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Augsburger Baumeisterbücher

im Mittelalter begonnene Rechnungsbücher der Stadt Augsburg, die nach den rechnungsführenden Ratsherren benannt waren

Allgemeines

Die Augsburger Baumeisterbücher sind eine historische Quelle von überregionaler Bedeutung und dokumentieren fast lückenlos die städtischen Ausgaben von 1320 bis 1800 sowie einen Teil der Einnahmen der Stadt und des Rates. Sie geben Auskunft über wirtschafts- und verwaltungsgeschichtliche sowie über sozial- und kulturwissenschaftliche Ereignisse. Weil die Überlieferung über Jahrhunderte geht, lassen sich langfristiger Perspektive aufzuzeigen, wofür in einer Stadt wie Augsburg Geld ausgegeben wurde: Instandhaltung öffentlicher Bauten, Sozialausgaben, städtisches Personal ... Aber auch, woher das städtische Geld kam, ist verzeichnet: Zölle?, Leibrenten, Duldung der Prostitution ...

Die Augsburger Baumeisterbücher sind deshalb historisch bedeutsam, weil andere deutschsprachige Städte ein ähnlich akribisches Rechnungswesen erst später einführten oder ihre entsprechenden Rechnungsbücher im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen. Aufbewahrt werden die Baumeisterbücher im Augsburger Stadtarchiv Augsburg. Diese ab 1320 erhaltenen Stadtrechnungen der wichtigsten städtischen Finanzbehörde gehören in ihrer nahezu vollständigen Überlieferung zu den bedeutendsten seriellen Quellenbeständen der Frühen Neuzeit im Stadtarchiv Augsburg.

Die Baumeisterbücher wurden chronologisch geführt, nur wichtige und wiederkehrende Ausgaben oder Einnahmen sind systematisch zusammengestellt, etwa in deiner besonderen Rubrik ("Kampf der Stadt gegen das Domkapitel?" etc.).

Geschichte

1320 begannen die Augsburger Baumeister, damals oberste Instanz der Finanzverwaltung der Stadt, eigene Bücher über ihre kommunalen Einnahmen und Ausgaben. Die Rechnungseinträge erstellten die jeweiligen Stadtschreiber?. Anfangs trug man Einnahmen und Ausgaben vermischt ein, doch schon ab 1368 getrennt ("liber receptorum" bzw. "liber distributorum").

Bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts waren die Baumeisterrechnungen die Haupteinnehmerrechnungen Augsburgs. Ab 1467 übernahm das Einnehmeramt?, das man 1466 aus dem Baumeisteramt? ausgegliedert hatte, diese Funktion und es setzte eine eigene Rechnungsserie ein. In den Baumeisterrechnungen wurden ab diesem Zeitpunkt nur noch die städtischen Ausgaben festgehalten.

Im August 2014 bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Prof. Dr. Jörg Rogge vom Arbeitsbereich Mittelalterliche Geschichte am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) 400.000 Euro für eine kommentierte digitale Edition der Augsburger Baumeisterbücher. Das Projekt sollte am Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften der JGU durchgeführt und innerhalb von drei Jahren sollten unter Rogges Leitung drei Mitarbeiter den Bestand der mittelalterlichen Rechnungsbücher der Stadt Augsburg für den Zeitraum von 1320 bis 1466 bearbeiten (67 Bücher, 11.500 Seiten). Ziel: Die Transkribierung der handschriftlichen Einträge und Übertragung in eine moderne Texterfassung. Außerdem sollten bestimmte Sachverhalte kommentiert und die jahrgangsweise online präsentierten Baumeisterbücher durch Informationen zu Personen, Orten, Institutionen und Sachverhalten erschlossen werden. Um die Auswertung der einzigartigen Quelle zu erleichtern, sollten die bearbeiteten Baumeisterbücher online durchsuchbar und frei zugänglich im Internet präsentiert werden.

Dieter Voigt schrieb zu den Baumeisterbüchern eine Doktorarbeit, die 2014 veröffentlicht wurde. Der 1939 in Leipzig geborene Mann lebte seit 1961 in Augsburg und arbeitete als Klinikreferent. Im Ruhestand vollendete er 2011 sein Magisterstudium mit dem Schwerpunkt Mittelalterliche Geschichte. Mit 75 Jahren war er 2014 der bis dahin älteste Doktorand der Universität Augsburg. Zu seiner Arbeit trugen auch Steuermeisteramt-Fragmente der Jahre 1321 bis 1332, ein Söldnerbuch für die Jahre 1360 bis 1382 und das Leibgedingbuch von 1392 Erkenntnisse bei. Ein besonderer Erkenntnisgewinn waren die Angaben zu Preisen für Dinge (etwa 2.500) und Arbeitsleistungen (etwa 800), die in Vergleichen zueinander in Beziehung gesetzt werden können.

Zwar wurden die Augsburger Baumeisterbücher schon vor 2014 erforscht, doch war bis dahin ihr inhaltliches Potential noch nicht ausgeschöpft. Das lag daran, dass bis dahin nur eines der Baumeisterbücher als (überarbeitungsbedürftige) Edition des 19. Jahrhunderts vorlag und sie ansonsten kaum erschlossen waren.

Details

Im Stadtarchiv Augsburg füllen die Augsburger Baumeisterbücher fast 26 laufende Regalmeter. Allein für das 14. Jahrhundert sind 14 Rechnungsbücher vorhanden, die 34 Rechnungsjahre umfassen.

Die Augsburger Baumeisterbücher geben im Einzelnen z. B. Einblick in die Zahlungen für Findelkinder, Stadtknechte und Nachtwächter, Stadtschreiber und Juristen, Geschenke, Ausgaben für Baumaterial und Handwerker usw.

Auch Phasen der Professionalisierung (Zunahme des Schreibpersonals, der Juristen im städtischen Dienst) oder Maßnahmen des Rates zur Förderung des bürgerlichen Selbstverständnisses lassen sich aus den Baumeisterbüchern ersehen. Die Baumeisterbücher geben tiefe Einblicke in das inner- und außerstädtische Leben Augsburgs, die Kommunikations- und Interaktionsstrukturen aber auch in sprachgeschichtliche wie namenkundliche Fakten.

Selbst Details sind durch die Einträge in den Baumeisterbüchern belegt. Etwa, dass die Augsburger Finanzpolitik des Mittelalters immer wieder auf jüdisches Kapital zurückgriff. Kreditgeber waren einzelne Juden?, Konsortien mehrerer Juden? oder gleich die gesamte Judengemeinde. Das ist schon im ältesten erhaltenen Baumeisterbuch nachzuweisen. Im Mai 1321 nahm die Reichsstadt? Augsburg eine Anleihe in Höhe von 1.200 Pfund Hellern bei einem Konsortium unter der Leitung des Juden? Suter auf. Wörtlich: "Dist[ri]buäo der zweihundert phunt haller die die burg[er] namen von dem Juden dem Sut[er] und von sinen gesellen." Mit dem Geld bezahlte Augsburg auswärtige Söldner unter der Führung von Siegfried und Dietrich von Altheim, die aus einem schwäbischen Edelgeschlecht stammten, im Dorf Donau-Altheim? (Landkreis Dillingen?) Güter hatten.

Dieser und viele weitere Baumeisterbücher-Einträge zeigen, dass Augsburg immer wieder Teil von Konflikten im schwäbisch-bayerischen Grenzland war und deshalb viel Geld für seine Verteidigung ausgeben musste. Denn genau hier bei Augsburg überschnitten sich die Interessensphären der Wittelsbacher unter Führung Ludwigs des Bayern? und der Habsburger? mit ihrem Gegenkönig Friedrich dem Schönen?. 1316 nahm Augsburg Partei für Ludwig den Bayern?. Das führte einerseits zur Verleihung weiterer Freiheiten für Augsburg vollendete seine Reichsfreiheit?, zog andererseits aber Augsburg tiefer in den Konflikt.

Weblinks


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