten oder Konfirmandenrüstzeiten in Reinhartshofen? wegen der angeblich aufgedeckten baulichen und hygienischen Mängel des Heimes ab. So teilte die Staatspolizeistelle Augsburg am 29. Juli 1938 Landesjugendpfarrer Riedel mit, aufgrund einer Weisung der vorgesetzten Dienstbehörde seien Freizeiten in Reinhartshofen? „aus grundsätzlichen Bedenken wegen der (...) festgestellten Mängel hygienischer Art“ nicht durchzuführen.347

Selbst nach Behebung der beanstandeten Mängel im Januar 1939, fand die Gestapo Augsburg neue Gründe, um die Freizeiten zu verhindern.348 So genehmigte sie die für Februar geplanten Konfirmandenrüstzeiten nicht, da noch kein Gutachten der zuständigen Gesundheitsbehörde vorliege, das bestätige, dass die hygienischen Anforderungen nun wirklich erfüllt seien.349 Auch wurden noch kleine bauliche Mängel angeführt, wie zum Beispiel fehlende Türen.350

Die Augsburger Gestapo verschärfte ihren ohnehin harten Kurs gegen konfessionelle Ju-gendarbeit erneut, als sie beanstandete, „dass bisher für die Abhaltung von Bibelfreizeiten eine längere Zeit in Anspruch genommen wurde, als es der eigentliche Zweck - religiöse Erbauung der Teilnehmer - erfordert. In den meisten Fällen hat sich dadurch mehr eine weltliche als religiöse Betätigung gezeigt.“ Eine dreiwöchige Bibelfreizeit für Mädchen, die für Juli/August 1939 geplant war, wurde aus diesem Grund untersagt.351

Für die Sommermonate 1939 wurden in Reinhartshofen?, wie im gesamten Reichsgebiet, wegen Ernteeinsätzen der Jugend alle Freizeiten verboten. Auch die Gestapo Augsburg kündigte an: „Zur Einbringung der Ernte wird in Bayern auf Anordnung der Reichsjugendführung die Jugend herangezogen. Mit Rücksicht darauf (...) kann daher die Abhaltung der angemeldeten Bibelfreizeiten in Reinhardshofen? (...) nicht genehmigt werden.“ Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien schnellstens davon zu unterrichten, „damit staatspolizeilich nicht mit Auflösungsmaßnahmen vorgegangen werden muss.“352 Zwar versuchte Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel noch durchzusetzen, dass wenigsten Jugendliche unter 14 Jahren zusammenkommen dürften, stieß damit aber bei der Staatspolizeileitstelle in München auf Ablehnung, die verfügte, dass die jüngeren Kinder zum Beerenpflücken eingesetzt werden müßten.353

Das endgültige Aus für Freizeiten in Reinhartshofen? kam mit Kriegsbeginn, als dem Landesjugendpfarrer mitgeteilt wurde, während der Kriegsdauer würden keine Bibelfreizeiten genehmigt.354

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342 Hetzer: Kulturkampf; S. 134ff.
343 Baier/Henn: Chronologie; S. 207.
344 Hetzer: Kulturkampf; S. 136f.
345 Schreiben der Gestapo Augsburg an Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel vom 20. Juli 1938; Archiv St. Anna.
346 Bericht des Jugendwarts Fritz Beckmann über die Auflösung der Bibelfreizeit am 20 Juli 1938 in Reinhartshofen; Archiv St. Anna.
347 Schreiben der Gestapo Augsburg an den Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel vom 29. Juli 1938; Archiv St. Anna.
348 Hetzer: Kulturkampf; S. 137.
349 Schreiben der Gestapo Augsburg an den Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel vom 14. und 18. Januar 1939; Archiv St. Anna.
350 Schreiben der Gestapo Augsburg an den Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel vom 8. Februar 1939.Archiv St. Anna.
351 Schreiben der Gestapo Augsburg an den Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel vom 22. Juni 1939; Archiv St. Anna.
352 Schreiben der Gestapo Augsburg an den Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel vom 2. August 1939. Archiv St. Anna.
353 Rundschreiben des Landesjugendpfarrers vom 3. August 1939. Archiv St. Anna.
354 Hetzer: Kulturkampf; S. 138.


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